Neue Initiative möchte an die „vergessenen“ jüdischen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten erinnern

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Irakische Juden, die den Flughafen Lod in Israel verlassen, auf dem Weg zum Transitlager Ma'abara, 1951. Foto GPO Israel.
Irakische Juden, die den Flughafen Lod in Israel verlassen, auf dem Weg zum Transitlager Ma'abara, 1951. Foto GPO Israel.
Lesezeit: 7 Minuten

Die neun jungen irakisch-jüdischen Männer, die im Januar 1969 auf dem Platz der Befreiung in Bagdad gehängt wurden, nachdem sie vom baathistischen Regime der Spionage angeklagt worden waren, standen an diesem Tag im Mittelpunkt des Interesses. Hunderttausende Iraker kamen, um ihre Leichen zu sehen. In Bagdad führte das zu einem riesigen Verkehrsstau – und zu grosser Angst in der jahrtausendealten jüdischen Gemeinde. Sieben Monate später wurden drei weitere Juden hingerichtet. Diese schreckliche Episode ist Teil der Geschichte der geschätzten 900.000 in der arabischen Welt und im Iran geborenen Juden, die Mitte des 20. Jahrhunderts gezwungen waren, aus ihrer alten Heimat zu fliehen.

von Israel Kasnett

Heute leben in diesen Ländern nur noch wenige Juden. Jedoch werden neue Anstrengungen unternommen, einen weltweiten Gedenktag zu veranstalten, der an die jüdischen Gemeinden im Nahen Osten erinnert, wie auch an all die Gräber, die von den Angehörigen nicht besucht werden können, für die niemand das Kaddisch, das jüdische Totengebet, rezitiert .

„Es gibt eine gemeinsame Geschichte der Juden im gesamten Nahen Osten, die vergessen wurde, seit einem halben Jahrhundert nicht mehr erwähnt wird. Wir als Menschen, die von dort kamen, finden, dass sie eine wichtige Rolle spielt – für Israel, den gesamten Nahen Osten und die jüdische Geschichte“, sagt David Dangoor, Geschäftsmann, Philanthrop und Vizepräsident der Weltorganisation der Juden aus dem Irak.

Im Jahr 2014 führte die Knesset auf Initiative des Abgeordneten Shimon Ohayon erstmals ein Gesetz ein, um den 30. November zum offiziellen Tag zu machen, an dem an das Leid der Juden aus arabischen Ländern im Nahen Osten und in Nordafrika erinnert wird.

Aufbauend auf dieser Initiative gibt es heutzutage eine neue. Sie wurde von Dangoor ins Leben gerufen und verfolgt das Ziel, Synagogen auf der ganzen Welt dafür zu gewinnen, an eben dem Schabbat, der diesem Datum am nächsten ist, ein besonderes Gebet zu sprechen: „Wir haben jetzt die Gelegenheit, auf dieses Thema aufmerksam zu machen und all unseren Vorfahren, die dort begraben sind, deren Gräber in einem schlechten Zustand sind und die wir nicht besuchen können, unseren Respekt zu zollen. … Es soll auf der ganzen Welt rezitiert werden und ein Gemeinschaftsgefühl stiften“, so Dangoor.

Am 29. November 1947 nahm die UN-Generalversammlung die Resolution 181 an, in der eine Teilung des britischen Mandatgebiets Palästina empfohlen wurde, und forderte einen jüdischen und einen arabischen Staat. Die Resolution wurde von den Juden akzeptiert und von den Arabern abgelehnt. Unmittelbar nach der Abstimmung wandten sich die arabischen Staaten gegen die jüdische Bevölkerung in ihren Ländern, konfiszierten ihre Geschäfte und beraubten sie ihrer Rechte, ähnlich den Nürnberger Gesetzen von 1935. Viele Juden wurden verfolgt und ermordet und Tausende mussten ihre Häuser verlassen. Aus diesem Grund wurde der folgende Tag im Kalender, der 30. November, als Tag des Erinnerns gewählt. „Es gibt diese Verbindung“, sagte Dangoor. „Es ist ein Datum, an dem viele Erinnerungen zusammenkommen.“

