
Die Terrororganisation Hisbollah erlitt im Krieg gegen Israel Verluste in einem Ausmass erlitten, die in ihrer Geschichte beispiellos sind. Aufgegeben hat sie ihre Ziele deswegen nicht. Sie investiert weiter in die militärische Erholung und passt ihre Struktur und ihre Einsatzpläne den neuen Verhältnissen in Libanon und in der Region an. Zu diesem Schluss kommt eine Lagebeurteilung des israelischen Forschungszentrums Alma, die Tal Beeri am 30. August veröffentlicht hat. Das Zentrum beobachtet seit Jahren die Sicherheitslage an Israels Nordgrenze und stützt sich dabei überwiegend auf offen zugängliche Quellen.
Der entscheidende Wandel betrifft nach dieser Einschätzung nicht die Existenz der Bedrohung, sondern ihre Gestalt. Das Kräftemodell, über das die Hisbollah am Vorabend des 7. Oktober 2023 verfügte, lässt sich nicht wiederherstellen. Der Plan, mit tausenden Raketen pro Tag zu schiessen, ist mit dem verbliebenen Arsenal nicht durchführbar. Der Plan für einen grossflächigen Einmarsch nach Galiläa ist hinfällig, weil die Infrastruktur entlang der Kontaktlinie zerstört wurde und die israelische Armee im Südlibanon steht. Und das Verteidigungsdispositiv, das auf einer grossen Truppenzahl und festen Anlagen beruhte, ist südlich des Litani zusammengebrochen.
Drei Gefahren in der Sicherheitszone
An die Stelle der grossen Pläne tritt ein kleineres, bewegliches Modell: Guerillakampf, örtlich begrenzte Infiltrationen, Sprengfallen, Drohnen und verstreutes Raketenfeuer, das vor allem die Fortdauer des Kampfes sichern soll. Ein weniger zerstörerisches Modell ist deswegen aber nicht leichter zu bekämpfen. Die Hisbollah richtet dieses Modell nach Einschätzung von Alma bewusst auf Bedingungen aus, unter denen Israel nachrichtendienstlich und in der Luft überlegen ist und mit Bodentruppen in der Sicherheitszone entlang der sogenannten Gelben Linie präsent bleibt.
In dieser Zone sieht Alma drei Gefahren. Die erste geht von Kämpfern aus, die nach dem Vorrücken der israelischen Armee im Gebiet zurückblieben und sich in unterirdischen Anlagen, in Häusern und im unübersichtlichen Gelände versteckt halten. Manche von ihnen sind von ihren Verbänden abgeschnitten, doch schon ihre blosse Anwesenheit erlaubt es ihnen, das Feuer zu eröffnen, Sprengsätze zu legen oder Soldaten bei der Durchsuchung des Geländes anzugreifen. Erobertes Gebiet ist deshalb nicht automatisch sicheres Gebiet.
Die zweite Gefahr ist das gezielte Einsickern von Zellen. Der Umfang dieser Versuche ist derzeit begrenzt, und viele werden nach Angaben von Alma vereitelt. Bemerkenswert ist trotzdem das Muster, das dahinter erkennbar wird: Beobachtung der israelischen Truppenbewegungen, Suche nach Schwachstellen, Sprengsätze, Feuer aus kurzer Distanz und anschliessender Rückzug in den zivilen Raum. Es ähnelt dem Vorgehen aus der Zeit der früheren Sicherheitszone.
Die dritte Gefahr steckt in der zurückgelassenen Infrastruktur. Die Hisbollah hat über mehr als zwei Jahrzehnte Waffen in Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden, Betrieben und auf landwirtschaftlichen Flächen eingelagert, und ein Teil dieser Bestände dürfte mit Sprengfallen gesichert sein. Am 5. August wurden in einem Gebäude im Dorf Majdal Zoun zwei israelische Soldaten getötet und vier verletzt, als ein Sprengsatz detonierte. Ob eine eingesickerte Zelle die Ladung legte oder ob das Haus schon zuvor präpariert worden war, ist nach Darstellung von Alma nicht geklärt. Die Räumung des Gebiets wird Jahre beanspruchen und verlangt Aufklärung, Pioniereinsätze und dauerhafte Kontrolle.
