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Vor dem neuen Jahr: Freude oder Furcht?

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Symbolbild. Foto IMAGO / Pond5 Images
Symbolbild. Foto IMAGO / Pond5 Images
Lesezeit: 6 Minuten

Ich erinnere mich, wie ich als Junge an Rosch Haschana und Jom Kippur neben meinem Vater in der Synagoge stand und ihm zuhörte, wenn er Awinu Malkenu sprach. Zwei Wörter auf Hebräisch, vier auf Deutsch: Unser Vater, unser König.

von Rabbi Yossy Goldman

Und ich erinnere mich, dass ich ihn einmal fragte: Was denn nun, Tatty? Ist Gott ein König, der in der Höhe zu Gericht sitzt und jede Tat auf seiner Waage wiegt? Oder ist er ein liebender Vater?

Mein Vater lächelte so, wie Väter lächeln, wenn eine Frage grösser ist als das Kind, das sie stellt.

Er erzählte mir die Geschichte eines Juden im Osteuropa früherer Zeiten, der als Gastwirt an einer Wegkreuzung seinen Lebensunterhalt verdiente. Dort gab es keine jüdische Gemeinde und keine Schule, in die er seine Kinder hätte schicken können. Also wurde er selbst ihr Lehrer. Das war Hausunterricht, lange bevor dieser Gedanke in Mode kam.

In dem Raum seines Hauses, den er zum Schulzimmer bestimmt hatte, nahm er die Rolle des Lehrers allerdings sehr streng wahr. Seine Kinder mussten die Hand heben, wenn sie etwas fragen wollten. Sie brauchten die Erlaubnis, den Raum zu verlassen. Genau wie in einer richtigen Schule.

Eines Tages war er besonders streng mit ihnen, und einer seiner Söhne brachte es über sich zu sagen: «Vater, ja, wir wissen, dass du unser Lehrer bist. Aber bitte denk daran, dass du auch unser Vater bist.»

Und genau so sagen wir Awinu Malkenu, «Unser Vater, unser König». Ja, Gott, du bist unser König, der zu Gericht sitzt. Aber vergiss bitte nie, dass du auch unser Vater im Himmel bist, und erbarme dich deiner Kinder.

Dieses Gespräch hat mich mein ganzes Leben lang begleitet – und nie stärker als in den Wochen des Elul, wenn wir jeden Morgen den Schofar hören. Etwas in uns beginnt zu zittern, ein Schauer läuft den Rücken hinunter. Rosch Haschana steht bevor! Der Tag des Gerichts. Wer wird leben, wer wird sterben, wer durch Feuer und wer durch Wasser.

Das ist eine ernste Sache, und das Judentum tut nie so, als wäre es anders.

Doch hier stellt sich die Frage: Was soll uns durch diese Zeit tragen? Ist es die Furcht? Das schlechte Gewissen? Eine Art stiller geistlicher Niedergeschlagenheit, die die Tage zählt, bis der Richterhammer fällt? Oder ist es etwas ganz anderes?

Denn es gibt eine Vorstellung von Religion – und es ist nicht die unsere –, in der Gott weit weg auf einer Wolke sitzt und Punkte zählt, und in der man bestenfalls darauf hoffen kann, unbemerkt davonzukommen, ohne vom Blitz getroffen zu werden. Furcht ohne Wärme. Urteil ohne Umarmung. Bei allem Respekt vor anderen Wegen: Das war nie der jüdische Weg, und schon gar nicht der chassidische.

Der Mystiker Rabbi Isaak Luria aus dem 16. Jahrhundert, bekannt als der Arizal, schreibt, dass im hebräischen Monat Elul vor Rosch Haschana die dreizehn Eigenschaften der göttlichen Barmherzigkeit in der Welt stärker sichtbar werden. Rabbi Schneur Salman von Liadi, der Alte Rebbe und Begründer der Chabad-Lubawitsch-Bewegung, veranschaulicht das mit dem bekannten Gleichnis vom «König auf dem Feld».

Man stelle sich das vor: ein König, der sonst unerreichbar ist, umgeben von Palastwachen, von ganzen Reihen von Ministern und von einer so dichten Förmlichkeit, dass ein einfacher Bürger ein Leben lang nicht einmal einen Blick auf sein Gesicht erhaschen kann. Doch einmal im Jahr tut dieser König etwas Aussergewöhnliches. Er verlässt den Palast. Er reist aufs Land hinaus, um zu sehen, wie es seinen Untertanen geht. Er besucht die Dörfer und die offenen Felder und geht mitten unter seinen Leuten. Kein Thron. Kein Gefolge. Kein höfisches Zeremoniell.

Und dort auf dem Feld steht ein Bauer, die Stiefel voller Schlamm, die Arbeitskleidung verschmutzt von einem langen Tag, an dem er Gräben ausgehoben und den Boden bearbeitet hat. Das ist kein Mann, der für eine Audienz beim König gekleidet wäre. Und doch geht der König geradewegs auf ihn zu und rümpft nicht die Nase über den Schmutz an seinen Händen. Er lächelt. Er umarmt ihn. Er fragt nach seiner Familie, nach seinen Sorgen und nach seinen Hoffnungen für die Ernte. Es brauchte keinen Termin. Es brauchte keine feinen Kleider. Der König will seinen Leuten einfach nahe sein, so wie sie sind und dort, wo sie sind.

Genau das, sagt der Alte Rebbe, ist Elul. Diesen ganzen Monat lang ist der König auf dem Feld. Gott wartet nicht darauf, dass wir uns zurechtmachen, die Krawatte richten und die vollkommenen Worte der Teschuwa einüben, bevor er uns empfängt. Er kommt zu uns. Wo immer wir stehen. Was immer für ein Schmutz an unseren Händen klebt. Und er umarmt uns mit einer Liebe, die nicht zuerst verdient werden muss.

Damit will ich nicht sagen, dass die Furcht keinen Platz hätte. Selbstverständlich hat sie einen. Jirat Schamajim, die «Ehrfurcht vor dem Himmel», ist wirklich und notwendig; einem Juden, der überhaupt nicht vor Gott erzittert, fehlt etwas Wesentliches.

Doch hier liegt das Geheimnis, das Rabbi Schneur Salman gelehrt hat: Liebe und Furcht sind keine gleichwertigen Partner. Die Liebe muss den Grundton angeben. Die Furcht ist die Saite, die das Instrument gestimmt hält; die Liebe ist die Musik selbst.

Man kann es sich so vorstellen: Wer einen dunklen Raum hell machen will, hat zwei Möglichkeiten. Er kann einen Besen nehmen und wütend gegen die Dunkelheit anfegen, nach Schatten schlagen und um sich wedeln – und er wird sich dabei erschöpfen und nichts erreichen, weil die Dunkelheit nichts ist, was man hinausjagen könnte.

Oder er zündet eine einzige Kerze an. Und in dem Augenblick, in dem er das tut, ist die Dunkelheit einfach nicht mehr da. Sie wehrt sich nicht. Sie verhandelt nicht. Sie weicht sofort und von selbst.

Genau das ist Teschuwa, richtig verstanden. Kein hektisches Fegen gegen die eigenen Fehler, kein Schwelgen in Reue und Selbstvorwürfen. Vielmehr bringen wir Licht hinein. Wir treten nahe an unseren Vater heran und führen uns seine Grösse vor Augen, seine Wärme und das schiere Vorrecht, einen König zu haben, der uns kennen möchte. Wir fühlen uns ihm nahe und wollen seinen Willen tun, und die Dunkelheit hat keinen Platz mehr.

Wenn also in diesem Elul der Schofar jeden Morgen ertönt und dieser Schauer den Rücken hinunterläuft, dann lassen Sie ihn zu. Spüren Sie ihn ruhig. Aber lassen Sie ihn nicht das letzte Wort sein.

Denn gleich hinter diesem Schauer wartet eine Umarmung; der König hat den Palast Ihretwegen verlassen. Er wartet nicht darauf, dass Sie gepflegt und makellos ankommen. Er geht schon jetzt auf Sie zu, draussen auf dem Feld, genau so, wie Sie sind.

Gehen wir ihm entgegen und erwidern wir das. Nicht mit gesenktem Kopf und voller Furcht, sondern mit offenem Herzen und voller Hoffnung. So nähert sich ein Kind seinem Vater.

Und genau so, meine Freunde, sollten wir auf das neue Jahr zugehen, das vor uns liegt: mit Zuversicht und mit Wärme in seiner immer liebenden Umarmung.

Schana Towa!

Rabbi Yossy Goldman ist emeritierter Rabbiner der Sydenham Shul in Johannesburg und Präsident der South African Rabbinical Association. Er ist der Autor des Buches «From Where I Stand» über die wöchentlichen Tora-Lesungen, erhältlich bei Ktav.com und Amazon. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung und Redaktion Audiatur-Online.

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