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Antisemitismus in Europa ist zu einem zu grossen Problem geworden, als das man ihn ignorieren oder einfach wegrationalisieren könnte. Oftmals unter dem Deckmantel antiisraelischer Rhetorik und Handlungen, tritt er auf zwei Ebenen zutage: als offizielle Politik oder innerhalb von Gesellschaften, wie jüngste Umfragen zeigen, die Israel als die weltweit gefährlichste Nation sehen und als grössere Gefahr für den Weltfrieden als der Iran oder Nordkorea.

Die Nachricht über diesen zutiefst beunruhigenden Trend in Umlauf zu bringen, ist nicht einfach.

Im Vorfeld der Nahostfriedensverhandlungen versuchte die EU, die Grenzen Israels zu bestimmen und zwar basierend auf den Grenzen von vor-Juni 1967. Und damit unterstrich sie die Ansichten der Regierungschefs in den mondänen Hauptstädten ihrer 28 EU-Mitgliedsstaaten. Die neuen EU-Leitlinien, die eine Förderung von Projekten jenseits der Grünen Linie verbieten, deuten an, dass die EU das Westjordanland, die Golan Höhen oder Ostjerusalem einschliesslich der Klagemauer, nicht als Teil von Israel anerkennen.

Für Befürworter dieser Leitlinien reflektiert das die europäische Enttäuschung über Israel wegen des fehlenden Fortschritts bei den Verhandlungen mit den Palästinensern und insbesondere dem Anwachsen von jüdischen Siedlungen. Für Kritiker dieses EU-Vorstosses trägt das nur dazu bei, dass Israel den Friedensbemühungen der internationalen Gemeinschaft nicht traut. Zudem unterscheidet es nicht zwischen Gebieten, welche bei einem Friedensabkommen bei Israel bleiben und welche nicht. Beispielsweise beharrt die EU darauf, dass Israel die Golanhöhen an Bashir Assad zurückgeben solle, während dieser sich inmitten eines Bürgerkrieges befindet, der Syrien zu einem gescheiterten Staat gemacht hat.

Wie kann zudem die EU ihre augenscheinlich objektive Rolle aufrechterhalten, als Teil des Nahostquartetts den Friedensprozess voranzubringen, wenn sie bereits bestimmt hat, dass Israel an die Grenzen zurückkehren soll, die vom israelischen Diplomaten Abba Eban 1949 als die „Auschwitz-Grenzen“ bezeichnet wurden?

Die EU ist der wichtigste Handelspartner von Israel, ihre Mitgliedsstaaten fordern eine Zweistaaten-Lösung und beharren auf ihrer Unterstützung für Israel. Doch viele dieser Staaten machen sich des Doppelstandards eines „humanitären Rassisten“ schuldig, wie es Manfred Gerstenfeld, ein in Österreich geborener israelischer Ökonom und Autor, bezeichnet. Ein humanitärer Rassist „schreibt gewissen ethnischen Völkern oder nationalen Gemeinschaften eine intrinsisch reduzierte Verantwortung für ihre kriminellen Taten oder Vorhaben zu.“

In diesem Fall tragen „Israelis die Schuld für jede Selbstverteidigungsmassnahme“, während „die palästinensische Verantwortung für Selbstmordattentäter, tödliche Raketenangriffe, Verherrlichung von Mördern von Zivilisten und die Genozid unterstützen, allenfalls geschmälert wird.“

Gerstenfeld ist ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairs, er betont, dass „absolut irrationale“ Ansichten über Israel nicht in Frage gestellt werden, zum Beispiel, dass Jerusalem beschuldigt wird, Palästinenser zu beseitigen, wenn vielmehr israelische Medizineinrichtungen arabische und jüdische Patienten gleich behandeln.

In seinem neuen Buch „Demonizing Israel and the Jews“, bestehend aus 57 Interviews, geben Akademiker, Politiker und Journalisten aus Europa, den USA und Israel Einblick in verschiedene Faktoren, die zum negativen Bild von Israel und Juden unter Europäern beitragen. Diese Einflüsse reichen von traditionellem europäischen Antisemitismus und Schuld wegen der Rolle Europas im Holocaust, bis hin zu Sympathien für die Palästinenser und dem Einfluss muslimischer Migranten in europäischen Ländern.

„Es gibt nicht einen einzigen Frontalangriff“ gegen Juden oder Israel, sagt Gerstenfeld, sondern „Tausend kleine Schnitte“, wie Aussagen von europäischen Politikern, die Israel von allen Nation herausstellen wegen angeblichen Fehlverhaltens, oder sie loben die USA für die Tötung von Osama bin Laden, kritisieren aber gleichzeitig Israel für die Tötung von Terroristenführer der Hamas und der Hisbollah.

