Foto Center for Jewish History, NYC. Public Domain.
Foto Center for Jewish History, NYC. Public Domain.

Wenn wir an Pessach denken, ist Pessach-Seder, neben dem Matza-Essen und dem Verbot des Chametz (Gesäuertes) eines seiner Hauptmerkmale. Doch wozu brauchen wir den Seder? Warum müssen wir jedes Jahr aufs Neue die Hagada lesen und spät am Abend noch die Geschichte diskutieren, die mehrere Tausend Jahre von uns entfernt ist? Reicht es nicht, wenn wir ein Stück Matza anbeissen und einander Gut Jom Tov wünschen?

von Rabbiner Elischa Portnoy

Rav Gitik erzählt eine spannende Geschichte, die uns helfen kann, diese Frage zu beantworten. Auf moderne Art und Weise würde diese Geschichte so lauten: der Präsident einer kleinen, aber reichen Bananenrepublik war mit seinen Leuten unterwegs zu einem öffentlichen Termin, nicht weit von der Hauptstadt entfernt. Und als die Cortège durch eine ruhige und menschenleere Gegend fuhr, wurde sie von Terroristen überfallen.

Die Falle war gut vorbereitet, und die Personenschützer wurden sehr schnell neutralisiert. Als die Terroristen den Präsidenten schon verschleppen wollten, passierte ein Wunder, wie es sonst nur in Hollywood-Streifen vorkommt: Gerade im Augenblick des Überfalls passierte ein Auto den Tatort, in dem drei Freunde sassen. Zufällig waren die drei Freunde ehemalige Soldaten einer Antiterror-Einheit. Die drei erfahrenen Männer haben die Situation sofort verstanden, sich sofort eingemischt, verblüffte Terroristen niedergeschlagen und den Präsidenten befreit.

Der glückliche und dankbare Präsident wollte sich gebührend bei den drei Rettern bedanken und fragte sie, was sie sich für ihre Heldentat wünschten: die Freunde – die wohl von Grimms Märchen beeinflusst waren – sagten, dass sie sich folgende Belohnung wünschen: sie würden morgen beim Präsidenten vorbeikommen und würden gerne Zugang zur Schatzkammer des Präsidenten bekommen. Alles, was sie innerhalb eines Tages von dort rausbringen könnten, sollten sie behalten dürfen.

Der Präsident, der steinreich war und immer noch von der Freude über die Rettung überwältigt war, sagte leichtfertig zu. Als er später in seinen Palast zurückkehrte, war die Freude über die Rettung schon wieder verflogen und der Gedanke an die versprochene Belohnung begann ihm Sorgen zu machen: auch wenn seine Schatzkammer recht gross und gut gefüllt war, so waren es doch drei kräftige und trainierte Männer, und innerhalb eines Tages konnten sie schon ziemlich viel aus seiner Schatzkammer hinaustragen. Das gefiel dem Präsidenten nun doch nicht mehr.

Deshalb sammelte er seine Berater und Fachleute und gab ihnen folgende Aufgabe: die Plünderung der Schatzkammer durch die drei Retter soll möglichst verhindert werden, aber so, dass die Männer ihm danach keine Vorwürfe machen könnten. Die Berater und die Fachleute des Präsidenten brauchten nicht lange, um eine gute Lösung zu finden: als die drei Retter am nächsten Tag zum Palast des Präsidenten ankamen, wurden sie von einer grossen und jubelnden Menschenmenge herzlich empfangen. Militärkapelle, roter Teppich, wichtigste Minister als Empfangsdelegation, junge Frauen mit Blumen, Kinder, die nach Autogramm fragen – die Helden waren von dem Empfang einfach überwältigt.

Als sie in den Palast geführt wurden, wartete dort der Präsident selbst. Er bedankte sich noch einmal ganz herzlich bei den Männern und gab jedem Retter einen Schlüssel zur Schatzkammer. Bevor die Männer sich jedoch in der Schatzkammer an die Arbeit machen konnten, bat der Präsident sie zu einem festlichen Buffet, das extra ihnen zu Ehre vorbereitet worden war. Da sagten die drei Männer natürlich nicht „nein“.

Einer von ihnen kostete ein paar Speisen und Getränken, und ging kurz darauf zur Schatzkammer. Die zwei anderen genossen das Buffet, die Reden und die Aufmerksamkeit. Die Zeit verging schnell, das Buffet dauerte immer länger. Als es schon Mittag war, bekam plötzlich der zweite Mann eine SMS von seinem Vater: „Und – wie viel hast du schon eingesammelt?“, wollte der Vater wissen. Da realisierte der zweite Mann, dass er seine Zeit verschwendet und ging schnell zur Schatzkammer, um die wenigen verbleibenden Stunden noch nutzen zu können. Der dritte Freund blieb bis zum Ende des Tages bei der Feier und verpasste damit die ganze Belohnung.

Unsere Seelen kommen in diese Welt und haben nicht viel Zeit, um die Schätze (Thora, Mitzwot und gute Taten) zu sammeln. Es gibt Gerechte, die von dieser materiellen Welt nur das Nötigste für sich nehmen und sich auf das Wichtigste konzentrieren (so wie der erste Retter in der Geschichte). Es gibt Bösewichte, die ganze Zeit nur mit Feiern verbringen und vergessen gänzlich, wofür sie in diese Welt gekommen sind (entsprechend dem dritten Retter in der Geschichte).

Und es gibt den Rest: Wir, die wir uns eigentlich gerne mit wichtigen Dingen beschäftigen würden, dies jedoch immer wieder wegen der schönen Nebensachen vergessen. Deshalb kommt jedes Jahr der Pessach-Seder, um für uns als Weckruf zu dienen.

Unzählige Symbole des Seders (Pessach-Teller, Ma Nischntana, vier Söhne), sollen uns an G’tt und an unsere Mission in dieser Welt erinnern.

Es liegt an uns diesen Weckruf von unserem Vater im Himmel nicht zu verpassen…

Zuerst veröffentlicht auf Jüdische Rundschau – Unabhängige Monatszeitung.

Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •