Scharanski: Europa muss von Flüchtlingen Akzeptanz westlicher Werte fordern

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Natan Scharanski. Foto Screenshot Youtube / IBA News
Lesezeit: 14 Minuten

Natan Scharanski hat einen langen Weg zurückgelegt, seit er an einem grauen Wintertag im Jahr 1986 im Rahmen eines Austauschs von Spionen in Häftlingskleidung auf der Glienicker Brücke in Berlin stand, bereit, sich von der totalitären Welt zu lösen, die hinter ihm lag und den Traum zu verwirklichen, für den er gekämpft hatte.

 

Wie der plötzliche Aufstieg des biblischen Josef vom Tiefpunkt der Gefangenschaft zum Gipfel der Macht, so flog der 38-jährige Dissident, der neun Jahre in sowjetischen Gulags und Isolationshaft verbracht hatte, nun in einem Privatjet zum Flughafen Ben-Gurion, wo ihn Premierminister Schimon Peres in die Arme schloss und fragte: „Wie geht es Ihnen?“, worauf Natan in hebräischer Sprache, die er unter grosser Gefahr erlernt hatte, antwortete: „Alles ist gut.“

Scharanski, der seither Parteivorsitzender, Gesetzgeber und Minister wurde und derzeit seine zweite Amtszeit als Leiter der Jewish Agency – welche die Beziehungen des jüdischen Staates zum jüdischen Volk regelt – beendet, denkt inzwischen nicht mehr, dass „alles gut ist“.

In seinem Interview mit Audiatur-Online in seinem Jerusalemer Büro, in dem sein Alter-Ego, der sowjetische Freiheitskämpfer Andrej Sacharow, von einem grossen Gemälde an der Wand starrt, teilt Scharanski seine Gedanken über die Flüchtlingskrise in Europa, das Freiheitsdefizit im Nahen Osten und die religiöse Spaltung des jüdischen Volkes.

Eine Stunde später ist klar, dass der kleine, bescheidene Scharanski mit der leisen Stimme tief in seinem Herzen immer noch der Dissident ist, der einem mächtigen Reich, das Freiheit und Gerechtigkeit mit Füssen trat, die Stirn bot – so lange, bis er schliesslich siegte.

Audiatur-Online: Wie würden Sie Ihre neun Jahre bei der Jewish Agency zusammenfassen?

Natan Scharanski: Sie waren bequemer als die neun Jahre in Gefängnissen (lacht) und nicht weniger herausfordernd als neun Jahre in der Regierung.

Die Hauptaufgabe der Jewish Agency (JA) war in der Vergangenheit, im Exil lebenden Juden die Einwanderung zu ermöglichen – seit 1948 haben 3,5 Millionen Juden über die JA Alija gemacht. Wir haben nach wie vor Juden, die Alija machen wollten, geholfen. Wir halfen auch bei der Rettung von Juden, z.B. wie denen aus dem Jemen. Da jüdische Menschen aber nicht mehr vordergründig Alija machen, weil sie vor Pogromen fliehen, sondern weil sie sich aus freiem Willen dazu entscheiden, haben wir uns auf Projekte konzentriert, welche die jüdische Identität und somit die Entscheidung, nach Israel zu kommen, stärken.

Während meiner Amtszeit mussten wir uns auch mit dem Kampf gegen diesen neuen Antisemitismus auseinandersetzen, der auf den US-Campussen entstanden ist und haben daher die Anzahl der Gesandten (Schlichut) auf den Campussen der amerikanischen Universitäten deutlich erhöht. Sie sind zu Zentren geworden, in denen der Kampf für zukünftige jüdische Generationen stattfindet.

Was würden Sie als die Ziele des jüdischen Volkes beschreiben?

Das Ziel des jüdischen Volks im Allgemeinen ist, unseren seit Tausenden Jahren andauernden Marsch durch die Geschichte fortzusetzen und dabei unseren Glauben an unsere (jüdische) Identität und an die Freiheit zusammen zu halten. Wir können auf unsere Konzepte der Freiheit  und Gleichheit stolz sein, deren Ursprung und Anfang in unserem historischen Erbe wurzeln. Die Proklamierung, dass jedes menschliche Wesen nach dem Abbild Gottes erschaffen wurde, ist tiefgreifend und bildet die Basis der Gleichheit. Sie ist die Basis der Menschenrechte, für die wir Juden stets gekämpft haben. Dieses Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit und der Wunsch, die Welt zu verbessern – dies alles begann mit unserem Marsch in der Geschichte.  Unser Glaube an Freiheit und Identität begann, als wir bei unserem Auszug aus Ägypten eine Nation wurden – als wir also unsere Freiheit und unsere Identität zum gleichen Zeitpunkt erhielten! Dies ist einzigartig.

