Symbolbild. Foto IDF Staff Sergeant Alexi Rosenfeld, CC BY-NC 2.0

Ist das Leben eines Terroristen so kostbar, dass wir dafür unsere eigenen Soldaten zum Vermodern hinter Gitter verdammen?

von A.Z. (Name der Redaktion bekannt)

Als ich heute hörte, dass El’or Asaria vom Gericht wegen Totschlag schuldig befunden wurde, fragte ich mich, wie junge Israelis, die vor ihrem Antritt in den Militärdienst stehen, reagieren werden. Was für ein Bild möchte die IDF von sich selber dieser jüngeren Generation übermitteln? Warum würde irgendjemand nach diesem Ereignis einer Kampfeinheit beitreten wollen?

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich sage nicht, dass es richtig ist, einen ausser Gefecht gesetzten, unbewaffneten Terroristen zu erschiessen. Ich glaube aber trotzdem, dass gewisse Punkte übersehen werden. Wäre das Ganze nicht mit der Kamera festgehalten worden, hätte man nicht darüber gesprochen, so wie man dies bei der „Neutralisierung von Terroristen“ bei Terroranschlägen in Europa oder in den USA auch nicht tut. Mir jedenfalls ist nicht bekannt, dass in Europa „Hüter der Menschenrechte von Terroristen“ aufgestellt werden, welche den Umgang der Polizei mit Terroristen bei Anschlägen filmen.

Ich persönlich glaube nicht, dass ein Terrorist eine zweite Chance verdient. Ein 19-jähriger Soldat, der die besten Jahre seines Lebens für seine Heimat aufgibt – er verdient sie ganz sicher. Warum berücksichtigt die IDF nicht all das Gute, das der Soldat getan hat – die gefährlichen Patrouillen, Wachdienste, die vielen Wochen, weg von zu Hause – die Opfer, welche dieses Individuum zur Sicherheit der Bürger und Touristen gebracht hat? Inwiefern ist das Leben eines Terroristen so kostbar, dass wir dafür unsere eigenen Soldaten zum Vermodern hinter Gitter stecken?

Als Soldat kann ich sagen, dass für mich der Militärdienst im israelischen Militär bisher ein erstaunlich positives Erlebnis war. Ich lerne dazu und wachse jede Minute und ich glaube, dass dies einer der Gründe ist, warum Israel ein so blühendes und gedeihendes Land ist: Im jungen Alter von nur 18 Jahren, lernen Israelis Verantwortung für Dinge zu übernehmen, welche andernorts Menschen erst tun wenn sie Managerposten erreicht haben. Andererseits muss die IDF auch Verantwortung für solche Ereignisse, wie sie mit Asaria geschehen sind, übernehmen und sie sollte zu ihren Soldaten stehen – und sich nicht gegen sie stellen. Natürlich muss ein Nicht-Befolgen von Befehlen bestraft werden, aber in diesem nicht alltäglichen Fall – ein Anschlag, welcher per Definition ein Durcheinander verursacht – finde ich diesen extremen Umgang mit dem Soldaten und das Urteil absolut schrecklich.

Wenn man ins Militär eintritt, kriegt man ein Gefühl von „Familie“. Und so sehr die Offiziere Quälgeister sein können, so sehr kümmern sie sich auch um das Wohl der Soldaten, nehmen sie unter ihre Fittiche und möchten für sie das Beste.

Wenn sich dann die Armee gegen einen einzelnen Soldaten stellt, schmerzt mich das. Asarias eigene Offiziere sagten gegen ihn aus, wahrscheinlich um ihre eigenen Fehler zu verschleiern: Vielleicht hätten sie merken müssen, dass es ihm nicht gut ging, dass er vielleicht einen Therapeuten benötigt hätte? Oder dass er für diese Aufgabe untauglich war und gar nicht dort hätte sein dürfen? So schützen sie sich selber, statt Verantwortung zu übernehmen, laden alle Schuld auf ihn und werfen ihn – wörtlich – in die Grube.

So viele verschiedene Faktoren spielen in diesem Ereignis eine Rolle – es ist einfach undenkbar, dass ihn die ganze Schuld trifft, es ist die klassische Geschichte des „kleinen Mannes“, dem alles weggenommen wird, während die höher stehenden Führungspersonen mit ihren „Beziehungen“ wie unschuldige Lämmer dastehen.

Ich glaube, es gibt hier auch ein Element der “bad publicity”, welche die IDF so sehr fürchtet. Es ist der israelischen Armee so wichtig, einen liberalen Eindruck zu machen, dass sie alles dafür tun wird. Tatsache ist jedoch, dass unsere Hasser uns hassen werden, ganz unabhängig von den Schlagzeilen, und es schmerzt mich, dass diese ganze Lawine einen 19-Jährigen trifft.

Ich bin mir bewusst, dass ich nicht wirklich das Recht habe zu kritisieren, denn ich kenne nicht alle Details, und ich nehme an, dass die IDF ihre Urteile dem Gesetz nach gefällt hat (obwohl ihnen das Gesetz anscheinend egal war, als ein Offizier, mit 16 Anklagen, darunter 3 für Vergewaltigung, ausser mit einer Degradierung zum Oberst bisher unbestraft ausging…) Ich verstehe auch die Komplexität solcher Situationen.

Ich behaupte aber, dass unsere Jungen die Priorität sein müssen, gerade in solchen Situationen, wo es um Terroristen geht. Niemand kann die Angst und Verwirrung im Kopf eines jungen Soldaten wie Asaria in einer solchen Situation verstehen. Zu seiner Verteidigung muss ich auch sagen, dass es wirklich aussah, als ob der Terrorist – an einem heissen Tag mit einer dicken Jacke bekleidet – einen explosiven Gürtel versteckt haben könnte. Ob dies tatsächlich so war oder nicht, ist für mich irrelevant. Im Nachhinein, wenn alle Fakten auf dem Tisch sind, ist es einfach zu beurteilen, was richtig und was falsch war, aber wenn man in einer solchen Situation drin ist, ist überhaupt nichts klar.

Auch wenn die IDF eine moralisch hochstehende und liberale Armee ist, kann man nicht abstreiten, dass das Leben eines mörderischen Terroristen eben NICHT mit dem Leben unserer Soldaten gleichgestellt werden kann. Wenn dies trotzdem geschieht, haben wir uns – glaube ich – auf dem Weg der Moral etwas verirrt.

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  • Lustenberger Uri

    Der Bericht dieses Soldaten A.Z. ist sehr einfühlsam und hat mich tief beeindruckt. Was wäre wohl passiert, hätte dieser verletzte, am Boden liegende palästinensische Terrorist wirklich eine Sprengstoffweste getragen..? Wahrscheinlich ein paar Tote, und bestimmt hätte dann niemand dieses Szenario gefilmt!