Schon als Kind hatte ich immer einen sehr festen Schlaf, sodass ich nicht hörte, was in dieser Nacht geschah. Als ich am Morgen aufwachte, war unsere Wohnung voller Menschen, meine Eltern und unsere Nachbarn vom Stockwerk über uns in Aufruhr, die zur Strasse hinausgehenden Fenster zerbrochen, überall Glasscherben, meine Mutter hatte Angst, den Kindern könnte etwas geschehen und mein Vater und die Nachbarn versuchten, mit dem Schaden zurecht zu kommen. Dann, plötzlich, standen zwei grosse SA-Männer an der Tür…

 

von Evyatar Friesel

Wir lebten in Chemnitz, einer mittelgrossen Industriestadt in Sachsen, wo ich 1930 geboren wurde. Meine Eltern waren beide Juden aus Galizien, das damals zu Polen gehörte. Sie hatten sich in den späten 1920er Jahren in Deutschland kennengelernt, geheiratet und ein florierendes Bekleidungsgeschäft aufgebaut. Unser Laden grenzte an die Wohnung unserer Familie, die sich im ersten Stockwerk eines im Stadtzentrum gelegenen Hauses befand. Es war ein bequemes Arrangement und nicht ungewöhnlich zur damaligen Zeit. Noch als Schuljunge hielt ich mich ebenso viel zu Hause auf wie im Geschäft. Tatsächlich erledigte ich meine Hausaufgaben am liebsten im kleinen Büro meines Vaters, während meine Eltern nebenan die Kunden bedienten.

In dieser besonderen Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die schon bald von den Nazis „Kristallnacht“ genannt wurde, zündeten Schlägertruppen der SA in ganz Deutschland Synagogen an, zertrümmerten die Schaufenster jüdischer Geschäfte und verhafteten Juden. Glücklicherweise waren die Fenster unser privaten Räume zum Innenhof gelegen, sodass niemand verletzt wurde als die Nazis Steine in die Schaufenster des elterlichen Geschäfts schleuderten, die an der Strasse lagen.

„Hat man auch bei dir die Fenster eingeschlagen?“

Die SA-Männer kamen hinein und einer von ihnen sprach meinen Vater in einem sehr aggressiven Ton an. Ich bekam den Wortwechsel nicht genau mit, aber später erfuhr ich, dass sie gekommen waren, um ihn mitzunehmen. Das, was als Nächstes geschah, verstand ich allerdings sehr wohl: Mein Vater zog ein kleines grünes Dokument hervor – seinen brasilianischen Pass! Durch eine Laune des Schicksals, die letzten Endes unser Leben retten sollte, war mein Vater nach dem 1. Weltkrieg nach Brasilien ausgewandert und hatte dort einige Jahre gelebt, bevor er wieder nach Europa zurückgekehrt war und sich in Deutschland niederliess. Es war beinahe ein nachträglicher Einfall gewesen, der ihn dazu veranlasst hatte, vor seiner Ausreise die brasilianische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Nun wedelte er mit dem Pass vor den Augen des SA-Manns, der seine Stimme ganz plötzlich senkte. Er hatte ein Problem: Die Nazis hatten die Schaufenster eines ausländischen Staatsbürgers zerstört! Es war eine Pattsituation entstanden, eine Minute lang herrschte Schweigen. Und dann, aus heiterem Himmel erschien meine kleine fünfjährige Schwester Ruth, stellte sich vor dem grossen SA-Mann auf und fragte in ihrer hohen Kinderstimme: „Hat man auch bei dir die Fenster eingeschlagen?“ Ich erinnere mich noch lebhaft, was als Nächstes geschah: Der grosse Nazi, den bereits der brasilianische Pass ins Wanken gebracht hatte, sah das kleine Mädchen peinlich berührt an, wurde feuerrot, stammelte irgendetwas, drehte sich auf dem Absatz um und verliess die Wohnung. Erst Jahre später sollte ich das volle Ausmass des Grotesken der Situation erkennen, die sich gerade ereignet hatte. Ein kleines Kind hatte das Nazi-System in seiner destruktiven Absurdität bloss gestellt.

Es war ein grauer Tag. Es war kalt.

