Ein Breaking the Silence
Ein Breaking the Silence "Zeuge" bei einer Aussage. Foto Screenshot Youtube / Breaking the Silence

Der israelische Jurist, Journalist und Autor des Buches „The industry of Lies“ Ben-Dror Yemini, stellte sich in einem selten zugelassenen offenen Streitgespräch der NGO „Breaking the Silence“. Die Organisatoren filmten einen Teil des Gesprächs und haben es aber nicht veröffentlicht. Ben-Dror Jemini hat daher seine Aussagen auf Anfrage anderer zusammenfassend niedergeschrieben.

von Ben-Dror Yemini

Es war, soweit ich weiss, das erste Mal, dass die führenden Akteure von »Breaking the Silence«, Yehuda Shaul, der Gründer, und Yuli Novak, die Geschäftsführerin, sich auf eine öffentliche Debatte einliessen. Die Veranstaltung fand vor einigen Tagen statt, im Rahmen des Forums hochrangiger Offiziere der Reserve. Shaul eröffnete die Erörterungen mit seinen persönlichen Erlebnissen als Sohn einer religiösen Familie, die nach Hebron gezogen war, um dort auf eine unangenehme Realität zu stossen. Diese hat sein Bewusstsein geformt. Wieder einmal erzählte er seine Geschichte vom Beschuss eines zivilen Wohnviertels mit Maschinengewehren. Nach ihm sprach Novak. Sie stellte die Schwierigkeiten dar, unter denen die Organisation arbeite. Weiter erklärte sie, keine der von ihrer NGO gesammelten Zeugenaussagen sei jemals widerlegt worden und: »Wir haben nie mit der BDS kooperiert«. Ich gestehe, dass mir bei diesen Worten die Galle hochkam.

Nach den beiden sprach ein Brigadegeneral der Reserve. Leider wurde mir nicht genehmigt, seinen Namen zu nennen. Der Mann hatte zahlreiche Führungspositionen in kämpfenden Einheiten bekleidet, nicht zuletzt als Kommandant der Fallschirmjäger und des Bataillons Judäa und Samaria.

Das vollständige Bild, erklärte der Offizier, sei sehr viel komplexer, als von »Breaking the Silence« dargestellt, einer Organisation, der der realistische Bezug zur Gesamtsituation fehle. Die Saga vom Beschuss der Zivilbevölkerung mit automatischen Schussanlagen widerlegte er.

Nun war endlich ich an der Reihe. Ich sprach frei, ohne schriftliche Vorlage, wie ich es bei meinen Vorträgen immer zu tun pflege – abgesehen von Zitaten, die eine wortgetreue Wiedergabe verlangen. Nach mir sprach ein Generalmajor der Reserve, ein Mitglied der israelischen Arbeiterpartei. Auch seinen Namen darf ich ohne seine Genehmigung nicht nennen. Er griff »Breaking the Silence« mit schärfsten Worten an.

Sie lesen hier den rekonstruierten Wortlaut dessen, was ich dort sagte, auf Wunsch derer, die mich nach der Debatte baten, meinen Beitrag zu veröffentlichen:

Meine Entgegnungen

»Ich habe gehört, was Shaul und Novak zu sagen hatten. Einem Teil davon stimme ich zu. Als »Breaking the Silence« gegründet wurde, genoss es meine öffentliche Unterstützung. Ich bin stolz darauf, in einem Staat zu leben, wo es zivilgesellschaftliche Organisationen gibt, die sich mit Kritik befassen, auch wenn diese schmerzhaft ist. Das Problem ist bloss, dass zwischen dem demokratischen Recht auf Kritik und den Aktivitäten von »Breaking the Silence« keinerlei Zusammenhang besteht

Die Akteure und ihre »Augenzeugenberichte«

Lassen Sie mich mit den Zeugenaussagen beginnen. Ich weiss nicht und kann auch nicht wissen, ob diese der Wahrheit entsprechen oder nicht. Auch habe ich nicht alle davon überprüft. Einige der drastischeren Berichte habe ich allerdings durchaus unter die Lupe genommen, nämlich gerade die von führenden Persönlichkeiten dieser Organisation. Yehuda Shaul erzählte von »der Vergiftung des gesamten Wassersystems« in einem palästinensischen Dorf. Eine solche hat es nie gegeben. Aber keine Sorge. Diese Geschichte entwickelte sich zu einer Lawine und bahnte sich ihren Weg bis hin zur Brunnenvergiftungsansprache von Mahmoud Abbas vor den Vereinten Nationen. Abbas hat seine Worte inzwischen zurückgenommen. Mir ist nicht bekannt, dass Yehuda Shaul dasselbe getan hätte.

