Da Purim für übermässiges Wein-Trinken und lustiges Verkleiden bekannt ist, nehmen viele dieses Fest nicht sehr ernst: so wie Nichtjuden ihren Karneval haben, so muss es wohl auch bei Juden ein ähnliches Fest geben.

 

von Rabbiner Elischa Portnoy

Jedoch ist diese Sichtweise völlig falsch: auch dieses Fest wurde von unseren Weisen etabliert, und diese Weisen hätten nie und nimmer etwas Sinnloses eingeführt, nur damit das Volk „Spass hat“.

Unsere Weisen sagen im Talmud, dass wenn Maschiach (Messias) kommt, werden alle Feste (Pessach, Schawuot, Sukkot) verschwinden, und nur Chanukka und Purim bleiben ewig. Natürlich, muss man diese Aussage nicht wortwörtlich nehmen (sie hat einen tieferen Sinn), jedoch weist sie auf die grosse Bedeutung von Purim hin. Deshalb müssen wir versuchen zu verstehen, welche tiefe Ideen dieser Feiertag in sich hat und wie wir ihn richtig feiern sollen.
Dafür ist es nicht unbedingt nötig das Traktat „Megilla“ im Talmud zu lernen – man kann damit anfangen einfach den Namen des Festes zu betrachten. Wenn man da ein wenig genauer hinsieht, kann man viel Interessantes entdecken.

Woher kommt „Purim“?
Der Name des Feiertages, den wir in diesem Jahr Anfang März feiern werden, kommt aus der „Megillat Esther“ (Esther-Rolle): „Darum werden diese Tage Purim genannt, nach dem Worte Pur. Um deswillen und wegen all dessen, was in dem Schriftstücke stand, was sie selbst gesehen und erfahren hatten.“ (Esther 9:23). Was bedeutet aber „Pur“? Das ist ein aramäisches Wort und wird in „Megillat Esther“ auch übersetzt: „Im ersten Monat, das ist der Monat Nisan, im zwölften Jahre des Königs Ahasveros, ward das Pur, das ist das Los, vor Haman geworfen über die Tage und Monate, und es fiel auf den dreizehnten Tag im zwölften Monat, das ist der Monat Adar.“ (Esther 3:7).

Der grosse Antisemit Haman wollte also die erste „Endlösung“ für die Juden organisieren und versuchte dafür einen passenden Tag auswählen. Dafür hat er das Losverfahren (Purim) benutzt. Deshalb heisst auch das Fest „Purim“.

Der Knotenpunkt der Geschichte?
Es stellt sich jedoch die Frage, warum für den Namen dieses Feiertages gerade dieses Ereignis ausgewählt wurde. Es gab doch während jener Ereignisse, die im „Megillat Esther“ festgehalten sind, viele wichtige Momente, die zur Rettung der Juden geführt haben: die Absetzung von Königin Waschti, die Wahl von Esther zur Königin, die Aufdeckung der Verschwörung gegen den König, die Mahlzeiten, die Esther für den König und Haman veranstaltet hat. Warum gab ausgerechnet das Los-Werfen von Haman dem Fest seinen Namen?

Die Antwort auf diese Frage bringt uns dem Verständnis von Purim näher. Wenn man Zweifel hat und aus mehreren Option wählen muss, dann hat man sprichwörtlich die Qual der Wahl. Um sich davon zu befreien, kann man Lose benutzen. Auch heute noch wird zum Beispiel im Fussball eine Münze geworfen, um schnell zu entscheiden, welche Mannschaft mit dem Anstoss beginnt.

Das Losverfahren von Mosche
In der Thora wird gleich mehrere Male das Losverfahren angewendet. So wird im 4. Buch Moses (11:11-17) über die schwierigere Aufgabe berichtet, die Mosche Rabejnu von G’tt bekommen hat: die 70 Ältesten zu seiner Hilfe zu berufen. Unsere Weisen sagen, dass das Hauptproblem von Mosche darin bestand, dass die Ältesten alle Stämme gleichermassen repräsentieren sollten, jedoch konnte man bei 12 Stämmen und 70 Ältesten nicht die gleiche Anzahl der Ältesten von jedem Stamm zusammenbekommen. Deshalb sollten von zehn Stämmen 6 Repräsentanten kommen und von zwei Stämmen nur 5.

