Es kann faszinierend sein, den Werdegang und die Verbreitung eines Begriffs zu beobachten. Suchte man vor Jahren noch banal einfach nach Informationen, so wird heute mit einer Selbstverständlichkeit „gegooglet“. Über einen ähnlich imposanten Werdegang verfügt der Begriff „Judaisierung“. Laut Palestinian Media Watch startete die Palästinensische Autonomiebehörde PA im Jahr 2009 eine absurde Kampagne, die „3000 Jahre jüdische Geschichte in Jerusalem verleugnen und auslöschen sollte.“ Kern der Kampagne waren die Behauptungen, Israel wolle die Araber aus Jerusalem vertreiben und die Al-Aqsa-Moschee zerstören.

Wurde der Begriff anfänglich vor allem in pro-palästinensischen bzw. anti-israelischen Kreisen rege verwendet, so ist er mittlerweile auch in der Mitte der Gesellschaft endgültig angekommen. Monika Bolliger schrieb in ihrem Beitrag „Versprechen für Jerusalem“ (NZZ, 28.03.2013) über einen „katarische Vorschlag eines Fonds von einer Milliarde Dollar für den Schutz des arabischen Erbes Jerusalems, das durch eine Politik der Judaisierung gefährdet sei“ anlässlich des Gipfels der arabischen Liga. Bereits im November 2012 schrieb Bolliger, Menschenrechtsaktivisten glaubten, dass Israel in der Negev-Wüste eine Politik der Judaisierung verfolge. Sie zitiert zwar den Sprecher des israelischen Aussenministeriums, versucht jedoch seine Aussage, Jerusalem sei von seinem Wesen her jüdisch und könne somit nicht mehr „judaisiert“ werden zu entkräften, indem sie auf die Annektierung Ostjerusalems 1967 verweist und die einhergehende „jüdische Besiedlung“ und leistet damit der falschen Rechtfertigung einer angeblichen „Judaisierung“ Vorschub. Umgekehrt erhebt sie keinen Einspruch gegen die absichtliche Zerstörung jüdischen Erbes in Jerusalem als Zeichen der Bestrebung, die Stadt zu „palästinisieren“. Wie auch, wenn für Bolliger das historische Erbe keine Bedeutung hat und „wir von der heutigen Situation ausgehen müssen“.

Für die Zeit vor 2009 finden sich kaum Verweise auf die Verwendung des Begriffs „Judaisierung“, erst recht nicht im Zusammenhang mit Jerusalem. Offenbar wurde er erst durch die Übersetzung des englischen „Judaization“ populär. Dieser Begriff wiederum ist aber wiederum die englische Übersetzung von „Verjudung“, ein Begriff der, in der Tradition Martin Luthers und der Nazis stehend, heutzutage aus offensichtlichen Gründen verpönt ist. Nur ganz selten ist von „Judaisierung“ zu lesen, etwa wenn ein Schweizer Diplomat im Jahr 1938 gegenüber dem deutschen Aussenministerium seine Ablehnung der „Judaisierung unseres Landes“ kundtat.

Ab Mitte der 90er Jahre fand der Begriff „Judaization“ Eingang in die Wissenschaft, wo sie beispielsweise von Oren Yiftachel als eine Form der „Ethnisierung“ beschrieben wird. Laut anderen Forschern bestünde der Zweck der „Judaisierung darin, „die palästinensische Identität Jerusalems auszuradieren“, was seit Ende des Sechstagekriegs von Israel praktiziert würde.

Richtig populär wurde der Begriff aber erst durch die eingangs erwähnte Kampagne der PA, die jeglichen jüdischen Bezug zu Jerusalem verleugnet. So behauptete etwa Al-Mutawakil Taha, Vize-Informationsminister der PA im November 2010, die Klagemauer sei nicht jüdischer, sondern vielmehr muslimischer Besitz. Folglich hätten die Juden keinen Anspruch darauf. In ähnlicher Art und Weise argumentierten die Veranstalter des „Globalen Marsches nach Jerusalem“, die unter dem Motto „Jerusalem gehört allen“ den „multireligiösen Charakter“ der Stadt zwar betonen und gar bedroht sehen – aber namentlich nur den Islam und Christentum nannten. Das Judentum gehört für sie wohl nicht zu Jerusalem. Dies ist umso absurder, als dass Jerusalem erstmals unter israelischer Herrschaft ab 1967 offen zugänglich für Angehörige aller Religionen war. Juden war der Zutritt zur Altstadt und der Klagemauer unter jordanischer Herrschaft verboten.

Es ist evident, dass die Palästinensische Autonomiebehörde mit dem Kampfbegriff „Judaisierung“ eine aggressive Strategie verfolgt, die darauf abzielt, jeglichen jüdischen Bezug oder Anspruch auf Jerusalem zu leugnen und zu delegitimieren. Umso erschreckender ist deshalb die Tatsache, dass diese Aufhetzung von internationalen Institutionen wie der UNO und hierzulande von der NZZ einhellig übernommen wird, anstatt den Zweck einer solchen Begrifflichkeit zu hinterfragen. Mit Frau Bolliger hat die palästinensische Propaganda eine fähige und willige Multiplikatorin gefunden.

Michel Wyss und Sandra Hoffmann © Audiatur-Online

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Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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  • Lukas W.

    Die Solidarisierung vieler Journalisten in Europa mit dem arabischen Kampf gegen Israel gibt überraschend Einblick in deren Seele. Solidarität meint Zusammengehörigkeitsgefühl. Die arabischen Gesellschaften leiden seit langem an Vergangenheitsverklärung und Selbstzweifel. Das aufgeklärte Europa war von Selbstgewissheit und Zukunftsfreude erfüllt. Israel hat sich seit Beginn am europäische Ideal orientiert. Weite Teile unserer Intelligenzija haben dieses aufgegeben. Sie lassen sich von postmoderner Gleichgültigkeit und Sehnsucht nach einfachen Verhältnissen leiten. Deshalb fühlen sie sich dem arabischen Modell zugehörig. Die Israel-Berichterstattung in der NZZ folgt genau diesem Muster. – Lassen wir uns davon nicht anstecken. Verteidigen wir das aufgeklärte, zuversichtliche Europa!

  • Schmidlin

    Die Wortwahl von Frau Bolliger ist wirklich äusserst problematisch.
    Rothmund im selben Jahr (1938) wie ein Schweizer Diplomat in Berlin (siehe Artikel): "Wir haben seit dem Bestehen der Fremdenpolizei eine klare Stellung eingehalten: Die Juden galten im Verein mit anderen Ausländern als Überfremdungsfaktor. Es ist uns bis heute Gelungen, durch systematische und vorsichtige Arbeit die Verjudung der Schweiz zu verhindern". (Seite 34 / 35)
    Heinz Roschewski: "Rothmund und die Juden"
    Ich gehe davon aus, dass in der Verwaltung zum Teil eine ähnliche Sprache gesprochen wurde.
    Siehe auch Gaston Haas: "Wenn man gewusst hätte, was sich drüben im Reich abspielte…".
    Beide Studien; "Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz" (Herausgeber SIG)