
Zwischen der Türkei und Israel wachsen die Spannungen, weil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Einfluss auf Syrien ausdehnen will. Der israelische Angriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt am Rand von Idlib soll dem türkischen Staatschef ein deutliches Signal geben, seine Ambitionen zu zügeln.
von Con Coughlin
Seit dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad im Dezember 2024 ist Syrien immer stärker zum Brennpunkt der wachsenden Feindschaft zwischen Israel und der Türkei geworden.
Israel beobachtet vor allem mit Sorge, wie Erdogan seinen Einfluss im Nachbarland Syrien auszuweiten versucht. Dort hatte er massgeblich dazu beigetragen, dass der neue islamistische Präsident Ahmed al-Sharaa im Dezember 2024 das Assad-Regime stürzen und die Macht übernehmen konnte.
Trotz wiederholter israelischer Warnungen hat Erdogan die Bedenken Israels kaum beachtet und die türkische Präsenz in Nordsyrien weiter ausgebaut, angeblich um kurdische Separatisten daran zu hindern, einen eigenen autonomen Staat zu errichten.
Israels Nachrichtendienste legten den USA allerdings Belege dafür vor, dass Erdogan weitere Ziele verfolgt. Dazu gehört, die türkische Militärpräsenz auf syrischen Stützpunkten auszubauen und zu festigen, die früher von den iranischen und russischen Verbündeten des Assad-Regimes genutzt wurden.
Bezeichnend ist deshalb, dass die israelischen Luftangriffe auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt in der nordsyrischen Stadt Idlib am 18. August nur wenige Stunden nach dem Besuch einer türkischen Delegation auf dem Gelände erfolgten. Die türkischen Vertreter führten offenbar eine Erkundung durch, um zu prüfen, ob sich der Stützpunkt für die türkische Armee eignet.
Der syrische Staatssender Ekhbariya berichtete unter Berufung auf eine Militärquelle, Israel habe acht Luftangriffe auf die Startbahn und die Lagereinrichtungen des Stützpunkts Abu al-Duhur im Nordwesten Syriens geflogen.
Die Angriffe galten als Warnung an die Türkei, ihre militärische Ausdehnung in Syrien zu stoppen. Sie lösten eine scharfe Reaktion der Trump-Regierung aus, die sich überraschend als Unterstützerin des neuen dschihadistischen Regimes in Syrien erwiesen hat und von einer «unnötigen Eskalation» sprach.
In einer anschliessenden Erklärung teilte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu mit, der Angriff habe verhindern sollen, dass türkische Streitkräfte auf dem Stützpunkt stationiert werden. Israel und Syrien hätten sich in Sicherheitsfragen auf einen Status quo verständigt, hiess es darin, doch Damaskus stehe «kurz davor», diese Vereinbarung zu brechen, indem es türkischen Truppen die Stationierung auf dem Flugplatz erlaube.
Israel habe Syrien «wiederholt gewarnt», hiess es in der Erklärung weiter, doch «Syrien entschied sich, diese Warnungen zu ignorieren».
Die Türkei wies die Vorwürfe als «haltlos» zurück.
Die Luftangriffe zeigen gleichwohl, wie stark die Sorge in israelischen Geheimdienstkreisen über Erdogans Expansionspläne in Syrien gewachsen ist.
Erdogan gehört zu den entschiedensten Förderern der extremistisch-islamistischen Muslimbruderschaft im Nahen Osten und unterstützt islamistische Terrorgruppen wie die Hamas und andere. Der türkische Präsident trug massgeblich dazu bei, dass die dschihadistische syrische Organisation Hayat Tahrir al-Sham unter der Führung von al-Sharaa in Damaskus die Macht übernahm. Al-Sharaa unterhielt zuvor enge Verbindungen zur al-Qaida-Organisation von Osama bin Laden.
Nachdem al-Sharaa als neuer Präsident Syriens eingesetzt worden war – ein Schritt, den US-Präsident Donald J. Trump ebenso unterstützte wie andere westliche Regierungschefs –, wuchs in Israels Nachrichtendiensten die Sorge über den zunehmenden türkischen Einfluss in Syrien, den Israel als unmittelbare Bedrohung seiner Sicherheit betrachtet.
Israelische Vertreter sehen Erdogans aggressives Auftreten im Inland wie in der Region mit wachsender Besorgnis, ebenso seine ständigen Versuche, an das Erbe des Osmanischen Reichs anzuknüpfen.
