Terroristen in einem Tunnel in Gaza. Foto Twitter/Quds
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Die Spannungen an der Grenze zum Gazastreifen haben einmal mehr zugenommen. Die israelische Luftwaffe reagierte auf wiederholtes Raketen- und Mörserfeuer mit Luftangriffen. Droht bald ein neuer Konflikt?

Die vergangenen zwei Jahre seit der Operation „Fels in der Brandung“ im Sommer 2014 waren in Sachen Raketenfeuer und Angriffen aus Gaza die ruhigsten für den Süden Israels seit über einem Jahrzehnt. Im Fokus standen stattdessen anhaltende Terrorattacken gegen israelische Sicherheitskräfte und Zivilisten im Westjordanland und Ostjerusalem, und – zu einem geringeren Masse – im israelischen Kernland, wie diese Woche in Tel Aviv.

Doch in den zurückliegenden Wochen haben die Spannungen an der Grenze zur Gaza wieder zugenommen. Aus der Küstenenklave wurden wiederholt Raketen auf Israel abgefeuert, worauf die israelische Luftwaffe mit Angriffen auf militärische Ziele der Hamas reagierte. Die Raketenangriffe gehen hauptsächlich auf das Konto kleinerer radikal-salafistischer Organisationen, welche und eine erneute Eskalation mit Israel provozieren wollen, um die Hamas schwächen.

Doch auch die Hamas feuerte anfangs Mai wiederholt Granaten auf israelisches Gebiet ab, gemäss dem israelischen Journalisten Amos Harel zum ersten Mal seit dem Konflikt im Sommer 2014. Der Grund dafür war die erfolgreiche Lokalisierung mehrere Hamas-Angriffstunnels durch die israelische Armee, die von Gaza bis in israelisches Gebiet reichten. Als die Hamas realisierte, dass israelische Soldaten die Tunnels enttarnt hatten und zu deren Zerstörung die Pufferzone zwischen Israel und Gaza betreten würden, versucht sie diese durch – gemäss einer IDF-Quelle bewusst unpräzises – Mörserfeuer von davon abzuhalten.

Die Izzedinne Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, erklärten in einer Mitteilung, sie würden „eine Fortsetzung der zionistischen Aggression gegen den Gazastreifen nicht zulassen.“ Das Eindringen in die Pufferzone sei eine klare Verletzung des Abkommens von 2014. Zugleich erklärte Anführer Ismail Haniyeh, dass die Hamas nicht an einem erneuten Krieg mit Israel interessiert sei, aber das Eindringen israelischer Truppen in den Gazastreifen nicht hinnehmen werde.

Eine Mitteilung der israelischen Armee liess wiederum verlauten, die IDF werde mit Entschiedenheit vorgehen, um sämtliche Hamas Tunnels zu zerstören. Zugleich betonte aber auch Pressesprecher Peter Lerner, dass Israel keinerlei Interesse an einer militärischen Eskalation habe.

Dank einer ägyptischen Initiative konnte die Anspannung zumindest vorerst etwas reduziert werden. Die Hamas gab der Forderung Kairos unverzüglich nach, das Feuer auf israelisches Gebiet unverzüglich einzustellen. Im Gegenzug öffnete Ägypten den Grenzübergang bei Rafah für zwei Tage.

Dennoch gibt es laut Haaretz zwei tiefergreifende Faktoren, welche die Möglichkeit eine neuen Kriegs zwischen Israel und der Hamas begünstigen. Zum einen ist die wirtschaftliche Situation in der Küstenenklave weiterhin desolat und Gaza leidet an der weltweit höchsten Arbeitslosigkeit. Führende israelische Verteidigungsbeamte haben sich deshalb für den Bau eines Seehafens für Gaza ausgesprochen, der die Wirtschaft ankurbeln könnte.

Noch entscheidender dürften aber die Befürchtungen der Hamas sein, dass die IDF weitere Angriffstunnels lokalisieren wird, und sie dadurch ihre wichtigste Waffe gegen Israel verliert. Während der Operation „Fels in der Brandung“ im Sommer 2014 zerstörte Israel den Grossteil eines Tunnelnetzwerkes, welches die Hamas über Jahre hinweg errichtet hatte.

Doch bereits Anfang dieses Jahres berichteten israelische Medien, dass das Tunnelnetzwerk womöglich bereits wiederaufgebaut habe.  Gemäss Quellen innerhalb Gazas begann die Hamas wenige Monate nach Ende des Konflikts damit, neue Tunnels zu graben bzw. ältere wiederherzustellen. Zu diesem Zweck beschlagnahmte sie Baumaterial, welches für den Wiederaufbau des Gazastreifens vorgesehen war.

Zugleich entwickelte Israel mit amerikanischer Hilfe ein neues System, welches die Aufspürung von Tunnels ermöglicht. Im Juli 2015 enthüllten IDF-Offiziere gegenüber CNN, sie hätten mit dem Test des neuen Systems an der Grenze zu Gaza begonnen. Im April dieses Jahres pries der israelische Ministerpräsident Netanjahu das Aufspürungssystem als „einzigartig“ an, nachdem es der IDF gelungen war, einen Tunnel im Süden des Gazastreifens zu lokalisieren.

Zudem kam es in den vergangenen Monaten zu wiederholten Tunneleinstürzen, die zahlreichen Mitgliedern der Qassam-Brigaden das Leben kosteten. Während die Hamas offiziell Stürme und Regen für die Einstürze verantwortlich machten, äusserten viele Palästinenser den Verdacht, dass Israel dafür verantwortlich sei. Infolge weigerten sich offenbar mehrere Hamas-Mitglieder, das Tunnelnetzwerk zu betreten.

Diese Entwicklungen bringen die Hamas in eine missliche Lage. Einerseits ist sie derzeit nicht an einer Eskalation des Konflikts mit Israel interessiert. Andererseits stellt das offenbar erfolgreiche Tunnelaufspürungssystem die Hamas vor ein Dilemma. Ihre Bemühungen zum Wiederaufbau des Tunnelnetzwerks, welches sie mehrere Millionen Schekel kostete, könnten sich bald als bedeutungslos erweisen. Somit bleibt abzuwarten, ob sich die Hamas in ihrer Verzweiflung versuchen wird, die Tunnels für einen Angriff zu nutzen, bevor diese von der IDF entdeckt werden.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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