Start International Wie die Hamas die Berichterstattung aus Gaza steuert

Wie die Hamas die Berichterstattung aus Gaza steuert

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Der palästinensische Fotojournalist Motaz Azaiza bei einem Auftritt in Barcelona 2024. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Der palästinensische Fotojournalist Motaz Azaiza bei einem Auftritt in Barcelona 2024. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Lesezeit: 6 Minuten

Seit mehr als zwei Jahrzehnten hört die internationale Gemeinschaft, dass palästinensische Journalisten im Gazastreifen der Welt einen ungefilterten Bericht über die Geschehnisse vor Ort liefern. Ein kürzlich geführtes Interview mit dem palästinensischen Journalisten und Fotografen Motaz Azaiza sollte jeden zum Umdenken bringen, der diese Behauptung bisher ohne Nachfrage übernommen hat.

von Khaled Abu Toameh

Azaiza ist alles andere als eine unbekannte Figur. Seine Bilder aus Gaza erreichten Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Das Magazin TIME zählte ihn zu den «100 einflussreichsten Menschen», er erhielt internationale Auszeichnungen und wurde zu einer der bekanntesten palästinensischen Stimmen, die den Gaza-Krieg dokumentierten.

Gerade deshalb sind seine jüngsten Enthüllungen so wichtig.

Azaiza gab Einzelheiten darüber preis, wie Journalisten unter der Herrschaft der Terrororganisation Hamas arbeiteten. Er beschrieb ein Umfeld, in dem Journalisten unter Druck gesetzt wurden, Kritik an der Hamas zu unterdrücken. In manchen Fällen wurden sie auch gedrängt, nicht mehr zu filmen, wenn Palästinenser ihrer Wut auf die Terrorgruppe Ausdruck gaben.

Diese Vorwürfe stammen nicht von einem Vertreter der israelischen Regierung oder von einer proisraelischen Interessenorganisation. Es sind Eingeständnisse eines palästinensischen Journalisten, der mit der Dokumentation des Krieges international berühmt wurde.

Azaiza beschrieb eine WhatsApp-Gruppe namens «SMART». Sie wurde von einem Hamas-nahen Medienverantwortlichen geleitet, der mit dem Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten in Verbindung stand. Solche Strukturen sorgen dafür, dass Inhalte, die unter Medienschaffenden kursieren, der genehmigten Linie entsprechen, bevor sie ein breiteres Publikum erreichen.

Noch aufschlussreicher ist vielleicht seine Schilderung dessen, was geschah, wenn Palästinenser selbst die Hamas kritisierten. Azaiza beschrieb eine Szene, in der Menschen, die aus einem Krankenwagen stiegen, Kritik an der Hamas herausschrien («Möge Allah Rache an der Hamas nehmen»). Umstehende und Hamas-Mitglieder zwangen ihn, seine Kamera auszuschalten.

Was bedeutet das?

Wenn Palästinenser Israel die Schuld gaben, liefen die Kameras weiter. Wenn Palästinenser der Hamas die Schuld gaben, wurden die Kameras ausgeschaltet.

Azaiza sagte, die Hamas setze eine einseitige Darstellung durch. Sie reklamiere Siege für sich oder bekenne sich zu militärischen Aktionen, weise aber jede Schuld im Innern und die Klagen der Zivilbevölkerung von sich. Das mache es für unabhängige Medien schwierig, die ungeschönte und ungefilterte Wirklichkeit vor Ort zu zeigen. Er räumte ein, dass Journalisten, die diesen Rahmen verlassen, heftigen Gegenreaktionen ausgesetzt sind. Dazu gehören organisierte Kampagnen im Internet, Vorwürfe des Verrats und körperliche Einschüchterung im Gazastreifen selbst.

Dem internationalen Publikum wurde oft gesagt, die Bilder aus dem Gazastreifen seien ein ungefiltertes Zeugnis des palästinensischen Leids.

