Das Hadassah Spital ist heute eines der führenden Krankenhäuser im Nahen Osten. Sowohl Fachkräfte als auch Patienten bestehen aus Juden und Muslimen, was innerhalb dieses Krankenhauses das Natürlichste der Welt zu sein scheint.

Esther Leuchter hat für Audiatur-Online mit einem jüdischen, aus der Schweiz immigrierten und einem palästinensischen Arzt gesprochen.

Interview mit dem schweizer-israelischen Arzt Dr. Avidan am Hadassah Spital Jerusalem

„Ja, wir behandeln hier auch Terroristen“

PD Dr. Alexander Avidan (ehemals Richter) wurde 1962 in Basel geboren. Nach der Matur, die er im Kohlenberg-Gymnasium absolvierte, verbrachte er ein Jahr in Israel, kam dann nach Basel zurück und begann sein Medizinstudium.

1992 wanderte er mit seiner Frau nach Israel aus und liess sich am Hadassah Ein Kerem Universitätsspital zum Anästhesisten ausbilden wo er als solcher bis heute arbeitet.

1995 kamen seine Drillinge zur Welt und 2008 noch ein Sohn. Audiatur-Online hat sich mit Dr. Avidan über seine Arbeit am israelischen Krankenhaus unterhalten:

Audiatur-Online: Ist eine Narkose heute noch etwas Riskantes? Kann es zu schwierigen Situationen kommen?

Dr. Alexander Avidan: Die moderne Narkose ist ein sicherer Eingriff. Dennoch gibt es komplizierte Fälle, bei welchen die Narkose ein Risiko darstellen kann. Bei Notoperationen beispielsweise wissen wir nicht im Voraus was uns bevorsteht. Schwierig wird es auch, wenn ein Patient an verschiedenen Krankheiten leidet, die entgegengesetzte Massnahmen erfordern.

Wir hatten eine Patientin, die einen Hirntumor hatte. Sie war in der 36. Woche schwanger und der Tumor führte zum Beginn einer Erblindung. Ein Kaiserschnitt wäre zu riskant gewesen. Es wurde eine interdisziplinäre Sitzung einberufen, in der beschlossen wurde den Tumor operativ zu entfernen.

Die grosse Herausforderung dabei war, dass ich es mit zwei Patienten zu tun hatte – mit der Mutter und dem Fötus. Für den Fötus wäre eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr gut gewesen, für den Tumor der Mutter jedoch nicht. Da musste ich genau abwägen.

Glücklicherweise kam es zu einem guten Ende. Die Mutter konnte ohne Erblindung entlassen werden und das Kind bis zuletzt austragen.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Meine Arbeit beginnt am Vortag mit dem Anruf des Assistenzarztes. Er informiert mich über die Patienten, die auf dem Operationsplan stehen. In der Regel wurden schon Vorabklärungen getroffen, ansonsten besprechen wir noch allfällige Unklarheiten.

Mein Arbeitstag beginnt um 7.30 und endet um 15.30, ab und zu auch später. Ab 15.30 übernehmen die Dienstärzte bis etwa 23 Uhr. Dann werden nur noch Notoperationen gemacht.

Woher kommen die Patienten im Hadassah Spital?

Die Patienten kommen aus dem ganzen Land zu uns, vorwiegend aus Jerusalem.

Auch aus Ramallah und Gaza, aus den autonomen palästinensischen Gebieten?

Ja, auch von dort. Ich weiss meistens woher die Patienten kommen, weil ich mich mit ihnen unterhalte und ich kann es auch an ihren Wohnadressen erkennen. Es hat jedoch keinerlei Einfluss auf meine Arbeit. Jeder Patient erhält dieselbe Aufmerksamkeit von mir. Zu meinen Aufgaben gehört es, den Patienten zu beruhigen, wenn er nervös ist oder sich vor der Narkose oder der Operation fürchtet. Ich beantworte seine Fragen und manchmal tut es dem Patienten gut, einfach ein wenig zu plaudern. Dabei spielt es keine Rolle woher der Patient kommt.

Wir haben auch Ärzte, die von ausserhalb Jerusalem kommen. Ein muslimischer Arzt kommt jeden Tag aus Jericho, ein anderer kommt aus Bethlehem und wir haben einen sehr guten Arzt aus Jordanien, der auch hier seine Ausbildung absolviert hat. Wir haben hier eine positive und angenehme Atmosphäre, in der wir uns gegenseitig respektieren. 

Kann man wählen, ob man von einem israelischen oder einem arabischen Arzt behandelt werden möchte?

Nein.

