Mohamad Javad Zarif. Foto Marc Müller - www.securityconference.de. Lizenziert unter CC BY 3.0 de via Wikimedia Commons.
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„In Genf wurde kein historisches Abkommen erreicht, sondern ein historischer Fehler gemacht. Heute ist die Welt ein gefährlicherer Ort geworden. Das gefährlichste Regime der Welt hat einen signifikanten Schritt in Richtung der gefährlichsten Waffe der Welt getan.“

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat diese Worte bei der Kabinettssitzung in Jerusalem zu Protokoll gegeben. Israel fühle sich nicht an das Abkommen von Genf gebunden. Das iranische Regime sei der Zerstörung Israels verpflichtet. Israel habe das Recht und die Verpflichtung, sich zu verteidigen, gegen jede Bedrohung. „Als Ministerpräsident Israels möchte ich klar stellen, dass Israel dem Iran nicht erlauben wird, eine militärisch-nukleare Fähigkeit zu entwickeln.“

In Israel sind sich fast alle einig, dass dem Iran nicht zu trauen sei. Aber Netanjahus Gegner verzeihen ihm nicht, fast einen Bruch mit dem strategischen Partner USA herbeigeführt zu haben. Dieser Kritik schloss sich sogar Aussenminister Avigdor Lieberman an.

In der grossen Welt von Teheran über Washington und bis Sydney in Australien beschäftigten sich über 12.400 Zeitungsberichte mit Israels Isolierung. Je nach Standpunkt wurde das bejubelt oder mit Sorge gesehen. Netanjahu habe sich mit seiner „scharfen Rhetorik“ von den Grossmächten entfremdet. Andere monieren Israels Misstrauen gegenüber Iran und die mangelnde Begeisterung für die „politische Lösung“. Nur wenige interessiert, weshalb Israel Angst um seine Existenz hat und erstmals droht, das Problem zur Not mit militärischen Mitteln zu „lösen“.

Netanjahu mag ungeschickt taktiert haben. Aber in der Sache vertritt er das, was man als „Staatsraison“ des jüdischen Staates bezeichnen könnte. Im Vordergrund steht die Angst, mit einem Holocaust konfrontiert zu werden, nicht mit Gaskammern, sondern mit einer einzigen Atombombe auf Tel Aviv. Israelische Kritiker werfen ihrem Regierungschef „populistische Angstmacherei“ vor. Doch ausgerechnet antizionistische Hetzer behaupten, dass Israel heutzutage für Juden der „unsicherste Ort auf Erden“ sei.

Anderen Atommächten hat Israel nie mit einem Militärschlag gedroht, nicht einmal dem islamischen Pakistan. Israel fürchtet Iran nicht allein wegen seines Atomprogramms. Der geistige Führer des Iran, Ali Khamenei, twitterte mitsamt entsprechendem Bild, dass Israel ein „tollwütiger Hund“ sei. Zwei Tage vor Unterzeichnung der Abmachung in Genf veröffentliche das iranische Press TV auf Youtube eine „Simulation“, wie iranische Raketen Tel Aviv und Haifa treffen. Das alles sind, wie einst von der Süddeutschen Zeitung behauptet, keine „Übersetzungsfehler“. Vergleiche Israels mit Ungeziefer halten Erinnerungen an die „Rhetorik“ des Führers einer anderen „Kulturnation“ wach, der seine Drohungen mit Gaskammern wahr gemacht hat.

Natürlich  könnten die jüdischen Israelis endlich mal einen Schlussstrich ziehen und sich beim Psychiater wegen ihres historischen Traumas behandeln lassen. Doch der Erfolg einer solchen Therapie ist zweifelhaft, wenn der Patient täglich erneut mit seinen Albträumen konfrontiert wird. Die Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah im Libanon und selbst die palästinensischen „Friedenspartner“ in Ramallah machen aus ihren Herzen keine Mördergrube.

Ob Iran sich wirklich an das Abkommen hält, wie viele „Löcher“ darin enthalten sind und ob Israel weiterhin um seine pure Existenz bangen muss, wird sich zeigen. Immerhin hat US-Präsident Obama dem israelischen Ministerpräsidenten telefonisch mitgeteilt, dass Israel sich jetzt ein halbes Jahr lang „sicher“ fühlen könne, bis zum endgültigen Abkommen mit Iran. Für den Repräsentanten eines 3.000 Jahre alten Volkes ist das gewiss eine erfreuliche Beruhigungspille.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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4 KOMMENTARE

  1. Wem nützt das Abkommen mit dem Iran? Für die angeblich nächsten 6 Monate den USA, weil der Iran nun nichts mehr unternimmt, um die USA zu neuen Sanktionen zu veranlassen und die USA nun einige Monate Ruhe haben.
    Israel nützt das Abkommen zumindest vorläufig nichts, denn der Iran will Israel vernichten.
    Iran und Nordkorea entwickeln gemeinsam Triebwerke für ICBMs, Interkontinentalraketen, die bis nach Europa reichen. Wozu braucht der Iran ICBMs, wenn er keine A-Waffen besitzt? Will er die ICBMs mit Pistazien oder Rosenöl beladen? http://freebeacon.com/iran-north-korea-secretly-d

    Iran wird weiterhin A-Waffen entwickeln, Abkommen hin oder her. Für den Iran ist das kein politisches Problem. Gemäss Takiyah, darf nach gewissen Regeln zum Wohl des Islam jedes Abkommen gebrochen werden. Insbesondere mit Nichtmuslims.

  2. Matthias Schönfelder
    E = romegs@gmx.de

    2o13, 26. XI.
    … 1. Chanukka-Licht

    Hallo und Shalom Herr Sahm,
    ich grüße Sie,

    vielen, vielen Dank für Ihren aufrüttelnden Artikel !

    Nun, ich stand und stehe und – so der EWIGE will – werde für das Volk Israel 1.) via G-Netz und ntürlich auch durch tätige Unterstützung einstehen.

    Ich mache das nicht, weil ich mich als Angehöriger einer Kulturnation bezüglich des Holocaust schuldig fühle (-> der ehem. israel. MP Ariel (Arik) Sharon sagte seinerzeit, dass ,,KOLLEKTIV-Schuld unfair (ist)'' – d. h.
    auch für mich:

    KOLLEKTIV-Schuld ………. n e i n ! !
    (Kollektiv-)Verantwortung(1) ……… J A !!!
    (1) Verantwortung dafür, dass sich so etwas wie
    der Holocaust/ die Shoa oder Ähnliches
    zu keiner Zeit wiederholt !!!

    Nun, bleiben Sie auf alle Fälle
    der un(!)befristeten Kultur des LEBENs fest verbunden !!!

    Es grüßt Sie

    M a t t h i a s S c h ö n f e l d e r
    – F. f. K./ KPH. und exam. Altenpfleger –
    s o w i e
    ( 😉 -> ) I n i t i a t i v e
    ,,Aufbau OST'' U N D Aufschwung WES(ch)T
    s o w i e
    – P R O Araber U N D Juden –
    ( siehe 1. Mose 12, 3, …)
    c/o romegs@gmx.de
    * * *

  3. Lieber Herr Sahm, bitte machen Sie weiter mit Ihren Kommentaren. Ich habe mit der Gruppe aus der Schweiz beim Essen bei Ihnen soviel mitbekommen und stehe jetzt im Umfeld für ein bisschen Wahrheit ein. Es ist erschreckend, wie einseitig auch in den Unis in Geschichte gelehrt wird und das, obwohl man in Israel war. Thema Nr. 1 ist immer wieder die Siedlungspolitik und somit sind laut deren Meinung die Israelis auch selber schuld, wenn man sie nicht in Ruhe lässt. Alles Gute und auch Schutz in Ihrem Tun.

    • Vielen Dank Frau Meier,
      wenn Sie Sich dafür einsetzen, die Wahrheit über den Sach-
      verhalt in und um Israel zu verbreiten. Ich wünsche Ihnen
      Mut und Gottes Segen.
      Shalom
      J.Gurt

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