Foto Adam Jones from Kelowna, BC, Canada - Orthodox Father and Child with Soldiers - Western Wall - Jerusalem - Israel, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35364896
Foto Adam Jones from Kelowna, BC, Canada - Orthodox Father and Child with Soldiers - Western Wall - Jerusalem - Israel, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35364896

Rabbi Jehoshua Pfeffer ist ein ultraorthodoxer, „charedischer“1 Rabbiner. Er wuchs in England auf und wanderte nach der Matura nach Israel aus, wo er einige Jahre an der Jeschiwa (Talmudschule) MIR unter der Leitung von Rabbi Ascher Weiss studierte. Nach weiteren 10 Jahren und der Ausbildung zum rabbinischen Richter (Dajan) war er als solcher im dortigen Beit Din (jüdisches Gericht) tätig. Er ist ausserdem Autor verschiedener Bücher und Zeitungsartikel über jüdische Gesetze. Sein Jurastudium hat er an der Hebrew University of Jerusalem mit summa cum laude abgeschlossen.

 

Heute leitet er die ultraorthodoxe Abteilung des Tikvah Funds – eine philanthropische Stiftung zur Förderung und der Ausbildung von jüdischen intellektuellen, religiösen und politischen Persönlichkeiten in verschiedenen Programmen in Israel und ausserhalb. Er selber unterrichtet dort Ökonomie, Jura und nationale Wissenschaften aus Sicht der Tora. Ausserdem unterrichtet er an verschiedenen Talmudschulen (Jeschiwot), doziert an der Hebrew University und betreibt die erste ultraorthodoxe intellektuelle Homepage, die er vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat.

Esther Leuchter unterhielt sich für Audiatur-Online mit Rabbiner Pfeffer.

Esther Leuchter: Wer wird als charedischer (ultraorthodoxer) Jude bezeichnet?

Rabbiner Pfeffer: Ultraorthodoxe Juden als Gemeinschaft gibt es als solche nicht. Die einheitliche Kleidung, die schwarzen Hosen und das weisse Hemd täuschen über die Tatsache hinweg, dass es eine Vielfalt von ultraorthodoxen Gruppen und eine dementsprechende Vielfalt an Ideologien unter den Ultra-Orthodoxen gibt.

Welches sind ausser der Kleidung ihre Gemeinsamkeiten?

Die Basis und somit die Definition oder das Charakteristische der Charedim ist die selbst gewählte Isolation, zur Erhaltung der jüdischen Werte und des gesetzestreuen Judentums. Bereits vor der Staatsgründung Israels wurde ein neues jüdisches Bewusstsein, und somit ein neues jüdisches Modell erschaffen. Der Zionist, der das Land aufbaut, in dem er Landwirtschaft betreibt, der Armee dient und sich allgemein an weltlichen Aktivitäten beteiligt. So entstand der säkulare Zionismus. Die Charedim sahen schon vor der Staatsgründung Israels in der Isolation, in der Abgrenzung von der Säkularisierung die einzige Möglichkeit, die jüdischen Werte beizubehalten und sie weiterhin zu leben.

Heute gibt es wie gesagt eine grosse Palette von charedischen Lebensarten und von charedischer „Ausübung der Gesetze“. Es gibt Charedim, die sich politisch betätigen, andere, die sich in der Gesellschaft integrieren – und diejenigen, die unter sich bleiben wollen.

„Die charedische Gemeinschaft sollte viel eher als gelebte Ideologie beschrieben werden, als eine Geschriebene“, schreiben Sie in einem Artikel. Was meinen Sie damit?

Charedim befassen sich nicht mit ihrer eigenen Ideologie, im Sinne der Reflexion. Sie überlegen sich nicht, weshalb sie Charedim sind. Sie wurden in die charedische Welt hinein geboren und leben entsprechend.

Aber all die zwischenmenschlichen Gesetze halten zur Selbstreflexion an…

Ja, das tun sie. Der Mensch sollte – sowohl auf geistiger Ebene, als auch im zwischenmenschlichen Bereich und vor allem auch in Beziehung zu G“tt – bestrebt sein, weiter zu kommen, d.h. menschlich und moralisch zu wachsen. Dazu ist es notwendig über sich selbst zu reflektieren. Aber das soll nicht auf Basis einer Ideologie, in Sinne einer philosophischen Analyse über den Charedismus, den er lebt, geschehen.

Charedi sein ist eine Lebensart. Es geht nicht um die Frage, weshalb wir auf viele Dinge verzichten, wir tun es einfach ohne uns tiefgreifende Gedanken darüber zu machen.

