
Yoav Segalovitz ist weder ein charismatischer Parteivorsitzender noch ein vertrautes Gesicht im internationalen Fernsehen. Dennoch könnte der 67-jährige ehemalige Polizeikommandeur bei den israelischen Wahlen am 27. Oktober eine wichtige Rolle spielen. Nach einem Jahrzehnt in Yair Lapids Partei Jesch Atid (Es gibt eine Zukunft) verliess er die Partei am 7. August und legte zwei Tage später sein Knesset-Mandat nieder. Am 31. August gaben Segalovitz und Mansour Abbas bekannt, gemeinsam bei der Wahl anzutreten. Segalovitz erhält den zweiten Platz auf der Liste von Ra’am (Vereinigte Arabische Liste), unmittelbar hinter Abbas.
Segalovitz wird damit der erste jüdische Kandidat in der Geschichte Ra’ams. Er wäre allerdings nicht der erste Jude, der auf einer arabisch geführten Liste antritt: Hadash hat seit Langem jüdische Kandidaten und Abgeordnete in ihren Reihen, während Balad 2022 die jüdisch-israelische Schauspielerin und Aktivistin Einat Weizman aufstellte. Beispiellos ist jedoch, dass ein bekennender Zionist und ehemaliger hochrangiger Polizeikommandeur einen derart prominenten Platz auf der Liste einer islamistischen arabischen Partei einnimmt. Abbas präsentiert das Bündnis als Modell jüdisch-arabischer politischer Zusammenarbeit und als Teil von Ra’ams Bestreben, erneut an einer Regierung beteiligt zu sein. Ob dies Ausdruck eines tatsächlichen ideologischen Wandels ist oder in erster Linie ein taktischer Versuch, Ra’ams Koalitionsoptionen zu erweitern, bleibt offen.
Karriere bei der Polizei
Segalovitz wurde 1959 in Tel Aviv geboren. Er diente in der Fallschirmjägerbrigade, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Tel Aviv und engagierte sich in der Bürgerwehr, bevor er zur israelischen Polizei ging. Er arbeitete als Staatsanwalt, leitete Ermittlungen in Netanya, kommandierte den Polizeibezirk Eilat und gründete die nationale Einheit zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. 2008 wurde er der erste Kommandeur von Lahav 433, jener Polizeieinheit, die gegen organisierte Kriminalität und Korruption auf höchster Ebene ermittelt. Ein Jahr später wurde er zum Leiter der Ermittlungs- und Nachrichtendienstabteilung der Polizei ernannt.
Die Abteilung ermittelte gegen den früheren Ministerpräsidenten Ehud Olmert und Avigdor Lieberman. Segalovitz sprach sich dafür aus, Lieberman in einem grossen Korruptionsverfahren anzuklagen, doch der Generalstaatsanwalt stellte das Verfahren ein. 2013 schied Segalovitz aus dem Polizeidienst aus. Auch als Politiker blieb sein Profil stark von seiner Laufbahn bei Polizei und Strafverfolgungsbehörden geprägt: Er tritt meist sachlich und methodisch auf und konzentriert sich stärker auf Fragen der Rechtsdurchsetzung als auf politische Parolen.
Von Jesch Atid in die Regierung
Segalovitz trat 2016 Jesch Atid bei und zog drei Jahre später über die Liste Blau-Weiss in die Knesset ein. Als Benny Gantz 2020 einer Regierung mit Netanyahu beitrat, blieb Segalovitz an Lapids Seite in der Opposition. Eine zentrale politische Rolle erhielt er, nachdem die Bennett-Lapid-Koalition im Juni 2021 ihr Amt angetreten hatte. Als stellvertretender Minister für öffentliche Sicherheit wurde er mit der Bekämpfung der organisierten Kriminalität und Gewalt in der arabischen Gesellschaft betraut, die er als staatliches Versagen und nicht als innerarabisches Problem betrachtete.
Kampf gegen die organisierte Kriminalität in der arabischen Gesellschaft
Segalovitz leitete „Maslul Batuach“ (Sicherer Weg), eine Notfallinitiative, die Polizei, Staatsanwaltschaft, Steuerbehörde, Finanzaufsicht und weitere Behörden zusammenführte. Statt sich ausschliesslich auf Mordermittlungen zu konzentrieren, ging sie gegen Geldströme, Fahrzeuge, Unternehmen und Steuerverstösse krimineller Organisationen vor. Ein umfassenderes Fünfjahresprogramm finanzierte zudem Polizeiarbeit, Prävention, Sozialmassnahmen und wirtschaftliche Programme.
