Mitarbeiterinnen vom St. Joseph Hospital im Stadtteil Sheikh Jarrah in Ost-Jerusalem. Foto Mara Vigevani/TPS
Mitarbeiterinnen vom St. Joseph Hospital im Stadtteil Sheikh Jarrah in Ost-Jerusalem. Foto Mara Vigevani/TPS

Nachdem sie fast jedes Krankenhaus in Jerusalem besichtigt hatten, um den besten Ort für die Geburt ihrer ersten Tochter zu finden, entschieden sich Nehama (32) und Haim (34), ein junges jüdisches Paar aus Jerusalem, für das St. Joseph Hospital, ein kleines palästinensisches Krankenhaus im Stadtteil Sheikh Jarrah in Ost-Jerusalem.

 

von Mara Vigevani/TPS

„Meine Mutter hatte vor Monaten zufällig durch eine Freundin von St. Joseph gehört und vorgeschlagen, ich sollte es einmal dort versuchen“, berichtete Nehama zwischen zwei Wehen im Kreisssaal des Krankenhauses. „Ich entschied mich, hier mein Kind zu bekommen, weil die Atmosphäre hier viel intimer ist als in anderen Krankenhäusern. Auch sind alle entspannt und ich habe das Gefühl, dass sich die Krankenschwestern und Ärzte wirklich um mich kümmern. Ich bin nicht nur eine [Patientin] von Hunderten“, berichtete sie weiter.

Nehama ist mit ihrer Meinung nicht alleine. Ihre Geschichte steht beispielhaft für ein zunehmendes Phänomen in Jerusalem und über dessen Grenzen hinaus.

„Ich habe schon Dutzenden junger jüdischer Frauen hier geholfen, ihr Kind zur Welt zu bringen“, berichtete Tali Mansdorf, Nehamas Doula – eine nichtmedizinische Hebamme, die den Gebärenden vor und während der Geburt zur Seite steht – während sie Nehamas Füsse massierte, um die Wehenschmerzen zu lindern. „Es gibt Paare, die von Haifa und Tel Aviv hierher kommen, besonders im letzten Jahr. Die Paare entscheiden sich für St. Joseph, weil das Personal sehr kooperations- und hilfsbereit ist und besonders, weil man hier eine sehr natürliche Herangehensweise an die Geburt hat.“

Die Entbindungsabteilung des St. Joseph Krankenhauses verfügt über 25 Betten. Durchschnittlich werden 280 Kinder pro Monat geboren, 40 von ihnen sind Juden, die übrigen Muslime und Christen. Der Mitarbeiterstab setzt sich aus jüdischen, muslimischen und christlichen Hebammen zusammen und das Krankenhaus ist als einziges in Jerusalem für Wassergeburten ausgestattet.

„Ich hatte vor zwei Tagen eine Wassergeburt und alles hat perfekt geklappt“, berichtete Esther Antopolsky (23), eine orthodoxe Jüdin aus Jerusalem. „Die Ärzte und Krankenschwestern waren sehr hilfsbereit, der Kreisssaal war einladend, die Krankenschwestern schalteten beruhigende Musik ein … Es war einfach perfekt.“

„Viele von unseren Freunden haben hier entbunden. Die Ärzte glauben an das Konzept der natürlichen Geburt und das war uns sehr wichtig“, ergänzte ihr Ehemann Yosef, als er gemeinsam mit seiner Frau im Speisesaal der Station zur nachgeburtlichen Versorgung sass, wo die Patientinnen aus einer Vielzahl von Gerichten wählen können, darunter auch koscheren Mahlzeiten.

„Auch wenn es ein kleines Krankenhaus ist, ist man hier auch im Falle von Komplikationen bestmöglich ausgestattet. Manchmal gibt es Probleme mit der Verständigung, da nicht alle Krankenschwestern gut Hebräisch sprechen, aber wir kommen gut zurecht und fühlen uns gut aufgenommen und versorgt“, so Nehamas Ehemann Yosef.

Wenn man die einzelnen Stationen besucht, ist der hohe Standard des St. Joseph nicht zu übersehen: Kreisssäle, Operationssäle, allesamt ausgestattet mit modernster Technik. Das Krankenhaus verfügt sogar über ein Kosmetikstudio, wo sich die Frauen nach der Geburt mit einer Maniküre, Pediküre oder einem neuen Haarschnitt verwöhnen lassen können.

„Das Ziel meiner Abteilung ist es, Frauen mit der bestmöglichen Betreuung und geringsten Intervention zu versorgen“, sagte Dr. Samir Asfour, Leiter der Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie im St. Joseph Krankenhaus. „Ich bin ein Verfechter der natürlichen Geburt. Sie ist das Beste für die Frauen. Aber uns stehen auch rund um die Uhr Spezialisten zur Verfügung, sodass wir im Falle von Komplikationen in Minutenschnelle reagieren können.“

Nach Auskunft von Dr. Asfour beläuft sich die Anzahl der Kaiserschnitte im Krankenhaus auf 8 % und liegt somit unter der empfohlenen Rate der Weltgesundheitsorganisation, welche die „Idealrate“ für Kaiserschnitte zwischen 10 % und 15 % festlegt.  „In einigen Ländern beträgt die Rate der Kaiserschnittgeburten sogar 70 %“, stellte Asfour fest.

Immer mehr Juden entscheiden sich für dieses kleine palästinensische Krankenhaus, das im Jahre 1948 von der französischen Kongregation der katholischen Schwestern von St. Joseph vom Heiligen Herzen gegründet wurde.

„Wir sind ein kleines Krankenhaus mit nur 155 Betten und verfügen über eine radiologische und eine gynäkologische Abteilung, eine Entbindungsstation, eine Säuglingsstation, eine Intensivstation, eine ambulante kardiologische Abteilung sowie eine Abteilung für Innere Medizin“, erklärte Herr Jamil Koussa, der Generaldirektor von St. Joseph, und fügte hinzu: „Unser Krankenhaus hat Vereinbarungen mit allen Gesundheitsversorgern aus Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten. Bei uns ist jeder Patient willkommen.“

Für Koussa besteht die Aufgabe des Krankenhauses nicht nur darin, die Patienten zu heilen, sondern auch, Brücken des Friedens zu bauen. „Unsere Mission ist es, von Mensch zu Mensch Frieden zu stiften, um zu beweisen, dass ein Zusammenleben möglich ist. Frauen aus  Ma‘ale Adumim und den Golanhöhen haben bei uns ihre Kinder geboren. Bevor sie unser Haus verliessen, sagten sie mir, es sei das erste Mal gewesen, dass sie Kontakt zu Palästinensern hatten und dass sie bemerkt hätten, dass es Platz für Frieden gibt“, berichtete Koussa weiter.

In einer Stadt wie Jerusalem, wo intensive Spannungen zwischen Arabern und Juden herrschen, ist das St. Joseph Krankenhaus eine wahre Insel der Vernunft und laut Koussa „ein Beweis, dass es immer noch Orte gibt, an denen der arabisch-israelische Konflikt aussen vor bleibt“.

Übersetzung Audiatur-Online.

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