Moshe Zuckermann. Foto Arne List. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Mittwochabend betrat Moshe Zuckermann ganz relaxed und positiv eingestimmt die Räume der Helferei in Zürich. Zahlreiche Verbände, Vereine und anti-israelische Gruppierungen hatten sein Kommen angekündigt: JVJP, Islam.ch, Nahostfrieden, Café Palestine, ebenso wurde in den sozialen Medien und der WOZ für diesen Anlass geworben.

Listen wurden aufgelegt, auf eine Petition gegen den Drohnenkauf der Schweiz in Israel wurde speziell noch einmal hingewiesen. Auch das Sammelkörbchen stand schon bereit, um am Ende des Abends die erhofften zahlreichen Kollekten aufzunehmen.

Für 48 erhoffte Zuhörer standen Stühle bereit, als sich der Raum, Zwinglis Amtsstube, langsam füllte, bis kurz darauf ca. 100 Personen versuchten, doch noch einen Sitzplatz zu ergattern. Das Publikum, überwiegend jüdisch, weiblich, über 65 richtete sich auf einen Abend ein, der sie wieder einmal in ihren Vorurteilen bestätigen würde. Man kannte sich, man umarmte sich herzlich schwesterlich, oder herzhaft männlich, man lächelte, man hielt sich die Plätze frei. Leise tuschelnd wurden die Agenden der diversen jüdischen Gemeinden Zürichs durchgehechelt, wer denn nun endgültig auf der Liste der nicht mehr zu Beachtenden stünde,  wer sozusagen „unten durch sei“. Kurz, es versprach, ein netter, familiärer Abend zu werden. Man wusste bereits im Vorfeld, dass Zuckermann Zuspruch liebt und immer wieder gezielt Sprüche einbauen wird, die ein Lachen provozieren, und man war durchaus gewillt, ihm diese Zustimmung auch zu schenken. Man kennt sich, Zuckermann war nicht zum ersten Mal hier.

Und so liess er sich nicht lange herausfordern. Er zog, wie üblich in perfektem, geschliffenen Deutsch, durchsetzt mit lateinischen Floskeln und psychoanalytischen Weisheiten einmal mehr seinen virtuellen Feldzug durch die israelische Geschichte und Politik.

Die Protagonisten des Konfliktes sind, so Zuckermann, die Israelis und Palästinenser und die stehen seit Anbeginn des Konfliktes, so fährt er fort, in einem Verhältnis wie Herr und Knecht, resp. der Reiter und sein Ross.  Ergo, so seine Folgerung aus materieller Sicht: „Derjenige der etwas zu geben hätte, also derjenige der hätte etwas vorantreiben können, ist Israel. Israel besetzt die Gebiete, die es gilt zurückzugeben, bevor überhaupt ein Friedensprozess angekurbelt werden kann.“ Das ist ebenfalls Geschichtsklitterung vom Feinsten. Bevor der palästinensische Terror gegen Israel begann, waren die Beziehungen, wenn auch vielleicht nie freundschaftlich, aber immerhin nachbarschaftlich. Erst mit Beginn der ersten Intifada verschlechterten sie sich dramatisch.

Israel wurde, so interpretiert er,  1948 „auf dem Rücken der Palästinenser“ gegründet. Die Begründung dazu ist simpel:  Israel sei auf einem Territorium gegründet worden, dass nie per definitionem israelisch gewesen sei. Noch dazu  hätte es zum Zeitpunkt der Staatsgründung kein Staatsvolk gegeben, da mehr als 50% der Juden seinerzeit und auch heute noch im Ausland leben. Und dann die Sprache! Damals hätte man sich überlegt, welches die Staatssprache werden solle. Zur Auswahl sei gestanden Jiddisch und Ivrith. Dass Jiddisch nie die Sprache der Sfaradim gewesen ist, Zuckermann zählt sie auf, der Jemeniten, Ägypter, Marokkaner, Iraker … das Publikum findet dies urkomisch.  Klar, hier ist man ja unter sich, alle sind gute, brave Ashkenasim, Jeckes sozusagen. Das „Problem“ der Sfaradim darf man getrost Israel überlassen, und das ist ja weit weg!

