Asia Bibi. Foto lastampa.it / keine Verfügungsbeschränkung
Asia Bibi. Foto lastampa.it / keine Verfügungsbeschränkung

Der Fall Asia Bibis scheint einer „anderen mittelalterlichen Welt“ zu entstammen. Ihre „Schuld“ als eine „unreine“ Christin, bestand darin, Wasser aus einem dorfeigenen Brunnen getrunken zu haben, den auch muslimische Nachbarn nutzten. Zwei muslimische Frauen behaupteten, weil sie, eine Christin, Wasser aus dem Brunnen berührt hätte, sei der ganze Brunnen nun haram (nach islamischem Recht verboten).

 

von Giulio Meotti

Bibi antwortete, indem sie sagte: „Ich glaube, Jesus hätte das anders gesehen als Mohammed“ und dass Jesus „am Kreuz für die Sünden der Menschheit gestorben ist“. Sie fragte: „Was hat euer Prophet Mohammed je getan, um die Menschheit zu retten?“ Sie wurde beschuldigt, den islamischen Propheten Mohammed beleidigt zu haben und wegen „Blasphemie“ vor Gericht gestellt. Sie solle zum Islam übertreten oder sterben, wurde ihr gesagt.

Bibi verbrachte mehr als acht Jahre in einem pakistanischen Gefängnis in Einzelhaft, einen Grossteil davon im Todestrakt. Am 3. Oktober 2018 sprach Pakistans oberster Gerichtshof sie frei. Wie es nun mit ihr weitergehen wird, blieb zunächst unklar. Nach gewaltsamen Protesten von Hardline-Islamisten, die ihre Hinrichtung fordern und zwei Tage lang weite Teile des Landes lahmlegten, machte die Regierung „Zugeständnisse“ an die Islamisten und kapitulierte vor deren Forderungen. Sie gelobte, nicht zu verhindern, dass Bibi auf eine „Flugverbotsliste“ gesetzt wird, was sie daran hindern würde, das Land zu verlassen.

Nachdem sie also für nicht schuldig befunden und aus dem Gefängnis entlassen wurde, wird Bibi immer noch gegen ihren Willen in Pakistan festgehalten – angeblich „um ihrer eigenen Sicherheit willen“, doch der wirkliche Zweck scheint zu sein, es dem Mob leichter zu machen, sie zu ermorden. Angesichts von Befürchtungen der Regierung, dass ihre Ausreise zu einem Wiederaufflammen der gewalttätigen Proteste islamischer Extremisten führt, wird Bibi offenbar an einem geheimen Ort festgehalten. Gefälschte Bilder, die zeigen sollen, wie Asia Bibi das Land verlässt, kursieren in den sozialen Medien.

„Vier Tage lang sind in den grossen Städten Pakistans alle Christen in ihren Wohnung geblieben“, sagte Alessandro Monteduro, Direktor der italienischen Organisation Hilfe für Kirche in Not. Es wird erwartet, dass Bibi in Pakistan bleiben wird, bis ihr Fall in dem vom Ministerpräsidenten angeordneten Revisionsprozess neu aufgerollt wird. Bibis juristischer Prozess scheint endlos. Unterdessen füllen Tausende von Islamisten die Strassen Pakistans und fordern ihre Hinrichtung.

Westliche Staaten müssen Bibi eine sichere Bleibe anbieten und Druck auf die pakistanische Regierung ausüben, sie auf freien Fuss zu setzen und ausreisen zu lassen. Ihr Schicksal berührt viele der Werte, die den Westen zum „Westen“ machen: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, das Recht auf Freizügigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und die Trennung von Kirche und Staat. Es gehe um „unsere Auffassung von Zivilisation im Angesicht der islamistischen Barbarei“, sagt Laurent Waquieuz von der französischen Oppositionspartei Die Republikaner. Wenn der Westen nicht für Asia Bibi kämpft, für wen sollte er dann kämpfen?

Nach acht Jahren Passivität und Schweigen versuchen einige europäische Länder zu helfen. Italien sagt, es werde Asia Bibi dabei unterstützen, Asyl zu erhalten. Italiens stellvertretender Ministerpräsident Matteo Salvini sagte am 6. November, er wolle, dass „Frauen und Kinder, deren Leben in Gefahr ist, eine sichere Zukunft haben, in unserem Land und in anderen westlichen Ländern, darum werde ich alles Menschenmögliche unternehmen, um das [für Asia] zu garantieren“.

„Es darf nicht sein, dass im Jahr 2018 jemand Gefahr läuft, sein Leben zu verlieren“ wegen einer „Hypothese der Blasphemie“, fügte Salvini hinzu. Er merkte zudem an, dass, sollten Bibi und ihre Familie in Italien Asyl bekommen, ihnen der gleiche Schutz gegeben würde wie denjenigen, deren Leben von der Mafia bedroht wird. Bibi nämlich muss vor religiösen Gangstern beschützt werden.

