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Yigal Caspi – Israels neuer Mann in Bern

von Ulrich W. Sahm

Yigal B. Caspi

Yigal B. Caspi ist seit dem 16. Juli 2012 Israels neuer Botschafter in Bern. Zuvor war er stellvertretender Generaldirektor für Medien und öffentliche Angelegenheiten im israelischen Aussenministerium. Caspi, 1950 als Sohn ägyptischer Juden in Haifa geboren, diente als Diplomat in Stockholm, Paris und San Francisco und vertrat Israel in Tokyo und Seoul. Vor seiner Abreise in die Schweiz gewährte er Audiatur ein exklusives Gespräch, das Ulrich Sahm führte.

„Die Schweiz ist kein Land mit einem Ölbrunnen, wo das Geld nur zur Bank getragen werden muss. Es ist ein Land ohne Bodenschätze, also haben die Schweizer nur das, was sie sich erarbeiten“, sagt Yigal Caspi. Die Schweiz ist ein stabiles Land, und zudem politisch neutral – vermeintlich ein unproblematisches Betätigungsfeld für einen israelischen Botschafter. Dennoch kam es in jüngster Vergangenheit zu Spannungen zwischen Israel und der Schweiz. Die frühere Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey war Israel nicht sehr wohlgesonnen. Das grösste Schweizer Detailhandelsunternehmen Migros löste nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft Empörung aus, als es Ende Mai ankündigt hatte, ab nächstem Jahr Produkte aus den „völkerrechtlich illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten“ zu deklarieren.

Zum Wirken von Calmy-Rey lässt sich Caspi – ganz Diplomat – nur so viel entlocken: „Ich beurteile nur das, was im letzten halben Jahr passiert ist. Unser Aussenminister, Avigdor Lieberman, besuchte die Schweiz im April. Es gab einen Dialog auf Ministerialebene und weitere Besuche. Ich hoffe, dass es auf dieser Basis einen Wandel zum Besseren gibt.“ Zum Fall Migros sagte er: „Wenn Betriebe Politik machen wollen, bitteschön. Ich könnte Ihnen eine lange Liste von Ländern mit lauter ‚schwarzen‘ Flecken liefern, Syrien, Iran oder Simbabwe zum Beispiel. Aber ich halte das diskriminierende Kennzeichnen von Waren für die falsche Methode, Probleme zu lösen. Die können nur durch Dialog zwischen den betroffenen Seiten gelöst werden.“

Für den Dialog mit den Palästinensern benötige Israel jedenfalls keine Vermittler. „Sie leben zwei Meter von uns entfernt.“ Solange beide Seiten zu keiner Einigung kommen, werde das Kennzeichnen von Waren in der Schweiz nichts ändern. „Eher im Gegenteil.“

Dass das Schweizer Stimmvolk gegen den Bau von Minaretten votierte, hat Caspi irritiert: „Die Frage ist, was ein Minarett ist. Was stört daran? Die Stimme, seine Form, seine Höhe? In der Schweiz gibt es Religionsfreiheit. Jeder kann in der Schweiz seine Religion verwirklichen. Ich habe noch nicht kapiert, was die Schweizer an den Minaretten eigentlich stört?“

Für grossen Unmut sorgte Nationalrat Geri Müller, als er Vertreter der radikalislamischen Hamas im Bundeshaus empfing. Israel protestierte. „Was Kontakte mit der Hamas oder der Hisbollah im Libanon angeht, bestehen Meinungsverschiedenheiten zwischen Israel und der Schweizer Regierung. Aus unserer Sicht sind Hamas und Hisbollah Terrororganisationen. Das denken wir nicht nur, sondern wir sehen es auch“, führte Caspi aus. Wenn die Hamas behauptet, den Gazastreifen zu kontrollieren, von dort aber Raketen auf Israel abgeschossen werden, dann fragt man sich, ob sie wirklich die politische und militärische Kontrolle habe, erklärte er weiter. „Jeder Dialog mit der Hamas und ihre Anerkennung lässt sie in ihrer Position stärker werden. Wäre kein Land der Welt bereit, mit ihr zu reden, würde sie vielleicht ihre Politik ändern“, führte Caspi aus und gab zu Bedenken: „Die meisten europäischen Länder führen keinen Dialog mit der als Terrororganisation eingestuften Hamas. Die Schweiz sollte sich dem westlichen Konsens anschliessen. Ich halte ihr davon abweichendes Vorgehen für einen Fehler.“

