Symbolbild. Foto Fusion Medical Animation on Unsplash
Symbolbild. Foto Fusion Medical Animation on Unsplash.com
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Dschihadistische Gruppen verfolgen aufmerksam die Ausbreitung des neuen Coronavirus. In ihren Publikationen und in den sozialen Medien veröffentlichen ihre Mitglieder Analysen, Bedrohungsszenarien und sogar sanitäre Richtlinien. Die für die Terrorbekämpfung zuständigen Stellen sollten diese Form der Berichterstattung im Auge behalten, um einen Einblick in das Denken dieser Gruppierungen zu erhalten.

von Steven Stalinsky

Dschihadisten und ihre Anhänger brüsten sich mit den Gesundheitsbeschränkungen, die in der ganzen Welt, insbesondere in den USA, erlassen wurden. „Früher haben sie sich über Niqab tragende Frauen lustig gemacht – jetzt müssen auch westliche Frauen sich verhüllen. Wir machen uns über Sie lustig, so wie sie sich über uns lustig gemacht haben“, heisst es in einem typischen Beitrag vom 17. März auf dem dschihadistischen Kanal al Tawhid Awalan auf Telegram, der verschlüsselten Nachrichten-App. Die Erklärung begleitete ein Foto von Menschen aus Westeuropa, eingehüllt in Schutzkleidung.

Viele Dschihadisten befeuern die Schadenfreude über das Virus. Balagh, eine syrische Monatszeitschrift aus Idlib, herausgegeben von Geistlichen Al-Qaida Sympathisanten, bezeichnet das Virus als „einen von Allahs Soldaten“: den „Corona-Soldaten“. Dies ist ein beliebtes Thema. Der dschihadistische Schriftsteller Khalid al Sibai warnte auf dem online Kanal Telegramm der Nachrichtenagentur Thabat, dass sich diesem „winzigen Soldaten“, der die USA und ihre Verbündeten so verwüstet hat, bald leibhaftige dschihadistische Soldaten anschliessen könnten – eine reelle physische Bedrohung. Im Hamas-Fernsehsender al Aqsa TV prahlte Imam Jamil al Mutawa, dass Allah „nur einen Soldaten geschickt“ habe, das Virus «und es hat alle 50 Staaten in Amerika getroffen, Israel in die Enge getrieben, die Palästinenser aber weitgehend unberührt gelassen».

„Feinde Allahs“

Eine der wichtigsten frühen Äusserungen war eine Fatwa des syrischen Geistlichen Abdul Razzaq al Mahdi vom 23. Januar. Er sagte, Muslime dürften dafür beten, dass das Virus die chinesischen „Feinde Allahs“ vernichten möge, weil sie die Uiguren, eine muslimische ethnische Minderheit in der chinesischen Provinz Xinjiang, „getötet, abgeschlachtet, eingesperrt und unterdrückt“ hätten. Der islamische Staat stimmte dieser Fatwa in seinem Wochenmagazin al Naba zu und hielt auch die durch das Coronavirus verursachten Todesfälle im Iran für ein Zeichen Allahs.  Shiitische Muslime seien „blind“ und „anmassend“ und sollten „den Polytheismus aufgeben“.

Abu Muhammad al Maqdisi, der prominente in Jordanien lebende Scheich und spirituelle Mentor von Abu Musab al-Zarqawi, dem Gründer des Al-Qaida-Ablegers, der später zum IS wurde, veröffentlichte eine Reihe von Nachrichten auf Telegram über die „versteckten Vorteile“ der Pandemie für die muslimischen Gesellschaften. Dazu gehören die Schliessung von Bars und Nachtclubs und dass mehr Frauen ihre Gesichter mit Niqabs bedecken, um sich vor dem Virus zu schützen. Zuletzt fügte er hinzu: «Es ist nichts Falsches daran, wenn ein Muslim für den Tod von Ungläubigen betet und sich wünscht, dass sie sich mit dem Coronavirus anstecken.»

Der syrische Dschihad-Kommandeur Asif Abdul Rahman wies auf seinem Telegrammkanal darauf hin, dass der Iran „lebende oder tote“ Coronavirus-Patienten als biologische Waffe einsetzen könnte – so wie es die Mongolen im 14. Jahrhundert getan haben sollen, als sie die Leichen von Pestopfern in die Stadt Kaffa (heute Feodosia, Ukraine) katapultierten. Die iranischen Behörden, fügte er hinzu, könnten die Patienten sicherlich dazu bewegen, als Märtyrer zu sterben.

Zuvor hatte der in New York lebende Aktivist der Muslimbruderschaft Bahgat Saber in einem Video, das er am 1. März auf seine Facebook-Seite hochgeladen hatte, gedroht, im Falle einer Erkrankung mit dem Coronavirus in das Ägyptische Konsulat in New York einzudringen, um dessen Mitarbeiter anzustecken aus Rache gegen die ägyptische Regierung. Er ermahnte andere, seinem Beispiel zu folgen.

Amerika nicht nur böse und schlecht?

Die Coronavirus-Pandemie veranlasst auch die globale Dschihad-Bewegung, sich darauf zu konzentrieren, die Ausbreitung der Krankheit in ihren Reihen zu verhindern. Putzen, Desinfizieren, Temperatur messen und Gesundheitstipps weitergeben sind neuer Bestandteil des dschihadistischen Alltags. Die Ausgabe vom 12. März der IS-Wochenzeitung al Naba enthielt eine farbenfrohe Infografik mit „Scharia-Richtlinien für den Umgang mit der Epidemie“, die zum Händewaschen und sogar zur Quarantäne rieten: „Die Gesunden sollten das Land der Epidemie nicht betreten und die Betroffenen sollten es nicht verlassen“. Am 18. März veröffentlichte die Al-Qaida-Mitgliedsorganisation Hayat Tahrir al Sham Gesundheitsrichtlinien, in denen die Empfehlungen des US-Center for Disease Control and Prevention (CDC) zitiert werden. Es scheint, dass Amerika nicht nur böse und schlecht ist.

Viele der oben genannten Gruppen und Personen waren in Angriffe auf die USA und andere westliche Länder verwickelt. Während die Welt Covid-19 bekämpft, suchen die Dschihadisten weiterhin nach Schwachstellen, die sie ausnutzen können. In der Ausgabe von al Naba vom 19. März warnte der IS, dass die Dschihadisten nicht zögern werden, das Chaos auszunutzen, und dass die „finanziellen Verluste der Kreuzritter und Tyrannen“ – Amerikaner und ihre arabischen Verbündeten – und „ihre Sorge um den Schutz ihrer Länder vor sich selbst und ihren anderen Feinden“ stark dazu beitragen werden, „ihre Fähigkeiten zur Bekämpfung der Mudschaheddin zu schwächen“. Lassen wir nicht zu, dass diese Erwartungen erfüllt werden.

Steven Stalinsky ist Exekutivdirektor von MEMRI. Diese Stellungnahme wurde ursprünglich am 5. April 2020 im Wall Street Journal veröffentlicht. Übersetzung Audiatur-Online

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