Yusuf al-Qaradawi mit den Hamas-Führern Khaled Mashal und Ismail Haniyeh. Foto Twitter / al-Qaradawi
Yusuf al-Qaradawi mit den Hamas-Führern Khaled Mashal und Ismail Haniyeh. Foto Twitter / al-Qaradawi

Von seinem Standort in Doha aus leitet Yusuf Al Qaradawi, einer der einflussreichsten Führer der Muslimbruderschaft, ein internationales Netzwerk von islamistischen Aktivisten vom Nahen Osten bis Dublin und Boston. Im vergangenen Dezember entfernte Interpol ohne grosses Aufheben eine sogenannte „Rote Ausschreibung“ – eine computergestützte Kennzeichnung, die die Polizei weltweit über das Ersuchen eines Interpol-Mitgliedsstaats um Festnahme einer Person informiert – für Yusuf Al-Qaradawi. Nach dem neunzigjährigen Rechtsgelehrten Al-Qaradawi mit Wohnsitz in Katar, wurde im Zusammenhang mit den gewalttätigen Protesten nach dem Sturz der von der Muslimbruderschaft dominierten Regierung Mohammed Mursis in Ägypten gefahndet.

 

von Kyle Shideler

Schon lange spielt Qaradawi eine zentrale Rolle in dem andauernden Konflikt zwischen Katar und dessen arabischen Nachbarn – Ägypten, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain – die dem kleinen (Halb-)Inselstaat die Beherbergung und Unterstützung islamistischer Terroristen und Aufrührer vorwerfen, deren Ziel die Destabilisierung der Region ist. Die Aufhebung der Roten Ausschreibung ist ein Sieg für Qaradawis Gönner Katar, das sich trotz dieses immensen diplomatischen und wirtschaftlichen Drucks weigerte, sich von dem Rechtsgelehrten der Muslimbruderschaft zu distanzieren. Wenngleich Katar letztes Jahr in einer Reaktion auf die internationale Kritik seine Terrorismusdefinition aktualisierte, verteidigt es Qaradawi weiterhin hartnäckig.

Es lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Entscheidung zur Aufhebung der Roten Ausschreibung aufgrund der unmittelbaren Fürsprache Katars erfolgte. Dennoch ist sie ein eindeutiger Ausdruck der geschickten Einflussnahme der kleineren Nation, welche die ihrer grösseren Nachbarn bei Weitem übertrifft. Dieser Einfluss war es auch, der Katar erlaubte, die internationale Kritik an seiner Praxis, Gastgeber und Unterstützer von Terroristen und Extremisten – insbesondere Yusuf Qaradawis – zu sein, weiterhin trotzig zu ignorieren.

Um zu verstehen, warum Katar Qaradawi nach wie vor so hartnäckig unterstützt, muss man wissen, welche zentrale Rolle er in den Angelegenheiten Katars sowie in dessen grösserer Einflussstrategie einnimmt.

Wütender Antisemitismus

Im Westen ist Qaradawi wohl am besten bekannt für seinen wütenden Antisemitismus in dem staatlichen katarischen Medienkanal Al Jazeera und für die Fatwas, in denen die Durchführung von Selbstmordattentaten durch die Terrororganisation Hamas befürwortet wird. 2008 wurde die von Qaradawi geleitete internationale Wohltätigkeitskoalition ‚Union of Good‘ aufgrund ihrer Rolle bei der Hamas-Finanzierung vom US-Finanzministerium als Organisation zur Unterstützung des Terrorismus eingestuft.

Die israelische Sicherheitsbehörde Shin Bet bezeichnete die ‚Union of Good‘  als „die Dachorganisation für die mit der Hamas und der Muslimbruderschaft verbundenen islamischen Wohltätigkeitsfonds“. Es ist bekannt, dass Angehörige der ‚Union of Good‘ in der Vergangenheit andere dschihadistische Gruppierungen, darunter Mitgliedsorganisationen der Al-Qaida, unterstützten.

Seit man ihm nach seiner Flucht aufgrund der Verfolgung der ägyptischen Muslimbruderschaft in den 1960er Jahren die Staatsbürgerschaft gewährt hatte, war Qaradawi für den Aufstieg Katars von fundamentaler Bedeutung. Qaradawi ist nach wie vor ein einflussreicher geistlicher Führer und Ideologe der islamistischen Gruppe. Zweimal lehnte er das Angebot, Oberster Führer der Bruderschaft zu werden, ab.

Einfluss in Religion, Medien, Bildung, Finanzen und Wohlfahrt

Wie US-Botschafter Chase Untermeyer 2005 in einer Nachricht an das Aussenministerium schrieb, ist Qaradawi „der einzige islamische Denker in Katar, der zählt“. Seit seiner Ankunft in Katar hat er als Freund und Vertrauter der regierenden Al-Thani-Familie massgeblichen Einfluss in den Bereichen Religion, Medien, Bildung, Finanzen und Wohlfahrt.

Qaradawi trug zum Aufbau des katarischen Bildungssystems bei und ist massgeblich involviert in die Quatar Foundation, eine offiziell unabhängige Nonprofit-Organisation, die als Mittel zur Förderung der Einflussnahme Katars dient. Vor allem beherbergt die „Bildungsstadt“ der Stiftung , die Abkommen mit zahlreichen US-Colleges und -Universitäten hat, das von der Foundation geführte Al-Qaradawi Centre for Islamic Moderation and Renewal und das Qaradawi-Stipendienprogramm für Islamische Studien. Mit der Legitimation von US-Colleges hat die Qatar Foundation islamistische Narrative bei US-Lehrern gefördert.

