Das «Rendez-vous» von Radio SRF berichtete am 26. August 2026 über die Räumung eines UNRWA-Ausbildungszentrums in Kalandia. Die israelischen Berichte, wonach UNRWA-Mitarbeiter an den Massakern des 7. Oktober 2023 beteiligt gewesen seien, wurden im Beitrag als «Vorwürfe, für die es jedoch keine Beweise gibt» bezeichnet. Israel halte «an den nicht bewiesenen Vorwürfen fest», so die SRF-Auslandredaktorin und Islamwissenschaftlerin Anna Trechsel.
SRF liess anschliessend Roland Friedrich, den UNRWA-Direktor für das sogenannte Westjordanland und «Ostjerusalem», zu Wort kommen. Er bezeichnete die Räumung und das israelische UNRWA-Gesetz als «völkerrechtswidrig» und warnte, 340 junge Männer verlören ihre Berufsausbildung und könnten ohne Perspektive leichter in Gewalt oder Kriminalität abrutschen. Die israelische Position kam im Beitrag nicht vor.
Audiatur-Online fragte SRF am 27. August, worauf die Behauptung fehlender Beweise beruhe und ob zur Frage der Eigentumsverhältnisse auch eine israelische Stellungnahme eingeholt worden sei. SRF antwortete:
«Wir stützen uns auf den Colonna-Report vom April 2024. Die israelischen Behörden erhoben nach dem 7. Oktober 2023 Vorwürfe gegen einzelne UNRWA-Mitarbeitende, legten dafür jedoch keine verifizierbaren Belege vor. Die UNRWA entliess in der Folge neun Mitarbeitende, bei denen Hinweise auf eine mögliche Beteiligung an den Massakern bestanden. Die im Beitrag wiedergegebene völkerrechtliche Einschätzung von Roland Friedrich deckt sich mit der ebenfalls zitierten Haltung des EDA; eine zusätzliche Stellungnahme der israelischen Regierung zu dieser rechtlichen Bewertung wurde deshalb nicht eingeholt.»
Mit anderen Worten: Weil sich die Einschätzung eines UNRWA-Funktionärs mit jener des EDA deckt, hielt SRF es offenbar für entbehrlich, auch die unmittelbar betroffene israelische Seite zu Wort kommen zu lassen. Das ist eine bemerkenswerte Vorstellung journalistischer Ausgewogenheit: Ein UNRWA-Funktionär sagt es, das EDA bestätigt es – und schon ist die israelische Stellungnahme offenbar überflüssig.
Das rund neun Hektaren grosse betroffene Gelände liegt nach israelischem Recht im Jerusalemer Quartier Kafr Aqab. Nach Angaben des israelischen Aussenministeriums kaufte der Jüdische Nationalfonds das Grundstück 1937 während des britischen Mandats; es wurde später der Stadt Jerusalem zugeteilt. Jordanien stellte es der UNRWA 1952 für ein Berufsbildungszentrum zur Verfügung, übertrug der Organisation aber kein Eigentum. Die «New York Post» hat die ursprüngliche Kaufurkunde von 1937 eingesehen. Die UNRWA schreibt in einer Erklärung am 9. August 2026, Jordanien habe ihr das Land zur Verfügung gestellt. Von einem Kauf ist darin jedoch nichts zu lesen. Die UNRWA hatte dort also keine Eigentumsrechte.
UNRWA und Hamas
Am 26. Januar 2024 kündigte die UNRWA mehreren Beschuldigten fristlos und leitete eine Untersuchung ein. Am 29. Januar veröffentlichte die Genfer NGO UN Watch einen Bericht der eine Telegram-Gruppe mit rund 3000 UNRWA-Lehrkräften und Beschäftigten aus Gaza dokumentiert, die das Massaker vom 7. Oktober 2023 feierten, für die Terroristen beteten und gleichzeitig nach ihren UNRWA-Löhnen fragten. Der Bericht nennt 30 Personen samt Vertragsnummern und verweist auf mehr als 150 weitere, seit 2015 dokumentierte Fälle von Hass- und Terrorverherrlichung. Auch die «Jerusalem Post» berichtete darüber.
Im Februar 2024 führte die israelische Armee Journalisten von Reuters und AP durch einen rund 700 Meter langen, 18 Meter tiefen Hamas-Tunnel, der teilweise unter dem UNRWA-Hauptquartier in Gaza verlief. Reporter sahen Kabel, die aus dem Gebäude in die unterirdische Anlage führten; Israel meldete zudem Waffen und Sprengstoff in UNRWA-Räumen. Reuters und die Associated Press dokumentierten den Fund vor Ort.
