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Die Wahlen in Ägypten haben der Muslimbruderschaft (MB) den endgültigen Durchbruch gebracht. Denn mit Mohammad Morsi stellen sie nun den Präsidenten des grössten arabischen Landes. Sogleich machte sich Morsi auch daran, zu verkünden, dass er der „Präsident aller Ägypter“ sein wolle. Eine Formel, die von den Medien dankbar aufgegriffen wurde.

Sowohl im Tagesanzeiger als auch in der NZZ war jeweils davon zu lesen. Überhaupt scheinen die beiden Zeitungen in ihrer Einschätzung der Lage ziemlich auf derselben Linie zu liegen. Man ist neutral bis vorsichtig-optimistisch, was die Rolle Morsis anbelangt, geht zugleich aber davon aus, dass der ägyptische Militärrat weiterhin über beträchtlichen Einfluss verfügt.

Dem neuen Präsidenten dagegen wird attestiert, er habe die richtigen Worte gefunden, um „die Hoffnung auf eine Erfüllung der Forderungen wiederzubeleben, für welche die Ägypter im Frühling 2011 auf den Tahrir-Platz geströmt waren“ wie Jürg Bischoff in der NZZ schreibt. Morsi gebe sich weniger als neuer Führer (wie etwa Mubarak), sondern viel mehr als der Beschützer Ägyptens. Bischoff vermeidet es – verständlicherweise -, Prognosen aufzustellen. Genauso wenig aber hinterfragt er die Verlautbarungen des ersten Präsidenten der Muslimbruderschaft.

Am 5. Juli lieferte Bischoff eine umfassende Analyse mit dem Titel „Die unheimliche Macht der Muslimbrüder“ . Lesenswert ist der Artikel insbesondere deshalb, weil er die Rivalitäten zwischen den Muslimbrüdern und den Golfstaaten beleuchtet und aufzeigt, wie sich der Aufstieg der Muslimbrüder auf die bisherigen Machtkonstellationen in der Region auswirkt. Allerdings irritiert, wenn Bischoff schreibt, die Muslimbrüder hätten Gewalt als politisches Mittel verworfen und seien bereits in den Wahlen in Algerien 1991 und Palästina 2006 als Sieger hervorgegangen. In der Tat gewann zwar der palästinensische Ableger der Bruderschaft, die Hamas, die Wahlen im Jahr 2006, doch ihre Machtergreifung im Gazastreifen im folgenden Jahr war alles andere als gewaltfrei. Vom Raketenbeschuss auf Südisrael ganz zu schweigen. Und auch Yusuf Al-Qaradawi, der bekannte Fernseh-Kleriker, der als der „geistige Führer“ der Bruderschaft gilt, macht sich nicht zuletzt dadurch einen Namen, dass er Selbstmordattentate gegen Israel religiös legitimierte und auch Kinder und Frauen als nicht schützenswert erklärte. Daneben fordert er die Todesstrafe für Apostaten und bezeichnet Hitler als die „gerechte Strafe für die Juden“.

Martin Woker (NZZ) formuliert  in einem Kommentar vom 26. Juni eine geradezu verharmlosende Einschätzung Morsis und der Muslimbruderschaft. „Zumindest formell einer der Ihren an der Spitze zu wissen“, bedeute für die „ewig verfolgten Brüder“ einen Aufstieg. Dass die Muslimbrüder nach ihrem Verbot im Dezember 1948 den ägyptischen Premierminister ermordeten und die Organisation bereits nach zwei Jahren wieder rehabilitiert wurde, scheint nicht relevant zu sein. Die Repression gegen die Muslimbrüder setzte sich wenige Jahre später, nach einem erfolglosen Attentat auf Nasser im Jahr 1954, fort. Doch bereits ab dem Jahr 1984 verbuchte die Muslimbruderschaft erste Wahlerfolge.

Weiter schreibt Woker, die Muslimbrüder seien „keine Weltveränderer, aber von göttlicher Vorgabe inspirierte Weltverbesserer“, deren Gottesfurcht man von evangelikalen Christen kenne. Die Muslimbrüder seien lediglich zum Feindbild emporstilisiert worden. In dieselbe Kerbe schlägt auch ein Interview auf Tages-Anzeiger-Online mit dem „Ägypten-Kenner“ Stephan Roll von der deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik. Sowohl er als auch die Interviewerin Monica Fahmy sind sich darin einig, dass die „Islamisten tatsächlich nicht so schlimm sind, wie wir dies mit unserer westlicher Brille immer wahrgenommen haben.“ Die Muslimbrüder hätten sich gar „seit Jahren von der Gewalt abgekehrt.“ Während Fahmy aber noch zu bedenken gibt, dass man aufgrund ihres unbekannten Programms die Muslimbrüder nicht zu gut reden solle (nachdem man sie „aus Opportunismus“ schlecht geredet habe), wünscht sich Roll, dass der Westen den Muslimbrüdern gegenüber nicht zu skeptisch auftritt.  Beide sind sich auch darin einig, dass ein Ägypten, das sowohl mit Israel als auch dem Iran verhandle, zur Stabilität in der Region beitragen könne.