Wiederaufbau unter erschwerten Bedingungen
Die Hisbollah setzt erhebliche Mittel für die Erholung ein, arbeitet dabei aber unter deutlich engeren Bedingungen als früher. In Libanon sind die Kontrollen am Flughafen und in den Häfen verschärft worden. Der Nachschub an Waffen, Bauteilen und Geld ist nie abgerissen, doch er ist komplizierter geworden. In Syrien hat der Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 die Lage verändert. Schmuggel über örtliche Routen, Tunnel, Fahrzeuge sowie kriminelle und Stammesnetzwerke ist weiterhin möglich, aber die Landverbindung ist keine von einem befreundeten Regime kontrollierte Waffenautobahn mehr. Alma beobachtet wöchentlich Schmuggelversuche und verweist unter anderem auf den 16. Juli, als am Grenzübergang al-Tanf Waffen in einem Tanklastwagen verborgen wurden. Zugleich häufen sich die Meldungen über Beschlagnahmungen. Was entdeckt wird, ist bekannt; was durchkommt, nicht.
Iran hält an seiner strategischen Entscheidung fest, die Hisbollah wiederaufzubauen. Angehörige des sogenannten Libanon-Korps innerhalb der Quds-Einheit der Revolutionsgarden reden bei Beschaffung, Aufbau und Struktur der Truppe mit. Die iranische Präsenz beschränkt sich nach Einschätzung von Alma im Wesentlichen auf Berater in Beirut und in der Bekaa-Ebene, und südlich des Litani besteht derzeit keine operative iranische Präsenz. Israel behält seinerseits erheblichen Handlungsspielraum. Nachdem die Hisbollah die Waffenruhe am Höhenzug Ali al-Taher gebrochen hatte, griff die israelische Armee am 15. und 16. August Hauptquartiere der Radwan-Einheit und der Badr-Einheit in den Dörfern Ansar und Deir al-Zahrani an und tötete dabei einen Bataillonskommandanten der Radwan-Einheit und einen hohen Kommandanten der Badr-Einheit. Beide waren nach Einschätzung von Alma für den Wiederaufbau zuständig.
Drohnen und eine neue Rangfolge der Bedrohungen
Zum Schwerpunkt des Wiederaufbaus werden Drohnen, insbesondere solche, die der Bediener über eine Kamera in Echtzeit steuert, sogenannte FPV-Drohnen. Sie sind billig, fliegen tief, sind schlecht zu orten, und wenn sie über Glasfaserkabel gelenkt werden, lassen sie sich kaum stören. Der Aufbau eines solchen Verbands ist allerdings nicht dasselbe wie seine Beherrschung. Der Einsatz bei Dunkelheit, ohne Satellitennavigation, im Bergland und am Kabel verlangt Ausbildung und Übung, und geeignete Bediener sind knapp. Alma erwartet deshalb, dass die Zahl der ausgebildeten Bediener zunimmt, aber nur mässig. Israel wird sich seinerseits auf Bediener, Ausbilder, Lager, Werkstätten und Lieferketten konzentrieren und parallel in Ortung, Abwehr und Störtechnik investieren.
Die anspruchsvollen Waffensysteme, die die Hisbollah über Jahre aufgebaut hatte, haben sich im Krieg dagegen kaum bewährt. Präzisionsraketen, Marschflugkörper und Boden-See-Raketen kamen nach Einschätzung von Alma nur minimal oder gar nicht zum Einsatz, weil sie eigenes Wissen, Wartung, Lieferketten und wenige Fachleute voraussetzen; fiel eines dieser Elemente aus, war das ganze System beeinträchtigt. Verschwunden ist diese Bedrohung damit nicht, denn Iran und die Hisbollah dürften versuchen, zumindest einen Teil der Fähigkeiten wiederherzustellen, vor allem gegen besonders wertvolle israelische Ziele.
Die Bodenbedrohung hat sich verschoben. Statt einer breiten Invasion sind Zellen von einigen Dutzend Kämpfern zu erwarten, die in die Sicherheitszone oder nach Israel eindringen, zuschlagen und sich zurückziehen. Hinzu kommt das, was Alma als «Sonderoperation» bezeichnet: das verdeckte Einschleusen einzelner Täter oder kleiner Kommandos, wie im März 2023, als ein von der Hisbollah angeworbener und ausgebildeter palästinensischer Täter am Knotenpunkt Megiddo tief in Israel einen Sprengsatz deponierte. Genau solche Operationen dürfte die Organisation bevorzugt suchen, um ihren Ruf wiederherzustellen.