Die Ergebnisse waren begrenzt, aber messbar. Nach Angaben der Abraham Initiatives sank die Zahl der arabischen Bürger, die durch kriminelle Gewalt getötet wurden, von 126 im Jahr 2021 auf 116 im Jahr 2022 – der einzige Rückgang innerhalb eines Jahres in jüngerer Zeit. Nachdem Netanyahu an die Macht zurückgekehrt war und der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, „Sicherer Weg“ eingestellt hatte, stieg die Zahl 2023 auf 244. Der Anstieg lässt sich nicht auf eine einzelne politische Entscheidung zurückführen, doch Befürworter des Programms sehen darin einen Beleg für den Wert einer dauerhaften Koordinierung staatlicher Behörden.
Die gemeinsame Arbeit brachte auch Segalovitz und Abbas in engen Kontakt. Abbas brachte seine Kenntnisse lokaler Prioritäten ein, während Segalovitz die staatlichen Behörden koordinierte. Ihre Zusammenarbeit überdauerte den Zusammenbruch der Regierung: Segalovitz besuchte weiterhin arabische Städte und pflegte seine Kontakte zu lokalen Führungspersönlichkeiten. Israelische Medien berichten unter Berufung auf Umfragen, er sei der einzige jüdische Politiker, dem arabische Wähler vertrauen. Abbas bezeichnete ihn vor allem aufgrund seiner Arbeit gegen Kriminalität und Gewalt in arabischen Gemeinden als „idealen Kandidaten“.
Ra’ams versuchte Transformation
Ra’am wurde 1996 als politischer Arm des Südflügels der Islamischen Bewegung gegründet, und ihre wichtigsten Entscheidungen unterlagen traditionell dem Schura-Rat der Bewegung. Unter Abbas hat sich die Partei zunehmend auf konkrete Verbesserungen für arabische Bürger konzentriert. 2021 wurde Ra’am als erste eigenständige arabische Partei Mitglied einer israelischen Regierungskoalition und verschaffte der Bennett-Lapid-Regierung damit die parlamentarische Mehrheit, die Netanyahu nach zwölf ununterbrochenen Jahren im Amt ablöste. Abbas stellte die Zusammenarbeit mit zionistischen Parteien vor allem als pragmatische Strategie zur Förderung arabischer Interessen dar, nicht als Hinwendung zum Zionismus.
Abbas stellt sein Vorhaben nun als grundlegendere Transformation dar. Ra’am hat begonnen, ihre politischen Institutionen von der religiösen Führung der Islamischen Bewegung zu trennen, die formelle Rolle des Schura-Rats bei der Auswahl der Kandidaten beendet und am 22. August ihre erste unabhängige interne Wahl abgehalten. Rund 1.050 Delegierte wählten die ersten fünf Kandidaten der Liste, wobei Abbas auf Platz eins blieb.
Er hat zudem angekündigt, die Partei über ihre traditionelle muslimisch-arabische Wählerschaft hinaus zu öffnen. Im Januar 2026 erklärte Abbas, jeder israelische Bürger, „ob Jude oder Araber“, könne Ra’am beitreten und auf ihrer Knesset-Liste kandidieren. Segalovitz’ Kandidatur stellt diesen Anspruch nun auf die Probe. Die Vereinbarung ist bewusst begrenzt: Er wird mit Ra’am antreten, aber kein formelles Parteimitglied werden. Nach Angaben von Channel 12 bilden beide Seiten eine technische Listenverbindung; Segalovitz behält seine politische Handlungsfreiheit in der Knesset, während Ra’ams Satzung und Entscheidungsprozesse unverändert bleiben.
Diese organisatorische Öffnung bedeutet nicht zwangsläufig auch eine ideologische. Abbas vertritt bei Fragen eines palästinensischen Staates und des jüdischen Charakters Israels weiterhin Positionen, die sich deutlich von denen möglicher zionistischer Koalitionspartner unterscheiden. Besonders deutlich wird diese Spannung an den Bedingungen, die Segalovitz für die Zusammenarbeit stellte.
