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Der Erinnerungsort neben dem Bundeshaus steht fest

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«unfolded minute»: Der Erinnerungsort neben dem Bundeshaus steht fest.
«unfolded minute»: Der Erinnerungsort neben dem Bundeshaus steht fest.
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Der nationale Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus wird eine Klangwand direkt neben dem Bundeshaus. Mit dem Siegerprojekt «unfolded minute» erreicht ein Vorhaben die Umsetzungsphase, das 2021 unter anderem mit einem Vorstoss des Zürcher Nationalrats und späteren Audiatur-Stiftungspräsidenten Alfred Heer im Parlament ins Rollen gebracht wurde.

Bundesrat Ignazio Cassis, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), und die Berner Stadtpräsidentin Marieke Kruit haben am Dienstag in Bern das Siegerprojekt des internationalen Gestaltungswettbewerbs für das Schweizer Memorial vorgestellt. Der Beitrag «unfolded minute» soll bis Ende 2027 auf der Casinoterrasse in unmittelbarer Nähe des Bundeshauses realisiert werden. Der Ort soll der sechs Millionen während der Schoah ermordeten Juden sowie aller weiteren Opfer des nationalsozialistischen Regimes gedenken, mit besonderem Gewicht auf Menschen, deren Schicksal mit der Schweiz verbunden ist. Zugleich soll er zur Auseinandersetzung mit Verfolgung, Ausgrenzung und Antisemitismus anregen.

Cassis hielt an der Medienkonferenz fest, dem Bundesrat sei es nicht darum gegangen, in Bern ein neues Kunstwerk aufzustellen, sondern darum, «einen sichtbaren und dauerhaften Ort der Erinnerung in der Bundeshauptstadt» zu schaffen. Dieser Ort müsse einer doppelten Verantwortung gerecht werden: sich der Vergangenheit zu stellen und die Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. Stadtpräsidentin Kruit erklärte, die Stadt Bern stelle mit der Casinoterrasse bewusst einen zentralen und lebendigen öffentlichen Platz zur Verfügung; die Erinnerung solle dazu bewegen, «die Würde jedes Menschen zu achten und Ausgrenzung entgegenzutreten».

Eine Klangwand

Im Zentrum des Projekts steht eine Klangwand aus profiliertem Schwarzstahl, die entlang der Stützmauer zwischen Promenade und Casinoterrasse angeordnet ist. Sie gibt dreimal pro Stunde eine einminütige, jeweils einmalige Klangfolge wieder. Die einzelnen Klangminuten sind individuellen, aber anonymen Menschen zugeordnet, die Opfer des Nationalsozialismus wurden – akustische Gedenkminuten, die an die unzähligen Einzelschicksale erinnern sollen. Ergänzt wird die Anlage durch einen forumartigen Rundpavillon auf der Terrasse, dessen Innenseite mit einem LED-Schriftband bespielt wird, durch zwei Screens zur Geschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs sowie durch eine Website mit vertiefenden Inhalten. Das Forum soll Führungen, Schulklassen und weitere Vermittlungsangebote aufnehmen.

Das Siegerteam wird von den Historikerinnen Franziska Schürch und Isabel Koellreuter geleitet. Für die bildende Kunst und die Komposition zeichnen Jannik Giger und Rahel Zaugg verantwortlich, für die Architektur Andrea Steegmüller und Salomé Gutscher vom Büro ASA + SAGA GmbH.

Elf Projekte, eine 15-köpfige Jury

Der Wettbewerb wurde im Juli 2025 als internationaler, einstufiger Projektwettbewerb im selektiven Verfahren ausgeschrieben. Aus den Bewerbungen wählte eine 15-köpfige Jury elf interdisziplinäre Teams aus, die ein Projekt ausarbeiten durften. Den Vorsitz führte die Kunsthistorikerin und Kuratorin Madeleine Schuppli. Nach Ansicht der Jury verbindet «unfolded minute» künstlerischen Ausdruck, Geschichtsvermittlung und Einbindung in den öffentlichen Raum auf überzeugende Weise. Die elf Beiträge werden vom 23. bis 26. September 2026 im Zentrum Paul Klee in Bern öffentlich ausgestellt, der Jurybericht wird ebenfalls veröffentlicht. Als Kernthemen des Erinnerungsorts nennt das Wettbewerbsprogramm Verflechtung, Verfolgung, Verantwortung und Verstehen.

Erinnern, vermitteln, vernetzen

Der Erinnerungsort in Bern ist Teil eines grösseren Vorhabens, das auf den drei Pfeilern erinnern, vermitteln und vernetzen beruht. In Diepoldsau im Kanton St. Gallen entsteht ergänzend ein Vermittlungszentrum Flucht, das die Flucht während der NS-Zeit, die damalige Schweizer Flüchtlingspolitik und die Ereignisse im Grenzraum ins Zentrum stellt. Dazu kommt ein nationales Netzwerk der Erinnerungsarbeit, das bestehende Erinnerungsorte, Bildungsangebote und Initiativen verbinden soll. Der vom Bundesamt für Kultur unterstützte Netzwerkverein wird derzeit vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG), dem Kanton St. Gallen, dem Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel, dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich und der Stadt Bern getragen; der SIG führt die Geschäftsstelle.

Der SIG gehört zu den Initianten des Schweizer Memorials. Gemeinsam mit der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz und dem Archiv für Zeitgeschichte gründete er am 10. Juni 2025 den Trägerverein Schweizer Memorial, der nach der Einweihung den Betrieb übernehmen wird. In der Wettbewerbsjury wirkte SIG-Präsident Ralph Friedländer mit. Der SIG begrüsste die Auswahl als wichtigen Schritt zur Umsetzung des Memorials.

Ins Rollen gebracht im Parlament

Am Anfang des Projekts stehen zwei parlamentarische Vorstösse aus dem Jahr 2021. Die Motion 21.3181 «Schweizer Ort der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus» des Zürcher Nationalrats Alfred Heer (SVP) wurde von über hundert Nationalräten mitunterzeichnet, darunter sämtliche Fraktionspräsidenten. Im Ständerat reichte Daniel Jositsch (SP) eine gleichlautende Motion ein. Beide Vorstösse wurden 2022 einstimmig angenommen. Am 26. April 2023 bewilligte der Bundesrat 2,5 Millionen Franken für die Realisierung und beauftragte das EDA mit der Umsetzung gemeinsam mit der Stadt Bern.

Alfred «Fredi» Heer, 12. Oktober 1961 - 19. September 2025. Foto KEYSTONE/Anthony Anex
Alfred «Fredi» Heer, 12. Oktober 1961 – 19. September 2025. Foto KEYSTONE/Anthony Anex

Neben seinem Mandat als Nationalrat war Alfred Heer Präsident der Audiatur-Stiftung sowie der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Schweiz–Israel. Er starb in der Nacht auf den 19. September 2025 im Alter von 63 Jahren an akutem Herzversagen – knapp ein Jahr vor der Präsentation des Siegerprojekts. Die Einweihung des Erinnerungsorts, den er im Parlament mit auf den Weg gebracht hatte, wird er nicht mehr erleben. Dass die Sache, für die er sich eingesetzt hat, nun konkrete Gestalt annimmt, hätte ihn gefreut.

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