Antonio Tajani, der Präsident des Europäischen Parlaments und ein Führer der italienischen Oppositionspartei Forza Italia, hat Asia Bibi nach Strassburg eingeladen und Pakistans Behörden aufgefordert, „die nötigen Dokumente zu erteilen“.

Mehr als 60.000 Italiener haben einen Appell unterzeichnet, der die italienischen Behörden dazu aufruft, Asia Bibi Asyl zu gewähren. Darin heisst es:

„Es ist dringend geboten, dass Italien, im Namen der Tradition des Humanismus Asia Bibi unverzüglich all den politischen und diplomatischen Schutz zukommen lässt, den sie benötigt. Jeder Tag in diesem Schwebezustand gefährdet ihr Leben. Italien darf angesichts des Schicksals von Asia Bibi, einem Symbol der Verfolgung von Christen überall auf der Welt, nicht schweigen und untätig bleiben.“

Michael Brand, ein Menschenrechtsexperte, der der CDU der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel angehört, drängt darauf, dass „alle Anstrengungen“ unternommen werden, damit Bibi „in Freiheit und Sicherheit leben“ kann. Bibis Anwalt, Saiful Malook, wurde von CNN mit den Worten zitiert, ein Asylantrag für sie und ihre Familie sei „in den Niederlanden gestellt“ worden. Ein Sprecher des niederländischen Aussenministeriums sagte: „Der Fall Asia Bibis hat die grösstmögliche Beachtung vonseiten der niederländischen Regierung. … Wir stehen in dieser Angelegenheit mit anderen Ländern in Kontakt und arbeiten eng mit ihnen zusammen.“

Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau sagte, seine Regierung befinde sich „in Gesprächen mit der pakistanischen Regierung“, Bibi aufzunehmen.

Unter Hinweis auf die „grosse Gefahr“, der seine Familie in Pakistan ausgesetzt ist, sagte Bibis Ehemann Ashiq Masih am 4. November:

„Ich bitte [US-] Präsident Donald Trump, uns zu helfen, [das Land] zu verlassen, und ich bitte die Premierministerin Grossbritanniens, uns zu helfen und uns soweit wie möglich Freiheit zu garantieren.“

Doch leider haben andere europäische Länder offenbar vor den Drohungen der Islamisten kapituliert. Der Sydney Morning Herald zitierte Wilson Chowdhry vom Verband pakistanischer Christen in Grossbritannien:

„Die Tatsache, dass kein Angebot ausgesprochen wurde, ist schockierend. Hunderttausende haben marodiert und ihren Tod gefordert.“ Der britische Telegraph zitiert ihn mit den Worten:

„Grossbritannien war besorgt über mögliche Unruhen im Land, Anschläge auf Botschaften und Zivilisten.“„Sie haben kein automatisches Asyl angeboten, während viele andere Länder sich vorgewagt haben. Sie [Bibis Familie] werden nicht nach Grossbritannien kommen. Die Familie wird definitiv nicht nach Grossbritannien kommen.“

Aufgrund der Weigerung Grossbritanniens, Bibi Asyl zu gewähren, haben 19 britische Abgeordnete an Aussenminister Jeremy Hunt geschrieben und ihn zu einem solchen Schritt gedrängt. Der Abgeordnete John Woodcock sagte:

„Grossbritannien sollte stolz sein, ein sicherer Hafen für diejenigen zu sein, die wegen ihrer Religion verfolgt werden, darum ist es bestürzend, dass Asia Bibi Asyl verweigert wird, aus Angst, sie könnte hier zum Ziel islamistischer Hardliner werden.“

„Wenn Asia Bibi Asyl in Grossbritannien verweigert wird, was zum Teufel ist dann der Sinn des Asylsystems?“, twitterte die aus Somalia geflohene Menschenrechtsaktivistin, Autorin von vier Sachbuchbestsellern und ehemalige Abgeordnete des niederländischen Parlaments, Ayaan Hirsi Ali.

Grossbritannien hat Malala Yousafzai Asyl gewährt, der pakistanischen Schülerin, die von den Taliban in den Kopf geschossen wurde. Warum sollte Asia Bibi nicht dieselbe grosszügige Behandlung zuteil werden? Grossbritannien hat den Schriftsteller Salman Rushdie beschützt, seit das iranische Regime 1989 eine Mordfatwa gegen ihn aussprach. Wäre es nicht gerecht und wäre es Grossbritannien das nicht wert, auch dieser pakistanischen christlichen Mutter, einem anderen Opfer des islamischen Schariarechts, Unterschlupf und Schutz zu bieten?

Gegenüber AsiaNews berichtete Joseph Nadeem, der Direktor der Renaissance Education Foundation: „Wir haben keine Neuigkeiten, wir wissen nichts von Kontakten zwischen der [pakistanischen] Regierung und ausländischen Staaten.“ Jedoch, so sagte er, „gibt es positive Nachrichten: Zum ersten Mal seit zehn Jahren konnte sie ihren Ehemann treffen.“

Während die europäische Diplomatie zumindest versucht, auf den schrecklichen Schwebezustand zu reagieren, in dem Asia Bibi gefangen ist, sind die meisten von Europas „Intellektuellen“, die immer die Ersten sind, die ihren „Prinzipien“ Ausdruck verleihen, bislang extrem still geblieben. Einer der wenigen öffentlichen Appelle wurde von der französischen Tageszeitung Le Figaro veröffentlicht. Mehr als 40 Persönlichkeiten, unter ihnen Élisabeth und Robert Badinter, Luc Ferry, Robert Redeker, Pierre-André Taguieff und Jean-Claude Zylberstein, forderten eine Mobilisierung zu Bibis Rettung. Ihre Situation, so schrieben diese französischen Intellektuellen, sei eine „scheussliche und rückwärtsgewandte Strafe, die eher zu einem anderen Zeitalter passt als zu dem unserer modernen Demokratien und der Zivilisation im Allgemeinen.“ „Es ist uns eine Ehre, uns für religiöse Toleranz, Pluralität der Ideen und, wenn wir es in diesem Zusammenhang sagen dürfen, die Gleichheit der Geschlechter auszusprechen“, schrieben sie.

In einem Artikel vom 22. Oktober schrieb Andrea Picciotti-Bayer, eine Rechtsberaterin der Catholic Association Foundation: „Es ist an der Zeit, dass alle amerikanischen Frauen ihr Augenmerk auf die Verteidigung einer pakistanischen Frau richten, die darauf wartet, gehängt zu werden, weil sie aus dem ‚falschen’ Becher getrunken und ihre Meinung gesagt hat.“

Extremistische Muslime wollen Selbstjustiz üben. Während Grossbritannien um seine „Sicherheit“ fürchtet, riskiert Asien-Bibi, ermordet zu werden.

Pakistan hat eine lange Geschichte solcher Selbstjustizmorde. Rashid Rehman, ein Anwalt, der einen der Blasphemie angeklagten Professor verteidigte, wurde erschossen. Zafar Bhatti ein christlicher Pfarrer, dem Blasphemie vorgeworfen wurde, wurde im Gefängnis von einem Polizisten ermordet. Arif Iqbal Bhatti, ein Richter, der zwei der Blasphemie Angeklagte freigesprochen hatte, wurde in seiner Wohnung ermordet. Salman Taseer, ein mutiger Muslim, der Gouverneur von Pakistans Provinz Punjab war, wurde von seinem eigenen Bodyguard ermordet, der aussagte: „Ich habe das getan, weil Herr Taseer kürzlich die vorgeschlagenen Änderungen des Blasphemiegesetzes verteidigt hat.“ Pakistans Minister für Minderheitenangelegenheiten, Shahbaz Bhatti, wurde ermordet, weil er Bibi verteidigt hatte. Asia Bibis Anwalt, Saiful Malook, ist aus Pakistan geflohen und hat in den Niederlanden Asyl beantragt.

Zum jetzigen Zeitpunkt wäre das beste Ergebnis für Asia Bibi, wenn es ihr so erginge wie der pakistanischen Christin Rimsha Masih. Nachdem sie Monate im Versteck verbracht hatte, bekam sie Asyl in Kanada. Um aber sicherzustellen, dass Asia Bibi den Westen überhaupt erreicht, müssen sich einflussreiche Personen im Westen so laut wie möglich zu Wort melden und jedweden möglichen Druck auf die pakistanische Regierung ausüben. Wie die französischen Intellektuellen, die den Appell für Bibi unterschrieben haben, bemerkten, steht bei Bibis Fall nicht nur das Schicksal der verfolgten Christen weltweit auf dem Spiel, sondern „der Geist der Aufklärung.“

Ein London, in dem jemand wie Anjem Choudary, ein Prediger pakistanischer Herkunft, der ISIS unterstützt, frei und bequem lebt, während eine pakistanische Christin, Asia Bibi, dort unsicher und bedroht wäre, ist das Ende des Westens, wie wir ihn kennen.

Giulio Meotti, Kulturredakteur der Tageszeitung Il Foglio, ist ein italienischer Journalist und Buchautor. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

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