Die Bedingungen der Partnerschaft
Vor der Einigung stellte Segalovitz ideologische Bedingungen: Ra’am müsse Israel als jüdischen und demokratischen Staat anerkennen, die Unabhängigkeitserklärung akzeptieren und einen zivilen Nationaldienst für arabische Bürger unterstützen.
Am 21. Dezember 2021 erklärte Abbas, Israel sei „als jüdischer Staat gegründet worden“ und werde ein solcher bleiben. Seine späteren Äusserungen dazu fielen jedoch ambivalenter aus. Auf dem Parteitag von Ra’am am 22. August 2026 forderte er Israel auf, einen palästinensischen Staat anzuerkennen. Vier Tage später schrieb er, der jüdische Charakter Israels sei „eine uns aufgezwungene Realität“ und die arabischen Parteien seien „gezwungen worden, ihn in der Praxis zu akzeptieren“. Damit unterscheidet Abbas zwischen der Akzeptanz der bestehenden staatlichen Realität Israels und einer ideologischen Identifikation mit dessen jüdisch-nationalem Charakter.
Ähnlich komplex ist seine Haltung gegenüber der Hamas. Abbas verurteilte das Massaker vom 7. Oktober als „unmenschliche und nicht zu rechtfertigende Tat“, die islamischen Werten widerspreche, forderte die bewaffneten palästinensischen Gruppierungen zur Niederlegung ihrer Waffen auf und sagte später, die Hamas habe Verbrechen begangen, für die sie „den Preis zahlen müsse“. Zugleich hat er sich Forderungen nach einer vollständigen Zerschlagung der Hamas nicht angeschlossen und wich in späteren israelischen Interviews direkten Fragen zu seiner Haltung gegenüber der Organisation aus. Stattdessen betonte, Terrorismus in all seinen Formen zu verurteilen.
Seine Rhetorik zu Gaza ist deutlich schärfer. Ra’am hat Israel Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, und im Juli 2024 erklärte Abbas, in Gaza seien „50.000 Zivilisten ermordet worden“. Diese Behauptung lag deutlich über den damals verfügbaren Zahlen: Am Tag seiner Äusserung meldete das von der Hamas geführte Gesundheitsministerium insgesamt 38.794 Tote und unterschied dabei nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern.
Den Krieg selbst hat Abbas nicht als Genozid bezeichnet. 2025 verwendete er den Begriff im Zusammenhang mit seiner Argumentation, eine erzwungene Vertreibung der Bevölkerung Gazas könne nicht ohne Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid durchgeführt werden. Darin unterscheidet er sich etwa vom radikal linken Hadash-Abgeordneten Ofer Cassif, der den Krieg in Gaza ausdrücklich als Genozid bezeichnet hat.
Als die Vereinbarung am 31. August bekannt gegeben wurde, betonte Segalovitz, keine der beiden Seiten wolle die andere verändern und er werde an seiner zionistisch-jüdischen Weltanschauung festhalten. Das Bündnis beruht somit nicht auf ideologischer Annäherung, sondern auf Zusammenarbeit trotz fortbestehender Differenzen.
Ein möglicher Königsmacher
Ra’am kommt in aktuellen Umfragen gewöhnlich auf fünf oder sechs Mandate. Eine Umfrage von Channel 13 prognostizierte der Partei mit Segalovitz auf der Liste sieben Sitze – sechs Mandate aus den Stimmen arabischer und eines aus den Stimmen jüdischer Wähler. Noch wichtiger: Eine von Times of Israel veröffentlichte Umfrage ergab, dass 56 Prozent der Oppositionswähler eine Regierungsbeteiligung Ra’ams unterstützen würden, wenn Segalovitz auf ihrer Liste stünde; 30 Prozent wären dagegen.
Die Mehrheitsverhältnisse erklären die grosse Aufmerksamkeit. Die zionistische Opposition nähert sich in Umfragen häufig einer Mehrheit, kann die für eine Regierungsbildung notwendigen 61 Sitze jedoch nicht zuverlässig ohne arabische Unterstützung erreichen. Ra’am könnte daher erneut darüber entscheiden, wer Ministerpräsident wird.