Natürlich findet in diesen Teil seiner Ausführungen auch die Nakba Eingang. Unerwähnt bleibt, wie könnte es anders sein, die Vertreibung der Juden, zeitgleich und in etwa in gleicher Zahl aus den arabischen Ländern. Unterschlagen wird auch, dass es anno 1948 noch keine Ethnie gab, die sich als palästinensisch definierte. Diese wurde erst durch Arafat im Jahr 1964 kreiert. Und offensichtlich ist es dem Historiker Zuckermann auch entgangen, dass die Grenzziehung zwischen den von Briten und Franzosen verwalteten Gebieten auf dem Reissbrett vorgenommen wurde.  Churchill beschrieb es treffend: „Ich habe Transjordanien an einem Sonntagnachmittag in Kairo mit einem Federstrich erschaffen“. Auf dort lebende Ethnien nahm niemand Rücksicht.

Zionismus sei eine auf das Negative reagierende Erscheinung, die so Zuckermann, die Antwort auf den steigenden Antisemitismus in Europa war, und versucht, eine Lösung aufzuzeigen, um dem für Juden immer rauer werdenden Klima zu entkommen. Für Zuckermann ist das wichtigste Element, er wiederholt es mehrfach, dass ermöglicht wurde durch das neue Recht auf Selbstbestimmung, dass der „neue Jude“ Bauer werden durfte.  Dass dieser Beruf die schlicht nicht wegzuleugnende Grundlage war, um im damals recht unwirtlichen Palästina zu überleben, das ignoriert er. Dass die damals entstandenen Kibbuzim die Grundlage für Sicherheit und Versorgung der Menschen waren, scheint ihm nicht bekannt zu sein. Seine Argumentationskette geht anders: der Zionismus war immer bemüht, den Antisemitismus nicht aussterben zu lassen. Und er geht noch einen Schritt weiter: „Wenn man heute in Deutschland sagt: Antisemit, Antisemit, dann ist das Labsal für die Israelische Regierung.“

Zionismus war der Aufstand gegen das Ghetto- und Stetteljudentum, in dem man den, später nochmals erwähnten ödipalen Mord am Vater, in dem Fall am orthodoxen Juden beging. Zionismus war der Aufstand der Jungen gegen die Alten. Die Diaspora war in den Augen der jüngeren Juden etwas Negatives, das bedingt durch äussere Umstände immer negativer wurde.  Auch in diesem Punkt gibt Zuckermann wieder krude Vergleiche von sich: „Die Zionisten begannen mit der negativen Konnotation der Diaspora das, was später die Nazis realiter und physisch vollbrachten, die Zerstörung der Diaspora.“

Der orthodoxe Jude wird von Zuckermann als Gegenentwurf zum Zionisten bezeichnet. Das Verhältnis zwischen säkularen und religiösen Menschen, so seine These, wird von unendlichem Hass geprägt. Als Rechtfertigung für diese Aussage führt er den Yom HaSikaron und Yom HaShoa an, wenn in Israel jeweils für eine Minute das ganze Land stillsteht.  Nur die Religiösen, so erklärt er, „stehen nicht stramm“, sie gehen einfach weiter auf ihrem Weg. Wer schon einmal an einem dieser Tage in Israel war, der

weiss, dass das nicht stimmt. Andererseits hält er fest, dass für die Orthodoxen die Säkularen keine Juden sind.  Wieder falsch. Alle diese Aussagen, wenn sie generalisiert werden, wie Zuckermann es liebt zu tun, wenn er seine lauwarmen Thesen als ultimative Antworten verkaufen möchte, schüren erst Hass, schüren erst Unverständnis. Da hilft es im Prinzip auch nicht mehr viel, wenn er wieder einmal angeblich psychoanalytisch denkend ein Bild zeichnet: „Und dann stehen diese Säkularen und sehen in den Vitrinen im Hause ihrer Eltern die alten vergilbten Fotos ihrer Vorfahren und müssen erkennen, dass diese genau zu der Gruppen von Menschen gehören, gegen die sie kämpfen.“

Israel als „Villa in einem Dschungel“ will sagen, der Staat Israel ist innerhalb der umgebenden Staaten die einzige funktionierende Demokratie. Auch das stellt er selbstverständlich in Abrede. Und er hält mehrfach fest, dass Israel, dass die Parteien und die Politiker keinen Frieden wollen.

