Ankunft von Flüchtlingen von der deutsch/österreichischen Grenze mit einem Sonderzug der Deutschen Bahn im Bahnhof des Kölner-Bonn-Flughafen im Oktober 2015. Foto © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44032297
Ankunft von Flüchtlingen von der deutsch/österreichischen Grenze mit einem Sonderzug der Deutschen Bahn im Bahnhof des Kölner-Bonn-Flughafen im Oktober 2015. Foto © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44032297
Lesezeit: 5 Minuten

Wenn es seine Migrationskrise lösen will, muss Europa umfangreiche finanzielle Investitionen in den Ländern tätigen, die es einst kolonialisierte.

 

Ein Kommentar von Amotz Asa-El

Der Kolonialismus, die Geissel, die einen Grossteil der modernen Geschichte motivierte, beschmutzte und gestaltete, ist wieder da.

Angesichts der über 4.000 Migranten, die in den vergangenen vier Jahren jedes Jahr im Mittelmeer ertranken (laut Angaben der internationalen UN-Organisation für Migration, IOM) hat es den Anschein, dass die einstigen Destinationen des europäischen Kolonialismus – Afrika und die Levante – heute ihrerseits Europa kolonisieren.

Ja,  die Umstände sind anders: Europa kolonisierte von oben herab, durch die Regierung, wogegen das, dem es sich nun gegenübersieht, von unten kommt, durch einfache Leute, die seine Horizonte erstürmen. Das Ziel ist dennoch das gleiche: der Reichtum ferner Länder.

Europa wurde von dem, was viele Europäer als eine Invasion betrachten, kalt erwischt, und ist zu einer reinen Behandlung der Symptome übergegangen: im Inland werden Auffanglager gebaut, im Ausland verfolgt man die Machenschaften von Menschenhändlern; man verstärkt die Seepatrouillen, damit noch mehr Menschen aus jenem Meer gefischt werden können, welches einst die Harmonie zwischen den Kontinenten symbolisierte und heute die Opfer des Niedergangs dieser Harmonie verschluckt.

Wenngleich verständlich, so versagt doch Europas Verteidigung, wenn es darum geht, die Ursache dieser Krise anzugehen. Denn dies erfordert eine mentale Abkehr von der Altlast des Zusammenstosses zwischen Rom und Karthago – welcher die afro-europäische Feindschaft symbolisiert – und eine Zuwendung zu der griechischen Schaffung Alexandrias, welches das Mittelmeer zu einem See der interkontinentalen Harmonie machte.

EUROPAS Inbesitznahme und Plünderung von Afrika, Indien, der Levante und grosser Teile des Fernen Ostens löste sich nach dem 2. Weltkrieg auf, als Befreiungsbewegungen von Indien und Israel bis Kenia und Algerien die Kolonialmächte besiegten.

Das Ergebnis war das Zeitalter der Entkolonialisierung, in dem Dutzende neuerdings unabhängige Staaten sich anschickten, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Die meisten dieser Staaten befanden sich in Afrika und dem Nahen Osten und die meisten von ihnen sind heute gescheiterte Staaten.

Heute werden wir Zeugen der Nachwirkungen dieser Epoche; eine Reaktion, die man als Gegen- oder Konter-Kolonisation bezeichnen könnte: die Ära, in der die widerwilligen Gastgeber von gestern die ungeladenen Gäste von heute sind.

Und da die Konter-Kolonisation international betrachtet ebenso zerstörerisch ist, wie seinerzeit die Kolonisation, verlangt sie eine innovative Diplomatie – eine Diplomatie, die man Post-Kolonisation nennen könnte.

Die Konter-Kolonisation begann mit der Massenmigration von Indern und Pakistanern ins Grossbritannien der Nachkriegszeit und von Nordafrikanern nach Frankreich, nachdem sich dieses aus Algerien zurückgezogen hatte. Grossbritannien war allerdings weit entfernt von den Heimatländern seiner Einwanderer und darüber hinaus eine Insel. Daher konnte es die Menge und das Tempo der Einwanderer besser kontrollieren als Kontinentaleuropa.

Auf dem Kontinent strömten Millionen Araber und Afrikaner in die Städte, wo sie als Holzfäller und Wasserträger begehrt, jedoch als Bürger und Nachbarn unerwünscht waren.