Gadi Eisenkot hat eine Zusammenarbeit mit Abbas nicht kategorisch ausgeschlossen, während die Demokraten eine Kooperation befürworten: Yair Golan bezeichnete Ra’am als „würdigen Partner“. Das Bündnis Together von Bennett und Lapid hat dagegen ausgeschlossen, sich auf arabische Parteien zu stützen. Am 3. August erklärte Bennett, dass selbst Segalovitz’ Aufnahme Ra’am nicht zu einem akzeptablen Koalitionspartner machen würde. Als die Vereinbarung bekannt gegeben wurde, erklärte auch Lapid, Segalovitz begehe einen Fehler, fügte jedoch hinzu, er respektiere ihn dafür, nach seiner Überzeugung zu handeln.
Bennetts eigene Haltung hat sich bereits einmal verändert. Vor der Bildung seiner Regierung 2021 hatte er Abbas als „Terrorunterstützer“ bezeichnet. Als Bennett anschliessend eine Koalition unter Beteiligung Ra’ams bildete, nahm er diesen Vorwurf zurück, entschuldigte sich und bezeichnete Abbas als „mutigen politischen Führer“. Auch Lieberman beharrt darauf, dass Ra’am kein Koalitionspartner sein könne.
Ben-Gvir warf Segalovitz vor, eine Regierung gemeinsam mit der Muslimbruderschaft zu planen. Nach Bekanntgabe des Bündnisses griff auch der Likud die Verbindung wegen Abbas’ Positionen zu Hamas, Hisbollah und einem palästinensischen Staat an. Netanyahu stellt die Wahl als Entscheidung zwischen seinem eigenen Block und einer von Abbas abhängigen Opposition dar, obwohl er 2021 selbst Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit Ra’am ausgelotet hatte.
Eine Brücke oder ein politisches Feigenblatt?
Das Bündnis birgt Risiken. Kritiker in der arabischen Gesellschaft wenden ein, Ra’am müsse offenbar erst ihre Loyalität unter Beweis stellen, bevor jüdische Parteien sie als legitimen Partner akzeptieren. Sie sehen Segalovitz als eine Art zionistisches Gütesiegel, das einer arabischen Partei aufgedrückt wird. Interner Widerstand könnte Wähler zur wiederbelebten Gemeinsamen Liste treiben.
Jüdische Kritiker äussern den entgegengesetzten Vorbehalt: Segalovitz könnte Ra’am moderater und als Koalitionspartner legitimer erscheinen lassen, ohne dass damit bewiesen wäre, dass sich die Partei selbst substanziell verändert hat.
Segalovitz könnte zudem weniger jüdische Wähler anziehen, als die Umfragen vermuten lassen. Seine Unterstützer könnten hauptsächlich von den Demokraten kommen und damit lediglich Stimmen innerhalb des Anti-Netanyahu-Lagers verschieben, anstatt dessen Wählerbasis insgesamt zu vergrössern. Andere Analysen warnen ebenfalls, dass ein stärkeres Ra’am auf Kosten der Demokraten die Gesamtzahl der Mandate des Oppositionslagers kaum erhöhen würde. Seine politische Handlungsfreiheit bei zentralen ideologischen Fragen wirft zudem eine praktische Frage auf: Würde die Partnerschaft ernsthafte Meinungsverschiedenheiten über Gaza, das Westjordanland, Religion und Staat oder einen palästinensischen Staat überstehen?
Segalovitz’ politische Bedeutung beruht weniger auf persönlicher Popularität als auf seiner früheren Arbeit gegen Kriminalität und Gewalt in der arabischen Gesellschaft und dem Vertrauen, das ihm diese in Teilen der arabischen Öffentlichkeit eingebracht hat. Nun will er aus dieser Zusammenarbeit eine politische Partnerschaft machen.
Die Vereinbarung bindet seine politische Zukunft bei dieser Wahl an Ra’am, während die ideologischen Unterschiede zwischen beiden Seiten weitgehend bestehen bleiben. Sie könnte sich als neues Modell jüdisch-arabischer politischer Zusammenarbeit erweisen – oder lediglich als pragmatische Wahlallianz zwischen Partnern mit sehr unterschiedlichen politischen Weltanschauungen. In jedem Fall könnte sie die Zusammensetzung der nächsten israelischen Regierung mitbestimmen.






















