Marokko und Israel: Sich näher kommen dank Avocados

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Nicht nur auf dem diplomatischen Parkett verstehen sich Marokko und Israel immer besser, auch wirtschaftlich entstehen neue Beziehungen. So hat ein grosser israelischer Nahrungsmittelkonzern nun bekannt gegeben, schon bald in Marokko Avocados anbauen zu wollen.

Seit das Königreich und Israel im Dezember ihre Beziehungen normalisiert haben, nähern sich beide Länder mit grossen Schritten einander an. Ebenfalls im Dezember war bekannt geworden, dass die jüdische Geschichte Marokkos in Schulbücher der vierten Grundschulklasse aufgenommen wird. Und vom 11. bis zum 14. Februar 2021 fand im marokkanischen Essaouira an der Atlantikküste eine auch von Vertretern der Regierung besuchte Veranstaltung zur Geschichte des jüdischen Rechts in Marokko statt.

Da sind engere Wirtschaftsbeziehungen folgerichtig, zumal die marokkanische Regierung bestrebt ist, die Wirtschaft des Landes auf eine breitere Basis zu stellen und dazu auch ausländisches Kapital und Know-how ins Land zu holen.

Die Avocado gilt als gesunde Modefrucht als „Superfood“, der Weltmarkt wächst um durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr, besonders stark legte die Nachfrage aus China in den letzten Jahren zu. Einer der unter Europas Konsumenten wohlbekannten Avocadoexporteure ist Israel.

Der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Sharon schrieb in seiner Biografie, dass sein Grossvater schon in den 1920er Jahren mit dem Avocadoanbau in Palästina begonnen habe, als die Idee, dafür kostbare landwirtschaftliche Fläche zu verbrauchen, noch verrückt schien. Das Land ist seither nicht größer geworden. Die grünschwarze Frucht verdrängt in Israel bereits mancherorts den Anbau von Zitrusfrüchten. Nun plant der grosse israelische Nahrungsmittelkonzern Mehadrin die Expansion im Ausland. In einem Joint Venture mit einem marokkanischen Unternehmen soll die Nachfrage bewältigt werden. Das berichtet die englischsprachige israelische Wirtschafts-Website Globes.

Laut dem Vertrag, der bereits unterzeichnet ist, wird Mehadrin 51 Prozent des Joint Ventures halten. Mindestens 500 Hektar sollen bepflanzt werden, dafür wollen beide Partner in den ersten drei Jahren 30 Millionen Schekel (8,3 Millionen Schweizer Franken) bereitstellen. Wenn die notwendigen behördlichen Genehmigungen erteilt werden, sollen die Früchte vor allem nach Europa exportiert werden. Avocados, die für den Verkauf in der EU nicht geeignet sind, sollen vor Ort verkauft werden.

Shaul Shelach, der Vorstandsvorsitzende (CEO) von Mehadrin, erklärt: „Um zu wachsen, muss Mehadrin ein Unternehmen werden, dessen Haupttätigkeit zwar immer noch in Israel liegt, das aber zusätzliche Aktivitäten an anderen Orten entwickelt. Dies wird auch für unsere Landwirtschaft in Israel von Vorteil sein, weil wir auf diese Weise unseren Kunden in Europa das ganze Jahr über einen besseren Service bieten können.“ Marokko sei ein Land mit guten Wachstumsbedingungen und viel geringeren Kosten als in Israel, und es liege etwas näher an den Hauptmärkten des Unternehmens in Europa. „Unsere nächsten Schritte nach Übersee werden in der südlichen Hemisphäre sein, wo wir nicht nur niedrigere Kosten vorfinden, sondern auch Früchte anbauen können, die reifen, wenn in Israel keine Saison dafür ist.“ Shelach schätzt, dass die Aktivitäten in Marokko auf der Grundlage des aktuellen Abkommens ein Viertel der Avocado-Produktion von Mehadrin ausmachen könnten.

