Judenhass digital – Eine neue Studie aus Berlin

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Symbolbild. Foto John Schnobrich / Unsplash.
Symbolbild. Foto John Schnobrich / Unsplash.
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Judenhass boomt im Internet wie im analogen Alltag. Worin besteht der Unterschied zwischen beiden Welten? Was macht den alten Judenhass neu? Wie kann man sich dagegen wehren? Seit über einem Jahrzehnt analysiert die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel den Judenhass in der digitalen Welt. Kürzlich hat sie die Ergebnisse des von ihr geleiteten fünfjährigen Forschungsprojekts an der Technischen Universität Berlin im Buch „Judenhass im Internet“ veröffentlicht.

 

von Sylke Kirschnick

Das Netz als Durchlauferhitzer: digitale und analoge Welt sind verwoben

Heute wird das Internet als „fünfte Gewalt“ gehandelt. Denn es ist meinungsbildend und steuert Informationen. Inzwischen läuft die Alltagskommunikation sowie die Aufnahme und Verbreitung von Nachrichten überwiegend durch das Netz. Verschwörungsfantasien und falsche Behauptungen wie „Grass musste sterben, weil er die Wahrheit über die Juden sagte“ verbreiten sich rasant, ungeprüft und unwidersprochen in aller Welt. Wenn 100 % der Jugendlichen bis zu einem Alter von 20 Jahren täglich im Netz unterwegs sind, wird dieser Trend zukünftig noch zunehmen. Schon jetzt sind laut der Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel, digitale und analoge Welt untrennbar miteinander verwoben. Das Netz erzeuge den Hass nicht, aber es verbreitet und intensiviert ihn. Er wird durch Texte, Bilder, Songs etc. gelesen, gesehen und gehört. Hasssprache beeinflusst, so die Forscherin, nachweislich über unser Gehirn unser Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Verhalten. Dadurch vervielfacht sich der judenfeindliche Gedanken- und Gefühlshaushalt. Niemand wird zum Antisemit, weil er im Internet Hasspropaganda gegen Juden liest oder hört. Doch anfällige und bewusst oder unbewusst bereits judenfeindlich geprägte User finden sich bestärkt, angeregt und bestätigt. Die Akzeptanz von Judenhass steigt. Wenn sich der Judenhass im Internet allein während des Untersuchungszeitraums vervierfacht hat, heisst das auch, dass sich die aktuelle Judenfeindschaft über soziale Netzwerke wie Facebook, Youtube und Twitter in Sekundenschnelle mit globaler Reichweite intensivieren, radikalisieren und normalisieren lässt.

Beständigkeit im Wandel

Im Hass auf den Staat Israel, der als kollektiver Jude aufgefasst wird, bündeln sich jahrhundertalte judenfeindliche Stereotype. Unabhängig vom Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern – über den viele User wenig konkretes Wissen, dafür um so stärkere Meinungen haben – und trotz des Zivilisationsbruchs, den die Shoah darstellt, kommen uralte Vorstellungen vom Jüdischen zum Vorschein. Oft wird gerade die Shoah zum Anlass genommen, Vergleiche zwischen Israel und Deutschland zu ziehen, die den 1948 gegründeten demokratischen jüdischen Staat implizit mit der deutschen NS-Diktatur gleichsetzen. Die Opfer-Täter-Umkehr und die Palästinasolidarität ist eine Entlastungsstrategie, die psychologisch leicht erklärbar ist, politisch und gesellschaftlich jedoch verheerende Wirkungen entfaltet. Schwarz-Friesels Studie hat ihre Stärken in der Entschlüsselung und Freilegung dieser Rhetoriken, „Sprachgebrauchsmuster“ und Strategien. Die Sprachwissenschaftlerin weist schlüssig nach, dass und wie die jahrhundertelang tradierten judenfeindlichen Vorstellungs- und Deutungsmuster auch das Reden und Denken über Israel leiten. Es handelt sich nicht um privat und individuell entwickelte Aversionen, sondern um kollektiv empfundene Hassgefühle gegen Juden und Jüdisches.

Cover „Judenhass im Internet“, Monika Schwarz-Friesel. Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig

Die bislang in Wissenschaft und Bildungsarbeit unternommenen Anstrengungen mögen ehrenwert sein, Einhalt geboten haben sie dem Phänomen Judenfeindschaft nicht. Das hat Schwarz-Friesel zufolge viele Gründe, doch die wichtigsten sind die falsche Einordnung von Judenhass in die Allgemeine Vorurteilsforschung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Wer Judenhass aber ernsthaft bekämpfen will, muss ihn in seiner Besonderheit wahrnehmen, verurteilen und vor allem sanktionieren: der klassische, zweitausend Jahre alte Judenhass bildet die Basis von Israelhass. Rechter Judenhass, vor allem der Rasseantisemitismus ist ein heute glücklicherweise randständiges Phänomen, das gesellschaftlich keine Akzeptanz geniesst. Linker und islamischer Judenhass werden dagegen verkannt, bagatellisiert oder geleugnet, obwohl gerade diese Formen von vielen Usern verbreitet und geteilt werden. Die Verschwörungsfantasien von Günter Grass und Jakob Augstein zum Beispiel, die den „Weltfrieden“ durch den Staat Israel gefährdet und die bundesdeutsche Regierung als von Israelis gesteuert ansehen, gelten trotz ihrer unmissverständlichen Judenfeindschaft gesellschaftlich als unbedenklich. Doch gerade diese Fehleinschätzung ist fatal. Schwarz-Friesel weist die chamäleonartige Wandlungsfähigkeit judenfeindlicher Gefühls- und Denkmuster detailliert nach.

Was bleibt zu tun?

Bildungsarbeit und Wissenschaft sollten sich von lieb gewordenen Wahrnehmungs- und Deutungsgewohnheiten verabschieden: Im neuen Hass auf den jüdischen Staat verbirgt sich der alte Hass auf Juden und Jüdisches und kein allgemeiner Rassismus, allgemeiner Fremdenhass und auch keine allgemeine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Folglich muss Judenhass auch als solcher erkannt, benannt und bekämpft werden. Der Nahostkonflikt bietet Anlässe für, ist aber keineswegs die Ursache von Judenhass. Nicht nur Rechte, auch Linke und Muslime sind seine Akteure. Political Correctness verschleiert die Täterschaft und verstellt die Chance auf wirksame Gegenstrategien. Judenfeindschaft findet sich gegenwärtig noch immer in allen politischen, kulturellen  und sozialen Milieus der Bundesrepublik, ganz gleich auf welcher Ebene. Den Judenhass einerseits zu verurteilen und ihn andererseits im Umgang mit Israel zu zelebrieren, zu billigen oder zu beschweigen, wird dem Phänomen nicht den Garaus machen, sondern es vielmehr ungewollt fördern. Die „Floskelkultur“ in Gedenk- und Mahnreden ist ein Zeichen von Bequemlichkeit, Stumpfheit, Hilflosigkeit und Überforderung. Der Judenhass, der die Shoah ermöglichte, begann weder mit den Nationalsozialisten noch war er auf sie beschränkt und er endete auch nicht mit ihrer Niederlage. Dieses Bewusstsein sollte am Anfang jeder Auseinandersetzung mit dem Judenhass stehen. Denn dieser gefährdet nicht nur nach wie vor Juden, sondern am Ende auch unsere Demokratie. Monika Schwarz-Friesels Buch wird dem selbst formulierten Anspruch der Forscherin an Aufklärung gerecht: Es ist „schonungslos“, „unbequem“ und „tut weh“.

Dr. Sylke Kirschnick forscht und lehrt seit mehr als einem Jahrzehnt zum Orientalismus, zum Kolonialismus, zu jüdischen Autor/innen und zum Antisemitismus.

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