Omer Fest. Foto Ramat yohanan via the PikiWiki - Israel free image collection project, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15727923
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Lesezeit: 3 Minuten

Eines der spannendsten Themen der menschlichen Sozialgeschichte ist die Vielfalt von Kalendern, die in den Kulturen der Völker existieren. Dabei gibt es unter ihnen erhebliche Unterschiede, von denen der bedeutendste wohl die Frage danach ist, wo ein Volk seinen »Nullpunkt« ansetzt − in anderen Worten: wo sein Jahr beginnt und wo es endet.

 

von Rabbiner Yuval Cherlow

Manche Kulturen beziehen sich dabei auf Naturphänomene, andere wiederum auf historische Ereignisse, die wichtige Bezugspunkte ihrer nationalen Geschichte darstellen. Darüber hinaus gibt es noch eine Vielfalt weiterer Variationen und Kriterien, welche die Kalender im Lauf der Generationen bestimmt haben.

In der jüdischen Geschichte ist der schicksalhafteste Moment der Auszug aus Ägypten. Nach einer Epoche von mehreren hundert Jahren Sklaverei in der Fremde trugen sich eine Reihe dramatischer Ereignisse zu, die den ägyptischen Pharao letztlich zwangen, seinen hebräischen Sklaven die Freiheit zu schenken und sie aus seinem Land fortziehen zu lassen. Diese Ereignisse waren es, die dem Entstehen des alten hebräischen Kalenders zu Grunde lagen: der Monat Nissan, in dem das Volk aus Ägypten auszog, gilt als erster Monat des Jahres. „Dieser Monat sei euch der Anfang aller Monate. Der erste Monat aller Monate des Jahres „. (Exodus 12/2). Auf ihm basieren alle anderen Feiertage und von ihm ab werden die Tage gezählt. Pessach ist somit der Beginn der Zählung der Feiertage – der erste Monat der Feiertage ist Pessach im Monat Nissan, und der siebte Monat für die Feiertage ist Tischrei, in welchem Rosh Hashanah, Yom Kippur und Sukkot gefeiert wird. Auf der anderen Seite, wenn wir die Jahre markieren, sehen wir Rosh Hashanah als den Beginn der Zählung der Jahre.

Was aber lernen wir daraus, dass der Pessachmonat als Ausgangspunkt von allem gilt, als das Ereignis, das für die anderen jüdischen Feiertage richtungsweisend ist?

»Lass mein Volk ziehen«

Vor allem zweierlei: zum Ersten die ungeheure Bedeutung der Freiheit. Der Freiheitsgedanke wurde nicht erst mit der französischen Revolution geboren. Das Pessachfest wurde schon Jahrhunderte zuvor als Fest der Freiheit bezeichnet. Es hat zwar im Lauf der Generationen bedeutende Veränderungen im Verständnis dieses Begriffs gegeben, der Grundgedanke jedoch, dass man sich aus der Sklaverei befreien muss, oder, falls man selbst Sklaven besitzt, diese humaner behandeln muss, als das im Umfeld des antiken Orients üblich war, wurde mit dem Auszug aus Ägypten geboren.

Der Ausdruck »Lass mein Volk ziehen« wurde zum Slogan einer ganzen Reihe von Revolutionen, so zum Beispiel der von Martin Luther King. Dabei handelt es sich allerdings nur um eine Hälfte des Zitats, das ursprünglich lautet:  »Lass mein Volk ziehen, damit es mir diene« (Exodus, 9:13) − in anderen Worten: der Auszug aus Ägypten war dazu bestimmt, eine Annäherung an Gott herbeizuführen, obwohl es natürlich auch unerlässlich ist, dass eine Nation auf ihrer nationalen Freiheit basiert.

Das zweite Prinzip, das wir daraus erlernen, ist die grosse Bedeutung eines historischen Bewusstseins. Der Auszug aus Ägypten ist nicht in der Vergänglichkeit von archäologischem Schutt verschwunden. Er ist lebendigste Gegenwart, sei es im Bewusstsein des jüdischen Volkes und sei es bei all denen, die von diesem beeinflusst werden. Der Grund dafür, dass dieses Ereignis nicht in der menschlichen Vergessenheit versunken ist, ist das Kontinuum der praktischen Gebote, die sich aus dem Gedenken daran ableiten. Ein Teil von ihnen existiert allein dazu, dieses Gedenken wachzuhalten: die Reihe der Feiertage, die die Geschichte des Auszugs erzählen; der jüdische Seder-Abend, an dem alle teilnehmen, und bei dem sich sämtliche Sektoren der Gesellschaft zusammentun, um die Geschichte Jahr für Jahr gemeinsam zu erzählen. Hinzu kommen noch weitere Gebote, die diesen wegweisenden Vorfall in den Kreis des Lebens einbinden. Ein Teil davon ist sozialer Natur: die Thora verbietet es, die Knechtschaft in Ägypten zu vergessen, was bedeutet, dass jeder, der sie erlebt hat, diese Erfahrung auch für einen »Fremden« lindern muss.

Der Schabbat – das Geschenk

Eine der bedeutendsten Innovationen, die aus dem Auszug aus Ägypten entstanden sind, ist das Geschenk eines wöchentlichen Ruhetags, des Schabbat… dieser gilt für den Herrn wie für den Knecht und stellt somit eine praktische Umsetzung des genannten Prinzips dar.

Einem Volk, das sein schicksalsbestimmendes Ereignis in Erinnerung behält und seine Feiertage rings um dieses anordnet, gelingt es auch, sämtliche schweren Erfahrungen zu überwinden, die ihm im Lauf von vielen Generationen zustossen und niemals zu vergessen, woher es kam und welche Zukunftsvision es hatte. Der lange Weg, der mit dem Auszug aus Ägypten begann, setzt sich bis heute fort… für eines der ältesten Kulturvölker auf Erden.

Aus dem Hebräischen übersetzt von Rachel Grünberger-Elbaz.

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