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Die Menschenrechtsindustrie hat ihre Lieblingsopfer

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Sudanesische Flüchtlinge warten am 25. Juni 2025 in Adre im Tschad in einer Schlange auf die Verteilung von Hilfsgütern an einer Registrierstelle. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist jeder dritte Sudanese auf der Flucht. Davon sind 3,8 Millionen in Nachbarländer geflohen, vor allem nach Ägypten, in den Tschad, nach Äthiopien, Eritrea und in den Südsudan. Foto IMAGO / Xinhua
Sudanesische Flüchtlinge warten am 25. Juni 2025 in Adre im Tschad in einer Schlange auf die Verteilung von Hilfsgütern an einer Registrierstelle. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist jeder dritte Sudanese auf der Flucht. Davon sind 3,8 Millionen in Nachbarländer geflohen, vor allem nach Ägypten, in den Tschad, nach Äthiopien, Eritrea und in den Südsudan. Foto IMAGO / Xinhua
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Das Lieblingsopfer der Menschenrechtsindustrie ist das politisch nützliche Opfer. Es ist jenes, dessen Leid sich einem Gegner zuschreiben lässt. Am liebsten einem, den westliche Aktivisten schon zu hassen gewohnt sind. Gegen den sie bereits wissen, wie man Druck macht und sich organisiert.

von Pierre Rehov

Deshalb setzen palästinensische Opfer eine gewaltige Empörungsmaschinerie in Gang, wenn sich Israel als angeblicher Verursacher von Unrecht hinstellen lässt. Bei sudanesischen Opfern eines Völkermords, afghanischen Frauen unter den Taliban, iranischen Demonstranten, die von ihrem eigenen Regime ermordet wurden, oder verfolgten Christen in Nigeria geschieht das weitgehend nicht.

Über die Rangordnung entscheidet nicht die Schwere des Leids. Sie hängt vom politischen Nutzen des Opfers ab und, noch wichtiger, davon, wer der «Bösewicht» ist, der dieses Unrecht angeblich begeht.

Es gibt Opfer, die eine Anhängerschaft gewinnen. Ihre Gesichter erscheinen auf Transparenten, ihre Namen werden an Kundgebungen verlesen, Schauspieler tragen ihre Symbole auf dem roten Teppich, Studenten besetzen für sie Universitätsgebäude, und Institutionen entdecken plötzlich die dringende moralische Pflicht, Stellungnahmen zu veröffentlichen. Und dann gibt es Opfer, die meist allein sterben. Die Organisationen, die dafür bezahlt werden, sie zu zählen, erfassen sie kurz, und sonst nimmt niemand von ihnen Notiz.

Der Sudan gehört zur zweiten Gruppe. Der Krieg, der im April 2023 zwischen der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces (RSF) ausbrach, hat nach Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks die weltweit grösste Vertreibung und humanitäre Krise ausgelöst. Fast dreizehn Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Bereits vor einem Jahr, Ende Oktober 2025, drangen die RSF nach achtzehn Monaten Belagerung in El Fasher ein und töteten die Bewohner so gründlich, dass Forscher der Yale-Universität die Blutflecken auf Satellitenbildern erkennen konnten. Eine Untersuchungsmission der Vereinten Nationen kam im Februar 2026 zum Schluss, dass die Massenhinrichtungen, die Gruppenvergewaltigungen und das gezielt herbeigeführte Aushungern der Volksgruppen der Zaghawa und der Fur die Merkmale eines Völkermords tragen. Die Absicht zum Völkermord sei die einzige vernünftige Schlussfolgerung, welche die Beweise zuliessen.

Das Ergebnis dieses Befunds: Communiqués! Kein Campus ist mit sudanesischen Protestcamps übersät. Keine internationale Kampagne verlangt von Unternehmen, ihre Unschuld im Zusammenhang mit Khartum zu beweisen oder im Zusammenhang mit den Waffenlieferungen an sudanesische Kriegsherren, die amerikanische Geheimdienste festgestellt haben. Darfur trägt heute die Bezeichnung Völkermord, verwendet von den Vereinten Nationen selbst – und hat keine Anhängerschaft.