Es ist unser Ziel, auch weiterhin dafür zu kämpfen, diese beiden Konzepte von Identität einerseits und Freiheit zusammenzuhalten so wie wir es auch während unserer dreieinhalbtausend Jahre währenden Geschichte getan haben.

Warum ist das in der heutigen Welt so wichtig?

Obwohl wir im Nahen Osten leben, sind wir eine Demokratie.

In der Welt von heute kann man gut sehen, wie die Menschen in Europa bereit sind, ihre Identität der Freiheit zuliebe zu opfern. Das ist es auch, worum es in der Postmoderne der letzten 35 bis 40 Jahre in Europa ging. Der Gedanke dahinter war: Um in Frieden zu leben, müssen wir uns von unserer Nationalität trennen und von unserer Religion – wir hatten so viele konfessionelle und nationale Kriege, lasst uns also etwas ohne eine spezielle Identität schaffen.

Dies ist der Gedanke des Postnationalismus und der Postmoderne.

Im Nahen Osten erleben wir jedoch das Gegenteil – eine Welt, die bereit ist, der Identität zuliebe die Freiheit aufzugeben.

Wir sind die Nation, die von sich sagt, sie vereine beides. Obwohl wir im Nahen Osten leben, sind wir eine Demokratie. Wir sind die Nation, die Teil der freien Welt ist und doch sind wir gleichzeitig auch ein explizit jüdischer Staat.

Die Aufgabe des jüdischen Volkes ist es also, auch weiterhin beides zu vereinen: Auf der einen Seite ohne Kompromiss auf Freiheit – Gleichheit, Menschenrechte etc. – zu beharren, selbst wenn wir uns im Nahen Osten und inmitten der übelsten Diktaturen der Welt befinden.

Und auf der anderen Seite gleichzeitig als Teil der Freien Welt – die bereit ist, alles, selbst ihre Identität, um des Friedens willen aufzugeben – Nein zu sagen. Wir sind ein jüdischer Staat, wir bestehen auf unserer jüdischen Identität.

Dies, so glaube ich, ist unsere einzigartige Aufgabe.

Was sind Ihre Schlussfolgerungen aus der europäischen Flüchtlingskrise? Und worin sehen Sie die Ursache dieser Krise?

Die riesige Tragödie im Nahen Osten, die nun bis nach Europa übergeschwappt ist, ist natürlich das unmittelbare Ergebnis der schrecklichen Diktaturen in dieser Region, die unglücklicherweise von der Freien Welt – zu der selbstverständlich auch Europa zählt – über Jahre hinweg als ein unvermeidliches und möglicherweise sogar wünschenswertes Übel behandelt wurden, denn schliesslich brachten sie ja Stabilität. Diktatoren wurden akzeptiert, solange sie ihre Region im Griff hatten. 

Das Resultat ist – und darüber habe ich bereits 2004 in meinem Buch 1 geschrieben – dass diese Diktaturen zwangsläufig irgendwann zusammenbrechen, weil die Menschen nicht ewig klaglos leiden werden, ohne auf die Barrikaden zu gehen. Die Tastsache, dass es für die Menschen keine Alternative gibt und dass die Freie Welt noch nicht einmal versucht, in irgendeiner Weise Brücken zu Aktivisten der Zivilgesellschaft im Nahen Osten zu bauen, wird immer wieder in einem Machtkampf zwischen Diktatoren und Typen wie den Muslimbrüdern resultieren. Das ist das, was bereits begonnen und sich zu der grossen Tragödie in Syrien aber auch an anderen Orten entwickelt hat.

