Ambulanz anlässlich der Anschlagsserie in Toulouse. Foto PD
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Wie im Rest der Welt ereignen sich Morde in Frankreich recht häufig; und nicht wenige der Mordopfer sind Kinder. Doch der Mord an einem Lehrer und drei Kindern einer jüdischen Schule in Toulouse erregte international Aufmerksamkeit. Um den Vorfall zu verstehen, wenn in den nächsten Wochen weitere Einzelheiten bekannt sind, hilft es, frühzeitig den Versuch zu unternehmen, viele seiner Aspekte zu interpretieren.

Die Tragödie von Toulouse ruft jüdischen Menschen in Frankreich  Ereignisse aus den vergangenen Jahrzehnten ins Gedächtnis, umso mehr, als der Killer, Mohamed Merah, ein Sympathisant von Al-Qaida war. 1982 wurden in dem jüdischen Restaurant „Goldberg“ in Paris sechs Menschen von Terroristen getötet; die meisten von ihnen gehörten vermutlich der arabischen Abu-Nidal-Gruppe an. Und es gab weitere Morde an jüdischen Menschen im letzten Jahrzehnt, die von Muslimen mit antisemitischen Motiven verübt wurden. 2003 wurde DJ Sebastian Selam von einem Nachbarn ermordet; Ilan Halimi 2006 von der „Bande der Barbaren“ unter der Führung von Youssouf Fofana.

Doch nicht nur französische Juden erinnern sich auch an hässliche Aussagen französischer Politiker in der Vergangenheit. Nach dem tödlichen Bombenanschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic in Paris im Oktober 1980, so erinnert sich der damalige israelische Botschafter in Paris, Avi Pazner, „liess Raymond Barre, der [rechte] französische Premierminister zu jener Zeit, versteckte antisemitische Ressentiments erkennen, als er sagte, dass die Terroristen es auf Juden abgesehen hatten, stattdessen aber ‚unschuldige Franzosen‘ töteten.”[1]

Die französische Partei der Sozialisten hat eine besonders abscheuliche Vergangenheit. Als es Ende 2000 zu einer Welle antisemitischer Vorkommnisse kam, verschlossen die Jospin-Regierung und insbesondere Innenminister Daniel Vaillant ihre Augen davor. Sie fürchteten, der „soziale Friede“ würde Schaden nehmen, wenn sie die Wahrheit sagten – dass nämlich die meisten Angreifer Muslime mit Migrationshintergrund waren. Und nachdem diese erheblichen antisemitischen Ausschreitungen schon seit einem guten Jahr in Gang waren, war in den Worten des sozialistischen Aussenministers Hundert Védrine vom Januar 2002 eine gewisse Empathie für muslimische Gewalt gegen Juden in Frankreich zu erkennen: „Man muss nicht unbedingt schockiert darüber sein, dass junge Franzosen mit Migrationshintergrund Mitgefühl mit den Palästinensern haben und über die Geschehnisse äussert erregt sind.“[2]

Zudem gibt es laufende nationale Aspekte: Frankreich befindet sich inmitten einer harten Kampagne bei der Wahl zum Präsidenten; Einwanderungsthemen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Partei UMP von Nicolas Sarkozy ging dabei bis zum Äussersten, als sie die rituellen Schächtungen – halal und koscher – angriff.

Nach den Morden in Toulouse gehen die zwei Hauptkandidaten für das Präsidentenamt kein Risiko ein. Sarkozy hat zusammen mit Richard Prasquier, dem Vorsitzenden des jüdischen Dachverbandes CRIF, die Schule in Toulouse besucht. Sowohl Nicolas Sarkozy als auch sein wichtigster Gegner, der Sozialist François Hollande, unterbrachen ihre Kampagne für zwei Tage.

Die Auswirkungen dieser Morde gingen jedoch weit über Frankreich hinaus. Jüdische Gemeinden in Europa erhöhten ihre Sicherheitsmassnahmen. Ervin Kohn, Leiter der jüdischen Gemeinde in Oslo, sagte zur Zeitung Dagbladet: „Das hätte ebenso leicht in Norwegen passieren können. Wir fühlen uns nicht sicher“. Er meinte ausserdem, die jüdische Gemeinde sei eine verletzliche Gruppe und würde es begrüssen, ständigen Polizeischutz an ihren Einrichtungen zu haben.[3]

Auch in den Niederlanden wurden zusätzliche Sicherheitsmassnahmen ergriffen. Die Tatsache, dass die niederländische Regierung nicht bereit ist, die jüdischen Gemeinden bei den Ausgaben für die Sicherheit zu unterstützen, ist nicht länger ein Streitpunkt zwischen der Regierung und der Gemeinde. Jüdische Gemeinden in Belgien, England, Italien und anderen europäischen Ländern brachten zum Ausdruck, dass sie Angst hätten.[4] Selbst in New York wurden zusätzliche Sicherheitsmassnahmen ergriffen.[5]

Verurteilungen der Morde, auch vom UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, kamen aus allen Ländern. Wut rief die EU-Hochkommissarin für Aussen- und Sicherheitsangelegenheiten mit einer Rede hervor, in der sie Gaza und Toulouse erwähnte und damit moralische Vergleichbarkeit andeutete. Die israelischen Minister Avigdor Lieberman, Ehud Barak und Eli Yishai verurteilten ihre Aussage genauso wie auch die Oppositionsführerin Tzipi Livni. Ashtons Mitarbeiter erklärten daraufhin, sie sei falsch zitiert worden. Auch wenn das stimmt – es ist nicht angebracht, die Toulouse Ereignisse mit einer Geschichte zu verbinden, die damit nicht Zusammenhang steht. Man kann die israelische Wut über Ashtons Aussage nur dann wirklich verstehen, wenn man weiss, wie voreingenommen die britische Labour-Politikerin in der Vergangenheit war. Ihre  Reaktion auf die Gaza-Flottille beispielsweise bestand darin, Israel aufzufordern, die völlig legale Seeblockade aufzuheben. Implizit forderte sie, der Terrororganisation Hamas zu mehr Waffen zu verhelfen. Dieser Verdacht einer anti-israelischen Parteinahme Ashtons wurde nun öffentlich gezeigt. Auf weitere voreingenommene Aussagen von ihr wird hoffentlich in ähnlicher Weise reagiert.

Mit der Zeit werden weitere Tatsachen über den Mord in Toulouse und den Mörder bekannt werden; auch neue Motive werden ins Blickfeld geraten. Ein Aspekt, der in den Blick gerät,  ist etwa der Vergleich zwischen dem Mörder Mohamed Merah in Frankreich und dem rechten Mörder Anders Breivik in Norwegen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Aufsichtsratsvorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairs.



[1] Manfred Gerstenfeld interview with Avi Pazner, “Choosing Between Israel and the Arabs,” in Israel and Europe, An Expanding Abyss, (Jerusalem: Jerusalem Center for Public Affairs, Konrad Adenauer Foundation, 2005), 165.

[2] Itamar Eichner, „The Anti-Jewish Aggressions Can Be Understood,“ Yediot Aharonot, 15 January 2005.

[4] Revital Blumenfeld, “European Jewish communities ramp up security following Toulouse attack,” Haaretz, 21 March 2012.

[5] Associated Press, “Security up at NY Jewish Sites After France Attack,” ABC News, 20 March 2012.