"Islamischer Dschihad in Palästina", Foto Facebook
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Wird der Palästinensische Islamische Jihad (PIJ) weichgespült? Höchstwahrscheinlich nicht. Der Palästinensische Islamischen PIJ wurde in den späten 1970er Jahren von palästinensischen Student in Ägypten aus Frustration darüber gegründet, dass niemand dazu bereit schien, wirklich etwas für die Gründung eines Palästinenserstaates zu tun, trotz aller rhetorischen Forderungen in der arabischen Welt und darüber hinaus. Wie der Name der Gruppe impliziert, bestand ihr Fokus einzig und allein darin, Palästina – vom Jordanfluss bis zum Mittelmeer – durch Gewalt zu befreien.

Der Islamische Jihad hielt sich aus der sozialen und politischen Arbeit heraus, die zentral war für die Bemühungen der Muslimbruderschaft, die palästinensische Gesellschaft von unten zu islamisieren. Mit finanzieller Unterstützung des Iran  – und die Führer des PIJ bewunderten den ideologischen Eifer der iranischen Revolution – begann die Organisation Israelis anzugreifen.

In den 1980er Jahren und zu Beginn der 1990ern benutzten Kämpfer des Islamischen Jihads Messer oder versuchten, Bomben in israelische Busse zu schmuggeln. Verrückterweise wirken diese Angriffe fast schon harmlos, verglichen mit was danach kam: Selbstmordattentate. Seit Israel in 2005 den Gazastreifen beinahe komplett abgeriegelt hatte, waren PIJ-Terroristen nicht mehr in der Lage, Israel zu infiltrieren. Deshalb haben sie damit begonnen, Raketen in Richtung Israels Bevölkerungszentren abzufeuern.

In einem interessanten Artikel in der New York Times von Jodi Rudoren über die Organisation, sind mir zwei Einzelheiten ins Auge gestochen: Erstens berichtet sie, dass der Islamische Jihad ein robustes Wohltätigkeitsnetzwerk entwickelt hat, welches „Schulen, Kliniken und Familienmediation“ beinhaltet. Ich schätze, dass Rudoren diese Sache überbewertet, doch innerhalb des Islamischen Jihads scheint es tatsächlich eine Debatte über den politischen Wert dieser Dienstleistungen zu geben.

Diese internen Diskussionen wären, für sich alleine, eine bedeutsame Neuerung in der Weltanschauung der Organisationsführung. Ein Grossteil der Forschung über die Muslimbruderschaft in Ägypten in den 1980er und 1990er Jahren zeigte, wie das Angebot sozialer Dienstleistungen ein wichtiger Faktor bei der politischen Mobilisierung wurde. Dieselbe Dynamik existiert derzeit möglicherweise in Gaza. Dennoch habe ich meine Zweifel bezüglich des Ausmasses der „bevölkerungsnahen“ Bemühungen des Islamischen Jihads, die andere islamistische Gruppe bereits perfektioniert haben. Es scheint eine zu grosse Abweichung zu sein von der fast schon singulären Hervorhebung des gewaltsamen Widerstands.

Das bringt mich zum zweiten interessanten Punkt von Rudorens Artikel. Sie schreibt ferner:

„Der Islamische Jihad hat es geschafft, sich selbst die wichtigste militärische Ausdrucksform des palästinensischen Nationalismus durchzusetzen, während die Hamas von einer widerspenstigen Bevölkerung teilweise verantwortlich gemacht wird für hohe Arbeitslosigkeit und ein tägliches Defizit an Treibstoff, Elektrizität und Wasser.“

In den 1980er Jahren erlangten die Führer des PIJ auf Kosten der Muslimbruderschaft einen bedeutenden politischen Vorteil, weil sie sich und ihre Organisation als Nationalisten par excellence durch Gewalt etablierten. Hamas – also die Islamische Widerstandsbewegung (arab. Harakat al-Muqawama al-Islamiya“) – wurde von der Bruderschaft in den späten 1980er Jahren kreiert, um ihre eigene nationalistische Glaubenswürdigkeit aufzupolieren. Glenn E. Robinsons ausgezeichnetes Buch „Building a Palestinian State: The Incomplete Revolution“ beschreibt dies im Detail.

Dieselbe Dynamik führte zur Entstehung der Al-Aqsa-Märtyerbrigaden der Fatah zu Beginn der Zweiten Intifada. Die ultimativen Ausdrucksformen des palästinensischen Nationalismus sind Standfestigkeit und Widerstand geworden. Die fehlgeschlagenen, jahrzehntelangen Friedensbemühungen der Fatah schadete in den 1990er Jahren ihr und ihrem Ansehen immens, die Verkörperung des palästinensischen Nationalismus‘ zu sein; hauptsächlich durch Selbstmordattentate versuchte sie diesen Anspruch zu retten.

Falls sich die Hamas unter Druck gesetzt fühlt, weil der Islamische Jihad ihren Anspruch als Inkarnation des palästinensischen Nationalismus untergräbt, und die Fatah taumelt, nach dem die Israelis einen weitere Bemühung zur Lösung des Konflikts scheitern liessen, kann das nur eines heissen: Gewalt wird nicht lange auf sich warten lassen.

Vom CFR.org. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung. Für weitere Analysen und Blogeinträge über den Nahen Osten und Aussenpolitik besuchen Sie CFR.org.

Originalversion: Social Work, Violence, and Palestinian Nationalism by Steven A. Cook © Council on Foreign Relations, May 8, 2014.

Anmerkung von Audiatur-Online:

Der Palästinensische Islamische Jihad PIJ – auch wenn sie keine Partei ist – begrüsst die Einheitsregierung aus Hamas und Fatah. Wenn die Bedingungen stimmen, würde der PIJ der PLO beitreten. Laut PIJ-Sprecher Dawoud Shehab sollte die Versöhnung zwischen den beiden Parteien den „Verhandlungsverlauf mit der Besatzung beenden.“