Und es ist übrigens auch der Grund, warum der Arabische Frühling gescheitert ist. Der Arabische Frühling wäre die Chance für den Westen gewesen, mit der Zivilgesellschaft in Kontakt zu treten und ihr zur Seite zu stehen. Die Botschaft der Staatsoberhäupter im Westen lautete jedoch: „Wir wollen nicht einen Wechsel des Regimes, wir wollen uns mit dem Regime arrangieren.“

Aus meiner Sicht war dies tatsächlich der Beginn des grossen Verrats an den demokratischen Kräften im Nahen Osten. Wenn der Westen auch weiterhin seine Politik des schieren Abwartens praktiziert, wird der Sieg der Muslimbrüder unvermeidlich sein. Der Westen muss vielmehr deutlich machen, dass seine wahren Verbündeten diejenigen sind, die an die Zivilgesellschaft glauben.

Ich weiss nicht, ob die demokratischen Bewegungen und Veränderungen damals stark genug waren, um das Ruder herumzureissen und die Macht zu übernehmen, aber die heutige Situation könnte zweifellos ganz anders aussehen, wenn es eine einheitliche Botschaft aus der Freien Welt gegeben hätte, nämlich, dass unsere wahren strategischen Verbündeten diejenigen sind, die an die Zivilgesellschaft glauben und dass wir auch nur diesen helfen.

Wie weit reichen die Ursprünge der jetzigen Flüchtlingskrise zurück?

Die Flüchtlinge in Europa sind ein unmittelbares Ergebnis von über 100 Jahren Diktatur im Nahen Osten. Ich muss leider sagen, dass es Grossbritannien und Frankreich waren, die anfingen mit diesem Konzept, Diktaturen als Versicherung für Stabilität zu benutzen, als sie zu Beginn der 1920er Jahre den Nahen Osten zwischen jenen Diktatoren aufteilten, die ihnen gegenüber loyal waren. Wenn es erforderlich war, wurden zu diesem Zweck sogar spezielle Länder geschaffen. Sie hätten sich nicht einmischen und für die Bevölkerung im Nahen Osten die Entscheidungen treffen sollen, und dabei Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien auf der Grundlage jener Stammesführer zu gründen, die den Grossreichen gegenüber loyal sein würden.

Eine grosse Tragödie Europas.

Von dieser Zeit an bestand die Politik der Freien Welt darin sicherzustellen, dass die Reihe der regierenden Diktatoren ihnen gegenüber mehr oder weniger loyal sein würde. Diese Politik der Unterstützung von Diktatoren im Nahen Osten und diesen sogar dabei zu helfen, ihre Bevölkerung auf undemokratischste Art und Weise auszubeuten musste sich grundsätzlich früher oder später explosionsartig entladen. Dies erklärt den Ursprung des derzeitigen Flüchtlingsproblems in Europa.

Es gibt jedoch auch noch diesen anderen Teil des Flüchtlingsproblems, der mit der Geschichte Europas zusammenhängt. Das Flüchtlingsproblem hat nicht erst heute begonnen. Europa hat viele Millionen Muslime aufgenommen, ohne von ihnen je Loyalität gegenüber den Prinzipien der westlichen Demokratie zu verlangen oder auch nur zu erwarten. Dies ist wiederum ein direktes Resultat der zuvor erwähnten postmodernen und multikulturellen Ideologie, der zufolge alle Werte relativ sind und wir (Europäer) uns mit unserer kolonialen Vergangenheit an diesen Menschen versündigt haben, so dass wir sie jetzt akzeptieren müssen, ohne von ihnen zu verlangen, dass sie ihrerseits unsere Werte akzeptieren – als Entschädigung für unsere Sünden in der Kolonialzeit. Wir müssen ihnen Staatsbürgerschaft gewähren und dürfen von ihnen im Gegenzug nichts verlangen.

Ich denke, das war eine grosse Tragödie Europas, und es war absolut falsch.

Warum hat Amerika nicht die gleichen Probleme?

Wir sehen, dass Amerika Tausende Muslime aufgenommen hat und trotzdem haben sie nicht dasselbe Terrorproblem, zumindest nicht in dem Masse wie Europa, und nicht dieselben sozialen Probleme wie Europa [was Moslems angeht], weil es in den USA klar ist, dass diejenigen, die einwandern und Staatsbürger werden wollen, die Normen des Lebens in den USA in vollem Umfang akzeptieren müssen. 

