Die Bedeutung von Think-Tanks

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Im vergangenen Sommer, und noch lange bevor der Begriff AQIM (Al-Qaida in the Maghreb) und Tuareg in den hiesigen Zeitungen auftauchten, diskutierte Jacques Neriah die Frage „Ein zweites Afghanistan in Mali?“. Allerdings schenkten damals nur wenige diesem Thema Beachtung – rückblickend viel zu wenige.

Dr. Jacques Neriah (Col. ret.) Oberst a.D. der israelischen Sicherheitskräfte IDF, verfasst Analysen und debattiert Themen für das Jerusalem Center for Public Affairs (JCPA), einem Think-Tank mit Sitz in Jerusalem, der im von James McGann jährlich veröffentlichten Bewertungsbericht über internationale Think-Tanks Platz 29 (von 45 Top Nahost Think-Tanks) einnimmt.[1] Neriah neigt dazu, Themen anzugehen, die nicht gerade attraktiv sind, zumindest nicht, bevor sie vom Mainstream wahrgenommen werden. Ein Paradebeispiel dafür: Islamismus in Mali.

Als sein Beitrag über den Islamismus in Mali im Juni 2012 erschien, waren wir selbst zwar von seinem tiefgründigen Wissen beeindruckt, empfanden das Thema aber zu abseits des örtlichen Interesses unserer Leser. Weniger als ein Jahr später müssen wir unsere eigene Kurzsichtigkeit eingestehen, obwohl die Frage weiterhin im Raum steht, wie gross das Interesse an der Politik in Nordafrika tatsächlich gewesen wäre ohne die westlichen Geiseln.

Neriahs Analyse zeigt, wie unerlässlich Think-Tanks wie beispielsweise das JCPA für die Aussenpolitik und nationale Sicherheit von Regierungen sind. Dass britische Politiker und Analytiker auf BBC sich über das Ausmass des Islamismus in Nordafrika überrascht zeigten, war doch eher empörend. Vielleicht sollten diese Personen, und der britische Premierminister David Cameron darf sich gerne dazuzählen, den RSS Feed des JCPA abonnieren.

Regierungen, besonders jene mit internationalen Geschäftsbeziehungen wie die Schweiz, können es sich nicht leisten, angesichts der andauernden Veränderungen und Entwicklungen besonders in der arabischen Welt hinsichtlich Geopolitik unterinformiert zu sein. Die dramatischen Ereignisse in Mali liefern den Beweis dafür. Analytiker sollten sich nicht nur auf „heisse Themen“ beschränken, sondern müssen in der Lage sein, bevorstehende Herausforderungen und Konflikte vorhersehen zu können.

Nachfolgend eine Zusammenfassung von Jacques Neriahs Analyse – besser spät als nie!

  • Mali, wie auch andere Länder der Sub-Sahara, ist mit zunehmenden Angriffen seitens der AQIM – dem Al-Qaida Ableger in Nordafrika- konfrontiert. Islamisten sind in eine Lösegeldindustrie durch die Entführung westlicher Geiseln in Millionen Dollarhöhe und den Drogenverkehr im Norden Malis verwickelt. Dort teilen sich Al-Qaida Militante und Tuareg den Boden. Die Tuareg bilden in Mali eine Minderheit von etwa einer Million von 15 Millionen Einwohnern und stellen im Norden Malis etwa einen Drittel der Einwohner dar.
  • Im März 2012 verfiel das Land ins Chaos, nachdem Soldaten den Präsidenten stürzten und ein Machtvakuum entstand, das den Rebellen die Möglichkeit gab, die Kontrolle über den Norden zu erlangen. Seit der Unabhängigkeit Malis 1960 ist das die vierte Rebellion, die von Tuareg Nomaden angeführt wurde. Die letzte fand 2008 statt.
  • Im Oktober 2011 versammelten sich die Tuareg Kämpfer in der Oase Zakak nahe der Grenze zu Algerien. Ihnen schlossen sich Berufsrebellen, Deserteure der malischen Armee und junge Aktivisten zu geheimer Beratung an, aus der die MNLA (National Movement for the Liberation of the Azawad) entstand.
  • Die Offensive der Tuareg ereignete sich nach der Rückkehr von Tuareg-Kämpfern nach Mali, nachdem ihr historischer Patron, Oberst Muammar Ghaddafi im benachbarten Libyen gestürzt worden war. Ihre Rebellion wäre vermutlich nicht ausgebrochen, wenn Ghaddafi weiterhin an der Macht geblieben wäre. Ghaddafis malische Kämpfer kehrten mit Kampferfahrung und mit schwerem, hochentwickeltem Geschütz, das aus seinem Waffenarsenal geplündert wurde, nach Mali zurück.
  • Wie im Fall von Tunesien und Ägypten und in geringerem Masse auch in Syrien wurde der Kampf der Tuareg um eine unabhängige Heimat von weitaus besser organisierten und bewaffneten Islamisten aus Mali und dem Ausland übernommen. Diese schufen einen sicheren Zufluchtsort für Militante in der Sahara – ein westafrikanisches Afghanistan. Die Auswirkungen und Konsequenzen solch einer Entwicklung könnten zu einem neuen Albtraum für den Westen werden.

Angesichts der Ereignisse in Mali erfordert Neriahs Backgrounder Ergänzungen:

Am 11. Januar griff die französische Armee in den Konflikt ein und am 12. Januar entsandte die britische Royal Air Force RAF zwei C-17 Transporter zur Unterstützung des französischen Militäreinsatzes. Am 16. Januar übertrate eine Gruppe AQIM-Militante die Grenze von Mali nach Algerien und nahm bei einem Überfall auf ein Ölfeld von Statoil/BP in Améneas 41 Ausländer als Geiseln. Mit Stand 25. Januar wurde 39 ausländische Geiseln und 29 Militante getötet[2].

Die Kämpfe in Mali gehen weiter und französische Truppen nehmen eine Stadt nach der anderen ein, doch Unsicherheit beherrscht weiterhin die Region.

Der Alptraum vor dem Neriah im Juni 2012 warnte, scheint Wirklichkeit geworden zu sein.

© Audiatur-Online

Col. (ret.) Dr. Jacques Neriah ist Special Analyst für den Nahen Osten am Jerusalem Center for Public Affairs. Er war aussenpolitischer Berater von Ministerpräsident Yitzhak Rabin und stv. Leiter Beurteilung im Israelischen Militärnachrichtendienst.



[1] http://www.fpri.org/research/thinktanks

[2] http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-21116623