Israel wird 65

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Oh, wie sich die Dinge doch verändert haben. Das 65. Staatsjubiläum Israel ist ein gegebener Zeitpunkt zur Reflexion. Und es ist verblüffend, wie sich Diskurs und Wirklichkeit in den letzten 40 Jahren verändert haben.

Vor 40 Jahren noch, 1973, wurde Israel im Yom Kippur Krieg von einer soliden, geeinten arabischen Front aus allen Richtungen angegriffen. Und vorgespult auf 2013: der arabisch-israelische Konflikt in seiner klassischen Form existiert nicht mehr. Nach dem Model ‚arabische Welt‘ gegen Israel – oder umgekehrt – erfolgte ein Paradigmenwechsel: Israel gestaltet seine nachbarschaftliche Aussenpolitik grossenteils aus bilateraler Ebene. Das Experiment des arabischen Nationalismus à la Nasser ist kläglich gescheitert und die heutige arabische Welt simuliert nur einen Anschein von Einheit, bedenkt man die gegenwärtige Spaltung. Allianzen in der arabischen Welt formieren sich heute entlang religiöser Linien und der Iran, eine nicht-arabische Nation inmitten des Nahen Ostens, hat sich zwischenzeitlich zur wohl wichtigsten Bedrohung für die Stabilität und Sicherheit der Region entwickelt, als auch zum mächtigsten Führer.

Mit dem Zerfall des klassischen arabisch-israelischen Konflikts hat Israel die Flexibilität gewonnen, um bilaterale Friedensverhandlungen – wie beispielsweise mit Ägypten und Jordanien –  zu führen und abzuschliessen, was bedeutet, dass Israel nicht mehr ausschliesslich von Feinden umgeben ist wie einst.

Eine weitere unglaubliche Veränderung ist die Mainstream-Wahrnehmung von palästinensischen Arabern in der israelischen und jüdischen Diaspora-Gemeinde. Einst, und es ist noch nicht allzu lange her, existierten Palästinenser als Entität separat von der pauschalen ‚arabischen Nation‘ zumindest in den Augen der meisten Israelis nicht. Die damalige Ministerpräsidenten Golda Meir sagte 1969 gegenüber The Times noch, dass „es so etwas wie ein palästinensisches Volk nicht gibt.“ Diese Meinung, auch wenn sie von einigen nach wie vor geteilt wird, ist mit Sicherheit keine geläufige Meinung mehr. Als Golda Meir diese Aussage machte, war das nicht kontrovers, es war die Mehrheitsmeinung.

Dass die Anerkennung eines palästinensischen Volkes – und in der Folge eines zukünftigen palästinensischen Staates – eines Tages zur Norm würde, war vielleicht unausweichlich, aber sicher nicht vorhersehbar. Ein Mix aus Terrorismus, Politik und der nicht unwesentlichen Unterstützung der internationalen Gemeinschaft trug zur Anerkennung der Palästinenser bei.

Auch israelische Politiker haben dabei eine Rolle gespielt, im Rückblick wird dies gerne durch eine rosarote Brille gesehen.

Beispielsweise Yithzak Rabin. Er ist ein israelischer Politiker, der am meisten mit der Friedensbewegung verbunden wird und dessen Name bis heute von Peaceniks und Linken als die grosse Hoffnung des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses gepriesen wird. ‚Wenn wir heute doch nur einen Anführer wie Rabin hätten‘, wird oft geklagt und will damit andeuten, dass er der einzige war, der dem Frieden mit den Palästinensern verpflichtet war.

Doch Rabin hat sich trotz des berühmt-(berüchtigten) Handschlags mit Yassir Arafat und Friedensnobelpreis, nie öffentlich für einen unabhängigen palästinensischen Staat ausgesprochen. Als Verteidigungsminister unter Yitzhak Shamir schlug Rabin zuerst „begrenzte Selbstverwaltung“ für Palästinenser vor und blieb dem Prinzip bis zum Ende treu. Bei der Ratifizierung des israelische-palästinensischen Interimsabkommen 1995, sagte Rabin zur Knesset: „Wir hätten gerne, dass das eine Entität wird, die weniger als ein Staat ist, und die unabhängig das Leben der Palästinenser unter ihrer Kontrolle leitet. Die Grenzen des Staates Israel während der permanenten Lösung werden jenseits der Linien liegen, die vor dem Sechs-Tage-Krieg existierten. Wir werden nicht zu den Linien vom 4. Juni 1967 zurückkehren.“

Im Übrigen bestätigte Rabin in der gleichen Rede Ma’ale Adumim, das Gebiet gegen das aktuell palästinischen Zeltlagerer demonstrieren, als Teil des Staats Israel und genehmigte den Bau von E-1; eben jener Korridor, der in den jüngsten Monaten auf dem Prüfstand steht. Er unterstützte ebenfalls die Eingliederung von Siedlungsblöcken in den Staat Israel und die Beibehaltung von Siedlungsblöcken in der palästinensischen „Entität“.