Auch im katarischen Bankensystem spielte Qaradawi als Berater der Qatar Islamic Bank (QIB), der Qatar International Islamic Bank (QIIB) und der Qatar National Bank (QNB) eine zentrale Rolle. All diese katarischen Banken wurden von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aufgrund ihrer mutmasslichen Rolle bei der Erleichterung der Terrorismusfinanzierung auf eine schwarze Liste gesetzt.

Auch ausserhalb von Katar ist Qaradawi äusserst einflussreich. Mit katarischer Unterstützung gründete Qaradawi ein internationales Netzwerk zur Förderung der Ziele der Muslimbruderschaft, welche er 1996 bei einem Treffen in Toledo, Ohio, beschrieb als die Eroberung des Westens „durch Da‘wa“, ein Begriff der mit „proselytisierend/missionierend“ übersetzt wird, jedoch häufig von der Muslimbruderschaft zur Beschreibung ihrer Art der ideologischen Indoktrinierung verwendet wird.

Auf internationaler Ebene erfolgt diese durch die Union of Muslim Scholars (IUMS), die vor allen Dingen durch ihre Fatwa aus dem Jahr 2004 bekannt ist, in der sie die Ermordung von Amerikanern im Irak, einschliesslich Zivilisten, autorisierte. Im Rahmen ihrer Bestrebungen, den internationalen Apparat Qaradawis zu bekämpfen, stuften die Gegner Katars die IUMS als terroristische Organisation ein.

In Europa verbreitet Qaradawi seine Botschaft durch den Europäischen Rat für Fatwa und Forschung (European Council for Fatwa and Research, ECFR) und der Föderation Islamischer Organisationen in Europa (Federation of Islamic Organizations of Europe, FIOE) – beides Organisationen, die von  Mitgliedern der Muslimbruderschaft geleitet werden. Qaradawis Arm reicht auch bis in die Vereinigten Staaten, wo er als konstituierender Treuhänder für die Islamic Society of Boston fungierte, eine Moschee mit Verbindungen zu mehr als einem Dutzend verurteilter, deportierter oder von der Polizei getöteter Terroristen, die von einem verurteilten Al-Quaida-Finanzierer gegründet wurde.

Qaradawi verschafft Katar Zutritt zu einem internationalen Netzwerk engagierter islamistischer Aktivisten in der westlichen Welt, die bereit sind, die politischen Bestrebungen Katars zu unterstützen. Qaradawis internationale Reichweite wird im Gegenzug grösstenteils durch die staatliche Unterstützung Katars verstärkt.

Aufgrund der fragwürdigen Beziehungen Qaradawis zu Islamisten auf der ganzen Welt, nicht trotz ihnen, erhält der islamistische Kleriker die volle Unterstützung Katars und ignoriert die Proteste seiner arabischen Mitstreitkräfte sowie die US-amerikanische und europäische Kritik an den gewalttätigen Rhetorik- und Terrorfinanzierungen Qaradawis.

Die fragwürdigen Verbindungen Qaradawis zu Islamisten rund um den Globus werden also nicht etwa stillschweigend hingenommen, vielmehr sind sie der Grund dafür, dass der islamische Kleriker die volle Unterstützung Katars erhält und dieses wiederum ignoriert die Proteste seiner arabischen Nachbarstaaten, der USA und Europas wegen Qaradawis gewaltgeladener Rhetorik und seiner Verbindungen zur Terrorismusfinanzierung.

Qaradawis zentrale Rolle in der katarischen Strategie, islamistische Netzwerke für die Ausweitung seines Einflusses zu nutzen, ist auch der Grund, warum man davon ausgehen kann, dass Katar den Kleriker der Muslimbruderschaft auch weiterhin, trotz negativer Auswirkungen weiterhin vor internationalen Anti-Terrormassnahmen schützt. Westliche Entscheidungsträger sollten zu der Einsicht gelangen, dass die Regierung Katars nicht freiwillig einen grundlegenden Richtungswechsel durchführen wird. Die Aufhebung der „Roten Ausschreibung“ zeigt, wie falsch es ist, sich bei politischen Extremisten wie Qaradawi auf internationale Institutionen zu verlassen.

Glücklicherweise haben die Vereinigten Staaten geeignete Instrumente zur Hand, um diese Herausforderung aktiv anzugehen. Als adäquates Mittel könnte das US-Finanzministerium Qaradawi aufgrund seiner Führungsrolle bei der bereits dort geführten ‚Union of Good‘ auf die Liste der weltweit agierenden Terroristen (‚Specially Designated Global Terrorists‘) setzen. Die Aufnahme weiterer von Qaradawi geführter Organisationen auf diese Liste – die auf Informationen über das Netzwerk von Qaradawi in Zusammenarbeit mit den arabischen Verbündeten der Vereinigten Staaten basieren, würde die Schrauben noch weiter anziehen.

Angesichts der zentralen Stellung Qaradawis innerhalb des Finanz- und Einflusssystems Katars, würde die Aufnahme Qaradawis auf die Liste einen realen Druck auf das katarische Regime ausüben, der nicht ohne Weiteres ignoriert werden kann.

Kyle Shideler ist Leiter des Counter-Islamist Grid. Das Counter-Islamist Grid ist eine Initiative des Middle East Forum. Übersetzung Audiatur-Online.

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