Der Grund dafür ist, dass Amerika niemals diesen europäischen Schuldkomplex hatte und nie ein Problem damit hatte „Nein“ zu sagen. Die Leute kritisieren Trump, weil er jetzt einige Türen schliesst. Amerika hat jedoch schon immer seine Tore für jene Personen verschlossen gehalten, die es im Verdacht hatte, seine demokratischen Prinzipien nicht zu akzeptieren. Die USA zögern nicht, wenn es darum geht, ihr eigenes Wertesystem zu schützen.

Ein gegenteiliges Verhalten sehen wir in Frankreich, wo es Gegenden gibt, in denen Lehrer Angst haben, im Unterricht über den Holocaust zu unterrichten . Muslimische Eltern fordern, dies sei weder Teil ihrer Geschichte noch ihrer Kultur. Sie wollen einfach nicht, dass dies ihren Kindern beigebracht wird – und die schlichte Tatsache, dass die lokalen Autoritäten ihre Forderungen akzeptieren, zeigt wie absurd die Situation ist. Diese Menschen werden auch in Zukunft mit ihrer Geschichte und Philosophie weiterleben und die Geschichte ihres neuen Heimatlands ignorieren. Das ist selbstverständlich ihr gutes Recht, aber warum sollten sie dann Bürger dieses Landes sein? Das ist sehr ungesund.

Aber zurück zur europäischen Flüchtlingssituation: Wenn man zu der bestehenden Schuld der Europäer und der fehlenden Forderung zur Einhaltung ihrer Prinzipien nun auch noch einen riesigen Flüchtlingszustrom sowie massive humanitäre Probleme hinzurechnet, kann man nicht damit abwarten, ihnen Bedingungen aufzuerlegen. Es ist wirklich eine verrückte Situation. Humanitäre Unterstützung muss natürlich gewährleistet werden. Wer jedoch nicht bereit ist, die Normen der westlichen Demokratie zu akzeptieren, dem sollte man auch keine Staatsbürgerschaft erteilen.

Der israelische Ministerpräsident Shimon Peres begrüsst Natan Scharanski am Flughafen Ben Gurion. Foto Government Press Office (Israel), CC BY-SA 3.0, Link

Was muss getan werden, um eine Verschlimmerung der Situation zu verhindern?

Um solche Probleme in der Zukunft zu vermeiden, muss der Westen aufhören, Diktatoren als Instrument für Stabilität im Nahen Osten zu unterstützen, und er muss aufhören, den Kopf in den Sand zu stecken wie damals, als sie Assad einen „Reformer“ nannten. Diese Art von „Reformer“ ist bereit, sein eigenes Volk in grossem Stil zu töten, um sein Überleben sicherzustellen. Ausserdem muss der Westen in Kontakt zu Aktivisten der Zivilgesellschaft und demokratischen Kräften in der Region treten, was in den ersten anderthalb Jahren des syrischen Kriegs durchaus noch möglich gewesen wäre, als man ihn um Hilfe bat. Das wäre die Gelegenheit gewesen, Assad zu stürzen.

Und zweitens: Wenn Europa verhindern will, dass es seine eigenen Prinzipien verliert, dann darf es den Flüchtlingen nicht aus dem schieren Grund, weil sie Flüchtlinge sind, die Staatsbürgerschaft verleihen. Es ist eine Sache, Flüchtlingen zu helfen und eine ganz andere, seine eigenen Werte zu schützen.

Wie sehen Sie die Zukunft der europäischen Juden?

Ich bin nicht sehr optimistisch, was die Zukunft der europäischen Juden angeht. Aber ich würde sagen, es hängt in grossem Masse von den Staatsoberhäuptern Westeuropas ab – und dies meine ich nicht in Hinblick auf den Antisemitismus. Meiner Ansicht nach gibt es derzeit keine europäische Regierung, die man als antisemitisch bezeichnen könnte. Es gibt einige Elemente in einigen Ländern und einigen politischen Parteien, aber ich kann nicht sagen, es gäbe eine antisemitische Regierung.

Andererseits ist die schiere Tatsache, dass die europäische Öffentlichkeit und bisweilen auch die Regierungen selbst so intensiv daran beteiligt sind, auf Israel herumzuhacken, ein Ausdruck dieser neuen Art des modernen Antisemitismus, welcher sich hinter anti-israelischer Propaganda versteckt.

