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Theologe: Jüdisch-christlicher Dialog ist im Umbruch

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Christian Rutishauser. Foto Screenshot Youtube / Theologische Fakultät Universität Luzern
Christian Rutishauser. Foto Screenshot Youtube / Theologische Fakultät Universität Luzern
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Die Politik hat das Gespräch zwischen Juden und Christen verändert: 7. Oktober 2023, Gaza-Krieg und jetzt der Iran-Krieg. Womit sich der Dialog neu auseinandersetzen muss, sagt der Judaist Christian Rutishauser.

Der jüdisch-christliche Dialog ist nach Worten des Judaisten Christian Rutishauser im Umbruch. „Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober, der Gaza-Krieg und nun der offene Krieg mit dem Iran haben zu einem unerwartet offenen Antisemitismus geführt“, sagte der diesjährige Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Schweizer Jesuit erhält die Medaille am Sonntag in Köln für Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog.

Eine breite Bevölkerung habe erst jetzt das Phänomen des linken Antisemitismus in Form von Antizionismus wahrgenommen. Die Aufarbeitung und Erinnerungskultur in Bezug zur Schoah würden vom postkolonialen Diskurs verdrängt, „der in Israel nur Europas Kolonialismus sieht“, so Rutishauser. „Für den Dialog bedeutet das, sich einerseits mit neuen Mitteln dem ‚Nie wieder!‘ zu verschreiben und den neuen Formen des Antisemitismus zu begegnen. Andererseits muss er sich neu mit Israel und Palästina auseinandersetzen.“

Im konkreten Dialog zwischen Vatikan und jüdischen Institutionen hätten der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und die Folgen zu Abkühlung und Irritationen geführt, sagte Rutishauser. „Die Dialoggrundlage ist aber so gut, dass gerade in den letzten Monaten sehr fruchtbare Gespräche in Jerusalem und Rom geführt worden sind.“ Zudem hätten Veranstaltungen anlässlich des 60. Jahrestages der Konzilserklärung „Nostra aetate“ im vergangenen Jahr gezeigt, dass Papst Leo XIV. das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils mit „ganzem Herzen“ weitertrage und sich gegen Antisemitismus wende.

Eine Trennung von Religion und Politik könne für den Nahen Osten nicht so wie im Westen angewendet werden. „Gesellschaftlich, kulturell funktionieren jüdisches wie muslimisches Selbstverständnis nicht wie das Christentum“, so Rutishauser. Auch im Westen sei die Religion im öffentlichen Leben zurück. „Das Verhältnis von Religion und Politik muss neu bedacht werden, vor allem auch wie Religion im öffentlichen Raum und der Zivilgesellschaft sich zeigt.“

Das Christentum habe sich verändert: „Die Kirchen haben an gesellschaftlichem Einfluss eingebüsst, wachsen aber weltweit in Asien und Afrika, wo die Gläubigen keinen Kontakt mit Juden und Jüdinnen haben.“ Für junge Leute in Europa sei die Schoah Geschichte geworden. Heute stelle sich daher die Frage, wie die Errungenschaften des Dialogs vermittelt werden könnten. Das jüdisch-christliche Verhältnis betreffe alle Bereiche der Theologie und des Christseins – daran müsse etwa in der Ausbildung und in der Liturgie gearbeitet werden.

Christian Rutishauser 
Der Schweizer Jesuit Christian Rutishauser hat sich dem jüdisch-christlichen Dialog verschrieben - auf unterschiedlichen Ebenen, bis hin zum Vatikan.

Christian Rutishauser, Jahrgang 1965, ist Schweizer und Jesuit. Er arbeitet als Professor für Judaistik und Theologie und leitet das Institut für jüdisch-christliche Forschung an der Universität Luzern. Davor war er von 2014 bis 2024 ständiger Berater des Heiligen Stuhls für Belange des Judentums.

1992 trat Rutishauser in den Jesuiten-Orden ein und wurde 1998 zum Priester geweiht. Von 2012 bis 2021 war er Provinzial der Schweizer Jesuitenprovinz.

Zur jüdischen Philosophie und zum rabbinischen Judentum hat Rutishauser in Jerusalem, unter anderem an der Hebräischen Universität, und in New York geforscht. Er war unter anderem Bildungsleiter des Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Er nimmt Lehraufträge für jüdische Philosophie sowie Theologie und Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs zum Beispiel an der Hochschule für Philosophie München und der Gregoriana in Rom wahr.

KNA/lwi/cdt

1 Kommentar

  1. Der jüdisch-christliche Dialog ist völlig sinnlos, wenn nicht die Bibel (AT/NT), und vor allem der Sieg Jesu am Kreuz, eine Rolle darin spielen.

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