Ruth Colian von der „Bis'chutan“-Bewegung . Foto Youtube Screenshot

„Mir ist klar, dass wir einen Preis dafür zahlen müssen. Aber wir wollen unbedingt gottesfürchtigen Frauen eine Adresse in der Knesset bieten.“ Das erklärte die mit einer grossen Perücke geschmückte orthodoxe Feministin und Anwältin Ruth Kolian, 33, Mutter von 4 Kindern, als sie am Montag die Gründung ihrer neuen Partei verkündete. „Zu ihrem Recht“ (Be’sechutan) heisst die bisher noch nicht dagewesene Neugründung. Mit ein paar Unterschriften und ein wenig Geld kann in Israel jeder eine Partei gründen, vom Tierfreund bis zum Hanfanbauer. Doch wegen der Anhebung der Sperrklausel auf 3,5 Prozent, was umgerechnet mindestens vier Knesset-Mandate bedeutet, werden selbst arrivierte und seit Jahrzehnten vertretene Parteien am Wahltag (17. März) auf der Strecke bleiben. Solange sich die drei arabischen Parteien nicht zusammenschliessen, könnten sie genauso scheitern wie die von Ariel Scharon gegründete Volkspartei Kadimah. Vor zwei Knesset-Kadenzen hatte sie noch die Mehrheit aller Stimmen errungen und ist dann in der Versenkung verschwunden. Das ist in Israel allerdings ein sehr übliches Verfahren. Parteien kommen und gehen.

Orthodoxe Frauen sind eine nicht unbeträchtlich grosse Gruppe, die tatsächlich überhaupt keine parlamentarische Vertretung kennt. Die ultraorthodoxen Parteien sind reine Männersache. Einen „weiblichen Beirat“, angeführt von Jaffa Derri, Ehefrau des Schass-Parteivorsitzenden Arieh Derri, hält Kolian für einen „Gimmick“ (Gag auf Deutsch), der die Frauen beschwichtigen soll.

Kolians Partei hat noch zwei weitere Mitglieder. Es handelt sich um die ebenfalls frommen Frauen Noah Erez, Beamtin bei der Staatsanwaltschaft und Keren Musan, eine 21 Jahre alte Wirtschaftsstudentin. Diese kurze Parteiliste reicht nicht einmal für die notwendige Mindestzahl von vier Mandaten.

Die neue Partei richte sich an „alle Frauen“, vor allem aber an alleinerziehende und bedürftige Frauen. Die hätten ganz besonders unter Politikern gelitten, die niemals ihre Wahlkampf-Versprechen einlösen. Das gelte besonders für ultraorthodoxe Frauen, die zusätzlich noch „Mauern der Angst“ vom politischen Leben und der Knesset trennten.

Kolian behauptete, schon „alle Wege versucht“ zu haben. Tatsächlich hat die gelernte Anwältin 2010 eine erfolglose Klage beim Obersten Gericht eingereicht, um Parteien, und besonders die orthodoxen Parteien, zwingen zu lassen, auch Frauen auf reale Plätze ihrer Listen zu setzen.

Kolian und Erez sind beide verheiratet und Mütter von Kindern. Der Beschluss, eine eigene Partei zu gründen, fällt ihnen nicht leicht, denn sie müssen mit Feindseligkeiten von Seiten ihrer geschlossenen orthodoxen Gesellschaft rechnen. Doch ihre Familien stünden hinter ihnen.

Wegen den Widerständen fand die Pressekonferenz nicht wie bei anderen Parteien im Rahmen einer grossen Feier mit Luftballons in einem geschmückten Saal statt. Lediglich eine Handvoll Anhänger und ein paar Journalisten waren heimlich eingeladen worden in einen kleinen Raum in Tel Aviv.

Sollten die orthodoxen Parteien, Schass und „Vereintes Thora Judentum“ bereit seien, Frauen in ihren Reihen kandidieren zu lassen, wollten sie ihre separate Kampagne beenden, sagte Kolian auf der Pressekonferenz.

Erstmals ist 2008 eine ultraorthodoxe Frau, Tzvia Greenfeld, über die Parteiliste der extrem linksgerichteten Meretz-Partei in die Knesset eingezogen.

Bei den anderen Parteien sind Frauen relativ gut vertreten. Bei der Arbeitspartei, umbenannt in das „Zionistische Lager“ haben die beiden Spitzenkandidaten Zipi Livni und Jitzhak Herzog sogar eine „Rotation“ verabredet, falls deren Partei den nächsten Ministerpräsidenten stellen sollte. In Israel stand auch schon mal eine Frau an der Regierungsspitze. Golda Meir wurde freilich als der „einzige Mann in ihrem Kabinett“ bezeichnet.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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