„Der neue Antisemitismus funktioniert genauso wie der alte.“

Als mir in der Vergangenheit vorgeworfen wurde, ich würde den Begriff Antisemitismus nur verwenden, um berechtigte Kritik an Israel zu ersticken, schlug ich die Kriterien des 3-D-Tests vor: Ist die Kritik gegenüber Israel dämonisierend, delegitimierend oder von Doppelmoral gekennzeichnet? Wenn ja, ist sie antisemitisch und keine legitime Kritik, wie sie gegenüber jedem anderen Staat in der Welt praktiziert wird.

Die Delegitimierung, Dämonisierung und Doppelmoral wurde seit Tausenden von Jahren in Europa und Russland, ja überall, gegen Juden verwendet. Und jetzt sind es genau diese Prinzipien, die auch auf Israel angewendet werden, daher die Bezeichnung: „der neue Antisemitismus“. Er funktioniert genauso wie der alte, nur dass jetzt  das offizielle und öffentlich akzeptierte Ziel der Jüdische Staat ist, der – wie wir in Europa sehen konnten – auch das Tor für antisemitische Angriffe auf Juden öffnet.

Wenn sich also europäische Länder – wie etwa Frankreich, Schweden oder Spanien – dafür entscheiden, sich ihrer Stimme zu enthalten und sich nicht gegen die UNESCO-Entscheidung, der Tempelberg sei kein Teil des jüdischen Erbes, aussprechen – wie soll man das dann nennen? Wenn Israel das einzige Land der Welt ist, das jemals von diesem internationalen Gremium wegen der Behandlung seiner Kriegsgefangenen verurteilt wurde – und mit Syrien und Ägypten als unseren Nachbarn wissen wir, in welcher Gegend wir diesbezüglich leben – wie soll man das dann nennen? Wenn das Menschenrechtskomitee in Europa Israel häufiger und stärker verurteilt, als alle Diktaturen der ganzen Welt zusammen – dann ist es unmöglich zu sagen, es würde nicht mit zweierlei Mass gemessen werden.

Die Zukunft der europäischen Juden ist unmittelbar mit Israel verbunden. Nehmen wir beispielsweise einen französischen Juden – es könnte allerdings genauso gut ein Jude aus jedem anderen europäischen Land sein. Wo in Frankreich fühlt er sich zuhause? Da ist einmal das Konservative Frankreich – das konservative Frankreich von heute ist Le Pen, die angeblich sehr gut für die Juden ist. Die Juden haben jedoch ein historisches Gedächtnis. Sie wissen, dass für dieses konservative Frankreich jahrhundertelang der ANDERE in Europa der Jude war! Sie sind also misstrauisch.

Dann ist da das Muslimische Frankreich – selbst wenn es viele loyale muslimische Franzosen gibt – sagt man den Juden in Paris seit fünfzehn Jahren, sie sollten angesichts des Antisemitismus seitens der Muslime in der Öffentlichkeit lieber keine Kippa [jüdische Kopfbedeckung] tragen.

Und dann ist da noch das Liberale Frankreich, das schon immer die „Heimat“ der Juden war. Tatsächlich haben die Juden das Gefühl, dass sie mit anderen zusammen zu den Gründern des liberalen Frankreich zählen. Wenn man sich jedoch als Teil des liberalen Frankreich empfindet und alle Teile dieses liberalen Frankreich – der Arbeitsplatz, die Nachrichten und alle Medien – einem jeden Tag einreden, was für ein schrecklicher Verbrecher Israel ist, während man sich doch sehr verbunden mit Israel fühlt – wie bei den meisten französischen Juden der Fall ist;  denn praktisch alle waren schon einmal in Israel, haben Familie dort, und sie kennen Israel auf intimste Weise und lieben Israel – und diese Juden dann trotzdem von ihrem gesamten Umfeld und ihren Arbeitskollegen zu hören: „Du bist ein guter Kerl, aber du kannst nicht Teil dieses kriminellen Gebildes sein …“. Tja, wie fühlen sich diese Menschen dann?  In einer solchen Atmosphäre fühlen sie sich sehr unwohl.

Es mag sich also merkwürdig anhören, aber ich würde sagen, wenn es eine Zukunft für Juden in Europa geben soll, dann hängt dies auch sehr von der Einstellung und der Beziehung Europas zu Israel ab.