Am 20. April 2024 legte die Prüfgruppe unter Catherine Colonna ihren Bericht zur Neutralität der UNRWA vor. Ein genauer Blick auf den von SRF zitierten 54 Seiten umfassenden Bericht zeigt jedoch ein deutlich weniger entlastendes Bild. Die Untersuchung hält unter anderem fest, dass an Schulen der UNRWA Unterrichtsmaterialien verwendet wurden, die antisemitische Inhalte sowie die Verherrlichung von Gewalt enthalten. Zudem bestätigt der Bericht einen besonders schwerwiegenden Kritikpunkt Israels: Einrichtungen der UNRWA wurden demnach auch für politische beziehungsweise militärische Zwecke genutzt. Die Beteiligung am 7. Oktober war Gegenstand einer anderen Untersuchung des UNO-Amts für interne Aufsichtsdienste OIOS.
Am 5. August 2024 veröffentlichte die UNO das Ergebnis der Untersuchung des OIOS, also des UN-Amts für interne Aufsichtsdienste. Von 19 untersuchten Mitarbeitern wurde einer entlastet; in neun Fällen reichten die Beweise nicht aus. In den übrigen neun Fällen deuteten die erlangten Beweise darauf hin, dass die Mitarbeiter an den Angriffen beteiligt gewesen sein könnten. UNRWA-Chef Philippe Lazzarini beendete ihre Arbeitsverhältnisse. Die NZZ schrieb am folgenden Tag von «klaren Indizien» und zitierte UNO-Sprecher Farhan Haq mit der Einschätzung, man könne mit grosser Wahrscheinlichkeit von einer Beteiligung ausgehen. Das ist ein UNO-Befund, den SRF-Auslandredaktorin Anna Trechsel in zwei Sätzen zu «keine Beweise» verkürzt.
Am 30. September 2024 tötete Israel im Libanon Fatah Sharif. Er war Hamas-Kommandant, zugleich UNRWA-Angestellter, Schulleiter und Chef der Lehrergewerkschaft. Lazzarini bestätigte seine Anstellung und erklärte, Sharif sei seit März suspendiert gewesen. Die Hamas würdigte ihn nach seinem Tod für seine «pädagogische und dschihadistische Arbeit» und nannte ihn einen erfolgreichen Lehrer und herausragenden Schulleiter.

Am 28. Oktober 2024 verabschiedete die Knesset zwei Gesetze: Das eine untersagte der UNRWA Tätigkeiten auf israelischem Staatsgebiet, das andere verbot israelischen Behörden jeden Kontakt mit ihr. Die Gesetze traten am 30. Januar 2025 in Kraft. Israel begründete sie mit der Beteiligung von UNRWA-Beschäftigten am Massaker vom 7. Oktober, Verbindungen zur Hamas und der militärischen Nutzung von UNRWA-Einrichtungen. Das israelische Aussenministerium wies den Vorwurf eines Rechtsbruchs zurück und erklärt, seine Massnahmen entsprächen israelischem und internationalem Recht.
Im April 2025 veröffentlichte Israel eine Auswertung beschlagnahmter Hamas-Dokumente. Danach waren von 12’521 UNRWA-Beschäftigten im Gazastreifen mindestens 1462, also zwölf Prozent, Mitglieder der Hamas, des Palästinensischen Islamischen Dschihad oder anderer von Israel als terroristisch eingestufter Organisationen. Unter 546 Schulleitern und Stellvertretern waren es mindestens 80. Die Zahlen finden sich nicht nur in israelischen Unterlagen, sondern auch in einer Eingabe an die UNO-Generalversammlung, die Israels Angaben wiedergibt.
Im November 2025 veröffentlicht die in Genf ansässige NGO UN Watch hat mit dem „UNRWA Terror Network“ eine investigative Online-Plattform, die eine jahrelange systematische Infiltration der UNO-Behörde UNRWA durch Terrororganisationen wie Hamas, Islamischer Dschihad und PFLP dokumentiert.
Weitere Beweise
Am 27. Februar 2026 schloss das gesetzlich unabhängige Generalinspektorat der US-Entwicklungsbehörde USAID den früheren UNRWA-Schulleiter Hafez Mousa Mohammed Mousa für zehn Jahre von sämtlichen US-Aufträgen und Förderprogrammen aus. Die Ermittler identifizierten ihn als Mitglied des Hamas-Bataillons Ost-Dschabaliya. Während des 7. Oktober 2023 habe er die Kommunikation mit weiteren mutmasslichen Hamas-Mitgliedern koordiniert.