„Die Nachfrage nach Avocados ist weltweit im Aufwärtstrend, da die Frucht als ‚Superfood‘ gilt und die Menschen sie sehr mögen“, sagt Shelach. „In Europa, den USA und auf der ganzen Welt wollen die Menschen Avocados, und der Konsum von Avocados ist auch in Israel gestiegen.“

In Israel ist Wasser teuer

Avocados seien profitabel, was in der Landwirtschaft nicht selbstverständlich sei, so Shelach. In Zukunft aber könnte das Geschäft schwieriger werden, fürchtet er, da überall auf der Welt neue Avocado-Plantagen entstehen: „Es ist allen klar, dass das Angebot irgendwann die Nachfrage einholen wird, weil es auf der ganzen Welt riesige Pflanzungen gibt. Heute wollen alle Avocados, aber irgendwann wird sich das ändern. In der Landwirtschaft kommt es immer zu einer Situation, in der die Nachfrage nicht mehr wächst, das Angebot jedoch aufgrund umfangreicher Pflanzungen weiter steigt. Eines Tages wird ein Teil dessen, was jetzt gepflanzt wird, rausgerissen, weil es nicht mehr wirtschaftlich ist.“

In Israel sei die Situation für die Landwirtschaft schwierig, da nicht nur die Lohnkosten viel höher seien als in vielen anderen Ländern, sondern auch der Preis des Wassers. „Der Wasserpreis ist in Marokko im Vergleich zu Israel zu vernachlässigen, und damit müssen wir konkurrieren. Wasser ist neben der Arbeitskraft unser Hauptkostenfaktor. In diesen beiden Punkten sind wir viel teurer als alle unsere Konkurrenten.“ Eine Anhebung des Wasserpreises stehe jetzt in Israel auf der Tagesordnung, und wenn dies geschehe, sei das ein harter Schlag für die Landwirtschaft. „Es gibt Gemüse, dessen Anbau viel teurer wird, wenn dieses Dekret verabschiedet wird, und das wird an die Konsumenten weitergegeben Wenn wir bestehen wollen, muss der Anteil unserer Aktivitäten in Übersee steigen.“

Juden und Muslime feiern gemeinsam

Wie Essen Kulturen und Religionen verbindet, kann man in Marokko auch bei anderen Gelegenheiten sehen. Vor einigen Tagen wurde ein Video ins Internet gestellt und über die sozialen Medien verbreitet, das zeigt, wie die Synagoge von Rabat zum Ende des Fastenmonats Ramadan (Eid al-Fitr), den Muslime traditionell mit einem Fest begehen, Lebensmittelkörbe für die Nachbarn bereitstellt. Eine Aktion, die offenbar gut angenommen wurde, wie die Bilder zeigen.

Das gefällt nicht allen: Der Betreiber eines algerisch-nationalistischen Blogs behauptet, die Marokkaner seien „wütend“ über die angebliche Demütigung durch die Juden. Die „Armut“, die durch die Corona-Situation verschärft worden sei, werde „ausgenutzt“, um Stimmung für die Normalisierung der Beziehungen zu Israel zu machen, so der Blogger. Abgesehen von dem Hass, der hier mitschwingt, liegt hier auch ein Missverständnis vor. Die Lebensmittelkörbe sind eine freundliche Geste, ein Symbol, keine karitative Hilfe, die irgendjemanden vor dem Verhungern retten soll. Und mit Politik oder gar mit Corona hat das auch nichts zu tun: In den Jahren vor Corona feierten Juden und Muslime in der Synagoge von Rabat gemeinsam das Fastenbrechen am Ende des Ramadan. Beim letzten Mal, 2019, nahm auch Andre Azoulay, der Berater von König Mohammed VI., daran teil. Bei dieser Gelgenheit sagte er, dass Marokko von einer Reihe von Kulturen erbaut wurde, insbesondere „der grossen Berber-Kultur, der grossen jüdischen Kultur, der grossen arabisch-muslimischen Kultur, Afrika, Andalusien, Europa“. Er fügte hinzu, bei der Veranstaltung gehe es nicht um Politik: „Wir sind nicht hier, weil wir dazu verpflichtet wären. [Die Veranstaltung] wird nicht aus Gründen der politischen Notwendigkeit ersonnen, organisiert und besucht. Wir sind aus Gründen des Herzens hier, weil wir das wollen und weil wir darin grosse Freude und Vergnügen finden.“

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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