Wie wird jemand Charedi, der nicht als solcher aufwuchs?

Es war nicht mein Ziel Charedi zu werden. Die wenigsten Baalei Tschuwah 2 beabsichtigen das. Nach meinem Aufenthalt auf der ersten Jeschiwa (Talmudhochschule) kam kein anderer Weg mehr für mich in Frage, denn ich war von der Richtigkeit und der Wichtigkeit des Tora-und Talmudstudiums und der damit verbundenen strikten Einhaltung der jüdischen Gesetze überzeugt.

Der Glaube und das Vertrauen in G“tt und das Wissen darum, dass wir in G“ttes Händen sind, erzeugt eine gewisse Demut. So sind der gesetzlich vorgeschriebene Verzicht und die Einhaltung der Gebote eine Lebenshaltung, die Menschen dazu anhält, in jeder Hinsicht ein bescheidenes Leben zu führen.

Die Ausübung der Mizwot (von G“tt gegebene Gesetze) zieht somit einerseits eine radikale Veränderung des bisherigen Lebens mit sich, soll aber andererseits nicht das Ende aller Freizeitbeschäftigungen bedeuten. Es gibt keinen Grund auf das Musizieren oder auf sportliche Betätigungen zu verzichten, solange sie sich mit den jüdischen Gesetzen vereinbaren lassen.

Mit der Gründung von charedisch-weltlichen Institutionen schreiten Sie in Richtung Integration in die Arbeitswelt. Wie erklären Sie dies den skeptischen Charedim?

Charedim, die weltliches Wissen ablehnen, tun dies in erster Linie, weil sie die Annäherung an die säkulare Welt und als Folge davon die Assimilation befürchten. Ökonomische Gründe und die Ernährung ihrer Familien treiben sie jedoch dazu, einen Beruf zu erlernen. Dafür ist es unumgänglich, sich mit weltlichen Themen zu befassen.

Auch gibt es Männer, die nicht den ganzen Tag sitzen und Talmud lernen können – sie brauchen Abwechslung. Es gibt immer mehr Charedim, die sich für ein Fachgebiet interessieren und sich darauf spezialisieren. Auch bei jungen Charedim, Studenten von Talmudschulen, ist die Tendenz, sich weltliches Wissen anzueignen, zu beobachten.

Es ist eine Herausforderung, sich dem Weltlichen zu stellen und gleichzeitig die eigenen Werte beizubehalten.

Rabbi Jehoshua Pfeffer. Foto zVg

Haben amerikanische Charedim, von welchen viele sowohl täglich den Talmud lernen als auch ihren Unterhalt verdienen, Einfluss auf israelische Charedim?

Ja, das haben sie. Amerikanische Charedim sind anders als Israelische. Sie mussten sich nicht von einer neuen jüdischen Ideologie, wie dem säkularen Zionismus, abgrenzen. Sie haben, bis auf einige chassidische 3 Gruppierungen, eine Ausbildung absolviert und gehen einer Arbeit nach.

Wenn sie nach Israel kommen, wollen sie das „Leben in beiden Welten“ auch ihren Kindern ermöglichen. Darum gründen sie in Israel ihre eigenen Institutionen, welche diese Lebensart ermöglicht. Israelische Charedim  sehen diese Optionen in der Folge auch für sich und handeln entsprechend.

Viele Leiter der Talmudschulen wuchsen in nicht orthodoxen Kreisen auf. Das ausserhalb der charedischen Welt erworbene Wissen bringen sie dann in die Talmudschulen mit ein.

Das war bei mir nicht anders. Ich kam aus England hierher und entschied mich für ein charedisches Leben. Vieles sprach mich sofort an.

Es gibt einige von Armut betroffene Quartiere, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um die neuen Herausforderungen, die sich beim Erlernen eines Berufes stellen, mit Erfolg bewältigen zu können. Dabei möchte ich ihnen helfen, denn dort habe ich etwas anzubieten.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren in der charedischen Gesellschaft verändert?

Sehr vieles. Von aussen betrachtet mag das nicht sichtbar sein, da die Kleidung noch dieselbe ist. Aber die Gemeinschaft ist dauernd daran sich zu verändern.

1977 wurden die Charedim Teil der israelischen Regierung und erhielten daraufhin finanzielle Unterstützung.

In den letzten Jahren ist die charedische Gesellschaft enorm gewachsen und macht nun einen beträchtlichen Teil der israelischen Bevölkerung aus. Im Schulsystem beispielsweise machen die Charedim rund 25 % aller israelischen Schüler und Schülerinnen aus. Ähnlich verhält es sich in anderen Systemen.

