Eine Installation der libanesischen Landwirtschafts-NGO 'Green without Borders'. Foto IDF
Eine Installation der libanesischen Landwirtschafts-NGO 'Green without Borders'. Foto IDF

Sind die an der libanesischen Grenze zu Israel gepflanzten Bäume wirklich Teil eines „Naturschutzgebiets“?

von Tony Badran

Nach dem zweiten Libanonkrieg im Jahr 2006, als die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) das ausgeklügelte Netz aus unterirdischen Tunneln und Bunkern der Hisbollah im südlichen Libanon entdeckten, nannten die Israelis diese Befestigungsanlagen „Naturschutzgebiete“. Die Hisbollah nutzte diese „Naturschutzgebiete“, die in bewaldeten Gegenden und an Hängen errichtet wurden, um ununterbrochen Kurzstreckenraketen auf den Norden Israels abzufeuern, während sich ihre Kämpfer im Inneren verschanzten ­– geschützt vor Luft- und Artilleriebombardierungen.

Elf Jahre später hat sich der ursprünglich als Scherz gemeinte Begriff als passender erwiesen, als es sich die IDF vermutlich vorgestellt hatten. Vergangene Woche reichte Israel eine Beschwerde beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ein, in der es die Hisbollah beschuldigte, Beobachtungsposten entlang der Grenze unter dem Deckmantel einer Umweltschutzorganisation mit dem Namen „Green Without Borders“ errichtet zu haben. Israel veröffentlichte Fotos und ein Video, die die Behauptungen unterstützten.

Wenig überraschend wiesen die UN Israels Beschwerde zurück. UN-Sprecherin Eri Kaneko sagte, UNIFIL habe in den vergangenen beiden Jahren „beobachtet, dass die NGO Baumpflanzaktivitäten unternommen hat, wie es ihrem erklärten Ziel entspricht.“ Sie fügte hinzu, dass es jedoch keine Verletzung der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates gegeben habe, wie in etwa eine unbefugte bewaffnete Präsenz der Hisbollah.

Es steckt jedoch mehr hinter diesem scheinbar harmlosen umweltfreundlichen Anpflanzen von Bäumen und den NGOs, die daran beteiligt sind. In einer im Jahr 2010 gehaltenen Ansprache des Generalsekretärs der Hisbollah, Hassan Nasrallah, der beim Pflanzen eines Baumes gezeigt wurde, drängte er die Libanesen, seinem Beispiel zu folgen und die Entwaldung des Libanon zu bekämpfen. Die Rede markierte das Ende einer Kampagne zur Anpflanzung von einer Million Bäumen, die unter der Trägerschaft des damaligen Landwirtschaftsministers vom Bau- und Entwicklungszweig der Hisbollah, Dschihad al-Binaa (Bau-Dschihad) – 2007 vom Finanzministerium ernannt – organisiert wurde.

Nasrallah erklärte, dass die Libanesen die Thematik Bäume, Wälder und Aufforstung als „Teil der nationalen Sicherheit des Libanon“ ansehen sollten. „Die Natur versorgt uns mit teilweise unverzichtbaren defensiven Eigenschaften“, sagte er. „Kampfhandlungen in der Wüste unterscheiden sich von Kämpfen im Gebirge oder in Tälern. Als wir einst drohten, wir würden fünf oder sechs IDF-Kompanien vernichten, sollten diese in unser Land eindringen, sprachen wir daher über die geografischen Gegebenheiten unseres Landes, unserer Berge, Täler und Bäume.“

Der Dschihad al-Binaa setzte seine Kampagne basierend auf Nasrallahs Anordnung fort ­– gemeinsam mit Gruppen wie „Green Without Borders“ sowie in Zusammenarbeit mit Gemeinden in der südlichen und westlichen Bekaa-Ebene. Das Direktorat der Hisbollah für kommunale Aktionen (al-‘amal al-baladi) ist ebenfalls ein dauerhafter Partner, der sich mit den Gemeinden abstimmt, um die erforderlichen Geldmittel bereitzustellen. Eine im Jahr 2013 abgehaltene Konferenz, die von der Hisbollah und ihren Abteilungen – Dschihad al-Binaa, dem kommunalen Zweig der Hisbollah, den Mahdi Scouts, der islamischen Gesundheitskommission, der vom Iran unterstützten Friedensbildungsorganisation zur Entminung sowie, natürlich, Green Without Borders – organisiert wurde und unter der Trägerschaft des Landwirtschaftsministers der Hisbollah stand, wurde unmissverständlich „Der grüne Widerstand des Südens“ genannt. Passend zu diesem Thema erklärte der Vorstand von „Green Without Borders“, die Initiative diene dazu, dass „wir uneingeschränkt loyal bleiben gegenüber unserem Widerstand und dem Reichtum unserer Natur und unserer Umwelt, die unser grünes Gewand und unser undurchdringbares, widerstandsfähiges Bollwerk sind.“ So wie die „Widerstandswirtschaft“ und „Widerstandskultur“ gibt es auch den „Widerstandsumweltschutz“. Die Hisbollah als grüne Bewegung. Sie stellt nicht nur Sozialdienste bereit und bekämpft den Imperialismus, sondern kümmert sich auch um die Umwelt. Der Traum aller Linken.

Die Geschichte wäre nicht vollständig, ohne zu erwähnen, dass viele der Standorte in der südlichen und westlichen Bekaa-Ebene, um die es in der Kampagne geht, in „Naturschutzgebiete“ umgewandelt und getauft wurden. Es ist unklar, wie viele dieser Orte militärisches Sperrgebiet sind oder es noch werden ­– so, wie es in vielen Gegenden des Libanon der Fall ist, die von der Hisbollah kontrolliert werden.

Einige werden sich daran erinnern, dass die ursprünglichen „Naturschutzgebiete“ zwischen 2000 und 2006 vor der Nase von UNIFIL errichtet wurden. „Wir haben nie gesehen, dass sie etwas gebaut haben“, berichtete ein UNIFIL-Offizier im Jahr 2011 einem Reporter. Und genau darum geht es natürlich. UNIFIL sieht und hört nichts, selbst wenn die Hisbollah von den libanesischen Streitkräften begleitete Touren organisiert, bewaffnete Einheiten für Fotoshootings aufmarschieren lässt und ihre Vorräte seit 2006 mehrfach aufgestockt hat. UNIFIL besteht vielmehr darauf, dass alles gut ist und dass „neue Wurzeln des Friedens“ Halt finden. Das ist es, was UNIFIL naturgemäß von vornherein sagen wird. Sonst wären sie ja dazu aufgerufen, etwas zu tun – ihren Job –, und das ist natürlich ein unerreichbares Hirngespinst.

Tony Badran ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Foundation for Defense of Democracies. Auf Englisch zuerst erschienen bei Tablet Magazine.

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