Ironischerweise bewahrte auch die Konter-Kolonisation die drei Gs der europäischen Kolonisatoren: Gold, Gott und Glorie, sprich: wirtschaftliche Ressourcen, religiöse Missionierung und politische Grösse.

Nun suchten die Einheimischen der ehemaligen europäischen Kolonien Wohlstand in London, Rom und Frankfurt, während muslimische Imame in Marseille, Antwerpen und Malmö predigten und islamistische Terroristen die Weltherrschaft anstrebten, indem sie von New York und Buenos Aires aus bis Manchester und Nizza Terroranschläge ausübten.

Dies ist der Hintergrund, vor dem Millionen Europäer jetzt die Länder, aus denen ihre unerwünschten Migranten nach Europa strömen, mit einer merkwürdigen Mischung aus Arroganz und Schuld betrachten. Beide Gefühlsregungen sind historisch ungerechtfertigt und politisch desaströs.

Historisch betrachtet sind die heutigen Europäer nicht diejenigen, welche die Vorfahren der heutigen Migranten ausbeuteten. Und politisch betrachtet stehen heute nicht die Verbrechen des kolonialistischen Europas zur Debatte, sondern die Verbrechen seiner Nachfolger, der lokalen Despoten, die versagten, als es darum ging, ihren Bürgern persönliche Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Hoffnung zu verschaffen.

Das Versäumnis von NACHKRIEGS-EUROPA, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für Afrika und den Nahen Osten zu verlangen, hatte den Beigeschmack der rassistischen Prämisse, dass man von afrikanischen und arabischen Führern sowieso nicht erwarten kann, für Fortschritt und Wohlstand nach europäischem Vorbild zu sorgen.

Natan Scharanski sagte letzten Herbst gegenüber Audiatur-Online, wenn europäische Regierungen über Jahrzehnte hinweg verlangt hätten, dass arabische und afrikanische Staatsoberhäupter ihren Bürgern den Wohlstand und die Freiheiten verschaffen, den auch die Europäer geniessen, dann wäre Europa möglicherweise nicht mit den Migrationswellen konfrontiert worden, die heute seinen Zusammenhalt und seine Stabilität bedrohen.

Historiker können zwar weiter debattieren, ob eine andere europäische Haltung die politische Unterdrückung und den sozialen Verfall verhindert hätte, welche in Ländern wie Algerien, dem Sudan, dem Kongo, Somalia, dem Jemen, dem Libanon, Syrien und dem Irak Bürgerkriege zur Folge hatten.

Es steht jedoch ohne Zweifel fest, dass bessere Ökonomien die Bürgerkriege und die von ihnen ausgelösten Völkerwanderungen hätten verhindern können.

Ja, Europa kann nicht unmittelbar für das verantwortlich gemacht werden, was sich afrikanische und arabische Despoten zusammengebraut haben. Dennoch schwappt diese Brühe jetzt nach Europa über und das einzige, was sie davon abhalten wird, noch weiter überzukochen, ist nicht etwa ein stärkerer Deckel auf dem Topf, sondern eine kleinere Flamme darunter.

Aus diesem Grund muss sich Europa die Länder anschauen, aus denen die Migranten kommen und ihnen helfen, diese Länder neu zu erfinden, damit ihre Einwohner wieder Vertrauen in die Zukunft ihrer eigenen Heimatländer haben.

Dem postkolonialen Europa kann dies gelingen, indem es als bescheidener Retter in die Länder zurückkehrt, aus denen es einst als ungeladener Kolonisator vertrieben wurde.

Ein solches Bestreben muss sich anfänglich auf Nordafrika konzentrieren, nicht nur, weil es der Hinterhof Europas ist, sondern auch, weil es der Punkt ist, an dem sich Afrika und der Nahe Osten, die gemeinsam Europas Migrationskrise nähren, begegnen.

Afrika, der am zweitstärksten bevölkerte Kontinent der Welt, kann derzeit nur knapp 5 Prozent der globalen ausländischen Direktinvestitionen für sich verbuchen, während Europa, dessen Bevölkerung gerade einmal 60 Prozent der von Afrika ausmacht, mehr als das Fünffache an Auslandsdirektinvestitionen erhält.

Anders ausgedrückt: Afrika hat einen Überfluss an Arbeitskräften und einen Mangel an Kapital. Daher exportiert es Arbeiter.

Wenn dies ausgeglichen wird und Afrika mehr Kapital importiert, wird es weniger Arbeiter exportieren und tatsächlich beginnen, Arbeitskräfte zu importieren; ganz so, wie es heute in Europa gang und gäbe ist.

