Juden kurdischer Herkunft versammelten sich am Sonntagabend in Jerusalems Unabhängigkeitspark und demonstrierten für die kurdische Unabhängigkeit. Foto Kobi Richter/TPS

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat als einziger Staatschef die Volksbefragung unter den Kurden begrüsst. Die palästinensische Autonomiebehörde hingegen äusserte Kritik an dem Bestreben der Kurden, ihr „Selbstbestimmungsrecht“ mit einem eigenen Staat zu verwirklichen. Denn die Palästinenser sind gegen ein Zerbrechen arabischer Staaten wie Irak und Syrien, auf deren Kosten der künftige kurdische Staat errichtet würde.

Israel verbindet mit den Kurden eine lange Geschichte

Das Bewusstsein, dass die Kurden ein separater Volksstamm sind mit eigener Kultur, Sprache und Herkunft, ist in Israel seit jeher präsent. Es gibt eine grosse Gemeinschaft kurdischer Juden in Israel. Sie kamen aus allen kurdischen Gebieten der Türkei, aus Syrien, Iran und Irak. Im Gefolge der marokkanischen Juden, die am Tag nach Pessach das beliebte Maimuna-Fest begehen mit leckeren Speisen und Gastfreundschaft, haben die Kurden ihr eigenes Volksfest mit viel Musik geschaffen, den Saharani. Kurdische kulinarische Spezialitäten wie Kubeh sind längst zu einer israelischen Nationalspeise geworden.

Etwa seit 1960 pflegt Israel diskrete Kontakte mit den Kurden im Norden des Irak, wo am Montag die Volksbefragung zur Schaffung eines eigenen Staates stattgefunden hat. Angeblich hat Israel Waffen und militärische Berater geschickt. Die offiziellen Stellen halten sich bedeckt.

In der Knesset herrscht seltene Einigkeit

Reporter in der Knesset haben dieser Tage festgestellt, dass es unter den Abgeordneten von extrem rechts bis links einen einhelligen Konsens zugunsten der Kurden gebe. Welche Folgen das für die Kurden selbst und dann auch für Israel haben wird, lässt sich nicht abschätzen. Diese klare israelische Haltung ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass sich Israel sogar in der Frage zum Völkermord an den Armeniern bis heute nicht geäussert hat, aus Rücksicht auf türkische Empfindlichkeiten.

Was bedeutet das für die Beziehung zu Ankara

Bis 2010 gab es sehr enge Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem, touristisch, militärisch und politisch. Doch mit den osmanischen Grossmachtträumen des Recep Tayyip Erdogan zerbrachen diese Beziehungen fast völlig. Immerhin war die Türkei das erste und jahrelang einzige muslimische Land, das Israel diplomatisch anerkannt hatte. Andererseits gab es Gerüchte, wonach der Mossad dem türkischen Geheimdienst in Kenia geholfen habe, den kurdischen PKK-Chef Abdullah Öcalan zu fangen. In der Türkei wurde er 1999 zu lebenslänglicher Haft verurteilt, nachdem die Türkei die Todesstrafe abgeschafft hatte.

In der Türkei bekämpft

Bekanntlich führt die Türkei einen unerbittlichen Kampf gegen die sogenannten „Bergtürken“, also die Kurden. Dabei gab es neben schwerem Blutvergiessen im Osten der Türkei auch immer wieder militärische Übergriffe auf die kurdischen Gebiete in Nordirak. In der ganzen Region hat es in den vergangenen Jahren gewaltige Kräfteverschiebungen gegeben, die letztlich auch Israel betreffen.

Kurden sitzen im Norden Syriens in geschlossenen Gebieten sowie im Irak, wo sie aktiv am Kampf gegen Daesch (IS oder ISIS) beteiligt sind. Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer spielen beim Kampf gegen die Islamisten durchaus eine entscheidende Rolle.