Stark kontrastiert werden solcherlei Einschätzungen allerdings von Wahlkampfreden Morsis, in denen er etwa die Scharia beschwört, den Koran als Verfassung und den Jihad als „unseren Weg“ favorisiert. Für Allah zu sterben sei das höchste Ziel, ruft er einer begeisterten Menge zu, die seine Worte jubelnd wiederholen. Damit zelebriert er die Ideologie, die Hassan Al-Banna, der Gründer der Muslimbruderschaft, in seinem Buch „Die Todesindustrie“ festhielt: Die Abwendung vom Leben und die Verherrlichung des Märtyrertums. Eine Ideologie, die von allen islamistischen Bewegungen, egal ob Al-Qaida oder Hamas, übernommen wurde. Der Gründungsvater der Bewegung wird von Morsi in seinem Auftritt auch explizit erwähnt.

Zwei Tage vor den ägyptischen Wahlen erklärte noch Muhammad Badie, Anführer der Muslimbruderschaft, in einer Rede, dass er die Wiederaneignung der Al Aqsa-Moschee (in Jerusalem) herbeisehne, die vom „zionistischen Schmutz“ befreit werde und  gab zu bedenken, wie schön es wäre, wenn „im geliebten Palästina das islamische Gesetz durchgesetzt wird.“ [i]

Auch die Behauptung, die Muslimbruderschaft habe sich von der Gewalt abgewendet, trifft nicht zu. Die Union of Good, eine Dachorganisation islamischer Hilfswerke, die von der Muslimbruderschaft gegründet und gesteuert wird und in der Yusuf al-Qaradawi den Vorsitz führt, befürwortet etwa Selbstmordattentate für die Befreiung Palästinas und leistet Familien von Selbstmordattentätern – sogenannten Märtyrern –  finanzielle Unterstützung.

Die genannten Bespiele sind nur einige Auszüge von Fakten, Zusammenhängen und Hintergründen rund um die Muslimbruderschaft, die in die Berichterstattung über die Wahlen in Ägypten und die Muslimbruderschaft nicht einfliessen; stattdessen wird das Bild einer Bewegung gezeichnet, die zwar islamistische Wurzeln hat, aber mittlerweile zu einem sehr „moderaten Player“ avanciert sei, wie Roll meint. Diese Einschätzung sowie Fahmys Aussage, wonach man das Programm der Muslimbruderschaft noch nicht kenne, sind nicht nur falsch, sondern zudem trügerisch.

Tatsächlich gibt es reihenweise kritische Einschätzungen zu den Absichten der islamistischen Bewegung. Anlässlich des Ausbruchs der ägyptischen Revolution wurde das Buch „Jihad ist der Weg“  (1995) des verstorbenen Führers der Muslimbruderschaft Mustafa Mashur (1996 – 2002) übersetzt, das weiterhin zu den Standardwerken der Bruderschaft gehört. Mashur skizziert die Ideologie der Muslimbruderschaft, ihr Ziel einen islamischen Staat zu errichten und die Herrschaft des Islam über die ganze Welt. Auch warnt er im Buch davor, übereilt vorzugehen, denn der Jihad müsse sorgfältig geplant werden.[ii]

Was die Zukunft in Ägypten bringen wird, ist unklar. Eindeutig hingegen ist, dass die Darstellung, die Muslimbruderschaft sei zu einer handzahmen und moderaten Bewegung geworden, wenig überzeugt, auch wenn es von den Medien geradezu ostentativ wiederholt wird. Nimmt man die Muslimbrüder aber beim eigenen Wort, sind optimistische Einschätzungen eher Ausdruck von eigenen Wünschen, als die Abbildung der Realität.


[i] IPT News: Exclusive: Muslim Brotherhood Preaching Israel Destruction After Election, The Investigative Project on Terrorismus, 27. Juni 2012 (aufgerufen am 4. Juli 2012)

[ii] Palestinian Media Watch: Translation of important Muslim Brotherhood book: Jihad is the way, palwatch.org, 9. Februar 2011 (aufgerufen am 4. Juli 2012)

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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