Nichts Gutes kann Zuckermann auch an den israelischen Politikern finden. Hört man diesem Demagogen zu und glaubt ihm, dann kann man nicht anders, als verzweifeln an den Heldengestalten, entlang denen sich der moderne Staat Israel entwickelt hat. Ich erspare mir hier an dieser Stelle die vollständige Aufzählung, die Zuckermann, lustvoll, masochistisch, um in seiner psychoanalytischen Präferenz zu bleiben, oder rein taxativ ausbaut: von Barak, Olmert, Sharon, Netanyahu; ihnen allen unterstellt er, Israel zerstören zu wollen. Einzig Rabin lässt er eine Chance, es vielleicht doch hätte schaffen zu können.  Wenn Zuckermann kurz darauf gegen die Orthodoxen ins Feld zieht und in diesem Zusammenhang von Vatermord spricht, so stellt sich mir an dieser Stelle die Frage, ob er in Rabin so etwas wie sein Vatervorbild sieht, den Vater, den er gerne gehabt hätte, und an dessen Erinnerung er daher auch nicht kratzen darf. Rabin ist Zuckermanns Achillesferse. Hier wird er, wenn auch gut kaschiert, emotional und verlässt seine ansonsten so von Strukturen und Zwängen geprägte Denkweise, die auch sein Sprachmuster beherrscht.

Zuckermann ist ein Menschenfänger. Er versteht es perfekt, seine Ideen so zu verpacken, und genau das Publikum anzusprechen, das diese Ideen dankbar aufsaugt.  Entsprechend hoch ist die Zahl der seufzenden Zustimmung, wenn er wieder einmal beim bösen Israel angekommen ist, entsprechend häufig kommen die kleinen Äusserungen von Belustigung, wenn er einen Witz, selbstverständlich auf Kosten Israels macht. Zuckermann ist ein Guru, dem es verziehen wird, wenn er von „Wir“ spricht, wenn er „ich“ meint, der die „ultimativen Lösungen und Antworten“ ankündigt und dann doch nichts anderes bringt, als wischi waschi.

Ich frage mich, warum jemand, der Israel so sehr hasst, wie er es tut, eigentlich noch dort lebt? Und nicht das tut, was er jungen Menschen rät, die überlegen, nach Israel auszuwandern. Er sagt ihnen: „Geht woanders hin, in Israel ist das Leben zu gefährlich für euch. In diesem Land mit seinen vielen Kriegen habt ihr gute Chancen, nicht 21 zu werden.“

Diesen Beitrag teilen
  • 50
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

9 KOMMENTARE

  1. Dank sei obigen Kommentatoren (ein Ausnahme gilt halt schon, die des professionellen Judenhassers Meyer) für ihre Beiträge. Wie ihr bestimmt wisst, gibt es in "israelkritischen" Kreisen in Zürich und Umgebung eine relativ hohe Zahl Psychologen. Das gilt für die JVJP und ähnlichen. Dass diese den Herrn Professor Moishe Zimmermann nicht durchschauen und ädequat analysieren können, ist ein Armutszeugnis für diesen Beruf. Auf diese Weise ist Zimmermann nicht der einzige "Freak" in dieser Show.

