Ein Mann, den die israelische Armee als Hamas-Kämpfer und Teilnehmer am Massaker des 7. Oktober identifiziert hat, wäre beinahe als «Student» nach Rom gelangt.
Beinahe wäre er entkommen. Ein Mann, den die israelischen Streitkräfte (IDF) als Terroristen der Hamas und als Teilnehmer am Massaker des 7. Oktober 2023 identifiziert haben, hatte es fast geschafft, über ein von Italien gefördertes Studentenprogramm aus dem Gazastreifen auszureisen. Am Dienstag, dem 2. Juni 2026, stoppte ihn die israelische Armee am Grenzübergang Kerem Shalom. Mahmoud Al Najjar war Teil einer 18-köpfigen Gruppe, die als angehende Studenten an die Universität Rom Tor Vergata reisen wollte – die übrigen 17 erreichten Rom.
«Kein Student»
Die internationale Sprecherin der IDF, Oberstleutnant Ariella Mazor, machte den Fall am 3. Juni auf der Plattform X öffentlich. «Dies war kein Student, der wegen eines Auslandsstudiums festgehalten wurde», stellte sie klar. Al Najjar sei vielmehr ein «Hamas-Terrorist», der als einer der am 7. Oktober nach Israel eingedrungenen Angreifer identifiziert worden sei und an dem von der Hamas angeführten Massaker teilgenommen habe. Nach Angaben israelischer Stellen gehört Al Najjar der Nordbrigade der Hamas an.
Die israelische Armee verfolgt die Täter des 7. Oktober systematisch. Die Gesichter der rund 7000 Angreifer sind nach Darstellung israelischer Quellen auf einer Liste einer Spezialeinheit erfasst, die diese Männer gezielt sucht. Wer sich der Fahndung im Gazastreifen entzieht, gerät spätestens dann ins Visier, wenn er die Sperranlagen passieren will – wie nun an einem regulären Grenzübergang.
Kein Einzelfall: Täter des 7. Oktober tauchen im Ausland auf
Dass Beteiligte des Massakers über legale Ein- und Ausreisekanäle unterzutauchen versuchen, ist kein Einzelfall. Erst im Oktober 2025 liess das US-Justizministerium in Louisiana einen aus Gaza stammenden Mann, Mahmoud Amin Ya’qub Al-Muhtadi, verhaften. Eine 44-seitige Anklageschrift wirft ihm vor, sich am 7. Oktober bewaffnet, weitere Männer rekrutiert und an dem Überfall teilgenommen zu haben – und sich anschliessend mit einem durch falsche Angaben erschlichenen Visum in die USA abgesetzt zu haben. US-Justizministerin Pam Bondi nannte ihn «dieses Monster», das «nach dem Untertauchen in den Vereinigten Staaten gefunden und angeklagt» worden sei. Ermittelt hat die eigens im Februar 2025 geschaffene «Joint Task Force October 7», unter anderem mit Unterstützung israelischer Sicherheitsbehörden.
Der Fall Al-Muhtadi ist mit dem Fall Al Najjar nicht ganz identisch – Al-Muhtadi wird einer mit der Hamas verbündeten Fraktion zugerechnet, nicht der Hamas selbst. Gemeinsam ist beiden Fällen jedoch das Vorgehen: die Nutzung von Einwanderungskanälen, um sich der Verantwortung zu entziehen.
Eine gegenteilige Darstellung verbreitete zuerst das Portal Drop Site. Drop Site ist ein 2024 von den US-Journalisten Jeremy Scahill und Ryan Grim gegründetes Medium, das Israels Vorgehen im Gazastreifen als «Genozid» bezeichnet und eine Interviewserie mit Hamas-Führern veröffentlichte.
Unter Berufung auf den Journalisten Muthanna al-Najjar heisst es, Mahmoud stamme aus Jabaliya, sei der einzige Überlebende seiner bei einem israelischen Angriff getöteten Familie, und habe drei wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Das «Palästinensische Zentrum für Vermisste und gewaltsam Verschwundene» (PCMFD) gab eine entsprechende Familienaussage weiter.
Auffällig ist wie unscharf das angeblich so geradlinige Studentenprofil bleibt: Mal ist von einem Ingenieur mit Master in Betriebswirtschaft die Rede, mal von einem Medizinstudenten, mal von einem Akademiker der Verwaltungswissenschaften.
Die europäischen Studentenkorridore
Die Gruppe Palästinenser verliess Gaza im Rahmen einer von Italien geförderten Initiative für palästinensische Studenten. Nach Angaben des italienischen Aussenministeriums reiste sie nach Erteilung der Visa über den Grenzübergang Allenby nach Amman; seit vergangenem Herbst sind über diese «Universitätskorridore» bereits 229 Personen aus Gaza nach Italien gelangt. Der Fall Al Najjar wirft damit eine Frage auf: Wie gründlich werden die Teilnehmer solcher Programme sicherheitstechnisch überprüft – und was geschieht mit jenen, bei denen die israelische Kontrolle an der Grenze nicht greift?
Ein Gerichtsverfahren gegen Al Najjar steht noch aus und öffentlich vorgelegte Beweise liegen bislang nicht vor. Doch der Kontext spricht für sich. Israelische wie inzwischen auch amerikanische Behörden verfolgen die Täter des 7. Oktober mit erheblichem Aufwand. Eine Stellungnahme der Universität Tor Vergata oder der italienischen Regierung zur Person Al Najjars steht noch aus.






















