Die israelische Organisation Regavim hat ein Positionspapier mit 100 palästinensischen Villen und Anwesen in Judäa und Samaria (Westjordanland) veröffentlicht. Nach Angaben der Organisation wurden alle Häuser an einem einzigen Tag fotografiert. Der Titel «Real Estate Under Occupation» ist bewusst ironisch gewählt und zielt auf das Bild, das internationale Organisationen und Medien seit Jahren vom Leben der Palästinenser im Westjordanland zeichnen.
Die Ankündigung beginnt mit den Worten «Pools. Fountains. Marble staircases. Sprawling estates.», also Pools, Springbrunnen, Marmortreppen und weitläufige Anwesen. Das Positionspapier umfasst 206 Seiten. Recherchiert und fotografiert haben Moshe Shmueli und Roey Druker, die für Regavim als Feldkoordinatoren in Judäa und Samaria arbeiten. Redigiert wurde der Band von Naomi Linder Kahn und Tamar Sikurel.
Laut Regavim musste nicht monatelang nach solchen Häusern gesucht werden. Jedes Haus sei an einem einzigen Tag fotografiert worden. Die Publikation zeige grosse und luxuriöse palästinensische Häuser auch in Orten, die dem internationalen Publikum fast nur mit Begriffen wie Armut, Not und humanitärer Krise vorgestellt würden.
Hundert Einträge von Samaria bis Hebron
Die Publikation ist aufgebaut wie ein Immobilienkatalog. Jeder der 100 nummerierten Einträge nennt den Ort, die Wohnfläche in Quadratmetern und die Grösse des Grundstücks in Dunam, wobei ein Dunam 1’000 Quadratmetern entspricht. Dazu kommen eine Beschreibung im Stil eines Maklerprospekts und eine Liste der Ausstattung, etwa Pool, Springbrunnen, Klimaanlage, elektrisches Tor, Überwachungskameras oder Solaranlage. Die Orte reichen von Bidia und Masaha in Samaria über Mukhmas nordöstlich von Jerusalem bis nach Hebron, Halhul und Dir Samet im Süden. Am häufigsten kommt Mukhmas vor, nämlich mit 23 Einträgen, gefolgt von Dir Samet in den südlichen Hebron-Bergen mit 16 Einträgen.

Die grösste Fläche für ein einzelnes Anwesen gibt Regavim für Shukba im Gebiet Binyamin an, nämlich 4’800 Quadratmeter auf einem Grundstück von zwei Dunam. Beschrieben wird ein symmetrisch angelegtes Gebäude aus hellem Naturstein mit Säulen und halbrunden Balkonen, einem zentralen Pool, schattigen Gäste-Pavillons und einem grossen Innenhof hinter einer massiven Steinmauer. Dazu heisst es, die Anlage wirke wie ein modernes Schloss. In Nahalin im Gebiet Gush Etzion steht ein vierstöckiges Haus mit 1’120 Quadratmetern, sieben Balkonen, einem Turm, einem Springbrunnen und einem Zierbecken.
Gleich der erste Eintrag führt nach Khirbet Zif südlich von Hebron. Dort steht auf 2,4 Dunam ein Anwesen mit 1’100 Quadratmetern, zu dessen Eingang eine grosse Marmortreppe mit hohen Steinsäulen führt. Zur Anlage gehören gepflegte Rasenflächen, eine Allee mit Palmen und ein verglaster Sitzpavillon. Für einen weiteren Eintrag in Khirbet Zif nennt Regavim einen privaten Pool, ein Gästehaus, einen Kamin, Überwachungskameras, ein elektrisches Tor und eine eigene Zufahrtsstrasse.
Nicht alle Objekte sind Einfamilienhäuser. Die grösste Fläche, 8’472 Quadratmeter, gibt Regavim für ein zehnstöckiges Wohnhaus in Walajeh an, das kurz vor dem Bezug steht und aus zwei durch eine Brücke verbundenen Gebäuden mit Wohnungen und einem Penthouse besteht. Im südlichen Teil von Hebron zeigt die Publikation eine Wohnanlage mit fünf zweistöckigen Luxus-Cottages, einem dreistöckigen Hauptgebäude, Spielplätzen und Spazierwegen auf 8,7 Dunam. Auch Qilqis südlich von Hebron ist mit zwei Einträgen vertreten. Wegen eines Weinbergs bei Qilqis hat Regavim eine Beschwerde beim Obersten Gericht Israels eingereicht, über die Audiatur-Online am 3. September berichtet hat.
Die Einleitung der Publikation ist in der Sprache geschrieben, die man aus Berichten von UNO-Stellen, NGO oder SRF-Berichten kennt. Man liest von Unterdrückung, drohender Auslöschung und davon, dass das Land eines Volkes geplündert und gestohlen worden sei. Jeder Ziegelstein erzähle die Geschichte der Unterdrückung, heisst es dort, und jede Treppe zeige das Bemühen, sich über die Grausamkeit des Lebens unter Besatzung zu erheben. Die Bilder sprächen Bände über fast unmögliche Lebensbedingungen, grosse Not und knappe Mittel. Zum Schluss lobt der Text, die Palästinenser würden «Sumud» leben, also Standhaftigkeit, und zwar auf eine Weise, wie man sie noch nie gesehen habe. Auf den folgenden Seiten sind dann Marmorsäulen, Pools und Gärten zu sehen.