    Ich kenne ihn noch aus früheren Jahren. Seine Tiraden sind die selben und auch ich wundere mich, dass er bisher nicht aus Israel geflohen ist. Vielleicht wegen der liberalen Lebensweise, die in Israel, vor allem in Tel Aviv, herrscht und es ihm ermöglicht seinen Unsinn friedlich an den Mann zu bringen. Andere tun das auch, wie etwa Gideon Levy der Tageszeitung Haaretz, der zwar zugibt keine arabischen Freunde zu haben, deren Sprache nicht zu sprechen und sich in Israel eine internationale Marktlücke erbaut hat. Aus dieser Marktlücke, mit der er gut verdient (ist er doch Mitglied der Geschäftsleitung dieser Zeitung), wurde er zu einem Messias der Judenhasser englischer Sprache. So wie es Zimmermann und Uri Avnery in der deutschsprachigen Welt ist. Für Uri habe ich allerdings noch immer eine gewissen Sympathie, beruhend darauf, dass er sich im Aufbau des Landes in jüngeren Jahren verdient gemacht hat.

    Keiner hat bisher glaubhaft herausgefunden wie diese Leute ticken. Psychoanalytiker der Schweiz, besonders jüdische, macht euch an die Arbeit.

    • Warum sollten sich die JVJP et alt. denn negativ zu Zuckermann äussern, er bedient doch genau ihre vorgefassten Meinungen und ihre israelkritische Einstellung! Übrigens, Moshe Zuckermann war der Vortragende, nicht sein fast Namensvetter und Berufskollege Moishe Zimmermann.

  2. Umso trauriger und erstaunlicher, dass die NZZ am Sonntag diesem "Freak" eine Plattform gibt.

  3. Als Bürger von einem liberal-demokratischen Land, in dem freie Meinungsäusserung gelebt wird, hat mich irritiert, dass Herr Professor Moshe Zuckermann nicht gewohnt ist, dass Zuhörer eine andere Meinung haben können.

    Seine Zuhörer haben wie eine geschlossene, gut dressierte Herde auf ihren Guru reagiert. Gemeinsam nickten sie zusagend, gemeinsam verkniffen sich die Gesichtszüge ablehnend, gemeinsam lösten sie sich etwas für die dümmlichen Lacher des Vortragenden.

    Es herrschte die Atmosphäre und der Mief einer Sekte aus ältlichen Betschwestern und Stündelern. Obwohl die Führerinnen des bigotten Jjomijun.ch auch für diesen Anlass verantwortlich waren, der hatte trotz der dumpfbackigen Jiddischtümelei des Vortragenden nichts, aber gar nichts Jüdisches an sich.

  4. Gut gegeben, Esther Scheiner. Für mich ist es dennoch nur schwer verständlich, warum es so viele selbsthassende Juden gibt. Warum können die doch wohl relativ privilegierten Zuhörer dieses kultivierten Demagogen nicht akzeptieren, dass die Alternative zur Einwanderung in das damals menschenleere Palästina nur kollektiver Selbstmord bedeutet hätte? Warum werden Fehler, anscheinend ausnahmslos, nur im erweiterten eigenen Kreis gesucht? Vielleicht spielt auch der gängige zivilisierte Antisemitismus durch seinen allgegenwärtigen Druck gegen den israelischen Staat eine nicht geringe Rolle an diesem Selbsthass.

  5. Liebe Esther Scheiner,

    Irritiert hat in der Helferei eigentlich eher ein Alexander xxx, der in der Diskussion den Referenten angepöbelt hat und dann davon rannte. Grüssen Sie ihn doch bitte von mir, wenn Sie ihn kennen und fragen Sie ihn doch ob er wiederum den Diskussionsteilnehmer am letzte Cafe Palestine in Bern kennt, der statt dem Referenten dessen Vater (seinerzeit Chef beim IKRK) verunglimpfte und dann vor dem davonrennen noch den Hitlergruss in Richtung Sohn machte.

    mfG
    Werner T. Meyer

  6. Könnte man Moshe Zickermann nicht auf den Mond hinaufschießen? Dort könnte er ruhig seine Lügen verbreiten.
    lg
    caruso

    • Auf dem Mond gibt es bekanntlich keinen Antisemitismus. Ich würde darum dazu raten, den Mond auch davon frei zu halten.

Comments are closed.