Ich rede dabei nicht über jene, die sich assimilieren und als Juden verschwinden wollen. Es gibt und gab stets einen Teil Juden, der sich assimiliert. Diejenigen aber, die weiterhin ihr jüdisches Leben führen und ein Teil der jüdischen Gemeinschaft sein wollen, für die wird es zunehmend unangenehm in dieser Atmosphäre zwischen dem alten Antisemitismus und dem neuen Anti-Israelismus – der eine neue Form des alten Antisemitismus ist – und dem aufstrebenden muslimischen Europa.

Die Zukunft des europäischen Judentums liegt also abermals in den Händen der Regierungen. Wenn die Regierungen ihre Politik ändern, kann dies auch eine neue Atmosphäre für die jüdischen Gemeinschaften mit sich bringen.

Natan Scharanski. Foto Kika SsoNathan Sharansky, CC BY 2.0, Link

Sollten europäische Juden mit pro-israelisch gesinnten nationalistischen Parteien kooperieren?

Wie ich bereits zu Beginn unseres Gesprächs erwähnt habe, denke ich, unsere Stärke liegt in dieser tiefen Verbindung – und in dem Glauben an diese Verbindung – von Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichheit  auf der einen Seite sowie Patriotismus und nationaler Identität auf der anderen. Wenn es darum geht, dass unterschiedliche europäische Parteien die Würde des europäischen Nationalismus wiederherstellen wollen – und Nationalismus muss in keiner Weise ein negativer Begriff sein, wenn er Respekt für die nationale Geschichte und die eigenen Traditionen und Prinzipien oder für die liberale Demokratie des Westens bedeutet – in dieser Hinsicht, denke ich, sollten die Juden kein Problem haben, ihre Solidarität mit diesen Parteien auszudrücken.  Das eine darf jedoch nicht zu Lasten des anderen gehen. Die Rückkehr zu den nationalen europäischen Wurzeln sollte nicht auf Kosten der realen Gleichberechtigung aller Bürger und dem Respekt gegenüber den Menschenrechten etc. erfolgen.

Im Allgemeinen bin ich sehr vorsichtig mit der Verwendung von Begriffen wie „linksgerichtet“, „rechtsgerichtet“ und „liberal“.  Die Liberalen von heute können die besten Freunde von Diktatoren sein. Die Kriterien für eine Partei oder eine Bewegung müssen andere sein. Man darf seine Tradition respektieren, muss sich jedoch bewusst sein, dass Patriotismus etwas sehr Positives oder etwas Negatives sein kann. Die Frage muss lauten, ob dieser Patriotismus benutzt wird, um die Rechte anderer Bürger einzuschränken, oder ob er benutzt wird, um nationalen Stolz und Würde auszudrücken und die eigenen Werte zu stärken.

Letzte Frage: Können Sie etwas über die Kotel-Krise sagen?

Historisch gesehen, standen unsere Gründungsväter vor der grossen Herausforderung, einen Nationalstaat aus Juden aufzubauen, die aus Hunderten von Ländern aus der ganzen Welt kamen. Sie entschieden, dass es eine Sprache, eine Kultur und eine Religion geben müsse, die alle jüdischen Einwohner dieses neuen Staates vereinen würde. Und sie bezogen das Orthodoxe Judentum als Partner bei der Gründung des Staates mit ein. Heute, wo Israel ganz zu Recht darauf besteht, dass es eine Heimat für alle Juden ist und es viele Strömungen des Judentums gibt, die auch als ein natürlicher Teil der israelischen Gesellschaft betrachtet werden wollen, ist es sehr wichtig, diesen auch mehr Raum zu geben. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist der Kotel-Kompromiss, zu dessen Erreichung ich beigetragen habe, ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es ist sehr bedauernswert, dass er aufgrund von Koalitionsüberlegungen vorerst auf Eis gelegt wurde.  Ich hoffe, dass er so bald wie möglich wieder aufgegriffen wird und die politische Situation uns erlaubt, den Kompromiss in vollem Umfang umzusetzen. Denn es ist von zentraler Bedeutung, dass alle Juden aus der ganzen Welt das Gefühl haben, dass Israel ihre Heimat ist – mit ihren jeweiligen Rabbis, ihren Gemeinschaften und ihren Synagogen.

Herr Scharanski, vielen Dank für das Interview.

  1. The Case For Democracy: The Power Of Freedom to Overcome Tyranny And Terror, Nathan Sharansky with Ron Dermer, 2004, Public Affairs