Am 30. April 2026 meldete das USAID-Generalinspektorat Beweise gegen vier weitere frühere UNRWA-Beschäftigte. Am 5. Juni überwies es 101 Namen an das US-Aussenministerium; damit waren insgesamt 108 Personen wegen Beteiligung am 7. Oktober und/oder Zugehörigkeit zum militärischen Flügel der Hamas für einen Ausschluss von US-Programmen vorgeschlagen. Darunter waren Schulleiter, Lehrer, Sicherheits- und Gesundheitspersonal sowie psychosoziale Berater. Am 26. August, am Tag der SRF-Sendung, folgte der nächste Bericht: Drei ehemalige UNRWA-Lehrer wurden zum Ausschluss vorgeschlagen. Den Ermittlungen zufolge waren sie «Kämpfer» der Hamas bzw. des Palästinensischen Islamischen Dschihads. Zwei von ihnen sollen an Entführungen oder der Bewachung ziviler Geiseln beteiligt gewesen sein. Ein vierter Fall wurde nur deshalb nicht weitergeführt, weil der Beschuldigte bereits tot war.
Nicht zu vergessen, dass die in UNRWA-Schulen verwendeten Lehrmittel seit vielen Jahren in der Kritik stehen. Das Europäische Parlament beanstandete wiederholt antisemitische Inhalte und Aufrufe zu Hass und Gewalt; eine vom britischen Unterhaus zusammengefasste EU-Untersuchung dokumentierte unter anderem Karten ohne Israel und die Verherrlichung sogenannter Märtyrer. Selbst die Colonna-Prüfgruppe forderte eine Nulltoleranzpolitik gegenüber antisemitischen Inhalten und Gewaltverherrlichung in Schulbüchern.
Was in Kafr Aqab geplant ist
Am 25. August 2026 begann Israel mit der Räumung und Umgestaltung des Kalandia Training Centre. Die UNRWA hatte dort ein Berufsbildungszentrum mit rund 340 Jugendlichen betrieben. Israel plant auf dem rund neun Hektaren grossen Areal einen wesentlich grösseren Bildungs- und Gemeinschaftskomplex für die arabischen Bewohner von Kafr Aqab. In der ersten Phase werden mehr als 40 Millionen Schekel investiert. Ein städtisches Gymnasium für arabische Jungen soll zum neuen Schuljahr öffnen; mehr als 140 Schüler der Klassen sieben bis zehn seien laut israelischen Angaben bereits angemeldet, später sollen die Klassen elf und zwölf hinzukommen.
Langfristig sind nach Angaben der israelischen Behörden sechs Schulen mit 140 Klassenzimmern sowie ein Gemeinschaftszentrum vorgesehen. Hinzukommen sollen eine Moschee, Sportanlagen und Gesundheitsangebote. Der Komplex soll Tausenden arabischen Bewohnern dienen; die «New York Post» nennt rund 22’000 Menschen. Die «Jerusalem Post» berichtete ausführlich über das Projekt und die Eigentumsangaben Israels.
Das SRF-Bild
In ihrem Beitrag zeichnet SRF-Auslandredaktorin Anna Trechsel ein Bild, in dem Israel grundlos und ohne Beweise gegen die UNRWA vorgeht. Die entlassenen Mitarbeiter, Hamas-Kommandanten als Leiter von UNRWA-Schulen, die dokumentierte militärische Nutzung von UNRWA-Einrichtungen und die mehr als hundert US-Ermittlungsfälle kamen gar nicht vor. Auch die Räumung präsentierte SRF als Angriff auf die Bildung palästinensischer Jugendlicher. Dass an gleicher Stelle ein neuer Schul- und Gemeinschaftskomplex für Tausende arabische Bewohner geplant ist, wurde ebenfalls nicht ernsthaft erklärt.
So entstand ein Bild, das zentrale belastende Fakten zur UNRWA ausblendete, Israels Vorgehen als unbelegt darstellte und der israelischen Seite keine Möglichkeit zur Stellungnahme gab. Wer entscheidende Fakten weglässt und seinem Publikum zugleich zweimal erklärt, es gebe keine Beweise, vermittelt nicht nur ein verzerrtes Bild, sondern stellt Israel als unglaubwürdig dar und schürt beim Publikum gezielt Misstrauen. Einmal mehr SRF.





