Der Vergleich mit Gaza ist kein Wettbewerb zwischen Toten. Palästinensische Zivilisten verdienen das Mitgefühl, das Zivilisten überall zusteht. Genauer hinschauen muss man hingegen bei der Propagandafabrik des Krieges. Innerhalb weniger Monate nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 hatten sich Protestcamps, Gebäudebesetzungen und Massenverhaftungen von der Columbia University über Yale bis zur New York University und weiter quer durch Europa ausgebreitet. Im September 2025 sammelte ein Aufruf, jede Zusammenarbeit mit israelischen Festivals, Kinos und Produktionsfirmen zu verweigern, mehr als 5000 Unterschriften von Filmschaffenden, darunter einige der grössten Namen der Branche.

Afghanistan stellt diese These noch deutlicher auf die Probe. Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban nach Kabul meldete die UNESCO kürzlich, dass 2,4 Millionen afghanische Mädchen vom Unterricht auf der Sekundarstufe ausgeschlossen sind. Afghanistan ist nach wie vor das einzige Land, das Mädchen und Frauen ausdrücklich verbietet, über die Primarschule hinaus zu lernen. Mehr als siebzig Erlasse haben ihr Leben eingeschränkt. Seit September 2025 dürfen afghanische Frauen nicht einmal mehr Räumlichkeiten der Vereinten Nationen betreten, und sie können ihr Zuhause nicht öfter als ein- oder zweimal im Monat verlassen.

Der westliche Feminismus hat jahrzehntelang darauf beharrt, dass Frauenrechte universell sind. Afghanistan ist der beste Test für diese Behauptung, den es gibt: Eine ganze weibliche Bevölkerung wurde per Erlass aus Bildung, Arbeitswelt und öffentlichem Leben entfernt, ja sogar aus der Öffentlichkeit überhaupt. UNO-Experten nennen diesen Zustand Geschlechterapartheid. Vor Harvard steht kein dauerhaftes Protestcamp, das Freiheit für afghanische Frauen fordert, keine Desinvestitionsbewegung ist in Mode gekommen, und kein Symbol hat es auf einen roten Teppich geschafft. UN Women warnt, dass die Unterdrückung zur Normalität wird, und meldet für ihre Arbeit in Afghanistan in diesem Jahr eine Finanzierungslücke von fünfzig Prozent. Die Frauen sind noch immer dort, wo sie waren; das Publikum ist weitergezogen.

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Afghanische Frauen warten vor einer Bäckerei in Kabul auf Brotgeschenke. Die meisten von ihnen kommen jeden Tag hierher und warten rund drei Stunden auf ein Stück Brot. Foto IMAGO / ABACAPRESS

Der Iran räumte die letzten Zweifel aus. Proteste, die Ende Dezember 2025 begannen, griffen auf alle Provinzen über. Am 8. und 9. Januar 2026 antworteten die Sicherheitskräfte mit Gewehren und Schrotflinten, abgefeuert von Hausdächern und von den Ladeflächen von Lastwagen. Amnesty International spricht von rechtswidrigen Massentötungen in einem beispiellosen Ausmass. Mehr als 52’000 Männer, Frauen und Kinder wurden allein in diesem Jahr massakriert, begleitet von einer vollständigen Sperre des Internets und von Zehntausenden Verhaftungen. Der UNO-Sonderberichterstatter für den Iran bezifferte die Zahl der Toten auf über fünftausend.

Das Regime hielt den Rekord bereits zuvor. Amnesty International dokumentierte für das Jahr 2025 im Iran 2159 Hinrichtungen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Das waren rund vier Fünftel aller weltweit erfassten Hinrichtungen und der höchste Wert für das Land seit 1981. Unter den Verurteilten waren mindestens 48 Frauen, so viele wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Die Antwort des Westens auf das Januar-Massaker im Iran bestand aus Kundgebungen der Diaspora und einer Verurteilung, die 800 Filmschaffende unterzeichneten. Die Branche, die fünftausend Unterschriften gegen israelische Filmfestivals zusammenbrachte, brachte achthundert gegen eine Regierung zusammen, die soeben innerhalb von achtundvierzig Stunden Tausende ihrer eigenen Bürger erschossen hatte. Das stellte sogar die eigene Fachpresse der Branche fest.

Im Februar kehrten iranische Studenten in Teheran, Maschhad und Isfahan mit Fotos von Kommilitonen, die im Januar getötet worden waren, an die Hochschulen zurück. Viele Studenten werden deswegen noch immer verhaftet und von der Hochschule verwiesen. Die amerikanischen Studenten, die für Gaza Gebäude besetzten, riskierten nichts Schlimmeres als ein Disziplinarverfahren, und für die iranischen Demonstranten taten sie nichts.

Im November 2025 verschleppten Bewaffnete 303 Kinder und 12 Lehrer aus der katholischen St.-Mary’s-Schule in Papiri in Nigeria. Das war eine grössere Entführung als jene der 276 Mädchen, die 2014 im nigerianischen Chibok verschleppt wurden. Damals ging ein Hashtag um die Welt, und eine amerikanische First Lady liess sich sogar mit einem Plakat in der Hand fotografieren! Die Kinder aus Papiri kehrten einen Monat später nach Lösegeldverhandlungen nach Hause zurück, ohne dass sich je eine Kampagne für sie gebildet hätte. Die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) fordert Washington seit siebzehn Jahren auf, Nigeria als «Land von besonderer Besorgnis» einzustufen. Sie zählt dort seit 2009 fast 53’000 Zivilisten, die gezielter Gewalt zum Opfer fielen. Verfolgte Christen sind ein Vermarktungsproblem: Das Christentum gilt in der westlichen Vorstellung als Macht aus der Geschichte und nicht als Gemeinschaft, die heute verletzlich ist.

Auch Rassismus und Grössenordnung erklären dieses Muster nicht. Palästinenser sind weder Westler, noch stehen sie den Universitäten nahe, an denen ihre Sache zum beherrschenden Thema wurde. Zudem setzen sich die Demonstranten für nichts ein, was den Palästinensern wirklich helfen würde, etwa für Schutz vor Folter und willkürlicher Verhaftung durch korrupte Führer, für Meinungsfreiheit und Pressefreiheit und für eine Bildung, die sie auf ein produktives Leben in Wohlstand vorbereitet.

Die westliche Empörung folgt inzwischen einer eigenen politischen Ökonomie: Ein erfolgreiches Anliegen braucht mehr als Opfer. Das Lieblingsopfer ist nicht jenes, das am meisten leidet, sondern jenes, dessen Leid sich politisch nutzen lässt. Ein erfolgreiches Anliegen braucht einen brauchbaren «Bösewicht», am besten einen, der in der Erzählung schon vorkommt. Israel erfüllt diesen Zweck fast perfekt. Das Land ist westlich ausgerichtet, demokratisch, wird von Washington unterstützt und ist für Journalisten jederzeit zugänglich. Seine Politiker beantworten Fragen, seine Gerichte entscheiden gegen die eigene Regierung, und auf all das lässt sich Druck ausüben.

Gegen die Taliban lässt sich nichts Vergleichbares organisieren. Die Columbia University hat keinen Taliban-Investitionsausschuss, vor dem man protestieren könnte, die Revolutionsgarden betreiben kein Kulturaustauschprogramm, das man boykottieren könnte, und den Kriegsherren im Sudan ist ein Studentenparlament in Kalifornien völlig gleichgültig. Diktaturen sind schlechte Ziele für inszenierten Aktivismus, weil Diktatoren gegen Inszenierungen immun sind. Wer Israel angreift, ist sofort mit einem Apparat aus Campusgruppen, NGOs und Netzwerken verbunden, der über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Die Parolen sind vorformuliert, das Vokabular ist vereinheitlicht. Ein 19-Jähriger muss nichts über den Nahen Osten wissen, um mitzumachen. Er braucht ein Plakat. Der Sudan verlangt, dass man sich einarbeitet, und wer über das Regime im Iran Bescheid wüsste, müsste zugeben, dass die Feinde der amerikanischen Macht oft schlimmer sind als das, wogegen sie kämpfen.

Eine Industrie, die ständig von «Intersektionalität» spricht, hat eine Rangordnung des Mitgefühls geschaffen. Darin zählen die Opfer und das, was ihnen angetan wurde, weniger als die Frage, wer es getan hat und welche politische Geschichte sich darum herum aufbauen lässt. Nichts davon schmälert das Leid der Palästinenser, das realen Menschen zugefügt wurde. Alle anderen aber bleiben draussen vor der Tür.

Das Einzige, was diese Maschinerie nicht liefert, ist ein einheitlicher Massstab. Eine Bewegung, die es mit den universellen Rechten wirklich ernst meinte, würde sich auch für Menschen in Gefangenschaft einsetzen, deren Sklavenhalter, wie etwa Katar, über gewaltige Vermögen verfügen. Sie würde gegen Kinderhandel und Organraub protestieren und afghanische Frauen und iranische Dissidenten verteidigen. Palästinensische Zivilisten würden als Zivilisten verteidigt und nicht als Beweisstücke. Eine solche Bewegung liesse sich schwer manipulieren, wäre unmöglich zu Geld zu machen und für jede Seite, die sie ausnutzen will, wertlos. Das erklärt zur Genüge, warum niemand eine solche Bewegung aufgebaut hat.

Pierre Rehov, geboren und aufgewachsen in Nordafrika, ist Reporter, Autor und Regisseur von «Hostages of Hatred» und «Silent Exodus», zwei Dokumentarfilme über palästinensische und jüdische Flüchtlinge. Sein neuester Dokumentarfilm „Pogrom(s)“ beleuchtet den Kontext des seit langem bestehenden Judenhasses innerhalb der muslimischen Zivilisation als Hauptursache für das Massaker vom 7. Oktober. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

2 Kommentare

  1. Pierre Rehov bringt es in seiner brillanten Analyse auf den Punkt. Seine Beschreibung der moralischen und politischen Asymmetrie – der eigentlichen «Ökonomie der Empörung» – deckt sich exakt mit dem Mechanismus, der dem anti-israelischen Film «NAZA» beim Filmfestival in Venedig kürzlich zu 25 Minuten Applaus verhalf.

    Besonders entlarvend ist der Blick auf die völlig unterschiedliche Finanzierung solcher Projekte: Wer Israel als Täter inszeniert, wird vom europäischen Subventionskomplex und westlichen Milliardenstiftungen mit Geld überhäuft und auf die roten Teppiche getragen.

    Wer hingegen wie Rehov in seiner Dokumentation «Pogrom(s)» die wahren Opfer des 7. Oktober und den historischen islamistischen Judenhass beleuchtet, wird von der etablierten Kultur-Schickeria ignoriert und muss seine Arbeit mühsam abseits der grossen Fördertöpfe finanzieren.

    Man muss sich unweigerlich fragen, wer sich diese Dokumentationen am Ende überhaupt ansieht. Die Antwort offenbart die ganze Tragik: Die Juden, die ich kenne, «können» sich Werke wie Rehovs Pogrom(s) kaum ansehen, weil das reale Trauma schlicht zu schmerzhaft ist. Und die europäische Kultur-Schickeria «will» sie nicht sehen, weil die unzensierte Realität ihr bequemes Weltbild zum Einsturz brächte. Umgekehrt bleibt aber auch ein hochsubventioniertes Machwerk wie «NAZA» völlig isoliert: Ausserhalb ihrer eigenen, sich selbst feiernden elitären Filterblase auf den Festivals schaut sich das ein breites Publikum gar nicht an.

    Wir sind im Kulturbetrieb an einem absurden Punkt angelangt: Die ungemütliche Wahrheit steht heute auf der scheinbar «falschen» Seite der Geschichte – und die bequeme, hochprofitabel finanzierte Lüge auf der «richtigen».

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