Aus diesem Grund müssen die Auslandsinvestitionen in Afrika vervielfacht werden und Europa sollte an vorderster Front dieser Bestrebungen stehen. Denn Afrikas Geldknappheit ist die treibende Kraft der überschüssigen Arbeitskräfte, welche die wütenden Strassen Europas erreichen, nachdem sie den hungrigen Wellen des Mittelmeers tapfer getrotzt haben.

Ein postkoloniales Europa wird von Kairo bis Casablanca neue Städte, Autobahnen, Bahnlinien, Universitäten, Hochschulen, Krankenhäuser, Fabriken und Ferienorte errichten, die Millionen Arbeiter anziehen werden und dabei jene verarmten Wirtschaftssysteme neu erfinden, vor denen Europas Migranten derzeit fliehen.

Zu gegebener Zeit, mit mehr Hoffnung im Süden und weniger Angst im Norden, wird das Mittelmeer letztlich wieder das werden, was es einst war – ein Triebwerk für interkontinentalen Handel, Dialog und Toleranz.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  • 6
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

1 KOMMENTAR

  1. Hintergrund – ein ABGRUND

    Yascha Mounk und ein „einzigartiges historisches Experiment“

    https://sezession.de/58253/yascha-mounk-und-ein-einzigartiges-historisches-experiment

    Mounk, 1982 geboren in München, ist Jude. Und Jude zu sein und Deutscher zugleich, geht für ihn nicht.

    Das ARD-Interview mit dem in Deutschland aufgewachsenen, in New York lebenden
    Politologen Yascha Mounk ist ein Dokument von Bedeutung, denn es enthält entlarvende Äußerungen.

    Demnach sei einer der Gründe für den „Zerfall der Demokratie“ (so der Titel von Mounks aktuellem Buch) und den Aufstieg des „Rechtspopulismus“, daß WIR hier ein historisch einzigartiges Experiment wagen, und zwar eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln. Das kann klappen, das wird, glaube ich, auch klappen, dabei kommt es aber natürlich auch zu vielen Verwerfungen.

    Damit hat ein Ideologe des „Remplacismus“ (nach frz. remplacement = Ersetzung, Austausch, um es mit einem Begriff von Renaud Camus zu sagen) auf verblüffende Weise die Karten auf den Tisch gelegt. Er ist nicht der erste, und er wird auch nicht der letzte sein. Das
    Besondere ist, daß Mounk nahezu wortwörtlich formuliert, was im rechten Lager schon lange thematisiert und kritisiert wird, aber immer noch als „Verschwörungstheorie“ und Hirngespinst
    abgetan wird.

    Mounk bestätigt mehrere wichtige Punkte der Kritiker dieses Vorgangs:

    1. Multikulturalismus ist ein Experiment ohne historische Präzedens. Was momentan in Westeuropa geschieht, ist also nicht „normal“, es ist nicht „Einwanderung, die es immer schon gab“, es ist nichts „Natürliches“. Damit liegt auf der Hand, worin das ethisch Verwerfliche dieser Politik liegt: Denn sind etwa Völker, Nationen, „Gesellschaften“ Laborratten und
    Versuchskaninchen, an denen man sich „Experimente“ mit ungewissem Ausgang erlauben darf? Was Mounk euphemistisch „Verwerfungen“ nennt, bedeutet im Endeffekt nichts anderes,
    als daß im schlimmsten Fall jene „Ströme von Blut“ fließen werden, die Enoch Powell prophezeit hat.

    2. Die ethnokulturelle Homogenität ist die historische Grundlage, die abgeräumt und aufgelöst werden soll. Die Vertreter des Multikulturalismus und Remplazismus drehen die Reihenfolge um, wenn sie behaupten, daß die „völkischen“ Rechten diese Homogenität erst herstellen wollen, etwa durch ethnische Säuberungen. Dabei heben sie gerne die Tatsache hervor, daß die ethnokulturelle Einheit der westeuropäischen Nationen durch jahrzehntelange Masseneinwanderung bereits jetzt erheblich geschwächt und fragmentiert ist. Da diese „Homogenität“ immer nur eine relative ist, ist das „Experiment“ noch nicht beendet, solange das angestammte Volk weiterhin die Mehrheit stellt, und man noch immer von einer relativ homogenen Gesellschaft sprechen kann.

Comments are closed.