Der Islamische Staat und der Dschihad in Zeiten des Coronavirus

Lesezeit: 4 Minuten

In dem Bemühen, sich von seinen militärischen Niederlagen der letzten Jahre zu erholen, nutzt der Islamische Staat (IS) die Coronavirus-Krise, um seine Terroraktivitäten erheblich zu verstärken. Er stellt die Pandemie als „göttliche Strafe für die Kreuzritter“ und als eine Gelegenheit dar, seinen heiligen Krieg fortzusetzen.

von Galit Truman Zinman

Im Jahr 2019 verübte oder inspirierte der IS Dutzende von Terroranschlägen in der ganzen Welt, insbesondere von April bis August (als die Gruppe die Kontrolle über das Euphrattal in Syrien verlor) und im Dezember, als die Terrorgruppe etwa 60 „Vergeltungsanschläge“ für die Tötung ihres Anführers Abu Bakr Baghdadi sowie ihres Sprechers Abu Hassan Muhajir verübte. Diese Angriffe sendeten eine deutliche Botschaft aus: Der IS organisierte sich nach dem Tod des Kalifen neu und intensivierte sogar seine Aktivitäten.

Der Ausbruch des Coronavirus veränderte den Kurs der dschihadistischen Mission des IS in zweierlei Hinsicht. Zum einen führte die Pandemie zu einer Verringerung der Investitionen seitens westlicher Länder in den Kampf gegen den Terror; dadurch verringerte sich der militärische Druck auf die Gruppe, was offensichtlich zum Vorteil des IS geriet. Die Krise gab der Terrorgruppe zudem auch eine neue Richtung ihrer Botschaft an potenzielle Rekruten. In dem Bemühen, ihre Reihen zu erweitern und den Dschihad zu erneuern, stellte sie die globale Pandemie als göttliche Strafe für sündige westliche „Ungläubige“, „Götzenanbeter“ und „Verräter des Islam“ dar.

In den letzten Monaten gab es in der Tat eine beträchtliche Zunahme an Ermahnungen des IS, zum Islam zurückzukehren, und das Ausmass seiner aktuellen Terroraktivitäten deutet auf eine Überarbeitung seiner Taktik und Strategie hin. Allein im Mai 2020 verübte der IS weltweit 400 Terroranschläge, die meisten davon in einer synchronen Welle in der Mitte des Monats (sogenannte „Zermürbungsangriffe“), die Hunderte von Opfern forderten. Die Gruppe betreibt auch eifrig den Drogenhandel: Ende Juni wurden in Italien 14 Tonnen Amphetamine (im Wert von rund 1 Million Euro) beschlagnahmt, die vermutlich vom IS in Syrien zu Zwecken der Terrorfinanzierung hergestellt wurden.

Unterdessen fordert der IS die Länder der Region und ihre Verbündeten weiterhin heraus:

  • Irak: Dort nutzt der IS den Rückgang der militärischen Aktivitäten der lokalen Sicherheitskräfte und den Rückzug der US-amerikanischen Streitkräfte sowie ihrer Koalitionstruppen zur Intensivierung der Angriffe, insbesondere in den Provinzen Kirkuk, Diyala und Saladin. Dabei greift der IS Armeestützpunkte und -einrichtungen an, errichtet Hinterhalte und führt Razzien durch, legt Sprengkörper, feuert mit leichten Waffen und Scharfschützen, startet Raketen und brennt landwirtschaftliche Felder ab. Gemäss eigener Behauptungen hat der IS im Mai 226 Angriffe in ganz Irak durchgeführt, bei denen 426 Menschen getötet oder verwundet wurden.
  • Syrien: Hier ist der IS im Euphrattal aktiv (einschliesslich der Regionen Raqqa, Deir ez-Zur und Mayadin). Im Süden (in der Region Hauran) greift der IS Vertreter des Regimes an, nimmt Gefangene und richtet diese hin, sprengt Fahrzeuge in die Luft, legt Hinterhalte und beteiligt sich an leichtem Waffenfeuer und Attentaten.
  • Afghanistan: Die Gruppe ist nach wie vor in der Region Chorasan aktiv, darunter mehrere tödliche Angriffe wie ein Selbstmordattentat im März auf einen Sikh-Tempel in Kabul (25 Tote und Verwundete), ein Selbstmordattentat im Mai auf afghanische Sicherheitskräfte in der Provinz Nangarhar (25 Tote) sowie ein Terroranschlag im Mai auf ein Krankenhaus in Kabul (24 Tote).
  • Ägypten: Die Gruppe setzt ihre Angriffe auf die ägyptische Armee in verschiedenen Regionen fort, insbesondere auf der Sinai-Halbinsel. Das Land wird vom IS als Verbündeter der Juden und Christen bezeichnet.
  • In den „Provinzen“ des IS weltweit, von Westafrika bis zu den Philippinen: Die Dynamik der Angriffe auf lokale „ungläubige“ Bevölkerungen und Soldaten hält an. In Nigeria und Mosambik zum Beispiel hat der IS Militärbasen angegriffen und Terror in grossem Umfang eingesetzt, um Dörfer und Städte zu übernehmen und eine alternative Regierung einzusetzen.

Neben zahlreicher Angriffe setzt der IS seine energische Propagandakampagne fort und nutzt gleichzeitig soziale Medienplattformen, gibt Newsletter heraus und produziert Videos. Er verfolgt zwei Ziele: Anhänger zu gewinnen, die sich ihm anschliessen, und Angst unter seinen Feinden zu säen. Zum Beispiel zeigt ein auf Telegram veröffentlichtes Video („Cut Off the Heads“) ihre grausamen Methoden wie Enthauptungen und Folter.

Entgegen der landläufigen Meinung bleibt die ideologische Kraft der salafistisch-jihadistischen Bewegung, die muslimische Gemeinschaft unter der schwarzen Flagge des islamischen Kalifats zu vereinen, trotz ihrer Misserfolge unverändert. Dies gilt auch nach dem Verlust von Territorium, der Ermordung seines Kalifen und der Ausbreitung der Pandemie. Der IS mag sein Kalifat verloren haben, aber er bleibt eine bedeutsame dschihadistische Terrororganisation. Aus ihrer Sicht ist das Coronavirus nur ein „Soldat im Dienste Allahs“, der entsandt wurde, um den IS in seinem gerechten Kampf zur Überwindung der „Ungläubigen“ und zur Verbreitung des Islam durch das Schwert zu unterstützen.

Um die erneute Expansion des IS im Irak und in Syrien zu stoppen, bedarf es eines tiefen und engagierten militärischen Engagements der internationalen Koalition in Zusammenarbeit mit den örtlichen Sicherheitskräften, obwohl ein solches Engagement in naher Zukunft nicht wahrscheinlich ist.

Dr. Galit Truman Zinman lehrt an der Fakultät für Politikwissenschaft an der Universität Haifa. Zuerst erschienen auf Englisch beim Begin-Sadat Center. Übersetzung: Audiatur-Online.

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