„Der Hamas mit ihrer heutigen politischen Agenda gebührt nicht die Auszeichnung, derart gut von der Schweiz behandelt zu werden. Aber als Botschafter ist es meine Aufgabe, der Schweizer Regierung die israelischen Positionen überzeugend darzulegen.“

Mit der Abkoppelung vom Gazastreifen im August 2005 hat Israel alle dort lebenden Siedler und alle Militärposten evakuiert. Die Verantwortung für Sicherheit und Ordnung im Gazastreifen wurden der Palästinensischen Autonomiebehörde übergeben.

Caspi will sich in seinem Amt als Botschafter auch harten Fragen stellen, etwa von anti-israelischen Linken. Während des Gesprächs stellten wir ihn auf die Probe: „Die Siedlungen verstossen gegen Völkerrecht. Es wird illegal gebaut. Das ist ein schreckliches Verbrechen“, konfrontierten wir ihn mit deren Argumenten. „Der Friedensprozess mit den Palästinensern ist seit 1993 in Gang. Seither betonten die israelischen Regierungen immer wieder, dass die Errichtung von zwei Staaten für zwei Völker die beste Lösung sei. Die Grenzen zwischen beiden Staaten müssen im Rahmen von Verhandlungen definiert werden. Angesichts der heutigen Grenzen kommt auch das Thema Siedlungen auf den Tisch.“ Er unterstreicht, dass die israelische Regierung es ernst meine, wenn es um einen echten Frieden gehe. Nicht die Siedlungen stünden diesem dabei im Wege. „Wir haben Frieden mit Ägypten geschlossen und dafür Siedlungen wie Jamit geräumt. 2005 haben wir beim Verlassen des Gazastreifens 8000 Siedler evakuiert. Im Mittelpunkt sollte ein Friedensvertrag zwischen Israel und den Palästinensern stehen. Das ist entscheidend, nicht die Siedlungen.“

Dann kommen wir auf den „arabischen Frühling“ und besonders die Lage in Syrien zu sprechen. Israel hat mit Syrien keinen Friedensvertrag geschlossen. „Oft heisst es, man könne keinen Vertrag mit einem Diktator abschliessen. Man muss jedoch auch mit Regierungen reden, die nicht demokratisch gewählt worden sind. Würde ein Staat erst jedes Regime prüfen, ehe ein Vertrag unterzeichnet wird, zu welchen Bedingungen würde man dann gelangen?“ Das mache man zwischen Staaten in der Regel nicht. Ausgenommen seien Feindesstaaten, die beispielsweise erklären, dass sie das eigene Land vernichten wollen. Mit einem solchen Regime kann man keinen Vertrag abschliessen, betonte Caspi.

Aber zurück zu Syrien: „Die Syrienfrage muss gelöst werden. Das Morden muss enden. Leider schaut die Welt untätig zu. Israel wird permanent attackiert und wegen Nichtigkeiten vor das internationale Gericht gezerrt. Gleichzeitig wird zugeschaut, was in Syrien passiert, ohne den Finger zu rühren. Das ist eine Schande für die internationale Gemeinschaft, die Uno, den Sicherheitsrat und den Menschenrechtsrat, der seinen Sitz in der Schweiz hat.“

Als neuer Botschafter in der Schweiz hat sich Caspi vorgenommen, viel unterwegs zu sein. Deutsch spricht er nicht und nach seiner Einschätzung wird er auch kaum Zeit haben, die Sprache zu lernen. Allerdings lernte er in seinem Elternhaus Französisch, wenngleich es ihm an Praxis mangle. Gemäss Caspi ist es problematisch, dass die jungen Israelis im Gegensatz zu den polyglotten Einwanderern der Elterngeneration nur noch wenige Sprachen beherrschen. Er ist aber zuversichtlich, in der Schweiz zurecht zu kommen: „Ich war fünf Jahre lang in Japan und Korea, ohne die Sprache zu verstehen. Dennoch gab es Lösungen, um sich zu verständigen.“