Azaizas Schilderung legt jedoch nahe, dass die Lage wesentlich komplizierter war: Die Journalisten arbeiteten in einem politischen Umfeld, in dem Kritik an der Hamas Folgen haben konnte.

Er räumte offen ein, dass er anfangs mit sich gerungen habe, ob er Material veröffentlichen solle, das Palästinenser bei der Kritik an der Hamas zeigt. Nach seinen Worten hatte er noch nie gesehen, dass ein Journalist aus Gaza solches Material veröffentlichte. Zudem legte er offen, dass er als Anhänger der Hamas aufgewachsen sei. Die Ideologie der Hamas und die Kultur des «Widerstands» hätten zu seinem Umfeld in der Kindheit gehört.

Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis. Es hilft zu erklären, warum die Aussenwelt aus Gaza vergleichsweise wenig über die Verantwortung der Hamas für das Leid der Palästinenser unter ihrer Herrschaft gehört hat. Es wirft zudem eine naheliegende Frage auf: Wie viel von dem, was aus Gaza berichtet wird, wurde nicht nur davon bestimmt, was die Journalisten sahen, sondern auch davon, was sie ihrer Meinung nach zeigen durften?

Journalismus unter Einschüchterung kann nicht automatisch als unabhängiger Journalismus gelten. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil ausländische Nachrichtenorganisationen häufig auf Journalisten, Fotografen, Übersetzer und «Fixer» (lokale Organisatoren und Vermittler) in Gaza angewiesen waren. Von ihnen erhielten sie Informationen, die sie selbst nicht beschaffen konnten.

Wenn palästinensische Journalisten unter dem Druck der Hamas arbeiten, reichen die Folgen weit über die palästinensischen Medien hinaus. Der Einfluss kann auch internationale Medienhäuser erfassen, die ihr Material verwenden.

Ein Auslandskorrespondent oder Redaktor, der Tausende Kilometer von Gaza entfernt in einer Redaktion sitzt, glaubt vielleicht, er erhalte einen glaubwürdigen Augenzeugenbericht von einem unabhängigen lokalen Journalisten. Steht dieser lokale Journalist jedoch unter dem Druck der Hamas, zensiert er sich selbst oder wird er gezielt überwacht, dann kann das ausländische Medium unwissentlich von einer Darstellung abhängig werden, die bereits gefiltert wurde.

Auf diese Weise kann eine islamistische Terrorgruppe das internationale Informationsumfeld beeinflussen, ohne jede ausländische Zeitung und jeden Fernsehsender kontrollieren zu müssen.

Azaizas Enthüllungen sind auch wegen seiner Aussagen zum Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel bedeutsam, das von der Hamas angeführt wurde. Er sagte, er habe gefilmt, wie israelische Geiseln nach ihrer Verschleppung in den Gazastreifen von palästinensischen Menschenmengen geschlagen wurden. Er sagte weiter, er habe sich entschieden, die Aufnahmen nicht zu veröffentlichen, weil er befürchtet habe, Israel könnte damit die Beteiligten identifizieren.

Das wirft eine unbequeme Frage für die internationalen Medien auf: Wie viele Aufnahmen vom 7. Oktober und der Zeit danach wurden nie veröffentlicht, weil palästinensische Journalisten die Folgen fürchteten, falls sie zeigten, was geschehen war? Darüber hinaus stellt sich eine noch grundsätzlichere Frage: Wo liegt die Grenze zwischen der Dokumentation von Geschichte und dem Schutz einer politischen Erzählung?