Meine Eltern hatten alle Hände voll zu tun, die Trümmer wegzuräumen. Ich verliess die Wohnung und ging hinaus auf die Strasse. Auch wenn ich noch klein war, kannte ich mich im Stadtzentrum doch recht gut aus. Es war ein grauer Tag. Es war kalt.

Filmaufnahmen in Wien 1938. Quelle: Prelinger Archiv

Auf den Strassen waren vielen SA-Männer und Polizisten, aber nur wenige Zivilisten zu sehen. Hier und da sah ich Geschäfte, deren Fensterscheiben zerstört waren. Ich war überrascht, denn ich hatte nicht gewusst, dass auch sie Juden gehörten. Ein beängstigender Anblick waren die beiden grossen Chemnitzer Kaufhäuser Schocken und Tietz, beides Geschäfte, die sich in jüdischem Besitz befanden. Ich hatte es geliebt, dorthin zu gehen, die Menschen zu sehen, die Lichter, die Geschäftigkeit, die Tausende interessanter Artikel. Jetzt lagen sie im Dunkel, die Fensterscheiben waren zerbrochen, die Polizei hielt davor Wache. Dann  gelangte ich zur Hauptsynagoge von Chemnitz, einem beeindruckenden Bau aus rotem Backstein. Die Synagoge lag zerstört, abgebrannt, das Dach eingebrochen und Rauch stieg aus den Ruinen auf. Ich bekam Angst. Es war kalt, sehr kalt.

„Das ist es also… Wir können nicht länger bleiben.“

Zu Hause angekommen, empfing mich ein Schild an der Eingangstür zu unserem Haus, das die möglichen Kunden unseres Ladens darauf hinwies, dass das Geschäft meiner Eltern bis auf Weiteres geschlossen sei. Oben waren Glasscherben und anderer Schutt grösstenteils weggeräumt worden, aber im Geschäft war es unheimlich. Meine Eltern sassen zusammengekauert hinter der Tür des kleinen Büros und berieten sich.

„Du solltest nicht in den Strassen herumlaufen!“, ermahnte mich mein Vater. Und zu meiner Mutter gerichtet, beendete er ihr Gespräch:

„Das ist es also… Wir können nicht länger bleiben.“

Meine Eltern waren geblieben, während viele Juden aus dem Bekanntenkreis Deutschland schon verlassen hatten. Ihr Bekleidungsgeschäft war von Jahr zu Jahr gewachsen und sie hatten sich durch die brasilianische Staatsbürgerschaft geschützt gefühlt. Sie hofften inständig darauf, dass sich die Lage in Deutschland letzten Endes doch noch zum Guten wenden würde. Mein Vater hatte jedoch zwei Wochen zuvor mitten in der Nacht einen Telefonanruf erhalten. Es war meine Tante, die Schwester meiner Mutter, die mit ihrer Familie ebenfalls in Chemnitz lebte. Die Gestapo war ohne vorherige Ankündigung gekommen, um sie mitzunehmen, sie sollten noch in derselben Nacht wieder zurück nach Polen deportiert werden! Mein Vater war zum Bahnhof geeilt und musste hilflos zusehen, wie Hunderte polnischer Juden, darunter mein Onkel, meine Tante und deren kleine Tochter, in Züge gesteckt wurden, die kurz darauf Richtung Osten abfuhren. Und jetzt war die Kristallnacht gekommen, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Innenraum der Synagoge Fasanenstraße in Berlin nach der Pogromnacht, November 1938. Foto Yad Vashem Fotoarchiv 520/3
Innenraum der Synagoge Fasanenstraße in Berlin nach der Pogromnacht, November 1938. Foto Yad Vashem Fotoarchiv 520/3

Es dauerte zwei Monate, bis meine Eltern ihr Geschäft liquidiert und die Ausreise organisiert hatten. Im Januar 1939 verliessen wir Deutschland und machten uns auf den langen Weg nach Brasilien. Das Leben einer weiteren jüdischen Familie war vollkommen auf den Kopf gestellt worden und dennoch hatten wir Glück gehabt. Die Verwandten, die zwei Wochen vor der Kristallnacht deportiert worden waren, sowie alle  unsere anderen Familienangehörigen, die in Polen lebten, rund 300 Menschen, väterlicher- und mütterlicherseits, verschwanden spurlos im Holocaust.

Evyatar Friesel ist Professor (em.) für moderne jüdische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem.

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