Yasser Arafat in Jordanien im Juni 1970. Foto PD

Mit Schweizer Terrorjahre: Das geheime Abkommen mit der PLO hat der „NZZ“-Journalist Marcel Gyr ein Buch zu einem der wichtigsten politischen Themen unserer Zeit vorgelegt: dem Nichtangriffspakt zwischen europäischen Regierungen und dem antijüdischen Terrorismus. Mit seinen exzellenten Kontakten zum Terrorismus spielte Jean Ziegler damals den Kuppler.

Von Stefan Frank

Sprache sagt oft alles über eine Gesinnung: Diejenigen, die im September 1972 das Massaker in München verübten und im Oktober 1977 das Lufthansa-Flugzeug „Landshut“ entführten, werden in Deutschland bis heute als „palästinensische Terroristen“ bezeichnet. Damit sind sie die einzigen, die man in Deutschland so nennt. Werden Juden in Israel umgebracht, sind die Täter „Militante“ oder „Kämpfer“, aber niemals Terroristen. Damit wird klar gemacht, dass Juden nicht hier getötet werden sollen, sondern woanders. Aus dem Holocaust haben die Deutschen eine Lehre gezogen: „Nicht vor unserer Haustür!“ – Wenn Araber Juden ermorden wollen, dann bitteschön an dem Ort, wo es aus deutscher Sicht legitim und normal ist.

Das ist nicht nur in Deutschland so. In ihrem Buch Europa und das kommende Kalifat beschrieb Bat Ye’or vor einigen Jahren, wie die italienische Regierung es in den Siebzigerjahren erlaubte, dass arabische Terroristen Waffen durch Italien transportierten und sogar Anschläge auf Juden verüben durften; das einzige, was Rom erbat, war, dass keine Nichtjuden getötet werden dürften – eine ungewollte Begleiterscheinung des Pakts war die versehentliche Sprengung des Bahnhofs von Bologna im August 1980.

Schweizer Pakt mit dem Teufel
Auch die Schweiz schloss heimlich einen Pakt mit dem Teufel. Mit diesem beschäftigt sich der „NZZ“-Journalist Marcel Gyr in seinem Buch Schweizer Terrorjahre: Das geheime Abkommen mit der PLO.

Der Hintergrund: 1969/70 verübten palästinensische Terroristen eine Anschlagsserie auf Schweizer Passagierflugzeuge. Im Februar 1969 wird auf dem Flughafen Zürich-Kloten eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al von einem Terrorkommando auf der Landebahn angegriffen. Mit Kalaschnikows feuern zwei Terroristen auf das Cockpit. Zwei weitere werfen Sprengkörper vor das Bugrad des Flugzeugs, das alsbald zum Stillstand kommt. Der Pilot wird tödlich verletzt. Einer der Täter wird von einem israelischen Wachmann, der an Bord der Maschine ist, erschossen. Drei andere werden von Feuerwehrleuten und der Polizei überwältigt und festgenommen und im Dezember 1969 zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Doch schon im Herbst 1970 sind sie wieder frei und dürfen nach Jordanien ausreisen. In der Zwischenzeit nämlich sind die Schweizer Politik und der internationale Terrorismus Freunde geworden. Was ist passiert? Im Februar 1970 stürzt nach einem Bombenanschlag eine Maschine der Swissair bei Würenlingen im Kanton Aargau ab. Alle 47 Insassen sterben. Wieder sind palästinensische Terroristen die Täter. Am 6. September 1970 werden gleichzeitig vier Passagiermaschinen auf dem Weg nach New York von der Terrororganisation PFLP entführt – darunter eine der Swissair – und zu einem Flugfeld bei Zerqa, Jordanien, gebracht.