Yehuda Shaul. Foto Oren Rozen. CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.
Yehuda Shaul. Foto Oren Rozen. CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.

Nadav Weiman erzählte von der Verhaftung eines palästinensischen Terroristen, der als menschliches Schutzschild benutzt wurde. Nicht nur die Kameraden aus Weimans Einheit bezeugten, dass dieser Vorfall nie stattgefunden hat…  auch aus Weimans eigener Darstellung des Ereignisses geht hervor, dass dabei niemals ein Palästinenser solchermassen missbraucht wurde.

Avner Gavriayahu legte vor den Vereinten Nationen einen Augenzeugenbericht über Plünderungen ab, die die Soldaten der IDF in palästinensischen Häusern ausgeübt haben sollen. Ob es denkbar ist, dass es vereinzelte Vorfälle von Plünderungen gegeben hat? Möglich. Gavriayahu aber erzeugte den Eindruck, das sei bei der IDF die Norm.

Schlimmer noch… bei einer Führung, die Gavriyahu ausländischen Journalisten, Diplomaten und anderen Gästen gab, erzählte er von IDF-Soldaten, die mit automatischen Schussanlagen auf Zivilisten schiessen, als sei es ein Videospiel. Diese Geschichte hat Yehuda Shaul hier wiederholt. Ob sie wahr ist oder nicht? »Breaking the Silence« hat dazu zwei oder drei Zeugenaussagen von Soldaten veröffentlicht. Mein heutiger Vorredner war Kommandant des betroffenen Abschnitts und hat die Geschichte bereits widerlegt. Auch ich habe sie untersucht. Tatsächlich gab es auf dem Höhepunkt der Intifada im Jahr 2002 vereinzelt Fälle, bei denen mit einem Maschinengewehr in Richtung des Hebroner Wohnviertels Abu-Snena geschossen wurde − aus dem Nacht für Nacht Feuer auf die jüdischen Stadtteile eröffnet wurde. Aber das war keine Routine. Es war kein Videospiel. Kein einziger Mensch wurde von diesen Schüssen der IDF-Soldaten getroffen. »Breaking the Silence« jedoch erzeugt den falschen Eindruck von einem Kriegsverbrechen.

Derselbe Gavriyahu zeigte bei einem Vortrag an der New Yorker Columbia Universität eine Moschee, die von der IDF getroffen worden war. Zu seinem Pech befand sich unter den Zuhörern auch Yonathan Ice, ein amerikanischer Student, der in der Militäraktion »protective edge« gedient hatte. Er sagte ihm: »Ich war damals als Soldat vor Ort. Wir haben diese Moschee nur deshalb angegriffen, weil sie von den Terroristen benutzt wurde und zwei Kameraden aus meiner Einheit dabei getötet wurden.« Gavriyahu war verlegen und murmelte nur noch etwas vor sich hin.

Lassen Sie mich fortfahren. Erst unlängst präsentierte Din Issacharov, der neue Sprecher von »Breaking the Silence«, einen Bericht darüber, dass er einen gefesselten Palästinenser gefoltert habe, und das vor Augen seiner Soldaten. Alle, das heisst, fast alle Kameraden aus seiner Einheit bezeichneten das als Lüge. Ich habe mit ihm gesprochen. Er sagte, er wolle mir den Namen einer Person geben, die die Geschichte bestätigen werde. Aber nur anonym. So etwas kann nicht als ernsthafter Beweis gelten, sagte ich ihm. Anonym gilt nicht.

„Ich bin gegen »Breaking the Silence«, weil ich für den Frieden bin.“

Damit liesse sich weiter fortfahren, aber lassen wir’s. Das TV-Magazin »Hamakor« des 10. Kanals, das aus seiner Sympathie für »Breaking the Silence« niemals einen Hehl gemacht hatte, konnte nur zwei der von dieser Organisation veröffentlichten Augenzeugenberichte verifizieren – zwei von zehn. Ob es Ausnahmefälle gibt? Mit Sicherheit gibt es die. Ob es in der IDF auch Sadisten gibt? Natürlich gibt es die. Ob ein Teil der Zeugenberichte wahr ist? Selbstverständlich ist ein Teil davon wahr.

Foto Screenshot TV-Magazin »Hamakor«
Foto Screenshot TV-Magazin »Hamakor«

Die IDF »Reinheit der Waffen« und wahre Problematik

Das Problem liegt darin, dass die Leute von »Breaking the Silence« durch die Welt reisen und den Eindruck erwecken, das sei das Antlitz der IDF. Eine Armee aus Haudegen und Sadisten. Und das sage nicht ich: Noam Chayut veröffentlichte einen Artikel unter dem Titel »Die Ausnahme ist einer, der nicht bereit ist, Zivilisten zu töten«. Sie fragen, wer Chayut ist? Nun, er ist einer der drei Vorstandsmitglieder von »Breaking the Silence«. Der Gemässigte unter ihnen. Ausser ihm gibt es zwei weitere. Auf die kommen wir gleich.

Erlauben Sie mir, Ihnen noch etwas zu erzählen: Als »Breaking the Silence« seine Aktivitäten aufnahm, habe ich einen wohlwollenden Artikel über sie veröffentlicht. Die Dinge müssten laut gesagt werden. Die Dinge müssten angehört werden. Ich weiss nicht, ob es die viel zitierte »Reinheit der Waffen« gibt oder nicht. Auf diese Debatte möchte ich mich hier auch nicht einlassen. Was ich weiss ist, was wir alle wissen: dass es Ausnahmen gibt und dass es auch Missetaten gibt. Diese müssen aufgedeckt und eingeschränkt werden. Das muss auch dann der Fall sein, wenn die IDF Unschuldige weniger – ich wiederhole: weniger – in Mitleidenschaft zieht als jede andere Armee auf Erden es unter vergleichbaren Umständen täte.

Das Problem ist die Ausgangssituation. Es sind die Umstände selbst, die Herrschaft über ein anderes Volk. Es ist legitim, einen politischen Kampf zu führen, um diese Situation zu ändern. Ein solcher Kampf muss sogar geführt werden. Aber um diesen Kampf zu führen, braucht man keine Lügen. Um diesen Kampf zu führen, muss man nicht behaupten, der Grossteil der IDF-Soldaten sei bereit, Zivilisten zu töten. Um diesen Kampf zu führen, ist es nicht notwendig, den Eindruck zu erwecken, die Soldaten der IDF beschössen Zivilisten mit automatischen Schussanlagen, als sei es ein Videospiel.

Ist »Breaking the Silence« nun BDS oder nicht

Diese Frage ist sehr heuchlerisch. Weil nämlich eine ganze Reihe von Stiftungen, die die BDS unterstützen, auch »Breaking the Silence« unterstützen. Die Liste ist bekannt. Wir sprechen von Misereor (BRD), AECID (Spanien), Trócaire (Irland), ICCO (Holland), Broederlijk Delen (Belgien), der Open Society Foundations (OSF) des Magnaten Georges Soros, der Rockefeller-Stiftung und dergleichen mehr. Wer erklärtermassen BDS oder BDS-unterstützende Körperschaften mitfinanziert und dabei gleichzeitig Gelder an »Breaking the Silence« überweist, weiss ganz genau, was er tut. Er dient den Interessen von BDS − jedes Bestreiten dieses Sachverhalts hat etwas von einer Verhöhnung.

Aber damit nicht genug. Noam Chayut, eines der drei Vostandsmitglieder von »Breaking the Silence«, habe ich bereits erwähnt. Es gibt noch zwei weitere – Micky Karzman und Avi Mograbi. Und, welch eine Überraschung – sie beide unterstützen internationale Sanktionen gegen Israel. Sie beide sind Mitunterzeichner eines Aufrufs, den auch sämtliche Stars der anti-zionistischen Linken unterschrieben haben.

Ob also »Breaking the Silence« die BDS unterstützt? Wie kommen Sie auf eine so absurde Idee?

Will man in der Historie der Organisation etwas weiter zurückgehen, findet man in deren Vorstand auch Nurit Peled-Elchanan. Nicht nur, dass diese den Boykott gegen Israel unterstützt. Bei ihr handelt es sich um eine der wenigen Aktivistinnen, von denen man sagen darf, dass sie die rote Linie zwischen Antizionismus und Antisemitismus längst überschritten haben. Hier ein Zitat aus ihrem Mund:

»Sämtliche abstossenden Eigenschaften, die die antisemitische Welt den Juden zuschreibt, sind bei den Führungspersönlichkeiten des Staates Israel zu finden: Durchtriebenheit, Betrug, Kindermord und Geldgier.«

Neben ihr ist BDS ein blutiger Anfänger. Sie ist bereits tief ins Netz antisemitischer Machenschaften verstrickt.