Die anhaltende finanzielle Unterstützung der Türkei für die Hamas und der Schutz, den sie Hamas-Terroristen gewährt, bestärken Israel in seiner Einschätzung, dass die Türkei ein feindlicher Akteur ist. Dazu trägt auch Erdogans ständige israelfeindliche Rhetorik im Wahlkampf und in offiziellen Verlautbarungen bei. Im Juni forderte etwa der türkische Innenminister die «Befreiung Jerusalems».
Erdogan hat zudem erklärt, «Jerusalem gehört uns», und sagte zuletzt am 30. März 2025: «Möge der Herr das zionistische Israel zerstören und verwüsten.»
Erdogan veröffentlichte ein 758-seitiges Dokument, das seinen langfristigen Stufenplan für die Übernahme von «Israel, dem Nahen Osten und der freien Welt» beschreibt.
Amichai Chikli, Israels Minister für Diaspora-Angelegenheiten, sagte: «Ahmed al-Sharaas Armee ist Erdogans Armee. Al-Sharaas Ideologie ist Erdogans Ideologie. Die Ideologie von Erdogan und al-Sharaa ist die Ideologie von al-Qaida und ISIS.» Er verwies dabei auf das aus seiner Sicht barbarische Vorgehen gegen nichtmuslimische Minderheiten in der Region.
Zunehmend infrage gestellt wird auch die Neutralität von Tom Barrack, dem US-Botschafter in der Türkei und Sondergesandten für Syrien (hier, hier und hier), während sein Abgang angekündigt wird. Es bleibt zu hoffen, dass ihm keine «Schlüsselrolle» bei der Steuerung der amerikanischen Politik in Syrien und im Irak übertragen wird.
Um die Spannungen zwischen Jerusalem und Ankara in der Syrienfrage zu entschärfen, führten Israel und die Türkei 2025 Gespräche in Aserbaidschan. Ziel war eine Verständigung über die Prioritäten beider Länder im Syrien nach Assad.
Einzelheiten des Treffens wurden nicht öffentlich gemacht, doch die beiden Länder einigten sich in den Grundzügen auf einen Status quo, dessen Kern die volle syrische Souveränität über das eigene Staatsgebiet war.
Trotz dieser Vereinbarung wächst in israelischen Geheimdienstkreisen das Unbehagen über Erdogans Pläne, die türkische Präsenz im Land auszuweiten und zu verfestigen.
Türkische Truppen besetzen derzeit rund 5000 Quadratkilometer im Norden Syriens. Berichten zufolge hat die Türkei zudem die Kontrolle über syrische Militär- und Marinestützpunkte übernommen, die unter dem Assad-Regime von Iran und Russland genutzt wurden, als Moskau und Teheran enge Verbündete von Damaskus waren.
Sorge bereitet auch die Rolle der Türkei in der Region insgesamt, seit bekannt wurde, dass Erdogan persönlich bei Trump interveniert hat, um eine geplante amerikanisch-israelische Operation zu verhindern. Dabei sollten Tausende kurdische Kämpfer mit amerikanischer Luftunterstützung in den Iran einmarschieren, um das Mullah-Regime zu stürzen. Viele israelische Vertreter sind überzeugt, dass dieser Plan gute Aussichten auf Erfolg gehabt hätte, wäre Erdogan nicht dazwischengetreten.
Eine weitere mögliche Gefahr für Israels langfristige Sicherheit geht von der Entdeckung einer nicht deklarierten Nuklearanlage in Syrien durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) aus. Die Inspektoren fanden dort mehrere Tonnen Nuklearmaterial, das nach den Worten von IAEA-Chef Rafael Grossi «für schlechte Zwecke verwendet werden könnte».
Das sind einige der Gründe, weshalb die israelischen Sicherheitsbehörden das wachsende türkische Engagement im Syrien nach Assad mit so grosser Sorge verfolgen. Sie sind zunehmend der Ansicht, dass Israel die künftige Sicherheit seiner Bevölkerung nur dann gewährleisten kann, wenn Erdogan seine expansiven Ziele in Syrien nicht verfolgen darf und schon gar nicht über F-35-Tarnkappenjets verfügt.
Con Coughlin ist Redaktor für Sicherheits- und Aussenpolitik bei The Telegraph und Distinguished Senior Fellow am Gatestone Institute. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.





















