Holocaust-Tätowierungen als Fetisch

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Foto Frankie Fouganthin. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.
Lesezeit: 4 Minuten

Holocaust-Überlebende sterben allmählich aus, was einige seit Langem mit Sorge beobachten, die ihre Aufgabe darin sehen sicherzustellen, dass die Welt niemals die Verbrechen der Nazis und ihrer Kollaborateure vergisst. Das Verstreichen der Zeit bedeutet, dass die Zeitzeugen als beste Erinnerung selbst bald nur noch eine Erinnerung sein werden. Die Furcht, dass ihre Erfahrungen in Vergessenheit geraten würden, hat zu einer Verbreitung von Holocaust-Museen und Gedenkstätten geführt; auch wurden lobenswerte Bemühungen unternommen, Bibliotheken mit Zeugnissen von Überlebenden zu schaffen, die bleiben, wenn die Überlebenden selber fort sein werden. Doch einigen reicht das nicht.

Unter Enkeln von Überlebenden und anderen, für die dieses Thema von grosser Wichtigkeit ist, ist eine bizarre Modeerscheinung zu Tage getreten: sie lassen sich die Nummern, die die Nazis den Überlebenden eingebrannt hatten, auf ihre eigenen Arme tätowieren. Eine Dokumentation der New York Times zeigt, dass dieses Phänomen von isolierten Fällen zu einem quasi Trend unter einer grossen Anzahl von Jugendlichen in Israel angewachsen ist. Die Motive dahinter scheinen zwar reiner Natur zu sein, doch man muss sich schon über jene wundern, die eine Methode mit Begeisterung annehmen, deren ursprünglicher Zweck es war, gefangene Juden zu entmenschlichen. Die Überlebenden, die lange genug lebten, verstanden zwar letztendlich, dass die Meisten diese Nummer als eine Auszeichnung betrachteten und nicht als Zeichen der Schande. Doch dieser Akt des Fetischisierens der Beweise der Naziverbrechen scheint mehr über die derzeitige Generation auszusagen als über die Erfahrungen der Überlebenden.

Es stimmt, dass gegen Juden gerichtete Beleidigungen in der Vergangenheit zu Symbolen geworden sind, die über ihre ursprüngliche Bedeutung hinausgingen. Im katholischen Spanien wurden zum Christentum konvertierte Juden, die heimlich weiterhin ihr Judentum praktizierten, als „Marranos“ – Schweine – verspottet – doch die Geschichte hat diese Bezeichnung als ein Zeichen von Heldentum aufgenommen. Doch während Tätowierungen – aus Gründen, die sich mir völlig entziehen – im Jahr 2012 der letzte Schrei sind, verhält sich dieser Sachverhalt völlig anders und ist nicht bloss ein Wort.

Für Personen, die im traditionellen Judentum verankert sind, ist die Vorstellung einer Tätowierung zum Gedenken an die Shoah an sich abscheulich. Denn nach jüdischem Religionskodex ist die Praxis der Tätowierung unter allen Umständen verboten. Obwohl nicht alle Opfer religiös waren, genauso wenig wie alle Überlebenden und ihre Nachkommen es sind, hat die Adaption dieser Praxis etwas zutiefst Geschmackloses in sich. Mithilfe dieser Praxis versuchten die Nazis gegen jüdische Empfindlichkeiten vorzustossen, sowie die Opfer zu entmenschlichen, indem ihr Name durch eine Nummer ersetzt wurde.

Der Times-Artikel erwähnt diesen doch ziemlich wichtigen Punkt nur beiläufig. Und auch wenn wir ihn irgendwie ignorieren, könnte man den Tätowierungswahn – die Nummer eines Überlebenden zu kopieren – wie einen Versuch verstehen, eine Erfahrung zu personalisieren, die einem nie wirklich selber gehört hat.