Rabin, wie jeder Ministerpräsident seit ihm, stand für ein ungeteiltes Jerusalem als Hauptstadt Israels.

Nichts davon soll die Bedeutung von Rabin untergraben. Sein Handschlag mit Arafat und Anerkennung der PLO waren revolutionär. Aus heutiger Perspektive, wo sich die Beziehungen zwischen der israelischen und palästinischen Führung irgendwie normalisiert haben, ist es nur schwer vorstellbar, wie revolutionär das damals war. Viele Israelis haben sich betrogen gefühlt. Wie konnte Rabin nur die gleiche Hand schütteln, die so viel Blut unschuldiger Israelis an sich hat?

Rabin widerlegte – in der gleichen Knessetrede – Golda Meirs absurde und doch verbreitete Beteuerung, dass kein Palästinenser während der Gründung und Aufbaus Israels vertrieben oder umgesiedelt wurde.

Soweit Rabin auch revolutionär war, war er doch das Produkt seiner Zeit und begrenzt durch seine Erfahrungen und Wirklichkeit. Er war der politische Führer, den Israel 1993 brauchte, doch die israelische Gesellschaft hat sich seitdem weiter bewegt.

Der Diskurs und die Wirklichkeit haben sich geändert. Vor vierzig Jahren 1973, kämpfte Israel um sein Überleben in einem Krieg mit einem Block arabischer Nationen. Vor zwanzig Jahren, 1993, unterzeichnete Israel die Osloer Abkommen und anerkannte die PLO als die Vertreterin des palästinischen Volkes. Heute 2013, während die Dauerhaftigkeit von Oslo in Frage gestellt wird, ist die grundlegende Veränderung in der Denkweise, die aus dem Abkommen entstanden ist, immer noch vorhanden.

Das Israel von heute ist ein Israel, wo das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser nicht nur anerkannt ist, sondern auch weitgehend unterstützt wird. Das Israel von Heute ist für Frieden mit seinen Nachbarn und zeigt eine Bereitschaft, schwierige Schritte unternehmen, um diesen zu erreichen.

Allein dieser eine Aspekt – wie Israel seine Nachbarn sieht – zeigt die Flexibilität und Fähigkeit dieses jungen Staates nicht nur zur Selbstreflexion, sondern auch Ergebnisse zu erreichen. Das sind Eigenschaften, auf die Israel stolz sein, wenn es heute den 65. Jahrestag seiner Staatsgründung feiert.

Shana Goldberg © Audiatur-Online

Happy Birthday Israel! Wünscht das Audiatur-Team

4 KOMMENTARE

  1. Für das heutige Israel gilt mehr denn je, was in der Unabhängigkeitserklärung von 1948 festgeschrieben wurde:

    "Wir wenden uns an die Vereinten Nationen mit der Bitte, dem jüdischen Volk beim Aufbau seines Staates Hilfe zu leisten und den Staat Israel in die Völkerfamilie aufzunehmen.
    Wir wenden uns – selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind – an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen.
    Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf."

    Was es nun braucht, ist der good will und die Zustimmung der angesprochenen Völker!

    Unser Präsident Peres hat seiner Vision Ausdruck verliehen, dass bis zum 70. Geburtstag Israels Frieden sein wird. Er ist ein Mann mit Weitsicht, ich wünsche ihm und unserer Heimat, dass seine Vision Wahrheit wird!

  2. Chag Jom Haatzmaut sameach!
    Leider gibt es auch Juden, sogar in der Schweiz, die das ganz anders sehen. Zum Beispiel die "Jüdische Stimme für einen Frieden zwischen Israel und Palästina", die JVJP.CH. Diese Gegner von Israel und Judentum und Befürworter vom BDS, haben anlässlich des 65. Geburtstages von Israel den Newsletter 72 veröffentlicht: http://www.jvjp.ch/wb/media/newsletter/Newsletter

    • Dieser Clip von Standwithus ist für den einen oder anderen Geschmack ein wenig kitschig, sagt aber durchaus etwas Wahres, nämlich "we all stand together for Israel". Nur wenn alle zusammenstehen, können die vorhandenen Probleme auch gemeinsam angegangen und gelöst werden, für ein noch besseres Israel. In der Zielsetzung zeigt sich die wahre Absicht, ob man tatsächlich für oder gegen Israel ist.

    • Danke für den Link!

      Ergibt eine interessante Ergänzung der Standpunkte.

      Werner T. Meyer

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