Purim 2015. Foto © Shlomo Taitz
Purim 2015. Foto © Shlomo Taitz

Unsere Weise berichten, dass Mosche sich überlegt hat: „Kein Stamm wird auf mich hören, wenn ich ihm sage, dass er einen Ältesten weniger haben soll“. Was tat er? Er nahm 72 Lose und schrieb auf 70 „Ältester“ und zwei liess er leer. Dann wählte er aus jedem Stamm 6 Männer aus, so dass es 72 waren, und sagte zu ihnen, nehmt eure Lose aus der Urne. In wessen Hand „Ältester“ gekommen war, der war geheiligt. Wessen Hand aber zu einem leeren Los gekommen war, zu dem sagte Mosche, dass ihn der Ewige nicht wünsche.

Hier musste also Mosche das Losverfahren anwenden, um die Unzufriedenheit der „betroffenen“ Stämme zu verhindern. Jedoch hatte dieses Losverfahren auch einen nützlichen Nebeneffekt: aus den 72 würdigen Kandidaten wurden die besten 70 ausgewählt, diejenigen, die tatsächlich von G’tt gewollt wurden.

Bemerkenswert ist das Schicksal der zwei Kandidaten, die leere Lose gezogen haben und nicht zu Ältesten wurde: unsere Weisen berichten, dass diese zwei Menschen, die Eldad und Medad hiessen, auch zu Propheten wurden und durch ihren Prophetien einiges bewegt haben.
Daraus sehen wir, dass die Möglichkeiten derer, die durch das Losverfahren ausgelassenen wurden, nicht immer schlecht sind.

Die Auslösung von Böcken am Jom Kippur
Auch beim G’ttesdienst am Jom Kippur im Tempel finden wir einen merkwürdigen Vorgang mit den Losen (3. Buch Moses, 16:7-8): „Danach soll er (Hohepriester) die beiden Böcke nehmen und sie vor den HERRN stellen, vor die Tür der Stiftshütte, und soll das Los werfen über die beiden Böcke, ein Los für den HERRN und ein Los für den Asasel“. Wenn der für G’tt geopferte Bock absolut nachvollziehbar ist, ist der Bock „für Asasel“ auf den ersten Blick schwer nachzuvollziehen: wer ist dieser „Asasel“? Warum soll ein Bock für ihn genommen werden?

Unsere Weisen erklären, dass mit „Asasel“ die „bösen Kräfte“ gemeint sind. Diese Kräfte „spielen“ zwar in unserem Leben gegen uns und versuchen uns zu stören unsere Aufgabe zu erfüllen, jedoch sind auch sie auch von G’tt erschaffen und dienen schlussendlich auch dem Plan G’ttes. Darauf deutet auch die Anforderung, dass diese zwei Böcke unbedingt ähnlich aussehen sollen: sowohl der geopferte Bock im Tempel, als auch der vom Felsen geschmissene Bock „für Asasel“ – beide sind für G’tt.

Purim an der Klagemauer 2015. Foto © Shlomo Taitz
Purim an der Klagemauer 2015. Foto © Shlomo Taitz

Das Trinken soll nicht bodenlos sein
Jetzt können wir verstehen, warum unser Fest den Namen „Purim“ bekommen hat, obwohl das Lose-Werfen von Haman nur eine Episode in der ganzen Geschichte war. Das Wein-Trinken am Purim soll nicht dazu führen, dass man unter den Tisch fällt. Unsere Weisen haben die Grenzen der Betrunkenheit ganz klar definiert: „ad delo jada“ – bis man nicht mehr den Unterschied zwischen „Sei gesegnet, Mordechai“ und „Sei verflucht, Haman“ erkennt. Was zuerst komisch erscheint, hat eine tiefe Bedeutung: man soll zu der Erkenntnis kommen, dass alles, was in dieser Welt ist, von G’tt kommt. Sowohl das Gute, als auch das Schlechte.

Die Erkenntnis bringt Freude
Purim ist der fröhlichste Feiertag des Jahres: wenn man Zweifel hat, dann ist man hin und her gerissen. Und erst wenn man zur Klarheit kommt, ist man erleichtert und zufrieden.
Und da spielt der Wein seine wichtige Rolle: die Betrunkenheit gibt uns die Möglichkeit die Grenzen der „Realität“ zu verwischen: Es stimmt nicht immer das, was uns logisch erscheint. Oft verstehen wir erst viel später, dass vermeintlich schlechte Ereignisse in unserem Leben eigentlich ein Segen für uns waren. Hätten wir das gleich verstanden, wären uns Leiden, Kummer und Enttäuschung erspart geblieben. Am Purim jedoch gibt es die einzigartige Möglichkeit zu dieser Erkenntnis zu gelangen, sie zu verinnerlichen und die Freude daraus mitzunehmen.

Zuerst veröffentlicht auf Jüdische Rundschau – Unabhängige Monatszeitung.

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