Regavim erklärt im Begleitartikel, das sei bewusst gewählt. Die Organisation übernehme in der ganzen Publikation Begriffe, mit denen internationale Organisationen und NGO das Leben der Palästinenser unter israelischer Kontrolle beschreiben, und mache sie sichtbar, indem sie diese neben Bilder von grossen Privatanwesen stelle.
«Die Kamera in eine andere Richtung»
Naomi Kahn, die Leiterin der internationalen Abteilung von Regavim, begründet das Projekt so: «Seit Jahren wird der internationalen Gemeinschaft ein sorgfältig ausgewähltes Bild vom Leben der Palästinenser in Judäa und Samaria gezeigt, das sich fast nur auf Armut, Entbehrung und Unterdrückung konzentriert. Wir haben beschlossen, die Kamera in eine andere Richtung zu richten. An einem einzigen Tag haben wir riesige Villen, Pools, gepflegte Anwesen und aussergewöhnlichen privaten Wohlstand dokumentiert, der in der internationalen Debatte über die ‹Besatzung› fast nie vorkommt.»
Regavim hält ausdrücklich fest, dass die Publikation nicht behaupten will, es gebe keine Armut. Es gehe darum, dass ein ausgewähltes Bild nicht das ganze Bild sei, vor allem dann nicht, wenn es die Meinung und die Politik im Ausland prägt. Kahn sagte dazu: «Niemand, der sich ernsthaft mit Judäa und Samaria befasst, sollte sich mit einer sorgfältig ausgewählten Version der Wirklichkeit zufriedengeben. Internationale Politik hat Folgen, und sie sollte auf dem beruhen, was tatsächlich vor Ort geschieht.»

Mit dem Bau palästinensischer Häuser befasst sich Regavim seit Jahren. Die Organisation dokumentiert vor allem nicht bewilligte Bauten im Gebiet C, das nach den Oslo-Verträgen unter voller israelischer Verwaltung steht, und legt dazu regelmässig Erhebungen vor, die auf Luftbildern beruhen. Die EU hat Regavim Ende Mai 2026 auf ihre Sanktionsliste gesetzt und dies unter anderem damit begründet, dass die Organisation den Abriss palästinensischer Bauten vorantreibe. Regavim und ihr Generaldirektor Meir Deutsch wehren sich dagegen vor dem Gericht der EU in Luxemburg, wie Audiatur-Online berichtet hat.
Einen Tag nach der Veröffentlichung der Pubikation, am 8. September 2026, erschien bei der Medienbeobachtungsorganisation HonestReporting ein Bericht von Sharon Levy, der darauf verweist. Levy war selbst in Mukhmas und beschreibt grosse, mehrstöckige Häuser an den Hängen rund um den Ort. Nach ihrer Darstellung steht die grosse Mehrheit davon leer, weil die Besitzer in den USA leben. Deshalb fehlten im Ort auch Schulen, Apotheken, Läden und andere Einrichtungen des täglichen Lebens, und die Strassen blieben still.






















