
Zum ersten Mal seit der im April vereinbarten Waffenruhe hat der Iran wieder direkt Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert. Israel antwortete in der Nacht auf Montag mit Luftangriffen auf militärische Ziele im Iran.
Am Sonntagabend feuerte der Iran nach Angaben der israelischen Armee zehn Raketen auf den Norden Israels ab. Teheran setzte damit seine Drohung um, einen israelischen Angriff auf Beirut zu vergelten. Es war der erste direkte iranische Raketenangriff seit der Waffenruhe vom 8. April.
In den frühen Morgenstunden des Montags griff Israels Luftwaffe militärische Ziele und Infrastruktur im Westen und im Zentrum des Irans an, darunter Radaranlagen und Flugabwehrstellungen. Nach Armeeangaben soll dies die operative Bewegungsfreiheit für künftige Einsätze sichern. Das iranische Staatsfernsehen meldete am Montag Explosionen in den Städten Teheran, Tabriz und Isfahan. Raketenalarm ertönte zudem im benachbarten Jordanien; die US-Botschaft in Amman warnte vor Flugkörpern im jordanischen Luftraum. Gegen sechs Uhr Ortszeit feuerten die jemenitischen Huthi eine ballistische Rakete auf das Zentrum Israels ab; rund eine Stunde später folgten weitere iranische Raketen auf denselben Raum. Sämtliche Geschosse wurden nach Angaben der israelischen Luftabwehr abgefangen.
«Das Regime versucht, eine neue Gleichung zu schaffen»
Der israelische Armeesprecher, Brigadegeneral Defrin, warf Teheran vor, eine neue strategische Logik durchsetzen zu wollen. «Das Regime versucht, eine neue Gleichung zu schaffen, indem es direkt auf unser Gebiet feuert als Antwort auf Angriffe der Armee auf das Dahiya-Quartier. Das werden wir nicht zulassen», erklärte Defrin. Man habe das Dahiya-Quartier angegriffen, nachdem die Hisbollah ununterbrochen auf Gemeinden im Norden Israels gefeuert habe. Die Armee werde weiterhin im gesamten Libanon operieren und ihre Schläge gegen die Hisbollah verstärken.

«Israel muss kraftvoll und wirksam handeln»
Innenpolitisch geriet die israelische Regierung unter Druck. Naftali Bennett, Vorsitzender der Partei Together, sprach von einer Bewährungsprobe: «Dies ist ein Moment der Prüfung: Ist Israel ein souveränes Land, das fähig ist, sich selbst zu verteidigen?» Eine bloss symbolische Antwort signalisiere dem Feind, dass das Blut der Bürger verwirkt sei; Israel müsse kraftvoll und wirksam handeln.
Avigdor Liberman, Vorsitzender von Yisrael Beiteinu, forderte einen unmittelbaren Gegenschlag: «Schluss mit der Eindämmung. Wir müssen sofort reagieren und die strategische Infrastruktur des Irans treffen.» Yair Golan von den Demokraten griff Ministerpräsident Netanyahu direkt an und nannte ihn einen schwachen und gescheiterten Regierungschef, dessen Unentschlossenheit die Feinde Israels ermutige. Benny Gantz von Blau-Weiss erklärte, der Kampf im Libanon hätte im Rahmen der Waffenruhe nie eingestellt werden dürfen; dieser strategische Fehler müsse mit einem kraftvollen Gegenschlag im Iran korrigiert werden.
Trump «Ich treffe alle Entscheidungen. Nicht er.»
Nach der ersten iranischen Raketensalve auf den Norden Israels sprachen Netanyahu und US-Präsident Trump miteinander. Israelischen Medienberichten zufolge vertrat Trump die Auffassung, Israel habe «genug zurückgeschlagen und sollte nicht weiter zurückschlagen». Zuvor hatte Trump in einem Interview mit der Financial Times deutlich gemacht, dass Netanyahu keine andere Wahl haben werde, als ein Abkommen mit dem Iran zu akzeptieren: «Er wird keine andere Wahl haben», sagte Trump. «Ich gebe den Ton an. Ich treffe alle Entscheidungen. Nicht er.»
Damit zeichnet sich eine Differenz zwischen Jerusalem und Washington ab. Nach Darstellung eines hochrangigen US-Vertreters glaubte Trump, Netanyahu zum vorläufigen Verzicht auf einen sofortigen Gegenschlag bewegt zu haben. Trump erklärte zudem, die israelischen Angriffe im Libanon seien nicht mit den USA abgestimmt gewesen, und er sei darüber «nicht erfreut». Aus israelischer Sicht ist Trumps offenkundige Bereitschaft zu einem Abkommen mit Teheran ein Grund dafür, dass der Iran derzeit selbstbewusster auftritt und weitere Forderungen stellen kann.
Die Verknüpfung Libanon – Iran
In Israel besteht Konsens darüber, dass dem Iran nicht erlaubt werden dürfe, eine neue Gleichung zu etablieren, wonach israelisches Handeln im Libanon einen Angriff aus dem Iran nach sich zieht. Eine solche ausdrückliche Verknüpfung habe es vor dem vor rund drei Monaten begonnenen Krieg nicht gegeben. Israel zeige sich grundsätzlich offen für eine Waffenruhe mit dem Libanon und sogar für ein späteres Friedensabkommen, doch müsse zuvor der Würgegriff gebrochen werden, den der Iran über die Hisbollah ausübe.
Ende vergangener Woche hatte die US-Regierung eine vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und der libanesischen Regierung verkündet. Kurz darauf lehnte die Hisbollah die Vereinbarung ab. Wochenlang hatte sich Israel auf Bitten Trumps zurückgehalten und auf Schläge gegen Hisbollah-Ziele in Beirut verzichtet. Nach der jüngsten Welle von Raketen und Drohnen auf den Norden Israels über das Wochenende sowie zwei weiteren gefallenen israelischen Soldaten im Südlibanon griff Israel schliesslich eine Hisbollah-Kommandozentrale in Beirut an. Bei dem Angriff auf ein Wohngebäude im südlichen Vorort Dahiya kamen nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums zwei Menschen ums Leben, 20 weitere wurden verletzt. Nach israelischer Einschätzung halten sich noch über 2000 Hisbollah-Kämpfer im Südlibanon auf. Solange diese nicht entfernt seien, sehe sich Israel zur Fortsetzung seiner Einsätze in der Region gezwungen.
Israels Sicherheitskabinett wird die nächsten operativen Schritte beraten. Die Armee bleibt in höchster Alarmbereitschaft und stellt sich auf mehrere Tage anhaltender Kampfhandlungen ein. Geplant ist die Mobilisierung einer grossen Zahl von Reservisten sowie die Verstärkung sämtlicher Grenzabschnitte. Ein Sprecher der Huthi drohte zudem damit, den israelischen Schiffsverkehr im Roten Meer zu unterbinden. Opfer auf israelischer Seite wurden infolge des seit Sonntag wieder aufgenommenen iranischen Beschusses bislang keine gemeldet.
Die Eskalation hatte auch wirtschaftliche Folgen. Der Leitindex der Börse von Tel Aviv, der TA-125, gab im Vormittagshandel rund 2,4 Prozent nach, der Schekel schwächte sich leicht ab. An den internationalen Märkten zogen die Ölpreise an: Die Sorte Brent stieg um knapp drei Prozent auf rund 96 US-Dollar je Fass, die US-Sorte WTI legte in ähnlichem Umfang auf rund 93 Dollar zu.
Stand: 8. Juni 2026 11:30 Uhr Die Lage entwickelt sich laufend.