Gestenfeld bezieht sich auf verschiedene Umfragen, die feststellen, dass ungefähr 40 Prozent der Europäer im Alter von 16 Jahren antiisraelische, wenn nicht sogar antisemitische Ressentiments hegen und zustimmen, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt. Das macht ungefähr 150 Millionen europäische Bürger, die denken, dass Israel genozidale Absichten hat, sagt er.

Wurde in der mittelalterlichen christlichen Gesellschaft das „absolut Böse“ als die Tötung von Jesus definiert, die den Juden zugeschrieben wurde, so sei gemäss Gerstenfeld heute das Böse, sich wie die Nazis zu verhalten, nämlich Völkermord begehen.

„Es ist eine neue Mutation“ eines jahrhundertealten irrationalen und „teuflischen Glaubens“ von vielen Menschen in Europa über Juden, sagt Gerstenfeld. Er beklagt darüber hinaus, dass niemand, der an der Macht ist, wirklich mit dieser beunruhigenden Wirklichkeit konfrontiert werden will – weder die europäischen Regierungschefs noch Beamte des Aussenministeriums in Israel.

„Es ist lästig und unangenehm für sie“, erzählt mir Gerstenfeld. „Das anzuerkennen würde sie zum Handeln zwingen.“ Er beschreibt ihre Einstellung als „das sollte nicht wahr sein, also kann es auch nicht wahr sein.“

Gerstenfeld argumentiert, dass die europäische Presse gleichermassen widerwillig diese weitverbreiteten negativen Ansichten von Israel und Juden aufdeckt. Er berichtet, dass er von einem Bild-Reporter ausführlich zu seinem neuen Buch interviewt worden ist, doch bis heute ist noch nichts darüber erschienen. Ähnlich haben anderen Medien in den Niederlanden und anderen Ländern Berichte über sein Buch abgeblockt.

Was könnte unternommen werden, um diese gefährliche Entwicklung umzukehren? Einige israelische Beamte sagen Gerstenfeld, dass seine Bemühungen nutzlos sind, dass das Problem zu gross sei, dass Europäer, die sich selbst der Menschenrechte rühmen, nichts von diesen Anschuldigungen der ethnischen Voreingenommenheit hören wollen. Aber er betont, dass die Niederlande ein Programm eingeführt haben, Antisemitismus unter der marokkanischen und türkischen Bevölkerung zu bekämpfen, und Statistiken zeigen eine Verbesserung, auch wenn sie weiterhin besorgniserregend sind. (Positive Ansichten über Juden stiegen an von 34 Prozent auf 50 Prozent).

Gerstenfeld will seine Bestrebungen fortsetzen und fügte 25 weitere Interviews zur deutschen Ausgabe seines Buchs hinzu. „Man kann nicht alle Leute die ganze Zeit zum Narren halten”, sagt er.

Manche buchen Gerstenfeld als Panikmacher ab, doch es ist schwierig die Tatsache zu ignorieren, dass Rhetorik und Anschuldigen gegen Israel in Europa und anderen Länder sich in den letzten Jahrzehnten verschlimmert haben und der Dämonisierungsfaktor zugenommen hat. Einzig Israel unter allen Nationen der Welt muss sein Existenzrecht verteidigen, ist Thema für mehr UN-Resolutionen als jedes andere Land etc. Vielleicht sind wir immun gegenüber Voreingenommenheit geworden, genauso wie wir den täglich verbreiteten Hass gegen Juden in den arabischen Medien oder von arabischen Politikern als selbstverständlich hinnehmen.

Die Situation wird sich nicht auflösen, nur weil man sie ignoriert. Diesem Problem mehr Aufmerksamkeit schenken, Fakten abrufen und bemüht sein, die Bevölkerung zu bilden, sind ein Anfang auf einem langen Weg, ein schreckliches Unrecht zu korrigieren.

Originalversion: The Unpleasant Truth About European Anti-Semitism by Gary Rosenblatt © The Jewish Week, 30 July 2013

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1 KOMMENTAR

  1. Latent war der europäische Antisemitismus leider immer da. Obwohl Juden immer vorbildliche Bürger in ihren Heimatländern waren. Im Gegensatz zu heutigen Einwanderern aus gewissen Ländern.
    Wiedererweckt wird der neue Antisemitismus durch die antisemitische Grundeinstellung vieler Medien. In der Schweiz besonders durch den TA und die NZZ. Ohne den Wirtschafts- und Kulturkrieg der palästinensischen BDS-Bewegung hätte der Antisemitismus keine Chance gehabt. Dieser Krieg wird von den palästinensischen Behörden an vielen Fronten geführt. Es gibt kaum noch Institutionen, die nicht von diesem Virus frei sind.
    Leider wird die BDS-Bewegung auch von jüdischen NGOs unterstützt. In der Schweiz von der JVJP.CH, die mit absurdem und perfidem Aktivismus auffällt.

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