Gibt es Patienten, die sich weigern, von einem israelischen bzw. arabischen Arzt behandelt zu werden?

Ich habe von solchen einzelnen Begebenheiten gehört, auf unserer Abteilung kam das jedoch noch nie vor.

Werden hier auch Terroristen nach einem Attentat behandelt?

Ja. Glücklicherweise gibt es heute weniger Attentate, darum kommt es seltener vor, aber Terroristen werden nach Anschlägen bei uns behandelt.

Ihnen kommt dieselbe Behandlung zu wie jedem anderen Patienten, im Moment der Behandlung geht es ausschliesslich darum, Leben zu retten.

Vor Jahren, als ich hier Assistenzarzt war, wurden nach einem Anschlag sowohl der Attentäter als auch das Opfer bei uns behandelt. Auf der Intensivstation lag das Opfer im einen Bett und im Nachbarbett lag der Attentäter. Das war eine groteske Situation –  die Emotionen dazu lassen sich kaum in Worte fassen.

Das heisst, dass diejenigen, die Ihr Volk und Ihre Angehörigen umbringen wollen, im Hadassah Spital gesund gepflegt werden. Sie behandeln sozusagen Ihre eigenen Feinde.

So ist es.

Was denken Sie, wie zugehörig sich arabische Ärzte im Hadassah Ein Karem Spital fühlen?

Ein arabischer Arzt hat mir einmal gesagt, dass man im Hadassah Spital nach seinen Fähigkeiten und nicht nach seiner Zugehörigkeit beurteilt wird. Ein arabischer Arzt wird, wenn er gut ist, geschätzt und gefördert, genau so wie ein israelisch-jüdscher Arzt. Da werden keine Unterschiede gemacht.

„Das Hadassah Spital ist ein spezieller Ort.“

Warum funktioniert dieses Miteinander und die sehr gute Zusammenarbeit im Leben ausserhalb des Spitals nicht?

Das Hadassah Spital ist ein spezieller Ort. Wir ziehen hier alle am selben Strick. Wir sind da, um Leben zu retten, um kranke Patienten zu heilen. Das geht nur bei einer optimalen Zusammenarbeit. Politische Meinungen werden hier nicht vertreten.

Ihr Sohn leistet in der IDF Militärdienst. Beeinflusst das Ihre Arbeit? Ihre politische Einstellung?

Nein, ausser, dass ich nachts weniger gut schlafe, hat das keinen Einfluss auf meine Sichtweise oder meine Arbeit.

Welche eindrückliche Begebenheit berührt Sie nach wie vor?

Eindrücklich im Sinne von schwierig sind für mich vor allem tragische Momente mit Kindern. Als Beispiel: um einen Hirntod festzustellen, macht man geeichte Tests. Dazu wird ein Team zusammengestellt, bestehend aus einem Kinderarzt, einem Neurologen und einem Anästhesisten.

Das Kind liegt wie „schlafend“ im Bett und wenn nach den Tests der Hirntod festgestellt wird, wird die Beatmungsmaschine abgestellt. Das ist für mich furchtbar, damit habe ich nach all den Jahren immer noch Probleme

Ein positives Erlebnis war sicherlich die erfolgreiche Operation der schwangeren Tumor-Patientin, die wir gemeinsam mit ihrem Kind retten konnten. Das sind sehr schöne und befriedigende Momente und Augenblicke der Dankbarkeit.

 

Interview mit dem palästinensischen Arzt Dr.Bich am Hadassah Spital Jerusalem

Menschen draussen können sich nicht vorstellen, dass das so funktioniert. Aber das tut es.“

Dr. Abu Bich wurde 1970 in Tulkarem, einem palästinensischen Dorf nahe Netanya geboren. Dort verbrachte er seine Kindheit und Jugend. Nach der Schulzeit ging er in die Ukraine, um Medizin zu studieren. Als er zurückkam, begann er im Spital in Jericho zu arbeiten. Dort war er 8 Jahre lang tätig. Nach einer 2-jährigen Ausbildung wurde er Leiter der dortigen Notfallstation.

Danach wechselte er ins Hadassah Ein Kerem Universitätsspital, um sich dort zum Anästhesisten ausbilden zu lassen.

Dr. Bich ist verheiratet und hat 3 erwachsene Töchter und anderthalb Monate alte Zwillingssöhne.

Audiatur-Online: Sie sprechen offensichtlich verschiedene Sprachen?

Dr. Abu Bich: Ja. Meine Muttersprache ist Arabisch. Als ich ins Hadassah Ein Kerem Spital kam, konnte ich nur einige Worte Hebräisch sprechen. Jetzt beherrsche ich die Sprache, weil ich sie im Alltag benutze.

