Maximilian Kolbe starb vor 80 Jahren in Auschwitz

Maximilian Kolbe ging für einen Auschwitz-Mithäftling in den Tod. Vor 80 Jahren wurde er hingerichtet, vor 39 Jahren für seine heroische Tat heiliggesprochen. Dabei ist der polnische Pater nicht frei jeder Kritik.

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Maximilian Kolbe 1936. Foto Autor Unbekannt - http://santuarioeucaristico.blogspot.hu/2010/08/sao-maximiliano-kolbe-14-de-agosto.html, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42823235
Maximilian Kolbe 1936. Foto Autor Unbekannt - http://santuarioeucaristico.blogspot.hu/2010/08/sao-maximiliano-kolbe-14-de-agosto.html, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42823235
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Tod war in Auschwitz die Tagesordnung. Maximilian Kolbes Tod war eine Ausnahme. Am 14. August 1941 wurde der Franziskanerminorit im Hungerbunker des Vernichtungslagers mit einer Giftspritze ermordet: Er starb anstelle eines Mithäftlings. 1982 wurde der Pole heiliggesprochen. In Europa wird er als Symbolfigur für die deutsch-polnische Versöhnung verehrt. Andere kritisieren Aussagen des Paters als antisemitisch.

Von Andrea Krogmann (KNA)

Stammlager Auschwitz, 29. Juli 1941: SS-Hauptsturmführer Karl Fritzsch lässt die Häftlinge Strafappell stehen. Zehn sollen sterben, Kollektivstrafe für den einen, dem an diesem Tag die Flucht gelang. Die Wahl fällt auch auf Häftling 5659. Franciszek Gajowniczek, 40 Jahre alt, Familienvater. Dann geschieht das Ungeheuerliche. Häftling 16670 tritt vor. Er, familienloser Priester und nutzlos, wolle anstelle des Auserwählten sterben. Der Ungehorsam ist so unfassbar, dass Fritzsch verblüfft zustimmt.

Block 13 heisst es damit für Maximilian Kolbe. Ohne Licht, Luft, Wasser und Nahrung dem qualvollen Tod überlassen. Nach und nach sterben seine Mit-Todeskandidaten. Vier sind nach zwei Wochen noch am Leben, einzig der Priester noch bei Bewusstsein. Den Nazis geht es zu langsam. „Abspritzen“ hieß der Befehl im Lagerjargon. Nervengift Phenol, direkt ins Herz injiziert, tötet Kolbe am 14. August. Seine Leiche wird verbrannt.

Dass es heute trotzdem Reliquien erster Klasse des Heiligen gibt, liegt indirekt an den Nationalsozialisten. Im September 1939 riet Kolbes Ordensoberer, sich von dem üppigen Bart zu trennen, um weniger schnell von den Nazis erkannt zu werden. Der Klosterfrisör rasierte Kolbe und hob die Haare auf – aus persönlicher Verehrung für den Mitbruder.

Papst Johannes Paul II. spricht Kolbe am 10. Oktober 1982 als Märtyrer heilig. Nicht nur diese Zuordnung sorgte bei Kritikern für erhobene Augenbrauen, starb der Pole streng genommen doch nicht um seines Glaubens willen. Manchen ging auch die intensive Marienverehrung zu weit, der Kolbe seit einer Marienvision im Alter von 12 Jahren anhing.

Geboren 1894 in der Nähe von Lodz in eine fromme Familie, fiel Rajmund – Maximilian ist erst sein späterer Ordensname – durch eine mathematische Begabung auf. Zusammen mit seinem Bruder kommt er in ein Franziskanerinternat im heute ukrainischen Lwiw (Lemberg). Hier legt er 1914 sein Gelübde ab. Nach seiner Priesterweihe wirkt er als Missionar in Japan und Indien, bevor eine Tuberkuloseerkrankung ihn zur Rückkehr zwingt.

Er gründet bei Warschau eine Klosterstadt, die Ende der 1930er Jahre rund 660 Franziskaner zählt. Bevor die Nazis 1939 daraus ein Gefangenenlager machen und Kolbe ein erstes Mal verhaften, vertreibt er von hier aus seine katholischen Zeitschriften. Sie sind es, die nach seiner Seligsprechung 1971 eine Debatte über Kolbes Haltung gegenüber Juden auslösen. Geführt wird sie vornehmlich in nicht-deutscher Sprache.

In Kolbes Zeitschriften wurden Juden etwa als „Krebsgeschwür im Volkskörper“ bezeichnet und ihre Emigration aus Polen gefordert. Kolbe selbst gründete seine marienverehrende Gebetsgemeinschaft „Militia Immaculatae“ („Ritterschaft der Unbefleckten“) mit dem erklärten Ziel, „Häretiker, Schismatiker, Juden und besonders die Freimaurer“ zu bekehren, jene „organisierte Clique fanatischer Juden, die die Kirche zerstören wollen“. Auch Verweise auf das antisemitische Pamphlet „Protokolle der Weisen von Zion“ finden sich.

Kritik hält an

Die unter Federführung Kolbes veröffentlichte Presse habe „in der Tat einen ausgesprochen antisemitischen Charakter“ gehabt, urteilt Yad Vashem. Für Kolbe selbst nimmt die Jerusalemer Holocaustgedenkstätte ein Dilemma an: Er habe versucht, extremen Antisemitismus in Zeitungen einzudämmen, gleichzeitig aber eine antijüdische Haltung gebraucht. „Kolbes Antisemitismus hatte keine rassistische Konnotation, Kolbe predigte die Konversion der Juden“, so das Verdikt.

Andere Holocaustforscher teilen diese Meinung. Die problematischen Passagen stellten Bruchteile des Werks Kolbes dar, die durch sein Plädoyer für Nächstenliebe und die Aufnahme zahlreicher Juden in seinem Kloster mehr als aufgewogen würden.

Dennoch hält die Kritik an. „Für Aussenstehende sah es so aus, als käme der Papst als Repräsentant einer verfolgten Religion nach Auschwitz, nicht als eine, die ihren eigenen Beitrag zur Ermordung des jüdischen Volkes während des Holocaust noch nicht aufgearbeitet hat“, kommentierte etwa „Haaretz“ den Besuch von Papst Franziskus in der Todeszelle Kolbes in Auschwitz 2016.

Darf man Kolbe als Kind seiner Zeit bezeichnen, wenn er gegen Kommunismus, Freimaurerei und Zionismus wettert? Das Urteil darüber fällt unterschiedlich aus. Unbestritten hingegen ist: Nur wenige hatten den Mut Kolbes, freiwillig für andere in den Nazi-Tod zu gehen.

KNA/akr/aps

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