Diejenigen, die über diese Praxis entsetzt sind, verstehen die heutige Jugend nicht, die an Tätowierungen nichts Falsches findet und einen besseren Bezug zu solchen individuellen Gesten als zu formlosen Konzepten hat, werden ihre Fürsprecher argumentieren. Das mag so sein. Eine Nummer auf einem Arm mag für den Einzelnen eine tiefe persönliche Bedeutung haben, aber sich selbst durch eine Tätowierung in ein lebendes Holocaust-Mahnmal zu verwandeln, bedeutet bloss, zum Gesprächsgegenstand zu werden. Das zumindest schien die Absicht derjenigen, die für die Geschichte der Times interviewt wurden.

Zugegebenermassen könnte man eine Holocaust-Nummer den Motiven vorziehen, die Menschen heutzutage bereit sind, sich gegen Geld auf ihre Hauf tätowieren zu lassen, wie der Historiker Michael Berenbaum der Times gegenüber erklärte. Doch man sollte nicht der Illusion unterliegen, dass eine Tätowierung der in der Shoah ermordeten sechs Millionen Juden auf geeignete Weise gedenken kann.

Die wichtigste Herausforderung, die sich Juden heute stellt, ist sich mit dem Judentum und dem jüdischen Volk wieder zu verbinden. Und zudem so zu handeln, um den lebenden jüdischen Staat zu schützen, der die beste Garantie dafür ist, dass sich ein Holocaust niemals mehr ereignen wird. Das erfordert gemeinsames Handeln, was als Antithese erscheinen mag, eine von der Entmenschlichung der Nazis inspirierte eintätowierte Nummer zu einem Gesprächsaufhänger zu erheben.

Das einzig geeignete Denkmal für die Opfer ist ein lebendiges atmendes jüdisches Volk, das entschlossen ist, in einer Welt zu überleben und zu blühen, in der es immer noch Antisemiten gibt, die Hitler möglicherweise gerne nacheifern würden. Für den Einzelnen mag die Einzeichnung einer Nummer auf der Haut eine Bedeutung haben, wie im Fall eines jungen Mannes, der sich dadurch seinen Grossvater in Erinnerung ruft. Aber die jüdische Identität kann nicht in einem vergeblichen Versuch verwurzelt sein, eine tragische Vergangenheit nachzuerleben. Das Judentum ist eine Bejahung des Lebens, nicht des Todes. So gesehen scheint dieser Versuch, sich ein Symbol der Abschlachtung zu schnappen als Möglichkeit, um eine Verbindung mit der Vergangenheit herzustellen, eher wie eine Provokation denn eine Methode, die Erinnerung an diese grosse Tragödie zu verewigen.

Originalversion: Fetishizing Holocaust Tattoos by Jonathan S. Tobin © The Commentary Magazine. 3 Octobre, 2012.

3 KOMMENTARE

  1. Sehr interessanter Artikel, vielen Dank.

    Ich kannte auch nicht die eigentliche bedeutung des Wortes „marrano“.

  2. Ich kann es kaum nachvollziehen, dass ein junger Mann sich die Erinnerung an seinen Grossvater in den Arm stechen lässt. Das Grossvaterbild, das er verinnerlicht hat, scheint mir schwach zu sein, sich im Nebel des Vergessens aufzulösen, so dass es diesen Akt des „Eingrabens“ braucht, um ihm die Erinnerung unvergesslich zu machen. Gleichzeitig sehe ich darin aber auch einen narzisstischen Anteil. Durch das zur Schau gestellte „memento mori“ an seinem Arm demonstriert er, dass er sich aus der Menge der Enkel heraushebt, indem er vorgibt, einen Teil der Qualen der Opfer zu übernehmen. Dazu fehlt ihm aber das eigene Erdulden der Qualen.
    Leider ist er kein Einzelfall. Von einer „bizarren Modeerscheinung“ zu sprechen halte ich für unpassend. Modeerscheinungen verlieren irgendwann ihre Leuchtkraft und geraten in Vergessenheit, die Tätowierungen aber bleiben erhalten und hinterlassen irgendwann möglicherweise einen unangenehmen Beigeschmack. Und dann bliebe von einer gewollten Demonstration des Erinnerns eine übergestülpte „Zwangsbeglückung“, die niemandem hilft.

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