Azaizas Schilderung sollte deshalb Medienorganisationen, die seine Arbeit verwendet haben, dazu bringen, ihre eigene Arbeitsweise zu überprüfen. Das gilt ebenso für Medien, die Material von anderen Journalisten aus Gaza übernommen haben. Dasselbe gilt für Material von Journalisten, die über andere Terrorgruppen und deren Unterstützer berichten. Wer lieferte die Informationen? Wer war anwesend, als sie gesammelt wurden? Welches Material wurde nicht veröffentlicht? Wurden Journalisten unter Druck gesetzt? Wurden Interviews frei geführt? Durften Palästinenser die Hamas vor der Kamera kritisieren? Und vor allem: Haben internationale Medienorganisationen Behauptungen aus einem Gebiet, das von einer Terrororganisation kontrolliert wird, unabhängig überprüft?

Diese Fragen sind nicht nur wegen des Gaza-Kriegs wichtig, sondern auch wegen der Glaubwürdigkeit des Journalismus insgesamt. Azaizas Schilderung bietet eine mögliche Erklärung für eines der auffälligsten Merkmale der Berichterstattung aus Gaza: Das Leid der Palästinenser war aussergewöhnlich stark sichtbar, ihre Wut auf die Hamas dagegen vergleichsweise wenig.

Azaizas Interview ist letztlich eine Warnung davor, die Darstellung irgendeiner Seite ungeprüft zu übernehmen. Er sagt uns, dass es hinter der Kamera eine andere Wirklichkeit gab. In dieser Wirklichkeit konnte Kritik an der Hamas vom Bildschirm verschwinden, Journalisten konnten eingeschüchtert werden, und ein Hamas-nahes Netzwerk half mit, die Darstellung zu steuern. Das sollte man nicht als unbedeutende Randnotiz abtun. Es sollte ein Weckruf sein.

Der palästinensische Politikanalyst Ahmed Fouad Alkhatib kommentierte am 18. September:

«Motaz Azaiza, ein Journalist aus Gaza, der während des Krieges evakuiert wurde und der mich persönlich angegriffen hat, spricht endlich die unverblümte Wahrheit aus. ‹Journalisten› in Gaza, ob sie mit Al-Jazeera, der Hamas, ausländischen Medien oder den sozialen Medien verbunden sind, haben systematisch Selbstzensur geübt und die Stimmung gegen die Hamas im Gazastreifen verschwiegen. Ihr Auftrag war es, eine Darstellung aufrechtzuerhalten, die sich allein gegen Israel richtet, und jeden Widerspruch, jede Kritik an der Hamas und jede Vielfalt palästinensischer Meinungen auszulöschen. Azaiza beschreibt, wie er mit angeblichen ‹Journalisten› zu kämpfen hatte. Diese schalteten ihre Kameras aus, sobald Bewohner Gazas die Hamas verurteilten oder sie für die Katastrophe verantwortlich machen wollten, die die Hamas über sie gebracht hat – vom 7. Oktober bis zum verheerenden Mythos des ‹Widerstands›, der darauf folgte. Wer also den Satz wiederholt, in Gaza seien ‹mehr Journalisten getötet worden als im Zweiten Weltkrieg und im Vietnamkrieg zusammen›, sollte sich gut überlegen, wen und was er als Journalisten bezeichnet, und zwar in einem Gebiet, das vollständig von einer gewalttätigen extremistischen Organisation kontrolliert wird. Diese Organisation ist für schweren Schaden und Unterdrückung verantwortlich.»

Azaizas Interview beweist etwas Wichtiges: Der Weg, auf dem Informationen aus Gaza nach aussen gelangten, war nicht so unabhängig, wie viele angenommen hatten. Daran hat sich nichts geändert, denn die meisten Bewohner des Gazastreifens leben weiterhin unter der Herrschaft der Hamas. Die Frage ist nicht mehr nur, was die Kameras zeigen. Es geht auch darum, was sie nicht zeigen.

Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

1 Kommentar

  1. Danke auch für diesen wichtigen und umfassenden Artikel. Zwar war dies für aufmerksame Leser schon lange klar, viele Fans des Widerstands-Narrativs haben es ignoriert. Sie werden es wohl auch weiterhin leugnen. Aber ich hoffe, dass möglichst viele Unentschlossene erreicht werden können.

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