Sari Nusseibeh. Foto Blaues Sofa Berlin. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.

Sari Nusseibeh gehört vermutlich zu den interessantesten und kontroversesten palästinensischen Intellektuellen. Er war massgeblich an der ersten Intifada beteiligt und wurde während des 1. Golfkrieges aufgrund des Verdachtes auf Spionage für den Irak von den Israelis inhaftiert; wenige Jahre später gründete er gemeinsam mit dem ehemaligen Direktor des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet, Ami Ayalon, die Friedensinitiative Peoples’ Campaign for Peace and Democracy. Nusseibeh sorgte nicht zuletzt durch seine Forderung, die Palästinenser hätten auf das Rückkehrrecht zu verzichten, Furore.

Am vergangen Mittwochabend sprach er am Europa-Institut der Universität Basel, in jener Stadt also, in der Herzl, wie er selber meinte „den Judenstaat gegründet“ habe. Ganz so visionär war Nusseibehs Auftritt dann leider doch nicht. Gemeinsam mit Marlène Schnieper, langjährige Journalistin und Nahostkorrespondentin für den Tagesanzeiger, die kürzlich ihr Buch „Nakba – Die offene Wunde“ veröffentlichte, sprach er über den Nahostkonflikt und mögliche Lösungsansätze. Moderiert wurde die Veranstaltung von Laurent Goetschel, Direktor des Think-Tanks Swisspeace. Schnieper stellte den Gast auch vor. In ihren einseitigen Aussagen über den israelischen Unabhängigkeitskrieg spiegelt sich ihre Haltung eindeutig wieder: So etwa meinte sie, es hätte Ben Gurion und seinen Offizieren nicht gereicht, Jaffa und Haifa von seinen arabischen Einwohnern zu räumen, weshalb auch Ramle und Lydda (hebr. Lod) „ausgeräumt“ worden seien. 80‘000 Menschen seien innert weniger Tage vertrieben worden. Dass aber gerade in Jaffa und Haifa die arabische Bevölkerung von ihren eigenen Führern dazu angehalten worden waren, ihre Häuser zu verlassen erwähnte Schnieper nicht. Bekanntermassen appellierten sowohl die Stadtverwaltung von Haifa als auch die israelischen Truppen vergeblich an die arabische Bevölkerung, nicht zu fliehen.

Schnieper stellte hauptsächlich Nusseibehs Familie und sein Schaffen vor. Das Publikum dürfte zum grössten Teil bereits mit der Thematik vertraut gewesen sein. Zumindest wurde ein solcher Wissensstand offenbar vorausgesetzt. Denn wer sich nämlich noch nie oder nur rudimentär mit dem Nahostkonflikt befasst hat, hätte den Ausführungen vermutlich nur mit Mühe folgen können.. Nusseibeh wirkte sehr eloquent und charmant, auf tiefe Einsichten hoffte man allerdings vergeblich. Stattdessen wurden eher Allgemeinplätze verhandelt und er blieb allzu oft eher unkonkret. Er sprach vor allem davon, dass es wichtig sei, Brücken zu bauen und eine Zusammenarbeit anzustreben, statt sich von Wut oder Hass leiten zu lassen.

Doch gerade auf die Frage nach einer Lösung des Nahostkonfliktes wirkte Nusseibeh fast schon etwas ratlos. Er erklärte, dass Ideen dem Lauf der Geschichte leider allzu oft nachhinken. Grundsätzlich würde er jede Art von Lösung befürworten, sei es nun eine Ein- oder Zweistaatenlösung oder auch etwas völlig anderes. Man müsse offen bleiben für kreative Ansätze und Vorschläge. Derzeit plädiere er vor allem dafür, den Konflikt vorerst auf die Frage von Bürgerrechten zu reduzieren. Solange es keine Lösung des Nahostkonfliktes gebe, solle Israel wenigstens den Palästinensern im Westjordanland und dem Gazastreifen sämtliche Bürgerrechte zuzugestehen, das heisst vollständige Bewegungsfreiheit, Zugang zum Public Service usw. Auf eine Frage aus dem Publikum, ob ein solcher Schritt nicht wieder zu vermehrten Anschlägen im israelischen Kernladen führen könnte, entgegnete er, der Extremismus hänge mit den jeweiligen Bedingungen zusammen. Erst die zunehmende Separation nach dem Oslo-Friedensprozess habe überhaupt zu dieser Art von Anschlägen und einer hohen Anzahl von Extremisten geführt.. Früher wären schliesslich auch Israelis am Samstag in arabische Städte einkaufen gegangen und die Palästinenser hätten die Strände besucht. Und auch als kürzlich die –  laut Nusseibeh ironischerweise bislang am weitesten rechtsstehende – israelische Regierung 100‘000 von Bewilligungen für die Bewohner des Westjordanlandes ausstellte, die ihnen erlaubten, nach Israel einzureisen, hätte diese keine Anschläge zur Folge gehabt. Stattdessen hätten die Palästinenser wieder die Strände aufgesucht.

Leider verlief der Abend ohne viele kritische Fragen, die Nusseibeh mehr herausgefordert hätten, seine Thesen und Ansichten weiter auszuführen. Da hätte es auch nicht geschadet, wenn Goetschel in seiner Rolle als Moderator  versucht hätte, ihn etwas aus der Reserve zu locken. Ein netter Abend, wer aber auf tiefen Erkenntnisgewinn hoffte, wurde eher enttäuscht. Vielleicht hatte die Veranstaltung unter der Leitung von Martin Woker am Donnerstag in Zürich mehr Spannung intus.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •