Historiker Michael Wolffsohn wird 75 Jahre alt

Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Michael Wolffsohn lebt ein Leben zwischen Deutschland und Israel. Das traditionelle deutsche Judentum geht aus seiner Sicht zu Ende. Jetzt wird der Historiker 75 Jahre alt.

4
Der Autor und Historiker Prof. Dr. Dr. Wolffsohn anlässlich einer Lesung. Foto IMAGO / Uwe Steinert
Der Autor und Historiker Prof. Dr. Dr. Wolffsohn anlässlich einer Lesung. Foto IMAGO / Uwe Steinert
Lesezeit: 3 Minuten

Wäre ich jünger, würde ich überlegen auszuwandern.“ Ist es Lust an der Provokation, die Michael Wolffsohn zu einer solchen Aussage bewegt? Oder empfindet der deutsch-jüdische Historiker die Situation in Deutschland wieder als wirklich so bedrückend?

von Christoph Arens

Am 17. Mai wird der frühere Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München 75 Jahre alt. Ein Leben zwischen Deutschland und Israel: Geboren in Tel Aviv als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die 1939 im letzten Moment aus Nazi-Deutschland nach Palästina flüchten konnte. Sein Großvater war der Kinopionier Karl Wolffsohn, Erbauer und Betreiber von großen Filmtheatern, von den Nazis verfolgt und ins Exil getrieben.

1954 übersiedelte Michael Wolffsohn mit seinen Eltern nach West-Berlin, meldete sich aber 1967 im Zuge des Sechs-Tage-Krieges in Israel zum Wehrdienst. Von 1981 bis 2012 lehrte er an der Bundeswehrhochschule. Die wechselvolle Familiengeschichte hat er 2021 in dem vor allem für Jugendliche verfassten Buch „Wir waren Glückskinder – trotz allem“ beschrieben.

Wolffsohn sieht einen aktuell wachsenden Antisemitismus. Das führe zu einer „ziemlich starken Auswanderungswelle aus Europa“. Ihm selbst würde es allerdings sehr schwer fallen, Deutschland zu verlassen. „Ich bin sehr deutsch geprägt“, bekennt er unter Verweis auf Sprache und Literatur. „Mein großes Ideal ist Franz Kafka. Ich liebe Schillers Dramen und Goethes Lyrik“, sagt er. „Ich verehre Heinrich Heine, ‚die‘ deutsche Literatur, freilich auch nichtdeutsche.“

In einer Selbstcharakterisierung bezeichnete er sich ironisch als einen der letzten Dinosaurier, nämlich einen der letzten Nachfahren des traditionellen Judentums in Deutschland. Denn die überlebenden, im Land aufgewachsenen, zurückgekehrten deutschen Juden waren schon in der alten Bundesrepublik in der Minderheit. Von Anfang an überwogen Juden osteuropäisch-polnisch-russischer Herkunft.

Und dann kam der große Zustrom von rund 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1990. „Diese Menschen sind weniger an deutscher Kultur, sondern an der bedeutenden russischen Kultur orientiert“ analysiert er. Vermutlich werde es eine völlig neue Mischkultur aus deutsch-jüdischen, ostjüdischen und russischen Elementen geben. „Wolffsohns und Co sterben aus.“

Vehement beteiligt sich Wolffsohn aus liberal-konservativer Perspektive seit den 1980er Jahren an der Debatte über das Verhältnis der deutschen Juden zur Bundesrepublik. Dabei eckt er bei Rechts wie Links an; von manchen wird er eher als „kalter Krieger“ oder „reaktionär“ wahrgenommen.

Der Merkel-Regierung warf er eine „windelweiche“ Israel- und Nahostpolitik vor. Die große Rücksicht auf den Iran gefährde Israel. Mit Blick auf die deutschen Medien sprach er von einer „grün-roten Hegemonie“, die die Gesellschaft nicht abbilde.

Doch warum lehrte er ausgerechnet bei der Bundeswehr? Wo sich doch die Wehrmacht als weithin williger Unterstützer der NS-Diktatur gezeigt und sich am Holocaust beteiligt hatte. Genau der Versuch, eine Armee für die Demokratie in einem neuen Deutschland aufzubauen, hat ihn gereizt: „Ärmel hochkrempeln und mitprägen und zwar an einer kritischen Stelle, gerade angesichts der deutschen Militärgeschichte“, so beschreibt er sein Mantra. Die Bundeswehr-Universitäten seien – ebenso wie das Bild des Bürgers in Uniform – ein ganz bedeutender Fortschritt.

In seinem im April vorgelegten Buch „Eine andere Jüdische Weltgeschichte“ blickt der Historiker aus einer ungewohnten Perspektive auf das Judentum. Als derzeit gefährlichste Form der Judenfeindschaft bezeichnet er den muslimischen Antisemitismus. Je mehr Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa kämen, desto häufiger werde der Streit um Israel auch hier ausgetragen, so seine Analyse. In Europa finde der muslimische Antisemitismus offene Verbündete bei Linksextremen.

Juden hätten häufiger mentale Erkrankungen als andere Gruppen, schreibt er zudem. Nicht nur durch die Schoah seien sie traumatisiert; schon seit Jahrtausenden waren sie Opfer von Pogromen, Diskriminierung und Vertreibung. Für viele bedeute das eine ständige „Existenz auf Widerruf“. Das habe Spuren hinterlassen.

KNA/cas/lwi

4 Kommentare

  1. Lieber Herr Wolffsohn, herzlichen Glückwunsch! Als Kind einer in der so genannten Hitlerzeit deportierten polnischen Zwangsarbeiterin beruhigt es mich, dass Sie Deutschland nicht verlassen … Sehr freundlich grüßt Sie Prof. Dr. Franz Kromka

  2. Lieber Freund Wolffsohn,

    aus der Perspektive eines gerade 80 gewordenen gratuliere ich dem jungen Mann herzlich zum bevorstehenden 75. Geburtstag. Bleiben Sie gesund und kritisch, deutsch und jüdisch, scharfsinnig und großherzig!

  3. Ad me’ah ve-essrim shana
    Danke für Ihre großartigen Beiträge und Engagement zum besseren Verständnis des Judentums und Israels. Weiterhin viel Kraft und Energie verbunden mit guter Gesundheit.

  4. Lieber Herr Dr. Wolffsohn, herzlichen Glückwunsch zum Fünfundsiebzigsten, ein Danke für das „Ausharren“ und besonders für das „Ärmel hochkrempeln und mitprägen“.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.