Während rund dreier Wochen verhandelt die Schweizer Regierung mit den Entführern über die Freilassung der Geiseln. Verantwortlich ist der Bundesrat und Aussenminister Pierre Graber. Marcel Gyr schreibt:

„[Graber] agierte im Alleingang, ohne jegliche Absprache mit den anderen Bundesräten oder den Verantwortlichen in den übrigen von der Flugzeugentführung betroffenen Ländern. Aus den geheimen Gesprächen, von denen bisher nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist, resultierte ein Stillhalteabkommen zwischen der Schweiz und der PLO: Während die palästinensische Seite in Aussicht stellte, die Schweiz vor weiteren Anschlägen zu verschonen, wurde der PLO zugesichert, sie auf dem diplomatischen Parkett zu unterstützen.“

Während Graber verhandelt, befreit ein jordanisches Kommando die Geiseln. Obwohl damit die Geiselverhandlungen hinfällig sind, lässt die Schweiz die Attentäter von Kloten frei. Sie dürfen ausreisen.

Der Zürcher Staatsanwalt Robert Akeret, der seinerzeit die Ermittlungen des El-Al-Überfalls in Kloten und des Bombenanschlags in Würenlingen führte, ist fassungslos. Von Marcel Gyr mit den Recherchen über den Nichtangriffspakt konfrontiert, sagt er: „Endlich habe ich eine Erklärung für das Unbehagen, das mich jahrelang beschlichen hat.“ In seiner Vermutung, so Gyr, „über den Fall sei ‚der Mantel des Schweigens’ ausgebreitet worden und alles sei einen Stock höher, auf der Ebene der Bundesanwaltschaft, entschieden worden, sieht sich Akeret bestätigt“.

Der Agent: Jean Ziegler
An dem dämonischen Pakt massgeblich beteiligt ist der ganz linksaussen politisierende sozialdemokratische Nationalrat Jean Ziegler. Ziegler war – was Gyr in seinem Buch nicht erwähnt – jahrzehntelang ein enger Freund 1 des libyschen Tyrannen Gaddafi und wurde von diesem sogar mit dem „Gaddafi-Menschenrechtspreis“ ausgezeichnet (darüber hat Ziegler jahrelang gelogen 2; sprachen Reporter ihn darauf an, behauptete er, es gäbe eine Verschwörung „rechter jüdischer Gruppen“, die Lügen gegen ihn erfinde). „Ich war einer von den Intellektuellen, die [Gaddafi] oft eingeladen hat“, sagt 3 Ziegler stolz. Nach seiner Machtergreifung hatte Gaddafi Libyen judenrein gemacht und stieg sofort zum wichtigsten Mäzen des antijüdischen Terrorismus auf. Ziegler wiederum hatte, wie er im Gespräch mit Marcel Gyr gesteht, auch enge Kontakte zu den Terroristen selbst. Etwa zu Farouk Kaddoumi, dem „Chef des politischen Büros“ der PLO.

Farouk Kaddoumi ist ein Verwandter von Radi Kaddoumi, dem Attentäter von Würenlingen: zumindest sein Cousin, Gyr mutmasst sogar, er könne sein Bruder sein. Im Jahr 1970 gehen der PLO-Terrorist Farouk und seine Komplizen in Zieglers Wohnung ein und aus, wofür Ziegler die für ihn typische lächerliche Erklärung 4 hat: Die Terroristen „waren bei meiner damaligen Frau und mir oft zum Abendessen. Wedad kochte hervorragend, und die Gerichte aus ihrer ägyptischen Heimat boten arabischen Vertretern nicht nur aus der PLO ein wenig Heimat. So lernte ich mehrere Führungsfiguren kennen, und es entstanden Vertrauensverhältnisse.“ Insbesondere die „gefüllten Weinblätter“ seien bei den PLO-Kadern sehr gut angekommen, so Ziegler im Gespräch mit Marcel Gyr.

Die PLO in Genf
Nachdem sich Bundesrat Graber zwecks Kontaktaufnahme mit den Terroristen an Ziegler gewandt hatte, ging alles ganz schnell. Marcel Gyr schreibt:

„Während der Zerqa-Krise im September 1970 wurde Farouk Kaddoumi, der damals in Beirut weilte, von der Schweiz um Hilfe gebeten. Er hatte eigentlich eine Reise an ein Aussenministerium in Paris geplant, zeigte sich aber bereit, in Genf einen Zwischenhalt einzuschalten. Der Aufenthalt dauerte vermutlich drei Tage. Kaddoumi war in einem Fünfsternehotel mit Sicht auf den ‚jet d’eau’, den Genfer Springbrunnen, einquartiert. Es dürfte sich um das Hotel Président Wilson oder das Hotel Noga Hilton (das heutige ‚Kempinski’) gehandelt haben. Diese zwei Häuser verfügten schon damals über die notwendige Infrastruktur, unter anderem Schreibmaschinen mit arabischer Tastatur. Von seinem Hotelzimmer nahm Kaddoumi telefonisch Kontakt mit den Entführern von Zerqa auf und drängte sie zu einer gütlichen Lösung. Die Genfer Delegation der PLO umfasste neben Kaddoumi noch eine oder zwei weitere Personen. Damit sie das Aussenministertreffen in Paris rechtzeitig erreichen konnte, wurde ihnen eine Taxifahrt nach Paris bezahlt.“

Im Gespräch mit Gyr erinnert sich Kaddoumi an die Schweizer Avancen:

„Was sie uns angeboten haben? Nun, wie ich schon gesagt habe, sie haben sich herzlich bedankt. Und mir alles Gute gewünscht … Beim Abschied habe ich zur Schweizer Delegation gesagt: Wenn es wieder ein Problem geben sollte, könnt ihr mich gerne nochmals kontaktieren. Aber wie Sie wissen, hat es danach kein Problem mehr gegeben.“

Gyr nennt den Pakt ein „Stillhalteabkommen“ (ein Begriff, den auch Ziegler zunächst benutzt, bei der Autorisierung seiner Zitate aber durch „stillschweigendes Abkommen“ ersetzt habe, so Gyr). Er erklärt:

„Konkret hiess das in erster Linie: Farouk Kaddoumi garantierte im Namen der PLO, dass keine weiteren Terroranschläge auf Schweizer Zielobjekte verübt werden. Im Gegenzug stellte die Schweiz in Aussicht, die notwendigen Bewilligungen für ein PLO-Büro bei der Uno in Genf zu erteilen. Auch sollten bei der Einreise der palästinensischen Diplomaten weiterhin beide Augen zugedrückt werden.“

Im Zuge des Abkommens dürfen die Terroristen in der Schweiz einen Stützpunkt mit diplomatischer Immunität aufbauen – unter dem Vorwand, es handle sich um das „Büro“ eines Journalisten. Doch Daoud Barakat, der dort einzieht, ist ein Terrorist von Arafats Fatah. Wofür er sein Büro nutzt, wird alsbald klar:

„Am 16. Dezember 1971 detoniert in der jordanischen Uno-Mission in Genf eine Bombe. Ein Polizist wird lebensgefährlich verletzt. Der Tat verdächtigt wird ausgerechnet die Fatah. Der jordanische Missionschef beschuldigt Barakat zumindest der Mitwisserschaft. Die Hoffnung der Bundesbehörden, mit ihrem Entgegenkommen weitere Terrorakte der Palästinenser auf Schweizer Boden zu verhindern, erleidet einen herben Rückschlag.“

Nach dem Massaker von München im September 1972 spekulieren ausländische Medien auch über Barakat als möglichen Drahtzieher dieser Tat. Der stellt unterdessen immer weitere Forderungen:

„Barakat beschwerte sich: Zwar habe er, um die Geste der Schweiz zu honorieren, seinen Status im Genfer Büro akzeptiert. Er wünsche sich aber eine gelegentliche Ausdehnung seiner diplomatischen Privilegien, mahnte er. Dazu gehöre eine Erweiterung der diplomatischen Immunität auf seine Wohnung und insbesondere eine abhörsichere Funkverbindung nach Beirut. Mit subtilen oder schon eher perfiden Drohungen verleiht Barakat seinen Forderungen Nachdruck: Die PLO habe verschiedentlich palästinensische Splittergruppen zum Verzicht auf bereits geplante Attentate gegen die Schweiz bewegen können. … Dies werde aber nicht immer gelingen, wenn er nicht gelegentlich weitere entgegenkommende Schritte seitens der Schweiz ins Feld führen könne.“

Die Schweiz kam, so Gyr,

„Barakats Begehrlichkeiten weitgehend entgegen. Zwar hält das Politische Departement, vermutlich nach Intervention der Bundespolizei, an seinem Entscheid fest, Barakats Immunität nicht auf dessen Wohnung auszudehnen. Hingegen wird das PLO-Büro in Genf, das am 1. Oktober 1975 den offiziellen Uno-Beobachterstatus erhält, mit einer direkten, abhörsicheren Funkverbindung in den Nahen Osten ausgestattet.“