Russisch spreche ich, weil ich in der Ukraine studiert habe und Englisch, weil das eine Pflichtsprache für das Medizinstudium ist.

Warum gingen Sie in die Ukraine, um Medizin zu studieren?

Damals, als ich mit dem Medizinstudium begann, gab es in den palästinensischen Gebieten noch keine Universitäten. Das ist heute anders, heute gibt es in mehreren palästinensischen Städten Studienangebote.

Haben Sie in der Schule Hebräisch gelernt?

Nein, als ich zur Schule ging lernten wir nur Arabisch. Heute kann man an manchen Schulen Hebräisch als Zusatzsprache nehmen, aber es ist kein Pflichtfach.

Bevor ich meine Arbeit am Hadassah Ein Kerem Spital aufnahm, lernte ich während zweier Monate Hebräisch in einem Ulpan (Sprachschule). Daraufhin folgte ein 2-monatiges Praktikum im Spital.

Durch die Arbeit und den Gesprächen mit Ärzten und Patienten, lernte ich in angemessener Zeit mich auf Hebräisch zu verständigen. Dabei hat mir die Ähnlichkeit der beiden Sprachen Hebräisch und Arabisch sehr geholfen.

2000 Wörter, die ähnlich klingen, haben dieselbe Bedeutung. Das hat Vieles erleichtert.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Mein Arbeitstag beginnt um 7.30. Zwischen 6 und 6.15 Uhr komme ich hier an. Dann trinke ich meinen Kaffee und tausche mich mit dem behandelnden Arzt des Patienten aus. Obwohl ich die Informationen auf meinem PC habe und diese bereits durchgegangen bin, ist mir das Gespräch mit dem Arzt wichtig.

Dann begrüsse ich den Patienten und frage ihn, ob er seine Medikamente genommen hat. Ich erwähne z.B , dass ich über seine frühere Krankheit informiert bin.  So realisiert er, dass ich über ihn  Bescheid weiss. Das erzeugt Vertrauen.

Sieht ihr Arbeitstag während des Ramadans anders aus?

Während des Ramadans fasten wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Unser Arbeitstag ändert sich dadurch nicht, ausser dass in dieser Zeit sehr darauf geachtet wird, dass wir das Spital rechtzeitig verlassen können, um beim Fastenbrechen zu Hause zu sein. Das sind feste Regelungen des Spitals, die auch so eingehalten werden.

Gibt es Patienten, die sich weigern, von einem israelischen bzw. arabischen Arzt behandelt zu werden?

Das kam in den vergangenen 9 Jahren nur ein einziges Mal vor. Als ich mich dem Patienten vorstellte, sagte er mir, er wolle sich von einem jüdischen Arzt behandeln lassen.

Ich ging zu meinem Vorgesetzten, einem israelischen Arzt, um ihm das mitzuteilen. Seine Reaktion dem Patienten gegenüber war klar und unmissverständlich. Im Hadassa Spital gehe es um die Gesundheit und das Leben der Menschen. Es werde nicht politisiert und somit gebe es keine Wahl über die Religionszugehörigkeit des Arztes seitens des Patienten.

Dieser Aspekt stehe nicht zur Diskussion. Dem Patienten stehe es frei, dies zu akzeptieren oder sich anderswo behandeln zu lassen.

Gibt es Unterschiede in der Arbeitsweise zwischen dem Spital in Jericho und dem Hadassah Ein Karem?

Ich habe hier gelernt sauber und sorgfältig zu arbeiten und dass der höher Gestellte, der Vorgesetzte, auch mehr Verantwortung trägt. Das hierarchische Denken fehlt uns Arabern ein wenig. Da tut jeder, was ihn richtig dünkt.

Die freie Meinungsäusserung, dass jeder sagen kann, was er denkt und jede Meinung wichtig ist, gibt mir das Gefühl ernst genommen zu werden. Es fördert das Gemeinschaftsgefühl und führt immer wieder unser gemeinsames Ziel vor Augen: die Gesundheit des Menschen.

Warum funktioniert dieses Miteinander und die sehr gute Zusammenarbeit im Leben ausserhalb des Spitals nicht?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Hier geht es um die Gesundheit des Menschen, um sein Leben. Wir arbeiten zusammen, weil wir dasselbe Ziel haben. Wir wollen dem Patienten die bestmögliche Behandlung für seine Heilung anbieten.

Unabhängig davon kann ich meine eigenen politischen Ansichten haben. Ich werde immer wieder gefragt, ob ich keine Angst habe und ob die Zusammenarbeit nicht schwierig sei. Die Leute draussen können sich nicht vorstellen, dass das so funktioniert. Aber das tut es.

Privat habe ich meine Familie, die mich unterstützt, und das gibt mir viel Kraft.

Hadassah Ein Kerem ist ein Ort der Zusammenarbeit, wo gute Beziehungen in beide Richtungen gepflegt werden – sowohl zu den Ärzten, als auch zu den Patienten.

„Ich bin hier sehr gut integriert.“

Begegnet man Ihnen, wenn ein Anschlag von einem Araber auf einen Israeli ausgeübt wird, mit Ressentiments?

Vor 2 Jahren versuchte ein palästinensischer Jugendlicher eine Israelin mit dem Messer umzubringen, dabei wurde er selbst verletzt und die Frau, das Opfer, trug schwere Verletzungen davon. Es ergab sich so, dass israelische Chirurgen den palästinensischen Jungen behandelten und ich die israelische Frau. Im Moment des Geschehens konzentriert sich jeder ausschliesslich auf die Behandlung. Da geht es nur darum, das Leben des Menschen zu retten. Und wie gesagt, hier ist nicht der Ort, an dem politisiert oder denunziert wird, im Gegenteil, ich bin hier sehr gut integriert.

Welche eindrückliche Begebenheit berührt Sie nach wie vor?

Als ich einmal auf dem Weg ins Spital war, fuhr ich an einen Unfall heran. Die Polizei war schon vor Ort. Ich zeigte ihnen meinen Ausweis, um 1. Hilfe leisten zu können. Als der Krankenwagen dann eintraf, fuhr ich weiter.

Später sah ich den Patienten wieder im OP. Er erinnerte sich noch an mich und bedankte sich bei mir. Das war ein sehr schönes Erlebnis.

Über das Hadassah Medical Centre

Henriette Szold wurde 1860 als Tochter eines Rabbinerehepaars in Amerika geboren.  1909 besuchte sie Jerusalem. Zurück in den USA gründete sie Ende 1912 die grösste jüdisch-zionistische Frauenorganisation und nannte diese Hadassah.

1913 wurden 2 ausgebildete Krankenschwestern aus den USA nach Israel gesendet, um in Jerusalem Hygiene, sowie Vorsorgeuntersuchungen einzuführen.

1918 baute Fam. Rothschild in Jerusalem ein Spital und übergab es den Krankenschwestern. Diese behandelten unter anderem Menschen aus Afrika, die unter der Augenkrankheit Trachoma litten. Im selben Jahr wurde die erste Schwesternschule gegründet.

Zwei wichtige und lebenserhaltende Neuerungen wurden von den beiden Krankenschwestern eingeführt.

  1. Jeder Patient, egal welcher Herkunft und Religion, wurde von ihnen behandelt.
  2. Die Schwestern führten die pasteurisierte Milch in der Bevölkerung ein.

Sie gingen von Haus zu Haus und verteilten die Milch an Familien mit Kleinkindern. Dadurch und durch weitere hygienische Massnahmen ging die Kindersterblichkeit deutlich zurück.

1919 zog Henrietta Szold nach Jerusalem, um Gesundheits- und Präventivprogramme für Kinder auszuarbeiten. Von da an wurden Schulkinder routinemässig untersucht.

1921 wurde in Tel Aviv ein Hadassah Spital eröffnet, ein Jahr später auch in Haifa. Wenig später auch in Tiberias und Safed.

1939 wurde das Hadassah Spital auf dem Mount Scopus neben der Universität eröffnet. Szolds Ziel, ein Universitätsspital zu gründen, wurde somit erreicht.

Im In-und Ausland wurde durch geschultes Personal Aufbauarbeit in medizinischer Grundversorgung geleistet. Es kamen auch Interessenten aus dem Ausland, um sich in Israel ausbilden zu lassen.

1945 starb Henriette Szold. Sie wurde in Jerusalem begraben.

1962 wurde das Spital Hadassah Ein Kerem eröffnet.

Heute existiert dort neben der Pflegefachausbildung, eine Schule für Zahnheilkunde, eine medizinische Fakultät und eine Schule für Pharmazeutik.

Jede Abteilung betreibt auch Forschung.

2005 wurde Hadassah als Ort der Gleichbehandlung aller Patienten, unabhängig von ethnischen und religiösen Ausrichtungen, für den Friedensnobelpreis nominiert.

Über Esther Leuchter

Esther Leuchter ist ausgebildete Heilpädagogin, von der Schweiz nach Israel ausgewandert und ist seit einiger Zeit publizistisch tätig.

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