Man kann noch weiter ausführen: 2014 unternahm »Breaking the Silence« eine Tournee durch Irland, mit einer Ausstellung von Fotos aus den besetzten Gebieten. Begleitperson war Yehuda Shaul. Die Schirmherrschaft übernahm der BDS-unterstützende Verband Trócaire. Die Folge dieses Besuchs war die Rede eines irischen Abgeordneten, Richard Boyd Barrett. Ich weiss nicht, wie ein antisemitischer Hassprediger im 16. Jahrhundert ausgesehen hat, ich weiss nur, wie ein solcher heute aussieht. Das Video ist auf Youtube zu sehen. Nichts für Menschen mit schwachem Herzen.

»Es gibt hier keine zwei Seiten«, sagte Boyd Barrett, »sondern nur ein terroristisches Apartheid-Regime, das mit mörderischer Böswilligkeit Unschuldige tötet. Wir hatten hier ehemalige Soldaten von »Breaking the Silence« zu Besuch. Deren Buch muss man lesen (Herausgeber ist Gavriyahu), um zu verstehen, dass alles, was Israel tut, vorsätzlicher Mord ist.«

Wie zum Teufel soll eine solche antisemitische Propaganda dem Frieden, der Aussöhnung und dem Verständnis unter den Völkern dienen? Ich glaube, dass das hier versammelte Publikum Frieden will. Es gibt vielleicht unterschiedliche Meinungen über den Weg dahin. Aber über das Ziel sind sich alle einig. Auf der politischen Landkarte, und das möchte ich betont haben, zähle ich zu denen, die jede Friedensinitiative unterstützt haben, die hier irgendwann einmal auf dem Tisch lag, einschliesslich der saudischen oder der arabischen, allerdings ohne den Paragrafen des Rechts auf Rückkehr, weil es ein solches Recht nicht gibt. Seine Bedeutung wäre jedenfalls die Liquidierung Israels.

„Fördert »Breaking the Silence« wirklich den Frieden?“

Ich frage mich nur eins: welche Rolle spielen Organisationen wie »Breaking the Silence« im Kampf für den Frieden? Sind sie diesem förderlich oder entfernen sie ihn nur? Fördern sie die Dämonisierung oder stärken sie die Chance für eine Aussöhnung? Stärken sie die Palästinenser, die zu einer friedlichen Regelung bereit sind, oder stärken sie die Anhänger der BDS? Die keine Aussöhnung wollen?

Mir scheint, die Antwort ist klar. »Breaking the Silence« dient dem Vorteil der extremistischen Rechten der Palästinenser und der extremistischen Rechten der Juden. Für diese ist es ein wahrer Schatz. Weil es die palästinensischen Ablehnungsfront stärkt. Weil es die Entfremdung vertieft. Weil es das ehemalige Friedenslager in ein Lager verwandelt, das den Hass auf Israel pflegt.

Ob es auch anders geht? Natürlich geht es anders. Nehmen wir zum Beispiel eine Organisation wie die »Genfer Initiative«. Sie tut genau das Gegenteil von »Breaking the Silence«. Sie führt keine internationale Kampagne, die Israel als Bestie darstellt. Sie bringt Israelis und Palästinenser zusammen, Durchschnittsbürger, und zeigt beiden Parteien, dass auch die Gegenseite aus Menschen besteht. Nicht aus Monstern.

Eines der faszinierendsten Argumente von »Breaking the Silence« ist, dass sie ins Ausland gehen, weil man sie hier nicht reden lässt. Das Gegenteil ist wahr: Erst als die Dimensionen seiner internationalen Propaganda deutlich wurden, gewann die Kritik gegenüber »Breaking the Silence« hier in Israel allmählich die Überhand. Auch die Meine. Als es die Unterstützung von Organisationen wie BDS gewann, konnte es nicht länger erwarten, hier mit Blumensträussen empfangen zu werden.

Ich bin gegen »Breaking the Silence«, weil ich jede Form von Dämonisierung ablehne. Ich bin gegen rechtsgerichtete Rassisten, die alle Araber als Ungeheuer darstellen, und ich bin gegen Menschenrechtler, die die Israelis zu Monstern machen. Ich bin gegen »Breaking the Silence«, weil ich für eine Vermenschlichung bin. Vermenschlichung ist das Gegenteil von Dämonisierung. Und ich bin gegen »Breaking the Silence«, weil ich für den Frieden bin.«

Aufgezeichnet von Ben-Dror Jemini (Yemini). Jemini ist Jurist, Journalist und Autor des Buches „The industry of Lies“. Übersetzung aus dem Hebräischen: Rachel Grünberger-Elbaz.

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