Das Raketenarsenal bleibt die wichtigste Bedrohung, weil es dauerhaftes Feuer ermöglicht. Alma schätzt den Bestand auf 10’000 bis 15’000 Raketen unterschiedlicher Reichweite. Für einen Beschuss mit tausenden Geschossen über längere Zeit reicht das nicht mehr, für verteiltes Feuer aus mehreren Gebieten und gegen unterschiedliche Ziele sehr wohl. Während der Operation «Lion’s Roar» feuerte die Hisbollah in der Regel Dutzende Raketen ab und bündelte den Beschuss gelegentlich auf einige hundert Geschosse. Das Ziel war weniger die Zerstörung als die Botschaft, dass die Organisation bis zum Schluss weiterkämpft.
Die Zahl der regulären Kämpfer liegt nach dieser Schätzung unter 40’000, dazu kommt eine Reserve von mehreren zehntausend Mann. Rund 10’000 Kämpfer hat die israelische Armee bislang getötet. Der Schaden ist nicht nur zahlenmässig: Mit Kommandanten, Ausbildern und Fachleuten fehlen der Organisation die Träger jenes Wissens, das sie für den Wiederaufbau komplexer Systeme und für die rasche Ausbildung einer neuen Generation braucht.
Ein Fenster, das sich schliessen kann
Die aktuelle Berichterstattung stützt dieses Bild. Wie schwer sich der Übergang gestaltet, zeigt der Streit um das Pilotprogramm im Südlibanon, mit dem die libanesische Armee schrittweise Sicherheitsverantwortung übernehmen soll. Israel hat den Vereinigten Staaten über Sicherheitskanäle mitgeteilt, das Programm sei gescheitert; darüber berichtete die «Jerusalem Post» am 28. August unter Berufung auf das israelische Nachrichtenportal Walla. Nach Angaben israelischer Sicherheitskreise zerstört die libanesische Armee die Anlagen nicht, deren Koordinaten sie von der israelischen Armee erhält, verlangt aber laufend weitere Koordinaten. Ein hoher Sicherheitsvertreter beschrieb das Verhältnis so, dass es zwischen der libanesischen Armee und der Hisbollah keine wirkliche Reibung gebe: Durchgesetzt werde nichts, koordiniert werde viel. Weitere Pilotzonen wird Israel deshalb vorerst nicht freigeben.
Alma zieht daraus einen doppelten Schluss. Die israelische Sicherheitszone verhindert die ungehinderte Rückkehr der Hisbollah an die Grenze und verschafft Israel operative Tiefe, doch die Kontrolle über das Gelände beseitigt die Gefahr nicht, sondern kann es mit der Zeit in einen Schauplatz dauerhafter Guerillatätigkeit verwandeln. Das offene Zeitfenster ergibt sich aus einem seltenen Zusammentreffen: der Schwäche der Hisbollah, den Schwierigkeiten Irans, dem Regimewechsel in Syrien und dem israelischen Handlungsspielraum. Wer es nutzen will, muss den Wiederaufbau bereits bei Beschaffung, Schmuggel, Produktion, Lagerung, Ausbildung und Wissenstransfer stören und nicht erst dann, wenn eine Fähigkeit einsatzbereit ist.
Die eigentliche Gefahr liegt nach dieser Analyse deshalb nicht darin, dass die Hisbollah ihre Vorkriegsstärke über Nacht zurückgewinnt. Sie liegt darin, dass Israel und die internationale Gemeinschaft sich an die verringerte Bedrohung gewöhnen, sie sich festsetzen lassen und in einigen Jahren nicht mehr verhindern können, dass daraus wieder eine strategische Bedrohung wird.
Die Schweiz und die Hisbollah
In der Schweiz ist die Frage nach dem Umgang mit der Organisation zurzeit hängig. Der Bundesrat hat am 12. Juni den Entwurf für ein Verbot der Hisbollah in die Vernehmlassung geschickt; sie dauert bis zum 5. Oktober. Erfasst werden sollen auch Tarn- und Nachfolgeorganisationen sowie Gruppierungen, die im Auftrag oder im Namen der Hisbollah handeln. Die Vorlage geht auf zwei Motionen des Parlaments zurück und ergänzt das seit dem 15. Mai 2025 geltende Hamas-Verbot, dessen Geltungsdauer von fünf auf zehn Jahre verlängert werden soll.




