Die Unterstützung ist nicht ungefährlich

Die Feindseligkeiten zwischen der Türkei und Israel, aber auch die Rolle Syriens, des Irak oder auch des Iran als Erzfeinde Israels dürften dazu geführt haben, dass die Israelis sich voll hinter die Kurden stellen und das zur öffentlichen Politik erklärt haben. “Israel unterstützt die legitimen Bemühungen des kurdischen Volkes, einen eigenen Staat zu erlangen”, verlautete aus dem Büro des israelischen Ministerpräsidenten in einer schriftlichen Mitteilung an die Auslandskorrespondenten. Der Irak, die Nachbarstaaten Türkei und Iran, aber auch die USA haben sich gegen das Referendum ausgesprochen. Sie sind sich da einig mit den Palästinensern, allerdings aus anderen Gründen: Es würde, so sagt man, den gemeinsamen Kampf gegen die Terrormiliz IS erschweren.

Mehrere Israelis leben und arbeiten im autonomen irakischen Kurdistan. Wegen der Volksbefragung halten sich dort sogar Journalisten auf. Der Iran nutzt das, um gegen die Kurden wegen ihrer engen Beziehungen zu Israel zu hetzen. „Kurdistan werde ein zweites Israel werden“, hiess es in Teheran, also ein von der Vernichtung bedrohter aussätziger Staat.

Angeblich hat die Türkei am Montag Verkehrsflugzeuge daran gehindert, nach Irbil im Irak zu fliegen. Das bedeutet, dass diese Kurdengebiete von der Aussenwelt faktisch abgeschnitten waren, zumal die Türkei auch die Grenzübergänge auf den Landwegen geschlossen habe.

Der türkische Präsident Erdogan drohte, dass die einzige Erdöl Pipeline vom Norden des Irak zum Mittelmeer durch die Türkei verläuft. „Wir haben die Hand am Schalter und können jederzeit die Öllieferungen stoppen“, sagte Erdogan. Für die Kurden hätte das katastrophale Folgen, denn Erdöl ist ihre einzige Einnahmequelle. Gemäss israelischen Medienberichten werde darüber nachgedacht, ein Rohr quer durch den Norden Syriens bis zum Mittelmeer zu verlegen, um sich vom türkischen Druck zu befreien.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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  • Bjoern Luley

    Um sein Ziel, den Iraq mit allen erdenklichen Mitteln zu schwächen, würde Israel sich auch mit dem Teufel verbünden. Und der Autor Sahm versucht, die gestörten ehemals guten Beziehungen zwischen der zionistischen Siedlerkolonie und der Türkei damit zu begründen, daß „mit den osmanischen Grossmachtträumen des Recep Tayyip Erdogan diese Beziehungen fast völlig zerbrachen.“ Irrtum, Herr Sahm, aber Teil Ihrer permanenten Israel-Propaganda. Der Grund für das Zerwürfnis war das illegale Entern der Flotille zum Brechen der Gaza-Blockade und die Tötung mehrere türkischer Aktivisten auf dem türkischen Schiff. Ihre Geschichtsklitterung stinkt zum Himmel!

  • lars

    Ein Teil der Kurdisch-Israelischen Beziehungen wird hier wie so oft weg gelassen. Israel verkauft moderne Waffen wie Drohnen an die Türkei. Mit diesen Drohnen geht die Türkei dann gegen die Kurden vor, mit zivilen opfern sieht man es in Ankara bekanntlich nicht so eng. Die positiven Beziehungen hat Israel also nicht zu „den Kurden“, sondern zu der (wegen Korruption) umstrittenen Herrscher Familie in irakisch-Kurdistan.

    Der Israelische Staat unterstützt den türkischen Staat dabei Kurden zu töten, die Freundschaft ist hier also eher einseitig.

    • Nussini

      Israel ist auch mit Pinguinen befreundet wie Bibi dies vorzüglich anlässlich seiner Rede vor der UN Vollversammlung von sich gegeben hat.

      Israel unterstützt auch andere Länder mit umstrittenen Waffenlieferungen was aber bei Audiatur natürlich auch nie zur Sprache kommt. Die Minderheiten in Myanmar werden zu einem grossen Teil durch Israelische Waffen dezimiert.