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Die UN-Generalversammlung erklärte 2005 den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag, allerdings einige Jahrzehnte zu spät. Es ist der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen. Jedem UN-Mitgliedsstaat obliegt die offizielle Verpflichtung, die Opfer der Nazi-Zeit zu ehren und ferner Bildungsmaterial über den Holocaust zu erstellen. In vielen Ländern wird das auch umgesetzt.

In der heutigen Wirklichkeit jedoch wird alles, was jüdisch ist, angegriffen. Auch in Ländern, in denen staatlich organisierte Gedenkveranstaltungen zum Holocaust stattfinden. Antisemiten besprühen Gedenktafeln mit Graffitis, andere leugnen den Holocaust. Das sind hauptsächlich – aber nicht ausschliesslich – Muslime. 2009 strahlte der norwegische Fernsehsender TV2 ein Interview mit dem verurteilten britischen Holocaust-Leugner David Irving aus.[1] Der Sender übernahm sogar seine Reise- und Übernachtungskosten. Und der Journalist, der das Interview mit ihm führte, bewies nur geringe Kenntnisse zum Thema.

Gedenken als politisches Instrumentarium

Noch schlimmer als den Holocaust zu leugnen, ist jedoch seine Umkehrung. Dabei wird behauptet, dass Juden und Israel sich wie die Nazis verhalten. Zu solchen Holocaust-Verdrehern gehören auch einige Juden. Die deutsche Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft EVZ finanzierte 2010 – 2011 ein Programm mit öffentlichen Geldern für die Anne Frank Schule in Gütersloh, die den niederländisch-jüdischen Holocaustüberlebenden und Israel-Hasser Hajo Meyer einlud. Meyer setzte das Leid der Palästinenser mit der Verfolgung und Massenvernichtung der europäischen Juden während der Nazi-Zeit gleich.

Der niederländisch-jüdische Schriftsteller Leon de Winter sagte über ihn, dass er extrem an „Überlebensschuld“ leide und dass alle Israel-Bashing Gruppen ihn liebten. Denn sein Mehrwert bestehe darin, dass Meyer obendrein noch Jude und zudem Holocaustüberlebender sei.[2]

Der italienische Journalist Angelo Pezzana weiss vom Missbrauch des internationalen Holocaust-Gedenktags in Teilen Italiens zu berichten. „Der 27. Januar als Tag der Erinnerung ist zu einem nationalen Ereignis geworden, an dem jeder seine Meinung sagen kann, egal wie erbärmlich sie ist. Letzteres geschieht vornehmlich in Schulen. Zu Veranstaltungen mit Schülern und Schülerinnen werden extrem linke Professoren eingeladen, eine Rede zu halten. Sie präsentieren die Shoah auf eine verzerrte Weise. Daraus entsteht eine öffentliche Debatte, die in der Regel die Nazi-Verbrechen mit der israelischen Politik in Verbindung bringt.“[3]

Im September 2005 empfahl ein Komitee muslimischer Berater des damaligen britischen Premierministers Tony Blair, den Holocaust-Gedenktag abzuschaffen und ihn durch einen Tag des Völkermordes zu ersetzen, an dem auch den Massenmorden von Muslimen in Palästina, Tschetschenien und Bosnien gedacht würde.[4] Der Gemeinderat der englischen Stadt Bolton, beeinflusst vom Drängen muslimischer Kreise, ersetzte 2007 tatsächlich den Holocaust-Gedenktag mit dem „Völkermord Gedenktag“.[5] Erst nach Protesten wurde einige Jahre später der Holocaust Gedenktag wieder eingesetzt.

Gedenkveranstaltungen zur Kristallnacht sind ebenfalls zu beliebten Schauplätzen geworden, die als politisches Instrumentarium missbraucht werden, statt der jüdischen Opfer und der zerstörten Synagogen und Friedhöfe dieser Nacht zu gedenken. In der schwedischen Stadt Helsingborg weigerte sich 2012 die jüdische Gemeinde, an der Gedenkveranstaltung zur Kristallnacht teilzunehmen. Die örtliche Tageszeitung Helsingborgs Dagblad schrieb, dass nach Aussage des Gemeindeleiters Jussi Tyger, die Gedenkveranstaltung von linken Parteien und Muslimen organisiert worden sei, die bekannt dafür seien, Juden gegenüber rassistisch zu sein.[6]

In der norwegischen Stadt Bergen blieben 2012 die Juden ebenfalls der Gedenkveranstaltung zur Kristallnacht fern, weil zwei bekannte Israel-Hasser an dieser Veranstaltung sprachen.[7]

In den Niederlanden wird am 4. Mai, dem nationalen Gedenktag, in einigen Orten den niederländischen Kriegsopfern – von denen die Juden die grösste Gruppe waren – und deutschen Soldaten gemeinsam gedacht.[8] Anderenorts war sogar geplant, die Namen der von den Deutschen ermordeten Juden auf die gleiche Gedenktafel einzuschreiben wie die Namen der dort getöteten deutschen Soldaten.[9]

Bis zum Jahr 2001 war Nederland Bekent Kleur, die sich gegen Diskriminierung engagieren, die einzige Organisation, die jährlich eine Gedenkfeier zur Kristallnacht organisiert hatte. In den letzten Jahren gehörten Sympathisanten der Hamas und der Hisbollah zu ihren Rednern und verglichen den Holocaust mit der Unterdrückung der Muslime.