Das heisst aber auch, dass Charedim eine grössere Verantwortung haben. Sie müssen sich überlegen, wie sie sich in der israelischen Gesellschaft bewegen wollen und wie weit sie sich integrieren wollen und können.

Das bisherige Verantwortungsgefühl der Charedim bezog sich auf innere Angelegenheiten, wie z.B. neue Charedim zu unterstützen.

Jetzt gilt es einen Teil von Israel zu sein.

Heisst das, Charedim müssen aus ihrer Isolation heraus?

Das ist die grosse Herausforderung. Wenn Charedim nicht isoliert wären, wären sie keine Charedim. Andererseits ist es nicht möglich ohne Engagement, ohne Beziehung nach aussen und dem Willen zur Integration, Verantwortung zu übernehmen. Es ist eine Gratwanderung und der Balanceakt ist schwierig. Aber wir haben keine andere Wahl. Wir müssen uns in die israelische Gesellschaft integrieren und gleichzeitig unsere Werte ohne Abstriche beibehalten.

Es gibt Charedim, die sich dagegen wehren, indem sie die Isolation stärken wollen. Doch ich denke, wir müssen mit der Entwicklung mitgehen und uns in das ökologische und finanzielle System einfügen. Die Leute wollen sich für etwas engagieren – folglich muss das neue Modell weiter entwickelt werden.

Zuvor sagten Sie, dass sich Charedim grundsätzlich keine Gedanken über ihr Charedisch- Sein machen. Warum tun sie es nun doch?

Wenn sie sich in die nicht-charedische Welt integrieren wollen, müssen sie wissen, wo sie stehen, um sich und die anderen besser zu verstehen. Das ist eine Notwenigkeit, wenn sie in der israelischen Gesellschaft Bestand haben wollen.

Ist das auch beängstigend?

Für manche ist es das wahrscheinlich. Aber es geht letztendlich auch um ihr Einkommen. Es gibt Menschen, die nicht lange darüber nachdenken und für sie ist es nicht beängstigend. Für andere vielleicht eher.

Ein anschauliches Beispiel für das interne Dilemma ist der Umgang mit dem Internet: Der Versuch, das Internet in der charedischen Welt zu verbieten, misslang, weil das Verbot nicht beachtet wurde. Es geht daher in erster Linie darum, einen vernünftigen Umgang mit Neuem zu lernen. Die Probleme müssen eingehend diskutiert und Lösungen müssen angeboten werden. Das geschieht leider viel zu wenig.

Heute haben viele Charedim Internet mit einem Filter installiert. Diese Idee hat sich zur Zufriedenheit aller Nutzer als gute Lösung erwiesen.

Könnte es künftig einen charedischen Zionismus geben?

Es kommt drauf an wie man Zionismus definiert. Für einige Charedim ist Zionismus das Gegenteil vom Charedisch-sein. Für andere ist der Zionismus eine Möglichkeit. Ich bin froh und dankbar, dass wir in unserem eigenen Land leben, wo wir nicht vertrieben werden können. Es war ein langer Weg bis dahin. Wenn jedoch Zionismus, wie zuvor erwähnt, bedeutet, ein neues jüdisches Modell zu leben, dann ist das für uns keine Option.

Es gibt heute eine grosse Gruppierung, deren Angehörige sich als charedische Israelis bezeichnen. Das heisst, dass man Charedi und Israeli sein kann, ohne religiöse Abstriche machen zu müssen.

Die Integration ist uns wichtig und Mitverantwortung zu tragen ebenso.

Vielen Dank für das Gespräch.

  1. Vom Hebr. Charada, was auf Deutsch „Furcht“ bedeutet. Gemeint sind G“ttesfürchtige.
  2. Baal Tschuva: Säkulare Juden, die ohne religiöse Bindung aufgewachsen sind, und zu orthodoxen oder ultraorthodoxen Juden werden. Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Baal-Teschuwa-Bewegung
  3. Chassidismus: Die vom Rabbiner Israel Baal Schem Tow (1698-1760) begründete Bewegung innerhalb des Judentums, die neben dem Einhalten der Gesetze die Freude, die Liebe zu G-tt und dem Mitmenschen, die emotionale Verstrickung in das Gebet, den Dienst an G-tt durch das Mystische betont. Der Chassid findet die G-ttlichkeit in jedem Aspekt der eigenen Existenz und in jenen Aspekten des materiellen Universums;
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