Wichtig für ihn ist auch der Kontakt mit der jüdischen Gemeinde in der Schweiz. Bemerkenswert sei, dass sie „halbe/halbe“ auf Israel und die Schweiz verteilt sei. In der Schweiz leben 18‘000 Juden, in Israel 14‘000 Schweizer. „Die Juden in der Schweiz sind zunächst einmal Schweizer. Ich erwarte nicht, dass sie die Politik der israelischen Regierung in allen Belangen automatisch annehmen. Als Botschafter ist es aber meine Aufgabe, ihnen die israelischen Positionen zu erklären“, ergänzte er und konstatiert: „Teile der jüdischen Gemeinde in der Schweiz sind sehr aktiv, etwa in der Keren Hajessod und anderen Stiftungen, die Projekte in Israel unterstützen. Ich werde eine Gemeinde nicht danach beurteilen, wie sie eine bestimmte israelische Regierung einstuft, sondern gemäss ihren Aktivitäten. Beispielsweise wofür sie etwa in Erziehung, sei es in der Schweiz oder in Israel, investiert, oder ob und in welcher Weise sie Tradition bewahrt.“ Überdies verspricht er sich von der jüdischen Gemeinde in der Schweiz, dass sie Kontakte ermöglicht, um wirtschaftliche Interessen beider Länder voranzubringen. „Ich würde mich freuen, wenn die Gemeinden mir helfen könnten, Kontakte zu knüpfen.“

Zu Antisemitismus und anti-israelischen Gefühlen, die auch in der Schweiz verbreitet sind, sagte der Botschafter: „In jedem Land, in dem ich als Botschafter Israels diene, repräsentiere ich nicht das jüdische Volk. Aber ich kann als Botschafter auf Phänomene hinweisen, die mich als Jude und Israeli betreffen. Wenn ich als Jude nicht mit der Kipa auf die Strasse gehen kann, dann sehe ich mich als Vertreter Israels auch dafür verantwortlich. Dabei würde ich in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde vor Ort vorgehen und nicht gegen sie agieren.“ Caspi hat keine Berührungsängste: „Ich verweigere auch propalästinensischen Organisationen nicht den Dialog, bei denen schwer zu unterscheiden ist, ob sie gegen die Politik Israels oder gegen Juden sind. Dasselbe gilt für linke Gruppierungen, auch wenn man sich am Ende nicht immer einig ist.“

Als stellvertretender Leiter der Abteilung für Medien und Öffentlichkeitsarbeit des israelischen Aussenministeriums befasste sich Caspi mit der aktuellen Linie der „Hasbara“, was in Europa auch als „Propaganda“ wahrgenommen wird. Caspi moniert, dass Israelis ihre Gesprächspartner früher erst zu deren Meinung über die Palästinenser befragt hätten. So sei der Eindruck entstanden, dass Israel quasi gleichzusetzen sei mit dem Nahostkonflikt. Dabei gebe es viele andere Geschichten von und über Israel zu erzählen. Ein Mittel, diese zu erzählen, sei über die Medien. Caspi plant beispielsweise Chefredakteure von Schweizer Zeitungen zu besuchen, aber auch die Verantwortlichen für Kultur, Sport oder Wissenschaften zu kontaktieren, um das Interesse für Israel in all seinen Facetten zu wecken. „Ich kann über unseren Umgang mit Wasser reden, etwa was wir tun, um es etwa vor Verschmutzung zu schützen.“

Der untersetzte und drahtig wirkende Caspi bezeichnete sich als neugieriger Mensch. „Wenn ich in ein neues Land komme, möchte ich es von allen möglichen Seiten erfahren können. Was essen die Menschen, welchen Sportarten gehen sie nach. In Korea zum Beispiel ist Bergsteigen eine verbreitete Freizeitbeschäftigung, also wurde auch ich Bergsteiger.“

Auf die vielen Berge in der Schweiz angesprochen, lachte er laut und sagte: „Ja, ich habe gehört, dass Bergsteigen für viele Menschen in der Schweiz ein grosses Hobby ist. Ich werde auf jeden Fall auch zu Berge gehen. Ich mag Sportarten oder Aspekte eines Landes, die weniger bekannt sind. Fussball kennt jeder. Ich habe aber bereits erfahren, dass es in der Schweiz eine besondere Form des Ringens gibt. Das sind die Dinge, die mich interessieren.“

(C) Ulrich W. Sahm

Das Gespräch wurde am 5. Juli 2012 in Jerusalem geführt.

französische Version hier

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