Im Juli 1981 wurde Kaddoumi in Bern vom damaligen Bundesrat Pierre Aubert (SP) empfangen – just zu einer Zeit, als der antijüdische Terror im Nachbarland Österreich einen neuen Höhepunkt erreichte: Am 1. Mai war Heinz Nittel, der Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, in Wien von arabischen Terroristen vor seinem Haus erschossen worden. Am 10. August werden Bomben auf die israelische Botschaft in Wien geworfen – eine Frau wurde verletzt. Am 29. August 1981 erfolgt ein Angriff mit Maschinengewehren und Granaten auf eine Bar Mitzvah im Wiener Stadttempel: Zwei Juden werden getötet, 30 verletzt. Die Schweiz hat derweil mit dem Terror ihren Frieden geschlossen, nach dem Motto: Ihr könnt morden, wir unterstützen euch sogar, tut es nur bitte nicht bei uns.

Fazit
Welche Schlüsse kann man aus den Geschehnissen für unsere heutige Zeit ziehen?
Was Jean Ziegler betrifft, so sollten die Recherchen von Marcel Gyr – der übrigens keine Zweifel daran lässt, dass er kein Kritiker, sondern ein ausgesprochener Bewunderer Zieglers ist – der Anfang zu einer gründlicheren Erforschung der Rolle sein, die Ziegler im internationalen Terrorismus gespielt hat. Dass er nicht nur enge Verbindungen zum Terrormäzen Gaddafi unterhielt, sondern Terroristen sich auch in Zieglers Haus in Genf trafen, lässt vermuten, dass er ein Scharnier zwischen zivilen und terroristischen Akteuren gewesen sein könnte. In dem jetzt ans Licht gekommenen Komplott gegen Israel, die Schweizer Demokratie und den Rechtsstaat hat Ziegler nach eigenen Worten die Rolle des „Briefträgers“ gespielt. Wessen Briefe hat er sonst noch ausgetragen?

Auch auf die heutige Lage wirft die Graber-PLO-Verschwörung ein Licht. Es wäre naiv zu glauben, nur die Schweiz und Italien hätten solche Abkommen mit dem antijüdischen Terrorismus geschlossen. Man denke z.B. an Abu Daoud, einen der Drahtzieher des Terrors von München: Als Deutschland im Januar 1977 von Frankreich seine Auslieferung verlangte, setzten die französischen Behörden ihn stattdessen in einen Flug erster Klasse nach Algerien.

Alles, was europäische Regierungen in den letzten Jahrzehnten über den israelisch-arabischen Konflikt gesagt und alles, was sie getan haben, muss auch unter dem Gesichtspunkt gesehen werden, dass Europas Regierungen schon lange nicht mehr Herren ihrer Entscheidungen sind. Wenn sie sich zum Islam oder der Politik im Nahen Ostens äussern, muss man immer daran denken, dass ihnen die Terroristen, bildlich gesprochen, die Pistole an die Schläfe halten. Und wenn sie dann wieder Partei gegen Israel ergreifen, dann muss man sie fragen: Welches Recht habt ihr, angesichts eurer jahrzehntelangen Unterstützung des antijüdischen Terrorismus, dem jüdischen Staat gegenüber den moralischen Lehrmeister zu spielen?

Marcel Gyr: Schweizer Terrorjahre: Das geheime Abkommen mit der PLO, 184 Seiten, Zürich 2016.

Bat Ye’or: Europa und das kommende Kalifat.: Der Islam und die Radikalisierung der Demokratie, 228 Seiten, Berlin 2013.

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Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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  • Jonas Strant

    Ein hervorragender Bericht von Stefan Frank. Vielen Dank. Und in der Tat kann man sich fragen, was für eine Rolle dieser Sozialist Jean Ziegler in den vergangenen Jahren im Bereich Israelhass noch gespielt hat. Leider gibt es aber auch heute noch im Schweizer Parlament solche „Ziegler’s“, die aktiv an vorderster Front gegen die Juden und den Staat Israel agitieren.