Am 30. November haben mehr als 50 Synagogen in den USA, Kanada, Grossbritannien, Frankreich und Israel ein Gebet vorgetragen, das Rabbi Joseph Dweck, der Oberrabbiner der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London, zum Gedenken an die Menschen geschrieben hat, die verfolgt, verbannt oder getötet wurden, weil sie Juden waren. Letztes Jahr hatten sich nur zwölf Synagogen daran beteiligt. Die Initiative gewinnt also deutlich an Fahrt. Im Text heisst es: „Schmerzenden Herzens haben wir den Mord an unseren Brüdern und Schwestern gesehen und das Verbrennen unserer Synagogen und Torarollen durch die Hände unserer arabischen Nachbarn, unter denen wir seit Generationen lebten. … Herr voller Barmherzigkeit… Schenke Ruhe auf den Flügeln Deiner Himmlischen Gegenwart… den Seelen unserer Brüder und Schwestern, die gestorben sind und durch die Hand grausamer Feinde in den arabischen Ländern ermordet wurden. Unsere Wohnstätten wurden zu feurigen Öfen und unsere Freunde wurden zu Feinden.“

Dangoor räumt ein, dass der Kern des Gedenkens immer noch unklar ist: „Wir müssen den Weg mit unseren Gefühlen suchen. Ist es die Vertreibung? Sind es die Morde an so vielen Juden? Oder ist es der Verlust des Erbes?“ Einerseits, sagt er, sei es „eine politische Aussage, zu sagen:‚Wir waren hier und wir wurden vertrieben und wir möchten, dass die Welt das zumindest nicht vergisst.’ Auf der anderen Seite steht der aufrichtige Wunsch, der Vorfahren und Märtyrer zu gedenken die auf dem Weg getötet wurden.“

„Das sind unsere Vorfahren“
Neben dem Aspekt der Erinnerung an die Juden, deren Geschichten vergessen wurden, wird durch diese Bestrebungen auch bekannt gemacht, dass es in diesen Ländern eine Geschichte der Juden gibt, die lange vor dem Aufkommen des Islam dort lebten.

Als Nebukadnezar Jerusalem eroberte und 586 v. Chr. den ersten Tempel zerstörte, verbannte er viele Juden nach Babylon, dem heutigen Irak. Deshalb bezeichneten Juden Bagdad mehr als 2.500 Jahre lang als ihre Heimat.

Ein grosser Teil der Israelis verbindet ihre Herkunft und Tradition mit dem Nahen Osten, Nordafrika und den arabischen Ländern. „Dies ist auch eine Gelegenheit für uns, darauf hinzuweisen, dass wir die Ureinwohner sind. Bei der Geschichte, dass jemand an den Flüssen Babylons sitzt und weint, geht es nicht um einen seit langem ausgestorbenen Stamm. Dies sind unsere eigenen Vorfahren“, sagt Dangoor.

Es gab eine Zeit, in der die jüdische Gemeinde im Irak das Gravitationszentrum des jüdischen Lebens war, Juden geschätzt und respektiert und von ihren muslimischen Brüdern als Araber betrachtet wurden. Dangoors Mutter wurde zur ersten „Miss Irak“ gekürt. Dangoor war es, der den international gerühmten Film Remember Baghdad in Auftrag gab, der die Geschichte der aus dem Irak geflohenen Juden erzählt. Die irakische Botschaft entsandte eine Delegation zur Filmvorführung und äusserte den Wunsch, die Beziehungen zu den Juden im Irak und ihren Nachkommen wiederherzustellen.

Die Geschichte des Irak, aus der Sicht der Juden, die dort 2.600 Jahre lang lebten. Von königlichen Bällen über Hinrichtungen, Inhaftierungen und Flucht erzählen die ersten irakischen Flüchtlinge, wie der Zerfall begann.

„Der Irak muss seine Haltung ändern“

Ein Stolperstein bei einer möglichen Annäherung zwischen dem Irak und seinen Juden ist natürlich Israel. Laut Dangoor sind es vor allem muslimische Kleriker – schiitische und alle anderen, die dem Iran nahestehen –, die mit Eifer gegen jegliche Verbindung zu Israel kämpfen. Es gebe andere, die Israel mittlerweile als eine potenziell positive Kraft im Nahen Osten betrachteten, aber das nicht öffentlich sagen könnten. „Sie sehen die Juden als Brücke.“

Vielleicht überraschend: „Viele Iraker spielen öffentlich Songs des israelischen Sängers Dudu Tassa“, sagt Dangoor. „Kulturell wird Israel also nicht als‚böse‘ angesehen, aber einige – vor allem diejenigen, die mit Fundamentalisten und dem Iran verbunden sind – machen vor allem Halt, was nach Anerkennung Israels riecht. Es ist also eine vielschichtige Situation.“

Wird der Irak seine Tore für Juden jetzt wieder öffnen? Laut Dangoor ist die ehemalige jüdische Gemeinde im Irak „ein gutes Mittel, um diese Annäherung zu verwirklichen, ohne Israel anzuerkennen.“ – „Sie erkennen, wie wichtig die Juden im Irak waren“, fügt er hinzu. „Der Irak muss seine Haltung ändern und zeigen, dass er den jüdischen Teil seiner Geschichte wirklich wertschätzt.“

Ein Beleg für die wichtige Rolle, die Juden dort einst innehatten, ist ein britisches Geheimdienstdokument von 1917, laut dem die Juden in Bagdad damals 40 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Interessanterweise betont der Bericht die Richtigkeit der Zahlen „im Vorgriff auf gegenteilige Behauptungen über die Rassen, die sicherlich früher oder später erhoben werden.“

Vor zwei Jahren bat eine Delegation von Leitern irakischer Kulturorganisationen um ein Treffen mit Vertretern der jüdisch-irakischen Gemeinde in London. Sie waren beeindruckt von dem Erfolg irakischer Juden in Grossbritannien und fragten, warum sie ihren Erfolg im Irak nicht wiederholen können. „Wir sagten, das würden wir gern“, erinnert sich Dangoor. Er sagte ihnen jedoch auch, dass die irakische Regierung „klarstellen muss, dass sich die derzeitige zwiespältige Position zu den Juden – die manchmal als Teil des irakischen Erbes angesehen werden, zu anderen Zeiten aber wieder als Vertreter eines Feindstaates –, ändern muss. Das muss auf den neuesten Stand gebracht und normalisiert werden.“

Auf die Frage, warum die Initiative erst jetzt auf den Weg gebracht wurde, sagt Dangoor: „Es ist eine gute Frage, warum es sie nicht eher gab, aber nun gibt es sie und sie wird Schritt für Schritt weitergehen. Es ist ein Wachstumsprozess. Jedes bisschen mehr wird etwas aufbauen, das zweifellos überfällig war.“

Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

1 KOMMENTAR

  1. Die Welt hat dieses Grauen der Ermordung und Vertreibung von Juden vergessen
    – vertrieben und ermordet wurden angeblich nur die Pali-Araber.
    So ist es in der Welt – die Lüge triumphiert allerorten
    und der Klang der Wahrheit ist vielen Menschen, allemal den Mainstream-Medien,
    eine unerträgliche Dissonanz in den Ohren.

    Deswegen ist es richtig und wichtig,
    dass die Fakten aufgezeigt werden,
    dass gefragt wird,
    wo die ehemals jüdischen Gemeinden der arabischen Länder
    abgeblieben sind.
    Es ist wichtig,
    sich mit aller Kraft im Internet gg die Massenverblödung zu stemmen,
    sich in die Internet-Foren einzubringen und der Lüge keinen Raum zu lassen.

    Dazu gehört eine vorzügliche Kenntnis der Geschichte,
    denn es sind die Judenhasser, die keine Fakten bringen können.

    Die Judenhasser hatten noch nie in der Geschichte eine gute Bildung
    – es sind die niederen Instinkte, die dumme Menschen antreiben.

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