Zum Schluss verweigerte die jüdische Gemeinde ihre Zusammenarbeit mit den Organisatoren.[10] Später begann der Dachverband der niederländisch-jüdischen Organisationen, CJO, ihre eigenen Gedenkveranstaltungen zur Kristallnacht zu organisieren. 2012 gab es dann zwei Veranstaltungen an verschiedenen Tagen. Die der „Antidiskriminierungs-Gruppe“ war der extrem Rechten und rassistischen Gewalt in Europa gewidmet.[11]

Möchte man das Gedenken an den Holocaust oder Veranstaltungen zur Kristallnacht mit zeitgenössischen Themen verbinden, bietet sich ein Thema insbesondere an, das ganz oben auf der Liste stehen sollte: der extreme Antisemitismus, der aus Teilen der arabisch-muslimischen Welt und gar aus einigen muslimischen Gemeinden in Europa selbst entstammt. Im letzten Jahr wurden ein jüdischer Lehrer und drei Kinder der jüdischen Schule in Toulouse von Mohammed Merah ermordet.[12] Sein Bruder Abdelghani verurteilte die Tat und schrieb in seinem Buch, dass ihre Mutter sie beide zu extremen Antisemiten erzogen habe.[13]

Und im Oktober kam ein Video in Umlauf, dass den ägyptischen Präsidenten Mohammed Morsi beim Gebet zeigt und wie er auf die Gebete des Imam, der Allah ersucht, die Juden zu vernichten, mit ‚Amen‘ antwortet.[14] Khaled Mashal, Hamas-Führer, wiederholte bei seinem ersten Besuch im Gazastreifen, dass seine Bewegung Israel zerstören will.[15]

Diese und viele andere Ereignisse zu erwähnen, würde ein wahres Bild davon zeichnen, wo sich heute die grösste Ansammlung extremer Antisemiten befindet.

Manfred Gerstenfeld hat 20 Bücher veröffentlicht. Er erhielt den Preis fürs Lebenswerk des Journal for the Study of Anti-Semitism. Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war



[1] www.youtube.com/watch?v=mkizDpl7x_E (part 1) (viewed 2 June 2009); www.youtube.com/watch?v=369WqEJ6ChA  (part 2) (viewed 2 June 2009).

[2] Benjamin Weinthal, “Germans use ‘anti-Israel’ Jews to soothe Holocaust guilt,” Jerusalem Post, 16 October 2011.

[3] Manfred Gerstenfeld, interview with Angelo Pezzana, “How the Memory of the Holocaust is Abused in Italy,” Israel National News, 23 January 2012.

[4] Vikram Dodd, “Muslim Council Ends Holocaust Memorial Day Boycott,” The Guardian, 3 December 2007.

[5] Manfred Gerstenfeld, “Muslim-Jewish Interactions in Great Britain,” an interview with Michael Whine, Changing Jewish Communities, 32, 15 May 2008.

[6] “Inget judiskt deltagande när Kristallnatten ska uppmärksammas,” Helsingborgs Dagblad, 7 November 2012 [Swedish].

[7] McGonagall, “Lysbakkens and Willochs Holocaust Memorial speeches not at all well received,” Norway, Israel and the Jews, 27 November 2012.

[8] “In Vorden omgekomen Duitse soldaten herdacht,” De Stentor, 17 April 2012 [Dutch].

[9] “Geen namen op monument Geffen,” Brabants Dagblad, 18 October 2012 [Dutch].

[10] Wierd Duk, “Geen Hamas-vrienden bij herdenking Kristallnacht,” Elsevier, 4 November 2010 [Dutch].

[11] http://www.platformtegenvreemdelingenhaat.nl/nieuws/kristallnachtherdenking-2012/

[12] Manfred Gerstenfeld, “The Toulouse Murders,” Journal for the Study of Antisemitism, Vol. 4, 1, 2012, 165-180.

[13] Caroline Politi, “ Abdelghani Merah, ‘Je veux denoncer la haine dans laquelle on a été élevés.” L’Express, 9 November 2012. [French]

[14] “Morsi mouths ‘Amen’ as Egyptian preacher urges ‘Allah, destroy the Jews’,” The Times of Israel, 21 October 2012.

[15] JPost.com Staff and Reuters, “Mashaal: First Gaza, then Ramallah, then Jerusalem,” Jerusalem Post, 8 December 2012.

3 KOMMENTARE

  1. Dummheit

    „Trotz der heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz der Rufe der Millionen: ‚Nie wieder Krieg‘, entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen.
    Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir. Der heutige Stand der Technik läßt die Wirtschaft rasch zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen, und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit der Aufschrift finden können: ‚Arbeitssuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen.‘
    Wie zu alten Zeiten wird man dann nach dem Länderraub trachten und wird dazu wieder Kanonen fabrizieren müssen, man hat dann wenigstens für die Arbeitslosen wieder Arbeit. In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

    Silvio Gesell, 1918 (direkt nach dem Ende des 1. Weltkrieges)

    „Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist.
    …Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.“

    (aus „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit“, 1943)

    Hätte sich Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) die Ursache der Dummheit bewusst machen können, wäre er kein Theologe mehr gewesen. Denn es ist die Religion, die – unabhängig von „Glaube“ (Cargo-Kult) oder „Unglaube“ (Ignoranz) – den Kulturmenschen verdummt, damit er in einer noch fehlerhaften Makroökonomie, die Massenarmut, Umweltzerstörung, Terrorismus und Krieg unvermeidlich macht, die „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ bis zum eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation, der Natürlichen Wirtschaftsordnung, nicht versteht und auch gar nicht erst verstehen will:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/03/opium-des-volkes.html

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